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Full text of "Briefe eines Verstorbenen : ein fragmentarisches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich geschrieben in den Jahren 1828 und 1829"

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Briefe eines Berftorbenen. 


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Bterter’ihech 





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Berfiorbenen 







Ein 
fragmentarisches N 


oa 
aus 


Deutjchland, Holland und England, 


gefhriebenin den Jahren— 
1826, 1827 und 1828. 





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——— 
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de s 
vierten Theils. 


A 


Fünfzehnter Brief. 

/ Seite 1 
Correſpondenz. Das Lord-Mayor-⸗Diné. The flying privy. 
Nebelgefahren. Freiheit der Preſſe. Beſondere Sitten. 
Liſton. Der Areopag. Almacks. Schnelles Reiſen. Ein 
Nachmittag im Parlament, Melodramatiſches. Politiſi— 
rende Damen. Der weiße Kopf. Glaͤnzende Feſte. Das 
neue Venusgeſpann. Kutſcherthaten, Ein Dine beim Her— 

« 308 von Clarence. Das felbit gemadıte Pferd. Gold und 
Silber. Der Damenbazar, Der Erzbiſchoͤfe Schürze, Alte 
Mufit, City = Snduftrie, Die ächten Religionsariftokraten. 
Zeaumphantafieen, 


Sech ze nter Brief. 
ch3 h j Geite 47 


Mr. Hopes Kunftfammlung. Zoilettenbedürfniffe eines Dandy, 
Damenkonferenz. Einladungsſtyl. Pferderennen von As— 
cot. Die reizende Fee und ihr Landhaus. Der unſterbliche 
Rouſſeau. Beutelſchneiderei, Ein lebensrettender Backofen. 
Engliſche Cavallerie. Die Schneiderhuſaren. Baͤlle. Ent— 
zauberung. Zweitauſend Fruͤhſtuͤcksgaͤſte. Coloſſale Ana— 
nas. Die Tyroler-Saͤnger. Palais des Herzogs von Nor— 
thumberland. Perſiſche Politik und Fruchtbarkeit. Der Blu— 
mentiſch. Kinderbaͤlle. Kunſt und Natur. Greenwich. 
Die Execution. Hofvergnuͤgen. Kingsbench und Newgate. 
Der ſeltne Philoſoph. Vauxhall. Die Schlacht von Wa— 
terloo. Der Phrenolog. Charakteriſtik. Des Herren Naſh 
Bibliothek. St. Giles. Die Kunſtausſtellung. Pfunde 

und Thaler. Excerpte. Geplauder, Der Tunnel. Gute 

Parodie des Freifhügen. Haymarket-Theater. Hetaͤren. 
Bethlem, Der legte Stuart. Der omineufe Leichenzug. 
Barclays Brauerei. Weftindiadods, Ergoͤtzliche Prellerei. 
Der Nachtritt. Ein Harpagon aus Ispahan. Der ſich 
Eöpfende Bauer, Neues Organ, Miß Lindwood, Cannings 
od, VBivianGrey. Nefpekt vor dem Publikum, Zeitungsartikel, 


VI 


Siebenzehnter Brief. 


Seite 136 


Kleine Tour in der Taucherglocke. Privatfeuersbrunſt. Die 


falſche Seejungfer. Der kluge Orang Outang. Seltſame 
Verwundung. Das lebende Skelett. Herr von ©... und 
ſeine Avantuͤren. Salthill. Stokepark. Dropmore. Das 
Schloß zu Windſor. Eaton. St. Leonhards-Hill. Ver— 
ſtohlne Fahrt in Virginiawater. Die Giraffe, Lord D...8 
Furcht vor dem König. Ueber Lord Byron. Die feltfame 
Bettnahbarfchaft einer alten Dame, Die Capelle. Hieſi— 
ges Militär. Kine Anekdote über Canning, Eghams 
Pferderennen, Zwergbaͤume. Mädchenpromenade. Avan— 
türe bei Mondfchein, 


Achtzehnter Brief. 


Geite 163 


Wie ein Park feyn fol. Annehmlichkeiten der Freundfchaft. 


Hatfield und Burleighhoufe. Dunkafterd Pferderennen. 


Staat auf dem Lande, Frau von Maintenon, Unnüße Tas - 


Iente. Der Dom zu York, Promenade in der Stadt, Das 
SEelett der Roͤmerin. Clifford Thurm. Die Sraffhaftse 
Gefängniffe. Diebsgarderobe. TIhurmbefteigung. Das Rath 
haus und mehrerer Lord = Mayord Wappen, Gib des Erz— 


biſchofs. Seine Küchengärten. Merkwuͤrdige Diſtraktion. 


Schloß Howard, Gemalte Memoiren. Schlechtes Clima. 


Die alten Frauen. Der Sand von Scarborough. Die Fels, 


fenbrüde, Leuchtthurm auf Flamboroughhead. 


Neunzehnter Brief. | 
Seite 202 


Whitby. Was an einem Herzoge merkwürdig ift. Die Ruine, 


Das Muſeum. Alaunbergwerke, Lord Mulgrav’es Schloß 
und Park, Fountains Abtey. Sieben alte Sungfern, doch 
nicht in Uniform, Die Catatomben zu Ripon. Das Bad 
zu Harrowgate. Der Welt Ende, Der alte General, 
Harewoodpark. Sagdhunde, KHölzerne Vorhänge, Leeds. 
Der Kaffeemahlende Türke. Tuchfabriken. Templenew— 


ſome. Diffapointment, Wentworthhouſe.  Cheffield, die 


Meſſer- und Scheerenfiadt, Wilde Thiere, Lord Middles 





4 
RB 
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vor 


ton's Schloß. St. Albans-Abtei. Des Herzogs von Bed— 
ford Beinknochen aus Shileila. Nüdkehr nad) London. 


3wanzigfter Brief. 
Seite 236 


Excurſion nach Brigthon. Arundel caftle, Petworthhoufe. Eis 
nige Portraits, Hotſpurs Schwerdt. Der alte Whalebone. 
Die glüdliche Herzogin. Die im October Gebornen, Don 
Suand weitere Schidfale in der Hole, Der Noman aus 
dem Sahr 2200. Vorſichtsregel. Politifhe Kannengießerei. Liz 
cenzen der englifhen GScaufpieler. Young als Percy. 
Berftäntiges Zufammenfpiel, Heutige Wunder. Häuslis 
her Ball. ‚Ueber Macbeth. Marcready’s.Darfiellung des— 
felben, Nerveufe Kranke. Ctraßenmpyftificateurs. Ange— 
nehme Nachtpromenaden. Befuh auf dem Lande, Naͤ— 
heres über Hatfield. Perfifche Koftbarkeiten. Zürkifches. 
Panfanger, 


Ein und zwanzigfter Brief. 
* Seite 280 
Billy der Rattenvertilger. Thierſchauſpiel. Der neueſte Ros— 
cius. Erbſuͤnde. Oeſterreichiſche Philoſophie. Die Farben 
der Tage. Freitag, ein gefaͤhrlicher. Don Miguel. Un— 
angenehme Chriſtbeſcheerung. Portugieſiſche Etikette. Laͤ— 
cherlicher Vorfall im Theater. Feſte zu Ehren des In— 
fanten. Der liebenswuͤrdige Adiutant. Anecdote von Sir 
W. Scott. Nachtheil der Sandlaͤnder. Das Indiahouſe. 
Tippo Sayb. Zeitvertreib. Shawls. Fahrt im Dampfwagen. 
Ditto in einem andern mit Drachen beſpannt. Die ro— 
mantifhe Fubsiagd» Der famöfe geiftlihe Fuchsjaͤger. 
" Krankheit. Empfehlung des Blotting Pappers. Der Les 
bensatlas. Vortheile des Aufgeblaſenwerdens. Inſtruction. 
Reconvalescenz. 


Zweiundzwanzigſter Brief. 
Seite 320 
Der reiche Telluſon. Der Dandy in Amerika, Engliſche Ju— 
ſtiz. A Chancery suit. Auch die Zafchenfpieler werben 
dramatifch, Das Theater Braunſchweig faͤllt ein. Kern’ 


vm 


Carr's Gemaͤldeſammlung. Genrebilder des Generals 
Lejeune. Der Hofmann, Mina, Arguelles und Valdez. 
Gtwas über die Darftelung und Ueberfegung Shakes— 
peared, Kean, Moung und Kemble im Othello. 


Drei und zwanzigfter Brief, 

Seite 344 

Ariftokraten und Liberale in einer Perfon, Dreifahe Fefte. 
Merkwürdige Erzählung des Herrn Hs. Naturgefhichts 
liches. Des Königs Lever. Die Menagerie im Regents— 
Dark. Der Marſchall Beresford. Ländliches Mahl in 
2. Lodge. R. Park. Der Patentwigbold, Unbequeme 
Gewohnheiten. Sir Walter Scott. Sein Ausſehen und 
Geſpraͤch. in reizendes Mädchen. Schneider, SFleifcher 
und Fiſchhaͤndler. Crochford. Frühjahrsfeier. Ländliche 
Freuden, Mufitindigeftion. Gtramberryhill, der ehema— 
lige Sitz des Horace Walpole. Es gibt Deutſchthuͤm— 
ler in England, Gefahr des zu vielen Weintrinkens. 
Epſom's Pferderennen, Coiree beim Könige. Hiſtoriſche 
Gallerie, Bilder in Wafferfarben. Das Eleine Para= 
died. Der At aus Birnam’5 Wald, Bonneau der Zweite, 
Der Stockkaͤfer. Der Kaiferin Sofephine Wahrfagebudh, 
Worftellung bei der Herzogin von Meiningen Der Zaus 
benclub, Das nautifhe Theater, Der Unglüdlihe, Die 
gut Gonfervirte, Noch ein dejeune champetre. Die 

" beiden Marſchaͤlle. 


Dier und zwanzigfter Brief. 

Seite 383 
Ein rout par excellence, Befuh in Cobham. Mr. Child's 
Rede. Rocheſter's Schloß. Das natürlichfie Kameel, 
Die Wafferfahrt. Ruͤckkehr nah London, Die Gewerbs— 
ausjtellung, Der Nurferygarden, Appergu über die eng= 
liſche Geſellſchaft im Allgemeinen. Einige Detailed. Die 

‚ Nichte Napoleons, 


En | 


Fuͤnfzehnter Brief. 


London, den 15ten April 1827. 


Liebſte Freundin! 


Endlich ift der langerfehnte Brief erfchienen, und 
fogar zwei auf einmal. Warum fie fo lange un: 


terwegs geblieben? Quien sabbe! wie die Süd— 


amerifaner ſagen. Wahrfcheintich ift der offizielle 
Refer faul gewefen, und hat fie zu lange liegen laffen, 
ebe er fie Fünftlich wieder zugefiegelf hat. 

Aber wie zart und lieblich, theure Julie, ift Dein 
Gediht — ein ganz neues Talent, das ich an Dir 
entdede. Ja gebe Gott doch, „daß alle deine Thras 
nen zu Blumen werden, ung zu f[hmüden und ung 
durch ihren Duft zu erfreuen,“ und daß diefe fehöne 
liebevolle Prophezeibung bald in Erfüllung gehe! 
Doc find ſelbſt die fhönften Blumen fo zu theuer 
für mich erfauft. Deine Zhränen wenigftend follen 


1 


- nicht darum fließen! 


Briefe eines Verſtorbenen. IVo 


2 


Was du von 9. fagft: „qu'il se sent miserable, 
parcequ’il n’est fier que par orgeuil, et liberal 
que par bassesse ,“ ift fcehlagend, und eg wird leider 
auf gar zu viele Kiberale paſſen! 


Ich ſchrieb Dir in der bewußten Angelegenheit, 
Du möchteft dabei nur an Dich felbft denfen, und 
Du erwiederft: Sch wäre ja Dein Selbſt. Du 
Bute! ja ein Gelbft werden wir bleiben, wo wir 
auch find, und bäften die Menſchen Schußgeifter, 
die unfern müßten gemeinfchaftlic wirfen — aber 
es gibt bier wohl feinen andern Schutzgeiſt, als die 
moralifhe Kraft, welche in ung felbft liegt! 


Und in M. ſieht es fo fraurig aus? Es ftürmt, 
fhreibft Du, und die Gwäſſer drohen Verderben! 
Doc, feitdem find 14 Tage verfloffen, und ebe diefer 
Brief bei Dir ankömmt, fhon 4 Wochen — ich darf 
alfo hoffen, Du Tiefeft ibn im Grünen, wo Alles um 
Dich blüht und der Zerhyr fächelt, ftatt dem Heulen 
des häßlichen Sturmes. Ich fagte meinem alten 
B..d: in M. wären abfcheulihe Stürme. „Sa, 
ja,“ erwiederte er, „dag find die von Brighton.“ Wenn 
Du das gewußt bäfteft, Tiebe Julie, fo wären fie 
Dir gewiß angenehmer vorgefommen; fie brachten 
Dir ja die jüngften Nachrichten von deinem Freunde. 
Mer doch mit ihnen fegeln könnte! 


Unferm verehrten Premier bitfe ich, meinen innigs 
fin Dank zu Füßen zu Legen. Wären doch alle 
unfers Standes ibm gleich, wie viel populairer würde 
diefer feyn, wären doch ale Minifter überall fo edel, 


2 





3 


und gerecht, wie viel weniger Unzufriedenheit würde 
in alten Ländern berrfchen, und wäre er felbft doc) 
noch freier und unabhängiger von fo manchen Ge: 
wichten, die ſchwer danieder ziehen, wo Auffhmwung 
nöthig ift. 

Hier ift Altes beim Alten und eine prächtige Fete 
bei Lord 9... befchloß an diefem Abend die Luft: 
barfeiten vor DOftern. Die meiften Weltleute machen 
jest von Neuem einen Furzen Aufenthalt auf dem 
Sande, und beginnen dann erft in 14 Tagen die 
eigentliche Seafen. Auch ich werde wieder auf einige 
Tage nah Brighton geben, will aber vorher noch 
das große Lord Mayor dinge abwarten. 


» 


Den I6ten, 


Heute fand dieſes in Guildhall ſtatt, und nad 
glücklich überftandner Mübfeligfeit, freut "eg mid) 
fehr, ihm beigewobnt zu haben. 

Es dauerte volle 6 Stunden, und wurde 600 Per: 
fonen gegeben. Die Zafeln waren fämmtlih, der 
Länge des Saales nach, neben einander parallel lau: 
fend geftellt, bis auf eine, welche quer vor auf einer 
erhöhten Eftrade ftand. An diefer faßen die Vor: 
nebmften und der Lord Mayor felbft. Der Coup 
d’oeuil von hier war impofant, auf den ungebeuern 
Saal und feine rund um Taufenden hoben Säulen, 
mit den unabfehbaren Tiſchen und coloffalen Spies 

1 * 


A J 


geln hinter ihnen, die fie bis ins Unendliche zu ver— 
langern ſchienen. Die Erleuchtung machte Nacht zu 
Tag, und zwei Mufikfchöre in der Höhe, auf einem 
Balkon am Ende des Saals ung gegenüber , fpielten 
während den Gefundheiten, denen immer ein Zufch 
voranging, allerlei Nationelleds. Der Lord Mayor 
bielt, wohlgezäblt, 26 längere und Fürzere Reden. 
Huch einer der fremden Diplomaten wagte fih an 
eine folhe, aber mit febr fchlechtem Erfolg, und 
ohne die Gutmüthigkeit des Auditoriums, das jedes: 
mal, wenn er nicht weiter Ffonnte, fo lange hear hear 
fehrie, bis er fich wieder gefammelt, wäre er förm— 
lich ſtecken geblieben, 


Bei jeder Gefundheit, die der Lord Mayor aug: 
brachte, rief ein mit filbernen Ketten behangener Ge: 
remonienmeifter hinter feinem Stuhle: Mylords and 
Gentlemen, fill Your glasses! Die Lady Mayoreß 
und alle ihre Damen erfchienen übrigens in abſcheu— 
lichen Toiletten, und mit entfprechenden Tournüren, 
Mir war der Plab neben einer Amerifanerin, der 
Miece eines frübern Präſidenten der vereinigten 
Staaten, wie fie mir fagfe, aber ich erinnere mid) . 
nicht mehr, von welchem, angewiefen. Es ift zu 
vermuthen, daß weder ihr rothes Haar, noch ihr 
Albinos teint bei ihren Landsmänninnen haufig vor: 
kömmt, fonft würde das fchöne Geſchlecht dafelbft 
nicht fo fehr gerühmt werden. Ihre Unterhaltung 
war aber recht geiftreih, manchmal faft mit der 
Laune Washington Irwings. 


5 


Um 12 Uhr begann der Ball, welcher ſehr originell 
ſeyn ſoll, da Creti und Pleti darauf erſcheint, ich 
war aber von dem ſechsſtündigen Dine, in voller 
Uniform fo ermüdee, daß ich fehnell meinen Wagen 
auffuchte, und mich zu Haufe begab, um einmal we— 
nigfteng vor Mitternacht zu Bett zu kommen. 


Brighton, den ITten, 


Diefen Morgen Tafen wir fchon die geftern er: 
wähnte Rede des Diplomaten in den Zeifungen, NB. 
fo wie fie hatte gehalten werden follen, aber nicht 
wie fie gehalten worden war, und dergleichen kömmt 
wohl nicht felten vor. 

Gleich nach dem Frühſtück fuhr ich mit Graf Du 
einem fehr Iuftigen Dänen, hierher, und brachte den 
Abend bei Lady 8... zu, wo ich noch viele der 
frübern Badegäfte anfraf, auh Lady G...., deren 
Du Did) aus Paris erinnerft, wo der Herzog von 
Wellington ihr Anbeter war. 

Apropos von diefem, lieft Du die Zeitungen? In 
der politifchen Welt ift bier eine gewaltige Krife ein 
getreten. Durh die Ernennung Gannings zum 
Premier haben fich die andern Minifter fo beleidigt 
gefühlt, daß, mit Ausnahme von Dreien, die übri: 
gen Sieben den Abfchied genommen haben, obgleich 
welche darunter find, die, wenn ihre Partei nicht 
noch fiegt, den Staatsgehalt ſchwer entbehren Fünnen, 


6 
wie 3. DB. Lord Melville. Der Herzog von Wellings 
fon verliert auch fehr bedeutend dabei, und Er, der 
Alles war, ift, wie fich ein miniſterielles Sournal, 
mit der gewöhnlichen Webertreibung des biefigen 
Martheigeiftes heute ausdrüct, „nun politifch todt.“ 
Es bat aber doch etwas Großartiges, fo feiner Mei— 
nung alle perfünlichen Rückſichten aufzuopfern. Die 
Garrifaturen regnen auf die Gefchlagenen herab, und 
find mitunter recht wibig, befonders wird dem nicht 
ſehr geliebten, alten Großfanzler Lord Eldon, übel 
mitgefpielt, fo wie dem Grafen W.. +... . einem 
fonderbaren alten Manne, der einen ungeheuren ari= 
ftofratifchen Stolz befist, wie eine Mumie augfieht, 
und ohngeachtet feiner 80 Sabre, täglich auf einem 
Harkdraber zu feben ift, wie er durch St. Sames 
Mark mit der Schnelligkeit eines Vogels bindurche 
fliegt. Diefen Moment bat man auch für die Carri— 
fatur gewählt, mit der boshaften Unterfohrift: 
The flying privy. 

Er hatte nämlich früher das privy seal, welches 
nebft den übrigen Snfignien aus der Luft auf das 
fih mit allen Zeichen des Abſcheus wegwendende 
Publifum niederfällt — denn die zweite Bedeutung 
des Worts läßt fich leiche errathen. | 


Brighton, den 20ften, 


Heufe habe ich die Erfahrung gemacht, wie ge: 
fährlich die biefigen Nebel werden können, was ich 


7 


früber kaum glauben wollte, da fie in London ger 
wöhnfih nur zu Fomifchen Scenen Anlaß zu geben 
pflegen. \ 

Ein Bekannter hatte mir eins feiner Sagdpferde 
geborgt, da die meinigen in London geblieben find, 
und ich nahm mir vor, meine Direktion dießmal nad) 
einer mir noc unbekannten Geite der Dünen zu 
nehmen, die man die Teufelsfchlucht nennt, war 
auch ſchon mehrere Meilen durch Berg und Thal 
über den glatten Rafen fortgeritten,, als plöglich die 
Luft fih zu verfinftern anfing, und im wenigen Mi: 
nuten ich nicht mehr 10 Schritt weit vor mir fehen 
fonnfte. Dabei blieb eg auch, und war fortan an 
feine Aufbellung des Metterd mehr zu denfen. So 
verging wohl eine Stunde, während ich bald dort, 
bald dahin ritt, um einen gebabnten Weg aufzufin: 
den. Meine leichte Kleidung war ſchon durchnäßt, 
die uff eisfalt geworden, und hätte mich die Nacht 
übereilt, jo war die Perfpeckive eine der unangenehm: 
ften. Sn diefer Noth, und ganz unbefannt mit der 
Segend, fiel ed mir glüclicherweife ein, meinem al: 
ten Pferde, das fo oft bier den Fuchgjagden beige: 
wohnt, völlig freien Willen zu laſſen. Nach wenig 
Schritten, und fobald es sich frei fühlte, drehte es 
auch fogleih in einer kurzen Volte um, und fehte 
fih in einen ziemlich animirten ©allop, den Berg, 
wo ich mich eben befand, grade binunter laufend, 
Sch nahm mic wohl in Acht, es nicht mehr zu ſtö— 
ren, obngeachtet der halben Dunkelheit um mich ber, 
ſelbſt als es durch ein Feld hoben ftachlichten Ginfters 


g 


in fortwährenden Säben, wie ein Hafe, brach. Eis 
nige unbedeutende Gräben und niedrige Hecken biel- 
ten es nafürlich noch weniger auf, und nach einer 
ftarfen halben Stunde angeftrengten Laufens brachte 
mich das gute Thier glücklich an die Thore Brigb: 
tons, aber von einer ganz andern Geite, ale von 
welcher ich auggeriften war. Sch fühlte mich fehr 
froh, fo wohlfeilen Kaufs davon gefommen zu feyn, 
und nahm mir ernftlich vor,» im diefem Nebellande 
künftig vorfichfiger zu feyn. 

Meine Abende bringe ich jebt gewöhnlich bei Lady 
K.. oder Mrß. 5... zu, und fpiele Ecarte und 
Whiſt mit den Herren, oder Loo mit den jungen: 
Damen. Diefe Fleinen Sreife find weit angenehmer 
als die großen Sefellfchaften der Metropolis. Denn 
dort verfteht man Alles, nur eben die Geſel— 
ligfeit nicht. So werden Künftler dort auch 
blos als Modefache vorgeführt und bezahlt; mit ih— 
nen zu Teben, Genuß aus ihrer Unterhaltung zu 
ziehen, das kennt man nicht. Ale wahre Bildung 
ift meifteng nur politifher Natur, und der politifche 
Parthei- wie der modifche Kaftengeift geben auch auf 
die Sefenfchaft mit über. Es entſteht daraus eben— 
fowohl ein allgemeines Decoufu, als eine firenge 
Abfcheidung der einzelnen Elemente, welches, verbuns 
den mit dem an fich fchon höchſt unfocialen Wefen 
der Engländer , den Aufenthalt für den Fremden auf: 
die Dauer unangenehm maden muß, wenn er fi 
nicht die intimften Familienkreiſe öffnen, oder felbft 
ein lebhaftes politifches Intereſſe annehmen Fann. 


9 


Am glücklichſten und achtungswürdigſten ift in 
Diefer Hinficht obne Zweifel die wohlhabende 
mittlere Elaffe in England, deren active Po: 
litik ſich nur auf das Gedeihen ihrer Provinz bes 
ſchraͤnkt, und unfer der überhaupt ziemlich gleiche 
Anfichten und Grundfäße berrfchen. Diefe unmo— 
difche Claſſe allein ift auch wahrhaft gaftfrei und 
fennt EFeinen Dünkel. Sie recherchirt den Fremden 
nicht, aber kömmt er in ihren Weg, fo bebandelt fie 
ibn freundlich und mit Theilnahme. hr eignes Bas 
ferland liebt fie leidenfchaftlich, aber ohne zu perfön: 
liches Sintereffe, obne Hofinung auf Sinecuren, und 
ohne Intrigue. Diefe Art Leute find zwar auch 
manchmal lächerlich, aber immer achtungswerth, und 
ihr National: Egoismus in billigere Schranfen ges 
bannt. | 

Wie ehemals in Franfreih kann man daher mit 
volfommenem Rechte auch in England fagen: que 
les deux bouts da fruit sont gates, die Ariftofratie 
und der Pöbel, Die erfte bat allerdings eine be: 
wunderungswürdig berrlihe Stellung — aber ohne 
große Mäßigung, ohne große, der Vernunft 
und der Zeit gebrachte Eonceffionen, wird 
fie diefe Stellung vielleicht Fein halbes Jahrhundert | 
mebr inne haben. Sch fagte dieß einmal dem Für: 
fin €. .., und er lachte mid aus, mais nous 
verrons! 

Schließlich - exrcerpire ich Dir noch einige Stellen 
aus den biefigen Sjournalen, um Dir einen Begriff 
bon der Kreiheit der Preffe zu geben. 


10 


1) „Jedes Schiff in England follte feine Freuden: 


— 


2 


3) 


„fahnen aufſtecken, denn Lord Melbille war ein 
„Incubus, auf den Dienſt drückend. Verdienſt— 
„volle Offiziere mögen nun eine Chance finden, 
„unter Lord Melville hatten fie Feine.“ 


„Wir bören aug gufer Quelle, daß der große 
„Gapitaine (Lord Wellington) fich außerordentliche 
„Mübe gibt, wieder in das Gabinet zu dringen, 
„jedoch vergebene. Diefes verzogene Kind des 
„Stücks hätte fich nicht einbilden follen, dag 
„fein Austritt einen Augenbli das Gouver— 
„nement in ‚Derlegenheit fegen Fünnte. Wir 
„glauben übrigens, daß er nicht der einzige Er: 
„Minifter ift, der bereits feine Thorbeit und 
„Arroganz bitter bereut.‘ 


„Das Minifter: Sepfempirat (jieben find, wie 
„gefagt, auggefchieden), welches erhöhte Stativ: 
„nen erzwingen wollte, ift Herrn Humes neuem 
„Penalty = Gefeg viel Dank fhuldig ; denn nad) 


„dem alten Gefeb wurden Bediente, die böberes 


„Gehalt von ihren Herrfchaften ertorquiren wolle 


4) 


„ten, mit Recht in die Tretmühle geſchickt.“ 


„Man verfihert, ein großer Septempiratift 
„(Lord Wellington) babe fich erboten, in den 
„Dienst zurüczufehren, jedoh nur unter der 
»Dedingung, daß man ihn zum dirigirenden 
„Miniſter, zum Groß:Connetable, und zum Erze 
„biſchof von Canterbury mache.“ 


11 


Unfre Minifter würden ſich nicht wenig wundern, 
wenn eine der löfchpapiernen Zeitungen fo mit ihnen 
umfpränge. 


Morgen begebe ich mich nah der Stadt zurüd, 
denn wie einft die Römer Rom, nennen auch die 
Engländer London nur „die Stadt.“ 


London, ben 22iten. 


Sch Fam grade noch zur rechten Zeit an, um einem 
großen Dine beim neuen Premier beizuwohnen, zu 
dem ich die Einladung fehon in Brighton erhalten. 


Diefer ausgezeichnete Mann macht die Honneurs 
feines Haufes eben fo angenehm, als er die Herzen 
feiner, Zuhörer im Parlament binzureißen weiß. 
Schüngeift und Staatsmann tour à tour, fehlt ibm 
nichts als eine befiere Gefundheit, denn er fchien 
mir ſehr leidend. Miſtriß Canning ift ebenfalls eine 
geiftreiche Frau. Man bebauptef, daß fie dag Des: 
parfement der Zeitungen im Haufe babe, d. h. diefe 
leſen müffe, um ibrem Manne die nöthigen Auszüge 
daraus mitzutheilen, und auch felbft manchmal einen 
Partheiartikel darin zu fchreiben nicht verfchmähe. 


Ein Concert bei Gräfin VW... . war ſehr beſucht, 
Bali und Madame Pafta, die vor Kurzem angefome 
men find, und die Oper fehr beben werden, fangen 
darin. Die Zimmer waren gepfropft voll, und mehe 
rere junge Herren lagen auf dem Teppich zu den 


12 


Füßen ihrer Damen, den Kopf bequem an die ©o: 
pbafiffen gelebnt, die den Schönen zum Sitze dien 
ten. Diefe rürfifche Mode ift wirklich recht bequem, 
und es wundert mich ungemein, daß fie E. in Ber: 
lin noch nicht eingeführt, und fi einmal bei Hof 
zu den Füßen einer der Hofdamen bingelagert bat. 
Man würde vom englifchen Gefandten dieß gewiß 
fehr „charmant“ wie die Berliner fagen, gefunden 
haben. 


Den 2öjten. 


Nach Langer Zeit befuchte ich heute wieder dag 
Theater. Sch traf es glücklich, denn Lifton ſpielte 
zum SKranflachen in einer Heinen Karce, die zur Zeit 
Ludwig XV. in Paris vorgebt. Ein reicher englifcher 
Kaufmann, den der Spleen quält, reift nach) jener 
Stadt, um fich zu zerftreuen. Kaum ift er im Gaft: 
bofe einige Tage etablirt, als man ibm den Beſuch 
des MVolizeiminiftersg meldet, der (febr gut im Eos 
ftüme der Zeit gehalten) fofort eintritt, und dem er: 
ftaunfen Epytifen eröffnet, wie man einer berüchtig— 
fen Spisbubenbande auf der Spur fen, welche diefe 
Nacht noch bier einbrehen wolle, um ihn, bei dem 
man viel Geld vermutbe, zu berauben und zu ers 
morden. Alles bänge nun von feinem Benehmen 
ab, fügt der Minifter hinzu, wenn er fi) dag Ge— 
eingfte merfen laſſe, weniger beiter fcheine als fonft 


13 


dder irgend etwas befondres thue, was Beforgniß 
verrathe, und dadurch vielleicht die Unternehmung der 
Räuber befchleunige, fo könne man ihm für nichte 
fteben, und fein Leben fey in der böchften Gefahr, 
denn noch wiſſe man felbft nicht, ob die Hausleute 
mit im Complott wären. Er müfe fich daber auch 
wie gewöhnlich um 10 Uhr ing Bett legen, und eg 
darauf anfommen laſſen, was dann gefchäbe. 


Mr. Jackſon, mehr todt als lebendig über dieſe 
Nachricht, will fugleich das Haus verlaffen, der Mi: 
nifter erwiedert aber ernft, daß dieß durchaus nicht 
zugelaffen werden, ihm auch nichts helfen könne, da 
die Räuber bald feine neue Wohnung auffinden, 
und er dann um jo fichrer ihre Beute werden müſſe. 
„Berubigen fie ſich,“ fehließt Herr v. Sartineg, „ed 
wird Alles gut geben, wenn Sie nur gute Contes 
nance halten.“ 

Du ftelft Dir leicht vor, zu welden Tächerlichen 
Scenen die fchrecdtiche Angft des alten Kaufmanng, 
die er fortwährend unter Luftigfeit zu verbergen fu: 
chen muß, Anlaß gibt. Sein Bedienter, ein Achter 
Engländer, immer durftig, findet unterdeffen im eis 
nem Schrank Wein, den er gierig austrinft. Es iſt 
aber Brechweinftein, und er befommt in wenig Mi: 
nuten die beftigften Webelfeiten, wodurch fein Herr 
fih nun überzeugt, daß, anftatt ihn zu erftechen oder 
zu erfchießen, man den Plan gemacht habe, ihn zu 
vergiften. In Ddiefem Augenblick erfcheint Die Wir: 
thin mit der Chocolade. Außer fih faßt fie Liſton 


14 


bei der Gurgel, und zwingt fie die Taffe felbft aus— 
zutrinfen, welche diefe, obgleich in großer Verwun— 
derung über die feltfamen Sitten der Engländer, 
fih doch zulebt ganz gern gefallen läßt. Das ftumme 
Spiel Liſtons dabei und wie er, feines Verſprechens 
fich plößlich erinnernd, nachber , Erampfbaft lachend, 
bloßen Spaß daraus machen will, ift böchft drolliig. 
Endlich föommet 10 Ubr heran, und nach vielen bur— 
lesken Zwifchenfcenen legt Herr Jackſon fih, mit 
Degen und Piftolen, und in feinen Sammthofen ing 
Bett, deffen Vorbänge er Dicht zuzieht. Unglücklicher: 
weife bat die Tochter vom Haufe eine Liebfchaft, 
und bevor noc der Fremde dag Logis bezogen, ib: 
rem Liebhaber bereits in demfelben Zimmer ein Nene 
dezvous gegeben. Um die Entdekung zu vermeiden, 
kömmt ſie jet leife bereingefchlichen,, Töfcht das Licht 
bebutfam aus, und gebt and Fenfter, in welches ihr 
Amant ſchon hereinfteigt. So wie diefer in die Mitte 
des Zimmers ſpringt und zu fprechen anfängt, bört 
man feltfame Angfttöne im Bekte, und ein e Wiftole fällt 
mit Gepraſſel beraug, bald nachber die andere, 
der Dorbang thut fihb auf, Liſton verfucht einen 
fhwachen Stoß mit dem Degen, der aber feiner zits 
ternden Hand ſeibſt entfällt, worauf er ſich eben: 
falls beraugftürze und in feinem abentheuertichen 
Coſiüme vor dem eben fo erfchrockenen Mädchen auf 
die Siniee fällt, und berzbrechend um fein Leben fleht, 
während fich der Liebhaber ſchleunig binter dem 
Bette verſteckt. Da öffnen fich die Thüren, und der 
Polizeiminifter tritt mit Fackeln ein, um dem zit 


15 


fernden Jackſon anzufündigen, daß die Bande gefan: 
gen fey, aber, fügt er, die Gruppe vor fich betrach— 
tend, lächelnd hinzu: „Sch mache Ihnen mein Com: 
pliment, daß Sie, wie ich febe, Ihre Zeit auf eine fo 
gufe Ark anzuwenden gewußt haben.“ 


— —— 


Den 2oſten. 


Einen recht wunderlichen Ort habe ich heute früh 
beſucht, eine Kirche, der Areopag genannt, wo ein 
&eiftlicher, the Reverent Mr. Taylor, gegen daß 
Ehriftentbum predigt, aber auch Jedem erlaubt, öffent: 
licdy zu opponiren. Er hat von den englifchschriftlichen 
Kirchen nur dag beibebalten, daß man auch bier für 
feinen ab einen Schilling bezablen muß. Hr. Tay— 
for ift gelehrt, und Fein Üübler Redner, aber ein eben 
fo leidenfchaftlicher Schwärmer für die Zerftörung der 
hriftlichen Religion, als es fo viele Andre für ibre 
Begründung gegeben bat. Er fagte außerordentlich 
ftarfe, zuweilen wahre, off fehiefe, manchmal wißige 
und auch ganz unanftändige Dinge Der Saal war 
übrigens gedrängt voll von Zuhörern aus allen Stän— 
den. Hier, wo die Nation auf einer fo geringen 
Stufe religieufer Bildung ſteht, begreift man wohl, 
daß ein folcher negativer Apoſtel viel Zulauf haben 
fann. Bei und, wo man auf dem vernunffgemäßen 
Wege allmabliger Reform ſchon weit fortgefchriften 
ift, würde ein Unternehmen diefer Art die Einen 
mit beiligem Abſcheu erfüllen, den Andern nicht 


16 


nügen, und alte mit Recht ſchokiren, die Polizei es 
aber ohnedem unmöglich machen, 


Der erfte Almacks-Ball fand diefen Abend ftaft, 
und nach Allem, was ich von dieſer berühmten Re: 
union gebört, war ich in der- That begierig, fie zu 
feben, aber nie ward meine Erwartung mehr ge: 
täufche. Es war nicht viel beffer wie in Brighton. 
Ein großer, leerer Saal mit fchlechten Dielen, Strice 
darum her, wie in einem arabiſchen Lager der Plab 
für die Pferde abgepfergt ift, ein paar Heine nadfe 
Mebenftuben, in denen die elendeften Erfrifchtun gi 
gereicht werden, und eine Geſellſchaft, wo, ohngeach— 
tet der großen Schwierigfeit, Entreebilietd zu erhal 
ten, doc, recht viel Nobodys ſich eingefchwärzt hatten, 
und die fchlechten Zournüren und Toiletten vorherr— 
ſchend waren, das war Alles, mit einem Wort, ein 
völlig wirtbshausmäßiges Zeft, höchſtens nur Mufik 
und Beleuchtung gut — und dennoch ift Almadg 
der höchſte Culminationspunkt der engliſchen Modewelt. 

Dieſe übertriebene Einfachheit war. indeß in ihrem 
Urfprung abjichtlih, indem man grade der Pracht 
Der reichen parvenüs etwas ganz wohlfeiled entge— 
genfegen und es demohngeachtef, durch die Einrich— 
tung der Lady Patroneſſes, ohne deren Genehmigung 
Tiemand Theil daran nehmen Fonnte, inaccefiibel für 
fie machen mollte. Dad Geld und die fchlechte Ge: 
ſellſchaft (im Sinne der Ariftofraten) bat fi) aber 
dennoch Bahn hereingebrochen, und als einzig Cha: 
rakteriſtiſches iſt blos das unpaffende Aeußere geblies 


‚17 


ben, welches ‚nicht übel dem Lofal eines Schügen: 
balfes in unfern großen Städten gleicht, und mit 
dem übrigen englifhen Prunf und Lurus fo Tächer: 
lich Fontraftirt. 


Den iſten Mai, 


Bei Eft .. . fand ich geftern Morgen den Fürften 
©... 2.2.0, der erft vor wenigen Monaten, von ber 
Krönung in Moskau kommend, hierdurch nad) Bra: 
 filien gegangen war, und jet bereitS von dort zu: 
rück kam. Wie fchnell man doch in unfern Zeiten 
die größten Neifen mit Leichtigkeit zurücklegt! Won 
allem, was er gefeben, gab er, für Naturfchönheiten, 
der Inſel Madeira den Vorzug. Er hatte von da 
faum 8 Tage bis London gebraucht, wag mir große 
Luft macht, die Ercurfion auch zu verfuchen, fobald 

die Seafon vorüber ift. 

Bon 4 Ubr Nachmittags bis 10 Uhr Abends ſaß 
ih im Haufe der Gemeinen, gedrängt, in fürchter— 
licher Hitze, höchſt unbequem, und dennoch mit ſo 
angeſpannter Aufmerkſamkeit, ſo hingeriſſen, daß die 

- 6 Stunden mir wie ein Augenblick vergingen. 

Es ift in der That etwas Großes um eine ſolche 
Randesrepräfentation! Diefe Einfachheit in der Er: 
fheinung, diefe Würde und Erfahrung, diefe unge: 
beure Macht nah Außen, und diefes prunffofe Fa— 
milienverhaltnig im Innern. — 

Briefe eined Verſtorbeuen. IV. 2 


18 


Die heutige Debatte war überdies vom höchften 
Intereſſe. Das vorige Minifterium hat, wie Du 
weißt, größtentheils refignirt, unter ihnen die wid: 
tigften Männer Englands, ja felbft der (nah Na: 
poleons und DBlüchers Tode) berübmtefte Keldberr 
Europa's. Canning, der Vorfechter der liberalen 
Parthei, hat diefes Minifterium befiegt, und ift troß 
aller ihrer Anftrengungen der Chef des neuen ges 
worden, deffen Zuſammenſetzung ibm, wie eg in Eng: 
fand in folhem Sale üblich ift, allein - überlaffen 
wurde. Aber die ganze Gewalt der entrüfteten U: 
trasAriftofratie und ihres Anhangs drückt nod im: * 
mer ſchwer auf ihn, ja ſelbſt einer ſeiner bedeutend— 
ſten Freunde, ein Commoner dazu wie er, iſt gleich- 
falls einer der ausſcheidenden Miniſter, und ſchließt 
ſich der ibm feindlichen Parthei an. Dieſer Mr. 
Peel) eröffnete heute den Kampf, in einer langen 
und geſchickten, fich jedoch zu oft wiederholenden 
Rede. Es würde mich viel zu weit führen, und ganz 
über die Gränzen einer Correſpondenz wie die unſrige 
hinausgehen, wenn ich mich in das Detail der grade 
jetzt vorliegenden politiſchen Fragen einlaſſen wollte, 
meine Abſicht iſt nur, Dir die Taktik anzudeuten, 
mit der auf der einen Seite gleich vom Anfang an 
der Gewandtefte der neuen Oppofition angriff, und 
dann erft noch mehrere gemeinere Streiter derfelben 
losgelafien wurden, die vegellos bald da bald dort 
anpackten; dagegen die alte DOppofition der Whigs, 
die jebt das liberale Minifterium aus allen Kräften 
unterſtützt, umgekehrt und zwedmäßiger mit dem 


19 


Heinen Gewehrfeuer anfing, und nachher erft, als ſchwe⸗ 
res Geſchütz, einen ihrer Hauptfämpfer, Brougbam, 
fich erheben ließ, welcher in einer herrlichen Rede, 
die wie ein Flarer Strom dahin ftrömte, feine Geg: 
ner zu entwafinen fuchte, fie bald mit Sarfasmen 
peinigfe, bald einen höheren Schwung nebmend, alle 
Zuhörer tief ergriff und überzeugte. 3. B. wenn er 
fagte: „Nicht um Pläge zu erlangen, nicht um Reich: 
thümer zu erwerben, ja nicht einmal um den Catho— 
liken unfres Landes ihr natürliches und menfchliches 
Recht wiedergegeben zu fehen, eine Wohlthat, um 
Die ich feit 25 Fahren Soft und die Nation verge: 
bens anrufe, nicht für alles diefes babe ich mich dem 
neuen Minifterium angefchloffen, nein, fonvern nur, 
weil, wohin ich mein Auge wende, nach Europa’s 
eivilifirten Staaten, oder nad) Amerifa’8 ungeheuren 
Gontinent, nach dem Drient oder Dccident,. ich überall 
die Morgenrötbe der Freiheit tagen ſehe, — im, 
ihr allein habe ich mich angefchloffen,, indem ich dem 
Manne folge, der ihr DVorfechter zu ſeyn, eben fo 
würdig als willig iſt!“ 


Hier fchloß der Redner, nachdem er noch die feier: 
lihe Erflärung abgegeben, daß er um fo unpartbei: 
ifcher hierin fey, und feyn Fünne, da er nie, und un: 
ter Feiner Bedingung je in ein Minifterium diefes 
Reiche trefen werdet). — 


*) Man fieht jest, daß dies nur eine Redensart war. 
U, d, 2, 


2 * 


20 


Schon früher batte ich Brougham gehört und be: 
wundert. Niemand bat wohl je mit größerer Leiche 
tigfeit gefprochen, flundenlang in einem nie unters 
brochenen Elaren Fluß der Rede, mit fhönem und 
deuflihem Organ, die Aufmerkſamkeit feſſelnd, ohne 
irgendwo anzuftoßen, nachzufinnen, zu wiederbolen, 
oder , fich verfprechend, ein Wort für Das andere zu 
gebrauchen, welche ftörenden Fehler 3. B. die Reden 
Peel's oft verunftalten. Brougbam fpriht, wie ein 
geübter Lefer Sedrucktes vorliest — demohngeachtet 
fiebt man darin nur außerordentliches Talent, beißen: 
den, vernichtenden Wis und felfne Gegenwart des 
Geiſtes, Doch die jedes Herz erwärmende Kraft des 
Genies, wie Canning fie ausftrömt, beſitzt er, 
meines Erachtens, nur in weit geringerem Grade. 


Sept erft trat Canning, der Held des Tages, felbft 
auf. Wenn der vorige einem gefchickten und eleganten 
geiftigen Borer zu vergleichen war, fo gab Ganning 
das Bild eines vollendeten anfifen Gladiators. Alles 
war edel, fein, einfach, und dann plöglicd ein Glanz: 
punkt, wie ein Blitz bervorbrechend, groß und hin: 
reißend. ine Art Ermattung und Schwäche, die, 
als fey ed die Kolge der fo Fürzlich erlebten Krän— 
fungen, fo wie der überbäuften Arbeit, feiner Ener: 
gie etwas zu entnehmen fchien, gewann ihm vielleicht 
in anderer Rückſicht noch mehr von Seiten des 
Gefühls. 


Seine Rede war in jeder Hinſicht das Gediegenſte, 
auch den Unbefangenſten Ergreifende, der Culmina— 


21 

Eionspunft des. heutigen Tages! Nie werde ich den 
Eindruck vergeffen,, den fie, und jene ſchon berühmt 
gewordene, die er vor mehreren Wochen über die 
porfugiefifchen Angelegenheiten bielt, auf mich mach: 
ten. Sch fühlte beidemal tief, daß die böchfte Ge: 
walf, die der Menfh auf feine Mitmenfchen auge: 
üben, ‘der klendendfte Glanz, mit dem er fich umge: 
ben Fann, und vor dem felbft der des glücklichen 
Kriegers wie Pbosphorfchein vor der Sonne er: 
bfeiht — nur in dem göttlichen Geſchenk der Nede 
liege! Dem großen Meifter in diefer nur ift es ges 
geben, Herz und Gemüth einer ganzen Nation in 
jene Art von magnefifhem Somnambulismug zu 
verfegen, wo ihr nur blindes Hingeben übrig bleibt, 
und: der Zauberfiab des Magnetifeurs über Wut) 
und Milde, über Kampf und Ruhe, über Thränen 
und Lachen mit gleicher Macht gebietet. 


Am folgenden Tage wurde das Haus der Lords 
eröffnet, unter gleich merkwürdigen Umftänden als 
geftern das Haus der Gemeinen, jedoch zeigten fich 
darin Feine fo großen Talente, als Brougbam und 
vor Allen Canning. 


Lord Ellenborough (der beiläufig gefagt, die ſchönſte 
Srau in England beſitzt *), erbob fich zuerft, und 
fagte in der Hauptſache: Man Flage die augfcheiden: 
den Minifter an, in Folge einer gemeinfchaftlichen 


®) Cie wurde fpäter von demfelben tungen Fürften, der in 
biefem Briefe ald fhneller Reifender angeführt ift, mit 
gleicher Schnelligkeit nad) dem Continent entführt. U, 8,0%; 


22 


Bereinigung refignist, und fih dadurch des hoben 
Unrechts fchuldig gemacht zu haben, dem Könige feine 
conftirutionele Prarogative: ganz nach- freier Willkühr 
feine Minifter zu erneuern, fchmälern zu wollen. Zu: 
vörderft müffe er daher verlangen, daß fie, um ibre 
Ehre zu retten, fich hierüber genügend rechtfer: 
tigten. Hier ſah ich den großen Wellington in. einer - 
fatalen Klemme. Er iſt Fein Redner, und mußte nun 
bongre malgre fich wie ein Angeflagter vor feinen 
Richtern vertheidigen. Er war fehr agitirt, und Dies 
fer Senat feines Landes, obgleich aus lauter Leuten 
beftebend, die einzeln ibm vielleicht nichts find, 
fchien vwirftih impofanter in feiner Maſſe für ihn, 
al8 weiland Napoleon und alfe feine Hunderttaus 
fende. Daß fo etwas aber nur möglich wird, ift 
die große Kolge weißer Snftitutionen! Es war bei 
alle dem rührend, den Heros des Jahrhunderts in 
einer fo untergeordneten Lage zu feben. Er ftotterte 
viel, unterbrach und verwicelte fih, Fam aber doch 
am Ende, mit Hülfe feiner Parthei — die bei jedem 
Stein des Anftoßes (grade wie bei der Gefandtenrede 
am Lord Mayor's-Tage) durch Beifall und Lärm 
eine Pauſe berbeiführte, in der er fich wieder zurecht 
finden konnte — endlich fo ziemlich damit zu Stande: 
zu beweifen, daß Feine Conſpiracy obgewaltet 
habe. Er ſagte zuweilen ftarfe Sachen, vielleicht 
mehr als er wollte, denn er war feined Stoffes nicht 
Meifter, unter andern folgende Morte, die mir fehe 
auffielen: „Ich bin Soldat und fein Redner. Mir 
geben alle Talente ab, in diefer hohen Verſammlung 


23 


eine Nolte zu fpielen, ih müßte mebr als toll 
feyn (mad), wenn ich je, wie man mich befchul: 
digt, dem wahnfinnigen Gedanfen Raum bätte ge: 
ben fünnen, erfter Minifter werden zu wollen *).“ 

Alle ausgefchiedenen Lords nach der Reihe machten 

nun, fo gut fie fonnten, auch ihre Apologieen. Der 
alte Lord Eldon verfuchte e8 mit dem Weinen, was 
er bei großen Gelegenheiten immer bei der Hand 
bat, es wollte aber beute Feine rechte Rührung ber: 
vorbringen. Dann antwortete der neue Lord und 
Minifter (Lord Goderich, ehemals H. Robinſon) 
für fi und den Premier, der im Haufe der Lords 
nicht erfcheinen Fann, weil er nur ein Commoner ift, 
als folcher aber dennoch jetzt England regiert, und 
zu berübmt ald Mr. Canning geworden ift, um daß 
er diefen Namen gegen einen’ Lorde:Titel vertau— 
fhen möchte. 

*) Diefe Aeußerung des Herzogs ift ſeitdem, felbit im Uns 
terhaufe, öfter zur Sprache gefommen; weniger bekannt 
aber möchte folgende ganz neuere feyn, die ich der liebens— 
würdigen Dame verdanke, an die fie gerichtet war. Sm 
Monat November diefes Sahres 1830 unterhielt fich der 
Premier mit der Fürftin C. und der Herzogin von D. über 
mehrere Charakteriftifche der englifchen und franzöfifchen 
Nation, und ihre gegenfeitigen Vorzüge. Ce qui est beau, 
en Angleterre, fagte der Herzog mit vielem Selbſtgefuͤhl, 
e’est que ni le rang, ni les richesses, ni la faveur 
sauraient elever un Anglois aux premieres places. Le 
genie seul les obtient, etles conserve chez nous. 
Die Damen fehlugen die Uugen nieder, und 8 Tage darauf war 


der Herzog von Wellington niht mehren place, 
J A. d. De 


24 


Der Anfang der fonft guten Rede deg neuen Pairs 
erregfe ein allgemeines Gelächter, denn der langen 
alten Gewohnheit getreu, redete er die Lords, wie 
den Sprecher des Unterhaufes mit „Sir“ ſtatt „My: 
lords““ an. Er war felbft fo fehr dadurch deconte— 
nancirt, daß er fich vor die Stirne fohlug, und eine 
ganze Weile fprachlog blieb, aber durch viele freund: 
liche hear, hear, doch bald wieder feine Kaffung 
gewann. 


Lord Holland zeichnete fich, wie gewöhnlich, durch 
Schärfe und frappante Aufftekungen aus; Lord King 
durch vieles, zuweilen nicht fehr geſchmackvolles Wi: 
bein; Lord Landsdowne durch ruhigen, fachgemäßen, 
mehr verftändigen als glänzenden Vortrag. Lord 
Grey fprah von Allen mit dem meiften äußern An: 
ftande, den die englifchen Redner faſt ohne Ausnahme 
entweder zu fehr verfhmähen, oder feiner nicht mäch— 
tig werden fünnen. Einen ähnlichen Mangel an Anz 
ftand bietet dag Focal des Unterbaufes ‚dar, dag ei: 
nem fchmusgigen Kaffeehaufe gleicht, und auch das 
Benehmen vieler Volksrepräſentanten, die mit dem 
Hut auf dem Kopfe oft auf den Bänken ausgeſtreckt 
liegen, und fich während der Reden ihrer Collegen 
von Allotrien unterbalten, erfcheint feltfam. Local 
und Derbandlung im Oberhauſe find dagegen fehr 
ſchicklich. 


Wenn ich von dem Totaleindruck dieſer Tage auf 
mich Rechenſchaft geben ſoll, ſo muß ich ſagen, daß 
er erhebend und wehmüthig zugleich war. Das 


25 


Erfte, indem ich mich in die Seele eines Engländers 
verfeßte, das Zweite im Gefühl eines Deutfchen! 

Diefer doppelte Senat des englifhen Volks, mit 
allen menfchlihen Schwächen, die mit unterlaufen 
mögen, ift etwas höchſt Großartiges — und indem 
man fein Walten von Nahem fiebt, fängt man an 
zu verftehen, warum die englifhe Nation big jeht 
noch die erſte auf der Erde ift. 


Den 3ten. 


Aus dem ernften Parlament folge mir, zur Ver: 
änderung, beute ind Theater. 


Man führt ein Speftafelftüd auf, deſſen äußere 
Ausſchmückungen bier täufhender bewerfftelligt wers 
den als irgendwo. Nur die „Scenery,“ zweier Aufs 
tritte will ich befchreiben. 


Zwifchen $elfen, im wilden Gebirge Spaniens, er: 
hebt fich ein maurifches Schloß in weiter Entfernung. 
Es iſt Nacht, aber der Mond fcheint hell am blauen 
Himmel, und mifcht fein blaffes Licht mit den bel: 
erleuchteten Senftern des Schloffes und der Eapelle. 
Ein langer fich durch die Berge ziebender Weg wird 
an mehreren Stellen fichtbar, und führt zufest, auf 
bobe Mauerbogen geftügt, bis in den Vordergrund, 


Jetzt ſchleichen vorfichtig Räuber aus den Gebü— 
fchen berbei, verbergen fich Tauernd an der Straße, 


26 


und man bört aus ihrem Gefpräh, daß fie eben eier 
nen Haupffang zu machen gedenken. 


Ahr fchöner junger Hauptmann ift erfenntlich durch 
gebietenden Anftand und fein prächtiges Coftume, 
im Geſchmack der italienifchen Banditi. Nach kurzem 
Zwifchenraum fiebt man in der Ferne die Schloßtbore 
fih öffnen, eine Zugbrüde wird heruntergelaſſen, 
und eine Staatskutſche mit ſechs Maultbieren be: 
fpannt, rollt dem Gebirge zu. Einigemal verliert 
man fie binter den Bergen, immer größer kömmt 
fie wieder zum Vorſchein (welches durch mechanifche 
Figuren von verfchiedener Dimenfion ſehr artig und 
gefchickt bewerfftellige wird) und gelangt endlicd, im 
rafchen Zrabe auf die Scene, wo fogleid, von den 
verſteckten Räubern einige Schüffe fallen, deren ei— 
ner den Kutfcher Lödtet, worauf die Beraubung des 
Wagens unter Lärm und Gefümmel vor fih gebt. 
Wahrend diefem Zumulte fallt der Vorhang. 


Beim Anfang des zweiten Afts erblidt man zwar 
wieder dieſelbe Deforation, aber fie erweckt ganz 
verfchiedene Empfindungen. Die Lichter im Schloß 
find verlöſcht, der Mond ift hinter Wolfen getreten. 
Sn der Dammerung unterfcheidet man nur undeut— 
fich die Kutfche, mit aufgerißnen Thüren, auf dem 
Bocke liegt der getödtete Diener bingeftrecdt, aus eis 
nem fteinigfen Graben fiebt man das blaffe Haupt 
eines gefallenen Räubers bervorragen, und an eis 
nem Stamme lehnt der fterbende, ſchöne Haupt— 
mann, deſſen fliebende Lebensgeifter der Knabe 


27 


Gilblas vergebeng bemüht ift, zurüdzubalten. Dies 
balb lebende halb todte Gemälde it wirklich von er: 
greifender Wirkung. 


Meine beutigen Srühpifiten waren nüslich, denn 
fie verfchafften mir 3 neue Billetd für, die nächften 
Almacks, und ich bewog fogar eine der gefürchtes 
ten, ftrengen Patroneſſes, mir ein Billet für eine Feine 
obfeure Miß meiner Befanntfchaft zu geben, eine 
großeifaveur! Sch mußte aber lange infriguiren und 
viel bitten, ehe ich es errang. Die Miß und ihre 
Sefeltichaft Füßten mir beinahe die Hände, und be 
nahmen fih, als wenn fie fämmtlich das große Loos 
gewonnen bäften. Je crois qu'après cela, il ya 
peu de choses qu’elle me refuserait, 


Außer Almacks ift den englifhen Damen am 
beften durch. die Politik beizufommen. Diefe Iebte 
Zeit hörte man, weder bei Tifch noch in der Open, 
ja felbft auf dem Ball nie etwas anders als von 
Canning und Wellington aus jedem fehönen Munde, 
ja Lord E. beflagte fich fogar, daß feine Frau felbit 
in der Nacht ihn damir behellige. Plötzlich im Schlafe 
babe fie ibn durch ihren Ausruf aufgefchredt: „Wird 
der Premier fteben oder fallen 2 


Wenn ich mich daher hier in nichts Anderm ver 
vollfommne, fo gefchiebt es wenigftens in der Poli— 
tik und auch im Gabriofetfahren, denn dag Leptere 
lernt man bier perfect, und windet fih im fchnelfen 
Lauf durch Wagen und Karren, wo man früher mi: 
nutenlang angehalten haben würde. Weberhaupt wirb 


23 


man nach einem langen Aufenthalt in folder Welt: 
ftadt in allen Dingen wirftich etwas weniger Hein: 
ih. Man fteht die Dinge breiter und mehr en 
bloc an. s 


Den 10ten. 


Das ewige Einerlei der Seaſon gebt noch immer 
fo fort. Eine Soirée bei Lady Cooper, einer der 
fanfteften Lady Patroneffes, eine andere bei Lady 
Serfey, einer der fchönften und auggezeichnetften 
Srauen Englands, vorher aber noch ein indifches 
Melodram füllte den heutigen Abend recht angenehm, 
Das Melodram fpielte auf einer Inſel, deren Ein: 
wohner mit dem berrlichen Gefchenf des Fliegens 
begabt waren. Die bhübfcheften Mädchen Famen, 
wie Kranihfchwärme, in Maffe angefegelt, und ließen 
nur, wenn man ibnen recht eindringlich die Cour 
machte, die Flügel finfen, aber zu viel durfte. man 
auch nicht wagen, — ein Nu — und die gracieufen 
‚bunten Falter breiteten fih fhnell aus, und weg 
waren fie, ohne daß man fogar die dünnen Eeile 
feben Fonnte, an denen fie beraufgezogen wurden. 


Auf einem Dine und der darauf folgenden Soirée 
beim Fürften Polignac waren mebrere intereffante 
Merfonen zugegen, unter andern der Gouverneur von 
Ddeffa, einer der liebenswürdigften Ruffen, die ich 
fenne, und Sir Thomas Lawrence, der berühmte 


29 


Maler, von dem man fagt, daß er alle die unge: 
beuren Summen, welde ihm feine Kunft einbringt, 
regelmäßig im Billardfpiel verliert, weil er fi irrig 
darin ein Meifter zu feyn einbildet. Es ift ein Mann 
von intereffantem Aeußern, mit etwas Mittelaltri: 
gem in feinen Zügen, was auffallend an Bilder aus 
der venetianifchen Schule erinnert. 


Noch mehr zogen mich indeß die portugiefifchen 
Augen der Marquife BP... . an, denn portugiefifche 
und fpanifche Augen übertreffen alle andern. 


Die, Niece des Fürſten Polignac erzählte mir, daß 
ihr Onfel, der bei einem noch ganz jugendlichen und 
angenebmen Augfeben doc einen ganz weißen 
Kopf bat, diefen in den. franzöfifhen Revolutions— 
Sefängniffen, noch nicht 25 Sabre alt, in wenigen 
Wochen vor Kummer und Angft ergrauen gefeben 
hätte. Er mag den jegigen Contraft mit damald gar 
mwohlthätig finden, aber die Haare Fann ihm leider 
die Reftauration doch nicht wieder fehwarz machen! *) 
Mich intereflirte diefer Gegenſtand, befonders def: 
balb, gute Julie, weil die meinigen leider auch, mit 
zu viel Patrivtismug, bie und da unfre National: 
farben, fchwarz und weiß, anzunehmen anfangen. 


*) Wie wenig mochte mein verfiorbener Freund damals ver— 

muthen, daß diefer ſchlecht organifirte Kopf noch folches 
Unheil über die Welt zu bringen beftimmt war! Auch aus 
ihm wird zwar, wie aus allem Uebel einmal Gutes her: 
vorgehen, aber fchwerli werden wir diefe Früchte 
aͤrndten. A. d. H. 


30 


Vebrigeng ift die biefige Seafon, wennman', als 
ternbegieriger Fremder, alle Gradationen der haus: 
machenden Welt feben will, Faum auszuhalten. Mehr 
wie 40 Einladungen liegen auf meinem Zifche, fünf 
bis fech8 zu einem Tage. Alle diefe Saftgeber wol: 
len nachher früh Viſiten haben, und um böflich zu 
ſeyn, muß man fie in Perfon machen. C’est la mer 
& boire, und dennoch febe ich Abends beim Vorbei: 
fahren immer noch vor vielen Dubenden mir unbe: 
fannter Häufer, ebenfalls dichte Wagenburgen ftehen, 
durch die man ſich mühſam Durchdrangen muß. 


Ein Ball, dem ich neulich beiwohnte, war beſon— 
ders prachtvoll, auch einige Fünigliche Prinzen zuge: 
gen, und wenn dies der Sal ift, bat die Eitelkeit 
der Wirthe die Mode eingeführt, dies immer ſchon 
auf den Einladungsfarten anzuzeigen. 


„Lo meet his royal highness“ etc. ift die Tächer: 
tihe Phrafe. Der ganze Garten des Haufes war 
überbauft und zu großen Sälen umgefchafften, die 
man in weißen und Nofa: Mouffelin drapirt, mit 
enormen Spiegeln und 50 Kronleuchtern von Bronze 
ausgeſchmückt, und Durch die Blumen aller Zonen 
yarfumirt hatte. Die Herzogin von Clarence beehrte 
das Feft mit ihrer Gegenwart, und Alles drängte 
fich, fie zu ſehen, denn fie ift eine jener feltnen Prin— 
zeſſinen, Deren WPerfünfichkeit weit mehr Ehrfurcht 
als ihr Rang gebietet, und deren unendliche Güte, und 
im böchften Grade licbenswerther Charakter ihr eine 
Popufarität in England gegeben haben, lauf die wir 


31 


Deutfche ftolz feyn können, um fo mehr, da fie. als 
ler Wahrfcheinlichfeit nach einft die Königin jenes 
Landes zu werden beftimme ift. 


Die Perfon, welche diefen glänzenden Bal gab, 
war demohngeachtet nicht8 weniger als modifch, eine 
Eigenſchaft, die bier den feltfamften Nüancen unter» 
worfen ift. Indeß raffinirt Feder, modifch oder nicht, 
wie er es dem Andern bei feinen Feſten zuvorthun 
möge. 


Die Gräfin 2. gab den Tag nach dem erwähnten 
Ball einen andern, wo ich, gewiß tauſend Schritt 
vom Haufe fcehon, ausfteigen mußte, da vor der 
Menge von Wagen gar nicht mebr beranzufommen 
war, und bereits verfchiedene Equipagen, die ſich 
gewaltfam Bahn brechen wollten, unter fchrectichem 
Fluchen der Kutfcher unauflöslich zufammenbingen. 
Bei diefem Ball waren die Treibhäufer mit. Moos 
aus verfchiedenen Farben fapezirt, und der Boden 
mit abgebauenem Grafe dicht belegt, aus dem 
bie und da Blumen frei bervorzumwachfen fchienen, 
die vom Stiel aus erleuchtet waren, was ihre Far 
benpracht verdoppelte. Die Gange aber wurden durch 
bunte Lampen, die gleich Edelfteinen im Grafe fun: 
kelten marfirt. Eben fo hatte man folche bunte 
Arabesfen im Moofe der Wände angebradht. Im 
Hintergrunde fehloß eine ſchöne fransparente Land: 
fchaft, mit Mondfchein und Wafler die Ausſicht. 


— — — 


32 


Den I5ten. 


Mit mebreren Damen diefen Morgen fpazieren rei: 
tend, erhob fich die Frage, welchen Weg man neb: 
men follte, den herrlichen Frühlingstag am beften zu 
genießen. Da fahen wir am hoben Himmel einen 
Zuftballon fchweben, und die Frage war beantwor: 
tet. Mehr ald 10 Meilen folgten die unermüdlichen 
Damen, gleich einer steeple chase, dem Iuftigen Füh— 
rer, der aber doch endlich unfern Blicken ganz ent: 
ſchwand. 


Der Mittag war einem großen diplomatiſchen Dine 
gewidmet, wo mehrere der neuen Minifter zugegen 
waren, und der Abend einem Ball in einem deuffchen 
Haufe, deffen folide und gefchmadvolle Pracht den 
beiten englifchen gleihfümmt, und durch die liebens— 
würdigen Eigenfchaften der Wirthe die meiften über: 
£riffe, ich meine beim Fürſten Efterhazy. 

Bald aber wird mein Journal den Reifeberichfen 
des weiland Bernouilly gleichen, die auch nur von 
Einladungen, Mittagsmahlen und Abendunterhal: 
tungen handeln. Aber Du mußt ed nun fhon hin: 
nehmen, wie es fich trifft. Vergleiche dies Tagebuch 
mit einem Gewande, auf dem fehr verfchtedne, rei: 
chere und ärmlichere Stickereien vorfommen. Der 
fefte dauerhafte Stoff repräſentirt meine immer gleiche 


iebe zu Dir und den Wunſch, Die, fo gut es gebt, 


mein ferneres Leben mit leben zu laſſen; die Stide: 
reien aber, die nur Copieen des Erlebten ſind, müffen 


33 


daher auch den Charakter deffelben annehmen, bald 
glübender in Sarben, bald bläffer ſeyn — und 
zu verwundern wäre e8 nicht, wenn fie in der dum— 
pfen Stadt ganz verblaßten,,. die nimmer fo Kiebliche 
Bilder bietet als die herrliche Natur! 


Den 21 ſten. 


Ich muß vor der Hand noch bei demſelben Thema 
bleiben, und eines Frühſtücks in Chiswick beim Her— 
zog von Devonshire erwähnen, der hübſcheſten Art 
Feten, die man hier gibt, weil ſie auf dem Lande, 
abwechſelnd im Haufe und in den ſchönſten Gärten 
ftatt finden, Dejeuners heißen, aber erft um 5 uhr 
anfangen und vor Mitternacht nicht aufhören. Der 
Fürſt B...., weiland Schwager Napoleons, war zu: 
gegen, auch einer von denen, die ich früher in einem 
äußern Glanz gefehen, den ihnen nur die damalige 
Welt-Sonne verlich,, und der mit ihr fo fehnell übers 
alt verlöſcht iſt! 

Die größte Zierde dieſes Frühſtücks war aber die 
ſchöne Lady Ellenborough. Sie kam in einem klei— 
nen Wagen mit Ponys beſpannt an, die fie ſelbſt 
Dirigirte, und die nicht größer als Famtfchadalifche 
Hunde waren. Man möchte verfucht feyn, von nun an 
dem Fuhrwerke der Venus die Tauben auszufpan: 
nen und Ponys ftatt ihrer vorzulegen. 

Webler wird aber mit allen Sorten Equipagen bier 
umgegangen als irgendwo. Auf dem geftrigen Als 

Briefe eined Verſtorbenen. IV, 3 





"34 


mad: Ball entftand eine folche Bagarre unter ihnen, 
daß mehrere Damen Stunden lang warten mußten, 
ehe fich Das Chaos entwickelte. Die Kutfcher beneh— 
men fich bei folchen &elegenheiten wie unfinnig, um 
vorzudringen, und die Polizei befünmert fich nicht 
um dergleichen in England. So wie diefe beroifchen 
Wagenlenker die Eleinfte Deffnung vor fich fehen, peit: 
fchen fie ihre Pferde hinein, als wären Pferde und 
Wagen ein eiferner Keil. Beider Erhaltung wird für 
nicht8 geachtet. Auf diefe Weiſe war eins der Pferde 
der Fiebenswürdigen Lady Sligo mit beiden Hinter: 
beinen in das Vorderrad des Nebenwagens fo ein: 
gedrungen, daß es nicht mehr möglich war, e8 zu des 
gagiven, und eine Umdrehung des Nades ihm ohn— 
feblbar beide Knochen zermalmt haben würde. Dem: 
ohngeachtet war der fremde Kuffcher kaum dahin zu 
bringen, ftilt zu baften. Man mußte zulest, als fich 
die Foule etwas geklärt, beide Pferde augfpannen, 
und dann gelang e8 nur ſchwer, fie von einander 
zu löſen. Während diefer Zeit brüllte das arme 
Thier fo laut, wie der Löwe Nero in Ereferchange. Ein 
Cabriofet wurde daneben ganz zertrümmerf, und fuhr 
feinerfeits mit den Gabeln in die Fenfter einer’ Kutfche, 
aus der das Bekergefchrei von mehreren Weiberftim: 
men anzeigfe, daß fie ſchon befebt war. Diele andere 
Wagen wurden noch befchädige. 


Tach diefer Schilderung wirdeftt Du Gufe mit 
Deiner Poltronnerie Dich wohl bier nie mehr einem 
Magen anvertrauen. Sicherer war ed auch gewiß zu Bei: 





33 


ten der Königin Elifabeth, wo Alles, auch die zarten 
Hoffräuleins, noch zu Pferde fich zu Balle begaben, 


Den ?riten, 


Sch hatte die Ehre, beim Herzog von Clarence zu 
fpeifen, wo auch die Prinzeffin Augufta, die Herzogin 
von Senf mie ihrer Tochter und die Herzogin von 
Gtoucefter gegenwärtig waren. Der Herzog macht 
einen febr freundlichen Wirth, und erinnert ſich im: 
mer gütig der verfchiednen Epochen und Länder, wo 
er mich früher geſehen. Er bat fehr viel National: 
Englifches, im beften Sinne des Worts, auch die 
englifche Liebe zur Häuslichkeit. Es war heute der 
Geburtstag der Prinzeffin Carolath, den er feierte, 
und ihre Geſundheit dabei ausbrachte, welches die 
fanfte Emilie, ohngeachtet der Intimität, mit der fie 
bier als Berwandtin der liebenswürdigen Herzogin 
behandelt wird, doch vielfach erröthen machte. 


Unter den übrigen Gäften muß ich den Admiral 
Sir George Cockburn erwähnen, der Napoleon nad 
Helena führte, und mir nach Zifch viel von des Kai— 
ferd ungemeinem Talent erzählte, diejenigen zu ger 
winnen, welche er zu gewinnen die Abficht hatte. 
Der Admiral bewunderte auch die Aufrichtigfeit, mic 
der Napoleon über fich felbft, wie über eine fremde 
Diftorifche Perſon ſprach, und unter andern offen 
aͤußerte: Die Nüffen haften ihn in Moskau fo völlig 
| 3 * 


F * 18 vs 4 
/ 
J 


36 


überliſtet, daß er jeden Tag bis zum letzten beſtimmt 
auf den Frieden gehofft, bis es endlich zu ſpät ge— 
wefen fey. C’etait sans doute une grande fautc, 
feste er nachher gleichgültig hinzu. 

Die Töchter des Herzogs find d’un beau sang, alle 
außerordentlich hübſch, wenn gleich alle in einem ganz 
verfchiednen Genre; und unfer den Söhnen zeichnet 
fih in vieler Hinſicht der Obriſt Fisclarence aus, *) 
deffen Landreife von Indien Durch Aegypten nad) 
England Du mit fo viel Intereſſe gelefen baft. - Er 
bat auch über die deuffche Landwehr gefchrieben, de— 
ren Partiſan er jedoch Feineswegs ift. Selten findet 
man- einen jungen Officier von fo vielfeitiger Bile 
dung. Sch Fenne ihn ſchon von älteren Zeifen ber, und 
habe mich fchon oft vieler FreundlichFeit von feiner 
Geite zu rühmen gehabt. 

Seine ältefte Schwefter ift an Sir Sidney ver: 
beivathet, und ich hörte von ihr, Daß in diefer Fa— 
wilie, feit Lord Leiceſters Zeit, die ununferbrochene 
Reihe der Ahnenbilder nicht nur, fondern fogar eine 
Haarloce von jedem der Vorfahren aufbewahrt werde. 
Auch finde fich dort, unter allen. Documenten, noch 
eine Liſte fämmtlicher Gäfte bei dem Fefte von Ken 
nilworth, und fehr merkwürdige Haushaltsrehnungen 
aus jener Zeit vor. Walter Scott bat, glaube ich, 
diefe Papiere benützt. F: 

Abends flöteke die Paſta herrlich bei Gräfin St. A., 
und zwei bis drei Bälle fohloffen den Tag. 


*) Sept Lord Munfter, 


— — — — 





* » 


37 


Den 2gften, 


- Herzlich mußte ich diefen Morgen über einen jun: 
gen Lord lachen, dem der Aufenthalt in Paris noch 
nicht viel genüst bat, und deffen fchönes Pferd mehr 
als er ferbft die Blicke im Park auf fich zog. Quel 
beau cheval vous avez la, fagfe ich. Sa, erwiederte 
er mit feinem englifchen Accent: C'est une belle 
bete, je l’ai fait moi m&me, et pour cela je lui 
suis beaucoup attache. Er wollte ohne Bweifel fa: 


‚gen, daß er es ferbft bei fich aufgezogen babe. Sit 


Das nicht ganz der Pendant zu dem fauben ruffifchen 
Officier in B., dem der König bei Gelegenheit eines 
auf den Tiſch Fommenden Efturgeong zurief: Ce 
poisson est bien frequent -chez vous, und der, aufs 
ftebend, mit einem riefen Bückling, eriwiederte: Oui 
Sire, je l’ai et& pendant quinze ans,” 


Rex daehrun gab ein prachtvolles Dine, deſſen 
Deifert allein, wie er mir fagte, 100 Lft. koſtete. Sch 


ſaß neben einer fehr geiftreichen Dame, der Freundin 


des Herzogs von W.... Mtß. A.... eine fehr cha: 


 srafteriftifche, feine, micht englifhe Pbhyfiognomier 


Du kannſt Dir denfen, welche enragirte Politikerin. 
Sch babe fie ohne Zweifel nicht wenig ennuprt, 


denn erfteng bin ich ein Ganningianer, zweitens baffe 
ich die Politik bei Tiſche. Wir fahen bier viel Pracht 
Das Zafelfervice war Vermeil und Silber, dag zum 
Deffert, glaube ich, ganz Gold. Auch in der Neben: 
ftube, unter dem Portrait des Fürften Metternich 


38 


(Bräfent des Originals) befand ſich ein großer, ditto 
goldner »Kaften, wabhrfceinlich eine Copie der Bun: 
deslade. Ein Concert folgte der Mahlzeit, in wel: 
hem Herr Mofcheles fo binreißend fpielte, wie 
feine danebenftehbende junge Frau ausfab, und erit 
um 2 Uhr Fam ich auf den Rout des Herzogs von 
Northumberland, eine Fleine Geſellſchaft, zu der blog 
1,000, fage taufend Perſonen eingeladen worden was 
ven. In einer ungebeuren Gemäldegallerie wurden 
bei 50 Grad Reaumur große Muſikſtücke aufgeführt, 
Man börte aber nicht viel. davon wegen des Lärms 
und Dräangend Der Schweißgeruch war gleich Der 
fhwarzen Höhle in Indien, faft unerträglih. Sind 
ed nun wirklich civilifirte Nationen, die fi fo 
amüfiren ? 


Den 3ıften, 


Die an Koblenbergwerfen reihe Lady 8... ., Des 
ven Teint zu der Farbe jener den angenehmften Ges 
genfaß bilder, und deren air chiffone ganz originell 
ift, zeigte mir dieſen Morgen ihren Bazar, Es ift 
Fein gewöhnlicher, denn e8 lagen wohl für 300,000 
Nele. Edelfteine darauf. Das ganze Boudoir, voller 
Mohlgerüche, Blumen und Seltenheiten, dag Clair- 
obseur rother Vorhänge, und die Marquife ferbft in 
einem gelben Gazekleide auf ihrer Chaise longue 
bingeftrect, plongee dans une douce -langueur, es 
war ein hübſches Bild „of refinement.“ Diamanten, 





—* 


Perlen, Feder und Tinte, Bücher, Briefe, Spielſa— 
chen und Petſchafte lagen vor ihr mit einer ange— 
fangenen Börſe. Unter den Petfchaften waren zwei 
Inſchriften pikant durch ihren Contraſt; Die eine, 
von Lord Byron, ſagt in zwei fehönen Strophen: 
Love will find its way 

Where wolves would fear to stray. 


Liebe wird den Meg erſpähn, 
Wo der Wolf fih ſcheut zu geh. 


Die andere Inſchrift fage mit ächt franzöfifcher 
Philoſophie: Tout lasse, tout casse, tout passe! 
Außerdem var nichts häufiger im Haufe als Bor: 
traite —— Alexander in allen Größen, der 
in W... der Marquiſe die Cour gemacht, und deſſen 
Gonterfe die Dankbarkeit daher fo fehr vervielfältigt. 
Schr Mann war dort Gefandter, und gebrauchte feine 
englifche Prarogative im vollen Maße. Einmal borfe 
er mit einem Fiafer, eim andermal präfenfirfe er die 
Erzberzogin, und wenn ich nicht irre, gar die Mo: 
narchin ſelbſt feiner Frau, ſtatt umgekehrt, dann lief 
er in die Küche, feinen Koch zu erftechen, weil diefer 

feine Frau beleidigt, enfin il faisait la pluie et le 
beau tems à Yo. ‚.. ou plütot Torage et la — 

Denke nun, wie desappointirt die arme Dame, 
welche fo lange auf dem Continent regierte, jetzt ſeyn 
muß, bier malgre ses Diamans , son rang et sa jo- 
lie mine, nicht recht fafbionable werden zu können! 
Aber diefer Mode: Ariftofratie ift fehwerer beizukom— 
men, als dem oberften Grade der Freimaurer , und 





viel capriciöfer ift fie noch dazu, als diefe ehrwür⸗ 
digen Männer, obgleich beide, wie der liebe Gott; 
aus Nichts ſchaffen! 


Sc fpeiste bei Lord Darnley, wo ich unter an— 
dern den Lord Bloomfield, fonft ein marfanter Mann 
und Favorit des Königs, du tems de ses fredaines, 
und den Erzbifchof von Dorf fand, ein majeftätifcher 
alter Herr, der als Hofmeifter angefangen bat, und 
durd die Proteftion feines Pupilfen zu diefer hohen 
Würde gelangt ift. Nichts ift bäßlicher und zugleich 
Tomifcher als die Demitoilefte, der englifchen Erz⸗ 
bifhöfe. Ein kurze Schulmeifterperüde,. ſchlecht ges 
pudert, ein ſchwarzer franzöftfcher Roc und eine Fleine 
. Schwarzfeidne Damenfchürge vorne über die ner: 

preffibleg, wie fie die Bergleute hinten zu fragen 
pflegen. Lord D. lachte fehr, als ich ihn verwundert 
fragte: si ce tablier faisait allusion au. voeu de 
chastete. Sch befann mich in dem Augenblic nicht, 
daß die englifchen Erzbifchöfe, die fonft fo ächt-ka— 
tholiſch find, fi das Heiratben refervirt haben. Doch 
ift es wahr, daß ihre Frauen eigentlich nur wie Mai: 
treffen behandelt werden, denn fie dürfen nicht den 
Namen ibres Mannes führen. 


Wir wurden febr gut bewirtbet, hai; BE as Gar: 
ten: Wildpret und herrlichen Srüchten von Cobham, 
und fuhren nad Tiſch in ein Concert, was fich gar 
fehbr von den bier gewöhnlichen unferfchied. Es ift 
dies eine Enfreprife mehrerer vornehmen Edelleute, 
Freunde der alten Muſik von Handel, Mozart und 





— 41 
d lten Italienern, deren Compoſitionen ur allein 
aufgeführt werden, 


Ich habe lange keinen ähnlichen Gen gehabt. 
Was iſt doch das moderne Trilliliren gegen die Er— 
habenheit dieſer alten Kirchenmuſik! Ich fühlte mich 
ganz lebhaft in die Jahre meiner Kindheit zurück— 
verſetzt, ein Gefühl, das in der That die Seele auf 
viele Tage ſtärkt und ihr von Neuem leichtere 
Schwingen. gibt. Der Geſang war durchaus vor— 
züglih, und in feiner Ginfachbeit oft überirdifch 
9 denn es iſt unglaublich, welche Gewalt Gott 
in die menſchliche Stimme gelegt hat, wenn ſie recht 
angewandt wird, und einfach und ſicher aus einem 
ſchönen Munde ertönt. Bei Händels Chören-glaubte 
man entſetzt die Nacht zu fühlen, die ſich über Egyp⸗— 
ten ausbreitet, und den Tumult der Heere Pharaos 
mit dem Gebraufe des Meeres zu hören, dag fie un: 
ter feine Wogen begräbt. 

Sc Eonnte mich nicht entfchliegen,. nach fo heiligen 
Zönen die Ball: Fiedeln zu bören, und begab mic 
daher um 12 Uhr zu Haufe, Almads und. nach einen 
andern Ball der faſhionablen Welt gern im Stich 
laffend. Ich will den Nachhall jener Sphärenmufif 
mit in meine Traume binübernehbmen, ‚und auf ib: 
ren Fittigen mit Dir, meine Julie, eine, verkfärte 
Nachtreiſe antrefen, Are You ready? Now we 
fly . 


42 ) 3 — 


Den Iften Juni. 


Sehr bei Zeifen wecte mich beufe mein alter B:.., 
welches er nur thut, wenn ein Brief von Dir da ift. 
Bei minder wichtigen Gelegenheiten läßt er mich im: 
mer ruhen, wenn ich ibm Abends auch noch) fo ſehr 
einfchärfe, mich zu wecken. Die Entfhuldigung ift 
dann ftets: Sie ſchliefen fo gut. 


Es ift ein wahres Glück, daß ich nicht die Art 
Eitelfeit befibe, die durch Lob ſchwindlich wird — 
fonft müßteft Du einen rechten Thoren aus mir machen. 
Ach ich Fenne mich felbft nur zu guf, und hundert 
Fehler, Die Deine Liebe zur Hälfte überfieht! Das 
Fleine Zeufelchen aber, dag Du aftafirft, ſpukt allerdings 
manchmal in mir. Es iſt aber ein ziemlich unſchuldiges, 
oft ein recht dummes, armes, ehrliches Teufelchen, 
eine Sorte, die hinſichtlich der Moralität, im Grunde 
zwiſchen Engel und Teufel in der Mitte ſteht, mit 
einem Wort: ein ächtes, ſchwaches Menſchenkind! 
Da es Dir aber mißfällt, das Feine Teufelchen, fo 
jtede ich es in die Bouteille wie Hofmann, und 
pfropfe fle mit Salamonis Siegel zu. Von nun an 
producire ich Dir nur den Herrnhuter; denn Du 
weißt, unter ihnen verlebte ich meine Jugend, et si 
je m’en ressens, je ne m'en ressens gueres. 


Auf dem FBancyball, den Du denen in Brighton 
nachahmen wiltft, erfcheine ich gewiß, und es wird 
mich dennoch ficher Niemand erkennen, da ih nur 
unfichtbar zugegen feyn kann. Sch werde bloß einen 


43 


Kuß auf Deine Stirn drüden, und dann wieder ver: 
ſchwinden wie eine Ahnung. Gib alfo Acht! 


Den 3ten Suni. 


Aug der großen Welt wandelte ich geftern wieder 
einmal in die City, und beobacitete die mühfame 
Induſtrie, welche jener immer die frivolen Luxus-Artikel 
Liefert. Täglich erfindet man bier etwas Neues. Das 
bin gebören auch die unzähligen Annoncen, und wie 
fie en evidence gefebt werden. Früher begnügte man 
fich, fie anzufchlagen. Jetzt find fie ambulant. Eis 
ner bat einen Hut von Pappe aufgefest, dreimal 
böher als andre Hüte find, auf welchem in großen 
Buchftaben: Stiefel zu 12 Schilling das Paar res 
fommandirt werden. Ein andrer fragt eine Art 
Fahne, auf der ein Waſchweib abgebildet ift, und 
darunter ſteht: Only one six pence a shirt. (Nur 
einen Sixpence dag Hemde). Kafter, wie die Arche 
Noah, ganz mit Annoncen überflebt und von der 
Größe eines Fleinen Haufes, mit Menſchen oder ei: 
nem Pferde befpannt, durchziehen langfam die Straßen, 
und fragen- mehr Lügen auf ihren Rüden ald Münd: 
baufen je ‚erfinden fonnte, 

As ich bei 9, N. . . anlangte, war ich fehr müde, 
und acceptirte eine Einladung, bei ibm auf dem 
Comptoir zu effen. Während dem Eſſen philofophire 

ten wir über Religion. R. est vraiment un tres 


44 


‘bon enfant, und gefällig, mehr wie Andere feines 


Standes, fobald er nur nicht felbft etwas dabei zu 


rigfiren glaubt, was man ibm auch Feinesweg 
denfen kann. Bei dem Neligionsgefpräch N 3 
übrigens gewiffermaßen im Vortheil, da feine Glau— 
bensgenoſſen von älterem Religiongadel find, als wir 
Chriften. Sie find die wahren Ariftofraten in dies 
fem Fach, Die durchaus noch nie eine Neuerung 
paffiren laffen wollten. Sch faate endlich mit Göthe: 
Ale Anfichten find zu Toben, und fuhr in einem 
böchft zerbrechlichen Fiafer wieder nach dem Westend 
of the town zurüc, wo ed weder Chriften noch Zus 
den, fondern nur Fafbionables und Nobodys gibr, 
um bei Miftriß 9. . . die Pafta wieder fingen zu hö— 
ren, und mit der Freundin des Lords H. de moitie 
Ecarte zu fpielen. 

Als ich endlich um 4 Uhr zu Haus kam und beim 
roſigen Tageslicht eingeſchlafen war, bildete ich mir 
ein, mein Lager ſey das Moos eines Waldes. Da 
weckte mich ein klägliches Geſchrei. Ich ſah mich 
um und erblickte einen armen Teufel, der eben von 
der Spitze eines hoben Baumes ſchräg durch die Luft 
fuhr, und neben mir zur Erde ftürzte. Stöhnend 
und leichenblaßrafffe er fich auf und jammerte ſchmerz— 
lich: nun fey es aus mit ihm! Sch wollte ibm zu 
Hilfe eilen, ale ein Wefen, dag einem zugeftöpfelter 
Zintenfaß glich, berbeifam, und dem halbtodten Men⸗— 
fhen unter BR en, noch mehrere Stöße mit dem 
Stöpfel gab. Sch packte e8 aber, zog den Stöpfe 
heraus, und wie die Zinte nachftrömte, vertwandelte 


ws 













45 


es fih in einen Mohren in glänzend filberner ade 
und prächtigem Coftum, der lachend rief: ich follte 
rin Srieden laffen, er wolle mir Sachen zeige, 
u ic noch nie gefeben. Jetzt fingen auch fogleich 
Zauber: jen an, die alle Pinettis und Philadelphias 
der Welt weit hinter ſich zurückließen. Ein großer 
Schrank unter andern veränderte jeinen Inhalt je— 
den Augenbli, und alle Schätze Golfondas mif den 
unerbörfeften Seltenheiten famen nad) einander zum 
Vorſchein. Ein dicker Mann mie vier hübſchen Töch— 
fern, welcher eifrig zufab, und den ich fogleich als 
einen Herrn erkannte, der früher in Brigbton Bälle 
gab, und Rolls hieß, weßhalb man ihn (feiner Cor— 
pulenz wegen) duble Rolls, feine Zöchter - aber 
hut Rolls nannte, äußerte indeß, das Ding daure 
ihm zu lange, er fey hungrig. Gogleich rief der be: 
leidigte Zauberer mit zorniger Miene, indem fein 
Anzug fich vor unfern Augen ſcharlachroth farbte: 


Zwei wird fünf und fieben zehn. 
Augen eßt! Der Mund fol feh’n, 
Dorn und hinten wechfelt fcehnell. 
Fitzli butzli very well, 


Kaum war dieſe Befchwörung auggefprochen, als 
ein prächtiges Mahl erfchien, und der arme Rolls ſich 
eifrig friſche grüne Erbfen in die Augen fteckte, die 
auch ohne alle Umftände beruntergingen, während er, 
mit dem Lorgnon vor dem Munde, alle die übrigen 





— " Wunderdinge, die fi) auf der Tafel ausbreiteten, 


| \ betrachtete und in Gedanken verfchlang. Jetzt wollte 





% 


46 


er Frau und Töchter auch dazu einladen, konnte aber 
über fein anderes Sprechorgan ald dasjenige dispo— 


niren, dem gewöhnlich) das Laufwerden unterſagt ift, 


fo daß alle hut Rolls fich über Papas fonderbare 
„‚propos“ fat todt lachen wollten. Zu guter Lest 
ging er noch, im der grofesfeften Berdrehung, auf den 
Händen zum Zauberer hin, um fi zu bedanfen, 
und langfe en passant mit den Füſſen in eine Schüffel 
tutti frutti, die fein neued Spradhorgan mit einem 
melodifchen : Delicious! begleitete. 


Hat man je von fo folfen Träumen gehört, als 


mich bier beimfuchen? Es find die trüben Dünfte, 
die Stickluft Londons, die meine Sinne umnebeln. 


Ich ſchicke fie daher fort, um fih im heimathlichen 


Sonnenſchein wieder aufzulöfen, und lege auf ihre 
fhweren Fittige taufend liebevolle Grüße. 


Deines freuen Freundes 8, 


w 


Sechszehnter Brief, 


London, den 5. Suni 1827. 


Bei Gelegenheit einer Viſite, die ih Miftrig Hope 
machte, befab ich ibres Mannes Kunſtſammlung heute 
etwas mehr en detail, Eine febr ſchöne Venus von 
Canova war für mich befonderg deßwegen fehr anzies 
bend, weil ich fie, noch nicht vollig vollendet, im 
Atelier des liebengwürdigen Kürftlers in Nom vor 
ziemlich vielen Sabren gefeben, wo fie fehon damals 
von allen feinen Werfen den angenehmften Eindruck 
bei mir zurüclief. | 

Unter den Gemälden frappirte mich das des berüch: 
tigten Cäſar Borgia, von Correggiv. Ein erhabener 
Sünder! Sn der Fühnften, männlichen Schünbeit 
ftebt er da, Geift und Größe bligt aus allen Zügen, 
nur in den Augen lauert ein häßlicher Tiger. 


Ganz befonders reich ift die Sammlung an Bt!: 
Bern der niederländifchen Schule. Diele find von der 
unübertreffbarſten Wahrheit, welche, ich geftebe es 
gern, für mich oft einen größern Reiz bat, alg felbit 


48 


das erreichte deal, wo dieſes keinen verwandten 
Punkt in meiner Seele anfprice. 

So war eine alte fehr anftändige holländifche Bür— 
gersfrau, die mit großer Delice ein Glas Wein in 
fih fog, während ihr in einem Mantel danebenfte: 
bender Mann, die Bouteille, aus der er ihr einge: 
fchenfe, noch in der Hand, mit gutmüthigem Ver: 
gnügen auf fie herabſieht, ein höchſt anziehender Be: 
genftand. Eben fo einige Offiziere aus dem 16sfen 
Jahrhundert in ihrer fchönen und zweckmäßigen Tracht, 
Die fich’8 nach harter und blutiger Arbeit beim froben 
Mahle wohl feyn laſſen, und andre mehr. Unter 
den Landfchaftsmalern machte ich Die neue Bekannt: 
ichaft eines Hobbena, der die größte Aehnlichkeit mit 
der Manier Ruysdaels bat. Täufchende Früchte von 
van Huyſum und van Os, Häufer von van der Meer, 
auf denen bekanntlich jeder Ziegel ausgeführt ift, 
mehrere Wouvermanns, Paul Poiters ꝛc. 2c., nichts. . 
fehlte in diefer reichen Sammlung. Nur die neueren 
englifchen Gemälde waren. fchlecht. 

Später ging ich nicht mehr aus, um im Sfilfen 
ben Geburtstag meiner guten Mutter zu feiern, 


Den Tten, 


Als ein Beifpiel, was ein Dandy bier alles bedarf, 
tbeile ich Dir folgende Auskunft meiner fafhionablen 
Mäfcherin mit, die von einigen der ausgezeichnetften 
Elegants employirt wird, und allein Halstüchern die 


'49 


rechte Steife, und Bufenftreifen die rechten Kalten 

zu geben weiß. Alſo in der Neger braucht ein folcher 

Elegant wöcentlih 20 Hemden, 24 Schnupftücher, 

9 — 10 Sommer :„Zromwfers,‘* 530 Halstücher, wenn 

er nicht fchwarze fragt, ein Dutzend Weſten, und 

Strümpfe a diseretion. Sch febe Deine bausfrauliche 

Geele von bier verfteinert. Da aber ein Dandy ohne 

drei bis vier Toiletten täglich nicht füglich ausfommen 

kann, fo ift die Sache fehr natürlich, denn 

1) erfcheint er in der Frühſtücks-Toilette im chineft: 
fhen Schlafroc und indifchen Pantoffeln. 

2) Morgentoilette zum Reiten im frock coat, tie: 
fein und Sporen. 

5) Toilette zum Dine, in Fra und Schuhen. 

4) Balttoilefte in Pumps, ein Wort, dag Echube, 
fo leicht wie Papier, bedeutet, welche täglich frifch 
lackirt werden. 


Der Park war um 6 Ubr fo voll, daß er einem 
Rout zu Pferde glich, jedoch weit anmuthiger, da 
die Stelle der Bretter eine grüne Wieſe einnahm, 
ftatt der Dampfhitze frifche Kühle berrfchte, und ftaft 
die eignen Beine zu ermüden, die der Pferde die 
Arbeit thun mußten. 


Als ich vorber die Fürftin E. befuhte, fand ich 
dort drei junge und ſchöne Ambassadrices en :con- 
ference, toutes les trois profondement occupees 
d’une, queue, nämlich ob eine folche bei der Königin 
von Württemberg getragen werden müſſe oder nicht. 

Briefe eines Verſtorbeuen. IV, 4 


30 


Auf dem Ball, dem ich Abends beiwohnte, bei der 
neulich erwähnten Marguife &.... ſah ich zum er: 
ftenmal bier Polonaifen und auch Mafurfa tanzen, 
aber ſehr fchlecht. Pan aß im Saal der Gtarüen, 
denen verfchiedene Damen ihre Hüte aufgefest und 
ihre Shawls umgebangen hatten, was. dem Kunft: 
{inne fehr wohltyat. Um: 6 Ubr Fam ich zu Haufe 
und fchreibe Dir noch, während man ſchon - meine 
Laden fchließt, um mir eine künſtliche Nacht zu be: 
reiten. Die Kammerdiener haben es bier fchlimm, 
und fünnen nur, fo zu fagen: aus der Hand ſchla— 
fen, oder wie die NRachtwäcter am Tage. 


Den 13ten. 


Sch babe Dir fchon erzählt, daß man bier auf die 
föniglichen Prinzen eingeladen wird, wie an andern 
Drten im vertrauten Birfel auf irgend eine Delifateffe, 
So war ich geftern auf die Herzogin von Gloucefter, 
und heute auch auf den Herzog von Guffer zu Tiſch 
eingeladen. Diefer Prinz, der mit dem König ganz 
brouillirt ift *), ſich aber durch fehr Liberale Gefin- 
nungen bei der Nation beliebt gemacht bat, und dies 
in jeder Hinficht verdient, war viel auf dem Conti: 
nent, und liebt die dDeutfche Lebensart. Unfere Sprache 
ift ibm, wie den meiften feiner Brüder, völlig ges 


) Man vergefje nicht, daB hier vom vorigen bie Rede ift, 
A. d. H. 


51 


läufig. Seinetwegen wurden nad Tifch, fobald die 
Damen uns verlaffen haften, Gigarren gebracht und 
mehr als eine geraucht, was ich in Engiand bisher 
noch nicht gefehen habe. M. de Montron erzählte 
mit franzöfifcher Kunft fehr Iuftige Anekdoten; am 
unferhaltendften war aber Major Keppel, der Rei: 
fende in Perfien, der heute manche feabreufe, aber 
böchft pifante Gefchichten aus jenen Ländern zum 
beften gab, die er dem Druck nicht übergeben Eonnte, 
und die ich daber auch Dir nicht mittheilen darf, was 
mir jedoch fehr leid thut. 

Morgen werde ich mit dem jungen Capt. NR... 
nach Ascott fabren und Windfor befehen, um wieder 
einige Varietät in mein einförmiges Leben zu brin— 
gen. Man vermuther, daß die MWertrennen unge: 
wöhnfich brillant feyn werden, da fie der König dies— 
mal befucht, und Pferde von ihm Theil daran nehmen. 


Mindfor, den 14ten, 


Nach einer rafhen Fahrt von 25 englifchen Meilen, 
zum Theil durch den Parf von Windfor, binter dem 
fih das Schloß, die alte Refidenz fo vieler Könige, 
erhebt — erreichten wir die weite und dürre Haide 
von Ascott, wo die Wettrennen ftatt finden. Der 
Platz bot ganz das Bild eines Luftlagers dar. Un: 
abfehbbare Reihen von Zelten für Pferde und Men— 
fhen, Wagenburgen längs der Rennbahn, größten: 

4 os 


52 


tbeils mit fchönen Damen befest, häuferhobe Gerüfte 
in drei, vier Etagen übereinander, mit der Loge des 
Königs am Ziele — alles dieß durch 20 bis 50,000 
Menfchen belebt, von denen Viele ſchon feit ſechs 
Tagen bier ftationiren. — Dies find ungefähr die 
Hauptzüge des Gemäldes. Das eine Quartier bil: 
det den Markt, wo fi) unter den übrigen Buden 
und Zelten, gemäß einer alten Freiheit, auch vielfache 
Arten von Hazardfpielen befinden, welche fonft ftreng 
verboten find. Doch mehr als Pluto wird noch der 
holden Venus geopferk, und nirgend find Intriguen 
unbemerfter anzufpinnen. Die Damen in den Wa: 
gen find dabei täglich mit Champagner und vorfreffz 
lichen Frühſtück reichlich verfehen, was fie fehr gaft: 
freundlich austbeilen. Ich fand viele alte Freunde, 
und machfe auch einige neue Befanntfhaften, unfer 
andern die einer höchſt liebenswürdigen Frau‘, Lady 
&...., die mich nach ihrer Cottage mit R.... zum 
Eſſen einlud. As daher um 6 Uhr die Races für 
beute beendigt waren, fuhren wir durch eine wun: 
derfchöne Gegend, deren Baum:Reihtbum ihr, ohnge— 
achtet der bebauten Fluren, das Anfeben eines culti⸗ 
virten Waldes giebt, nah T.... Park. Wir kamen 
früher an, ald die Familie felbft, und fanden das 
Haus zwar offen, doch ohne einen Diener oder ein 
- anderes Tebendiges Welen darin. Es war wie Die 
bezauberte Wohnung einer Fee, denn einen reizende: 
ren Aufenthalt kann es nicht geben! Hätteſt Du e8 
nur fehen Fünnen. Auf einem Hügel, unter den 
prachtvoiftten uralten Bäumen halb verborgen, Tag 


53 


ein Hauß, deſſen vielfache Vorfprünge, zu verfchiede: 
nen Seiten gebaut, und da und dorf durch Gebüfch 
verftecft, nirgends erlaubten, feine ganze Form auf 
einmal ind Auge zu faſſen. " Eine gallerieartige Ro: 
fenlaube, von hundert Blumen ftroßend, führte di: 
reft in das Vorzimmer, und durd einige andere 
Miecen und einen Corridor gelangten wir dann in 
den Eßſaal, wo fehon eine reiche Tafel gedect ftand, 
aber immer noch Fein Menfch zu erblicden war. Hier 
lag die Sartenfeite vor ung, ein wahres Paradieg, 
von der Übendfonne reich beleuchtet. Am ganzen 
Haufe entlang, bald vorfpringend, bald zurüdtretend, 
wechfelten Verandas von verfchiedenen Formen und 
mit verfchiedenen blühenden Sewächfen beranft, mit 
einander ab, und dienten dem bunteften Blumengar: 
ten zur Bordure, der den Abbang des Hügels durch: 
aus bededte. An ihn fchloß fich ein tiefes und ſchma— 
les Wieſenthal, binter dem fich dag Terrain wieder 
zu einem böberen Bergrücden erbob, deffen Abbang 
mit uralten Buchen befegt war. Am Ende des Thea: 
les links Schloß Waller die nächfte Ausficht. In der 
Ferne faben wir über den Baumfronen den round 
tower (runden Thurm) von Windfor Gaftle mit der 
Darauf gepflanzten Folofjalen Füniglichen Fahne, in 
die blaue Luft emporfteigen. Er allein erinnerte in 
dieſer Einſamkeit daran, daß bier nicht bloß die Na: 
tur und eine woblthätige See walte, fondern aud 
Menfhen mit ihrer Freude, ibrer Notb und ihrem 
Glanz fich. bier angefiedelt! Wie ein Leuchtehurm 
des Ehrgeiges ſchaute er auf die friedliche Cottage herab, 


4 


verlodend zu einem höheren trügerifchen Genug — 
doch wer diefen erreicht, erfauft ihn nur mit ſchwe— 
rem Verluſt! Sriede und Ruhe bleiben zurück in des 
Thales trauter Stille. — 

‘ch wurde bald in meiner poetifchen Srftafe durch 
die ſchöne Wirthin unterbrochen, die ſich an unſerer 
Schilderung des verzauberten Schloſſes ſehr ergötzte, 
und nun ſogleich ſelbſt dafür ſorgte, daß uns Stu— 
ben angewieſen wurden, um unſerer Toilette obzulie— 
gen, die der Staub und die Hitze des Tages ſehr nö: 
thig machten. Ein ercellentes Dine mit geeistem 
Champain und vorfrefflihen Früchten wurde mit Ber: 
gnügen angenommen, und bielt ung bis um Mitter: 
nacht bei Tiſch. Gaffee und Thee mit Mufif nahmen 
noch ein paar andere Sfunden -binweg, und, auf: 
richtig geſagt, die lebte, ich meine die Mufif, hätten 
wir der Tamilie gern erlaffenr. Meine Verdauung 
wurde wefentlich durch die ungeheure Anftrengung 
geftörf, mit der ich das Lachen, in einer wahren 
Agonie, unferdrüden mußte, als die alte Mutter 
der Hausfrau fich zuletzt and Clavier febfe, und ung 
eine Arie aus ihrer Jugend, von Noufjeaus Compo— 
fition, zum beften gab, an deren Refrain: „Je 
t’aimerai toujours“ ich ebenfalld Zeit meines Lebens 
denfen werde. Sie benubfe nämlich das ai jedesmal 
zu einem Zrillo, der im Anfang dem Meffern eines 
Zammes glich, Dann eine Zeitlang der Lachtaube nach: 
ahmte, und mit der Eadenze eines balzenden Auer: 
hahns endete. Das Kied fehien unendlich, der junge 
NR. .., der leider eben fo Teiche als ich zum Lachen 


59 


zu bringen ift , hörte bereits in der Stellung eineg 
Fiedelbogens, mit gewaltfam zufammengedrücktem 
Leibe zu, und fehnitt binter feinem großen Schnürre 
barte die feltfamften Grimaſſen. Was mich betrifft, 
fo fuchte ich meiner moralifhen Kraft bauptfächlich 
dadurch zu Hülfe zu Fommen, daß ich unaufbörlicd 
an Dich, gute Julie, und Deine fo muiterhafte Con: 
tenance bei ähnlichen Gelegenbeiten dachfe. Die Leute 
waren dabei fo aufferordentlich gütig und freundfchaff: 
lich gewefen, daß ich wahrbaftig fieber hätte Blut 
weinen, als über fie lachen mögen; aber was fol 
man anfangen, wenn der Sinnenreiz unwiderftehlich 
wird! Die Annäherung der ominöſen Gtelle war 
immer eine furchtbare Epoche für mich. Sch betete 
förmlich zu Gott, er möge die gufe Alte doch regie— 
ven, nur dießmal „Je t’aimerai toujours“ ohne Ber: 
zierung abzufräben. Aber vergeblich; Frum war daß 
verhängnißvolle ai angefchlagen, fo folgte auch im- 
manquablement der unbarmberzige Zrille. Beim 
zten Verſe konnte ich ed nicht mehr aushalten, Rouf: 
feau fehien mir zum erftenmale wahrhaft unſterblich — 
ich fubr der Alten, wie die Studenten fagen, in Die 
Parade, ergriff ihre Hand, ehe fie die Zaften von 
neuem anfchlagen Fonnte, fihüttelte fie herzlich, dankte 
für ihre Güte, verficherte, ich fühle die Indiscretion, 
fie fo Tange zu betäftigen, drückte gleichfalls die Hand 
der fchönen Tochter, (car ce’st l’usage ici) wie der 
übrigen Familienmitglieder, und fand mich in einem 
elin d’oeuil mit R... im Wagen, der fehon feit 
einer Stunde angefpannt auf uns gewartet hatte. 


36 


Du Fannft Dir denken, daß wir unfere Lachmuskeln 
mit Bequemlichkeit entfchädigten. Bis Windfor er: 
götzte und. noch der Nachball des unnachabmlichen 
Trillos — mich aber. erwartete bier, nach auggelaj- 
ſener Auftigfeit, ein ziemlich unangenebmes Abfüb- 
Sungsmitte. Wie ich mich nämlich zu Bert legen 
wollte, fing B . . . . zu jammern an, „daß ihn doch— 
das Unglück überall verfolgen müfje!“ 

„Run, was ift Dir denn gefcheben ?“ 

„Ach Gott, wenn ic, Fünnte, ich fagte es gar nicht, 
aber es muß nun doch heraus.“ ? 

„Nun zum %....1, mach’ ein Ende, was ift es?“ 

Was Fam nun zum Vorfchein? Der confufe Alte 
hatte mein Geld, 25.8. ©t., ibm in einem. Beutel 
von mir übergeben, um es in dad Wagenfaftichen zu 
thun, anftart deſſen in die Zafche geftecft, und wie 
der dumme Landjunfer von Kogebue, um ein Glas 
Bier zu bezahlen, im Gedränge der Buden den Beu— 
tel berausgenommen , einen Souverain gewechfelt, 
wie er fagte, weil er Fein Fleineg Geld mebr hatte, 
wahrfcheinlich aber um mit. der Gotdbörfe groß zu 
tbun, und dann den Beutel forafältig wieder einge: 
ſteckt. Es war febr natürlich bier in England, daß 
er ihn, als er zum Maren zurückkam, nicht mehr 
fand. Ein wahres Stück im Unglück ift es, daß ich 
noch einiges Geld felbft bei mir trug, und alfo ‚we: 
nigitend in Feine augenblicliche Verlegenheit geſetzt 
wurde. 


Richmond, den 13ten. 


Mir befaben heute früb das Schloß, welches jebt 
erit nach den alten Plänen völlig ausgebaut wird, 
und bereitd die größte und prachtvollfte Refidenz ift, 
die irgend ein europäifcher Fürft befist. Die Zeit 
war zu furz , dad Innere zu befeben, was ich daher 
auf ein anderesmal auffchob. Sch befuchte blog die 
Herzogin von®..., die bier im großen Thurme wohnt, 
und eine himmliſche Austicht von ihrem hoben Söl— 
ler genießt. Unter ihrer Dienerfchaft war ein fchöner 
griechifcher Knabe in feiner Nationaltracht, Schar: 
lach, Blau und Gold mit bloßen Schenfeln und 
Füßen. Er war bei dem Maffacre von Scio in ei 
nen Backofen verfteckt, und fo gerettet worden. Er 
ift jet bereits ein volfommner Engländer geworden, 
bat aber in der Zournure etwas ungemein Nobleg 
und Ausländifches beibebalten. Um 4 Uhr begaben 
wir uns wieder auf den Raceground, und ich erhielt 
diesmal mein Frübftuc von einer andern Schönbeit. 
Nad dem beendigten Rennfefte fubren wir nad) 
Rihbmond, wo RR... 8 Regiment garnifonirt, und 
veriebten dort mit dem Offizier-Corps einen fehr lu: 
tigen und geräuichvollen Abend. Die allgemeine 
Wohlbabenbeit erlaubt bier ein weit Iururieuferegs 
Leben, denn die Herren verfagen fidy nichts, und 
ihre mess ift überall fervirt, wie bei ung gar oft nicht 
eine fürftliche Tafel. 


58 


Morgen wird das Hufaren : Regiment nebft einem 
Regiment Ublanen vom General = Snfpecteur gemu— 
ftert werden, was ich noch abwarten will, bevor ich 
nad London zurückehre. 


Den I6ten, 


Das Regiment machte feine Sachen fehr gut, mit 
weniger Affekftation, und auch Präciſion vielleicht, als 
uunfere wunderbar dreffirten dreijäbrigen Reiter, aber 
mit mehr Achtmilirärifcher Rube und Tanggewohnter 
Sicherheit, auch alle Evolutionen fehneller, wegen der 
vorfrefilihen Pferde, mit denen die des Continents 
doch nicht zu vergleichen find. Dabei bat die englifche 
Gavallerie an Zäumung und militärifchem Reiten feit 
dem leuten Kriege durch die darauf gewandfe Gorg: 
falt des Herzogs von Wellington ganz ungemein ge: 
mwonnen. Die Leute hatten ihre Pferde fo gut in der 
Gewalt als die beften der unfrigen. Merfwürdig 
nach unfern Begriffen war ed, die Ungenirtbeit zu 
feben, mit der wohl 50 — 60 Hffiziere in Cibil: Klei: 
dern, darunter mehrere Generäle, einige in Stolpen: 
ftiefetn und Morgenjaden, die andern im frock coat 
und bunten Halstüchern die Revue mitmachten und 
den infpizirenden General umfchwärmten , der, 
auffer dem Regiment ſelbſt, welches infpizirt wurde, 
alfein mit feinen beiden Adjufanten in Uniform erfchies 
rien war. Ja fogar einige übercomplete Offiziere defz 
feiben Regiments, die gerade nicht im ackiven Dienft _ 


39 


waren, ritten im Givilfleidern und Schuhen mit 
herum, ein Anblick, der einem . . . . fchen General vor 
Srftaunen den Verſtand Eoften Fünnte. Mit einem 
Wort, man fieht hier mebr auf das Neelle, ander: 
wärts mehr auf die Form. Hier machen in der That 
die Kleider den Dann nicht, und diefe Simplicität 
ift zuweilen fehr impoſant. 

R. fagte mir, daß diefes Regiment urfprünglich, 
als die Sranzofen mit Snvafion drobfen, von der 
Londner Schneidergilde errichtet wurde, und im Ans 
fang aus lauter Schneidern beftand, die fich jetzt in 
fehr tüchtige und martialifche Hufaren verwandelt, 
und mit großer Auszeichnung, namentlich bei Belle: 
Alliance, gefochten haben. 


Den 18ten, 


Seit vorgeftern bin ich denn wieder im alfen Gleiſe 
und debütirte mit vier Bällen und einem Dine bei 
Lord Gaernarvon, wo ich den berühmten Griechen: 
profeffor, Herrn Eynard, fand, deffen hübfche Frau 
einen gleichen Enthufiagmus für die Hellenen an den 
Tag legte. Geftern aß ich bei Eſterhazy, und fand 
einen jungen Spanier dort, von dem ich gewünſcht 
hätte, er fey ein Schaufvieler, um den Don Juan 
darftellen zu Eönnen, denn er ſchien mir das deal 
dafür zu ſeyn. Mit den Tönen der dramatifchen 
Paſta im Ohr, die man jebt alle Abende irgendwo 
bört, ging ich zu Bett, 


60 


Heute war Eoncert beim großen Herzog, in dem 
der alte Veluti wie ein Capaun Fräbfe, worüber den: 
noch Alles in Entzücken gerietb, weil er einft gut 
fang, bier aber noch immer den alten Ruhm ufur: 
pirt. Dann ging ich auf einen der hübfcheften Bälle, 
den ich noch in London gefeben, bei einer vornehmen 
Schoftifhen Dame Der große Saal war unter an: 
dern ganz mit Papierlampen deforirt, die ſämmtlich 
Sormen der verfchiedenften Blumen nachahmten, und 
fehr geſchmackvoll gruppirt waren. 

Als wir um 6 Ubr bei Sonnenfchein in die Wägen 
ftiegen, nabmen ſich die Damen höchſt fonderbar aus. 
Keine Fraicheur EFonnte diefe Probe bejteben. Sie 
changirten Farben wie das Chamäleon. Einige fa: 
ben ganz blau, andere fhedig, die meiften leichenar: 
fig aus, die Locken berabbängend, die Augen glä: 
fern. Es war ganz abfcheulich anzufehben, wie Die 
beim Yampenfchein blühenden Knospen vor den Strab: 
fen der Sonne plötzlich zu entblätterten Rofen ver: 
blihen. Das Loos des Schönen auf der Erde! 


Den Yften. 


Was fait Du, gufe Julie, zu einem Frühſtück, 
zu dem 2000 Menſchen eingeladen find? Ein folches 
fand heute ftatt in den horticultural gardens, die 
groß genug find, um fo viel Menfchen bequem zu 
faffen. Indeß ging es doch nicht ohne fürchterliches 
Gedränge bei den Efzelten ab, befonders da, wo 


61 


die Ausftellung der Früchte ftatt fand, die zu einer 
beſtimmten Stunde Preis gegeben, und dann auch 
im Nu höchſt unanftändig verfchlungen wurden. Man 
fab dort eine Providence-Ananag, die 14 Pfund wog, 
bochrotde und grüne, von nicht viel geringern Di: 
menfionen, Erdbeeren von der Größe Fleiner Wepfel, 
überhaupt die felfenfte Auswahl der Eoftbarften Früchte. 
Auch war im Ganzen das Feft heiter und in ange: 
nehmem ländlihem Charakter. 

Der glatte Rafen und die Menge gepuster Men: 
fchen darauf, die Zelte und Gruppen in den Büfchen, 
eine ungeheure Maffe von Rofen und Blumen aller 
Art, gaben den freundlichften Anblick. Ich war mit 
unferm Gefandten bingefabren, mit dem ih audh um 
7 Ubr Abends wieder zurückkehrte. Wir mußten über 
die Induſtrie eines Irländers lachen, der fich das 
Air gab, ung mit einer Laterne, in der natürlich fein 
Licht brannte, da es heller Tag war, zum Wagen zu 
leuchten, und fich durch diefen Spaß bei den Froh— 
gefinnten und Gutmüthigen einige Schillinge erwarb. 
Unterwegs rief ihm einer feiner englifchen Kamera: 
den zu: „Du führft wahrlih großmüthige Leute!“ 
„O,“ fagte er, „wenn ich fie dafür nicht Fennte, ginge 
ich auch nicht mit ihnen.“ Driginell waren auch die 
Tyroler Sänger, die hier fehr Mode geworden find, 
Alle, felbft den König, der mit ihnen deutfch fpricht, 


Du nennen, und feine falfhe Menfchenfurcht Fennen. 


Es fieht fomifch genug aus, wenn einer von ihnen 
auf den Fürften Eſterhazy losgeht, deſſen patriotifcher 
Proteftion fie ihre große Vogue hauptfächlich verdan: 


r 62 

fen, ibm die Hand reicht, und ihm zuruft: Nun, 
was mahft Du Efterhasy ? Das Weibchen, welches 
fich unter diefen Tyroler Wunderthieren befindet, kam 
beufe auch auf mich zu und fagfe: Dich habe ich mir 
fhon lange angefehen, denn Du fiebft meinem lieben 
Sohn fo ähnlich, daß ich Dir einen Kuß geben will 
Die Offerte war eben nicht fehr einladend, denn das 
Mädchen ift häßlich, da fie aber auh Se. Majeftät 
gefüßt bat, auf welhe Scene eine gute Garrifatur 
in den Handel gefommen ift, fo findet man jetzt die 
Zumutbung fehmeichelbaft. 


— — — — 


Den Wften, 


Der Herzog von Northbumberland hatte die Güte, 
mir biefen Morgen feinen febenswerthen Palaſt en 
detail zu zeigen. Ic fand bier etwas, was ich lange 
vergebens zu feben gewünfcht, nämlich ein Haus, in 
dem, bei bober Pracht und Eleganz, dag Größte wie 
dag SKleinfte mit vollig gleicher Sorgfalt und Boll: 
Fommenbeit ausgeführt ift — ou rien ne cloche. 

Ein folhes Ideal ift wirklich bier erreicht. Dan: 
findet auch nicht die geringfte Kleinigkeit vernachläſ— 
figt, Eeine fchiefe Linie, Feinen Schmußfled, nichts 
Fanirtes, nichts aug der Facon Gekommenes, nichts 
Abgenutztes, nichts Unächtes, Fein Meuble, feine Thüre, 
fein Fenfter, das nicht in feiner Art ein wahres Dei: 
ſterſtück der Arbeit darböte. 

Diefe uferordentlihe Gediegenheit bat freilich 
mehrere Quuderttaufend Pfd. St. und gewiß nicht ges 


63 


ringe Mühe -gefoftet, aber fie ift auch vielleicht einzig 
in ihrer Ark. Die reichfte Ausfhmüdung von Kunft: 
-fchägen und Curioſitäten aller Art feblt ebenfalls 
nicht. Die Aufftellung der letzteren in, mit violettem 
Sammt audgefchlagenen, Teraſſenſchränken, hinter 
Spiegelgläſern aus einem Stück, war ſehr gefchmad: 
vol. Befonders auffallend ift die große Marmor: 
treppe, mit einem Geländer aus vergoldeter Bronze. 
Die Wange von yolirtem Mahagonyholz, welche das 
Geländer deckt, bildet eine ganz eigenthümliche Merk: 
mwürdigfeit dar. Es ift nämlich durch eine Vorrichtung, 
Die noch ein Geheimniß ift, das Holz fo behandelt, daß 
es durchaus unmöglich ift, auf der ganzen Ränge der 
mebrmals gewundenen Treppe irgendwo aud nur die 
mindefte Spur einer Zuge zu entdeden. Das Ganze 
fcheint aus einem Stück zu feyn, oder ift es wirklich. 

Eine andere Sonderbarfeit ift eine falfche porte 
cochere in der äußern Hausmauer, die nur bei Fe 
ften für den größern! Andrang der Wagen geöffnet 
wird, und wenn fie zu-ift, in der Façade nicht mehr 
aufgefunden wird. Sie ift von Eifen, und durd 
den Anwurf einer Steincompofition und ein falfches ' 
Fenſter fo vollftändig masfirt, daß man fie von dem 
Übrigen Haufe nicht unterfcheiden Fann. Ueber die 
Gemälde ein andermal mebr. 

Beim Herzog von Glarence lernfe ich Abends ei: 
nen intereffanten Dann fennen, Sir Gore Dufely, 
den legten Ambaffadeur in Perfien, den der Verfaſ— 
fer des Hadje Baba, Herr Morier, als Legationg: 
Sekretär begleitete. . 


64 


Sch muß Dir ein paar, jenes Land charafterijirende 
Anekvoten mittheilen, die ich von ibm erzäblen hörte. 

Der jetige Schah wurde von feinem erften Mini: 
fter Sbrabim Chan, der ihn früher auf den Thron 
geſetzt, als er noch ein Kind war, lange in folcher 
Abhängigkeit erhalten, daß er nur dem Namen nad) 
regierte. E8 war ihm um fo unmöglicher, Wider: 
ftand zu leiften, da jede Gouverneurftelle der Pro: 
pinzen und erften Städte des Reichs ohne Ausnahme 
durch Verwandte und Creaturen des Miniſters bes: 
feßt worden war. Endlich befchloß der König, um 
jeden Preis fich einer folchen Sklaverei zu entziehen, 
und wählte folgendes energiiche Mittel dazu, welches 
den Achten vrientalifchen Charafter an fih fragt. 
Es eriftirt nämlich, nach den alten Geſetzen des 
Reichs, eine Klaffe Soldaten in Perſien, die in allen 
Haupfftädten nur fparfam verkbeilt ift, und des Ko: 
nigs Garde heißt. Diefe befolgen Feine andern Be: 
fehle als folche, welche unmiftelbar vom König felbft 
gegeben werden, und mit feinem Nandfiegel unter: 
zeichnet find, Daher auch diefe Garden allein vom 
alles beberrfchenden Minifter unabhängig geblieben 
waren, und die einzige fichere Stübe des Throns 
bildeten. An die Chefs diefer Vertrauten erließ der 
König nun im Geheim felbft gefchriebene Befehle, 
die dahin lauteten, an einem gewilfen Tage und 
Stunde alle Verwandte Ibrahims im ganzen Reiche 
zu ermorden. Als die bezeichnete Stunde herannabte, 
hielt der Schach einen Divan, fuchte wahrend deſſel— 
ben Streit. mit Ibrahim berbeizuführen, und als Die: 


LE Ra 2 ehe a 
nr ‚ — 


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68 


fer, wie gewöhnlich, einen hoben Ton annahm, be: 
fahl er ihm, fich fofort in das Staatsgefaͤngniß zu 
begeben. Der Minifter lächelte, indem er erwiederfe: 
„Er werde gehen, der König möge jedoch bedenken, 
daß jeder Gouverneur feiner Provinzen deshalb Ne: 
henfchaft von ibm fordern werde.” Nicht mehr, 
Freund Ibrahim, riefder König beiter; — nicht mehr — 
und indem ex feine englifche Uhr bervorzog und dem 
befretenen Minifter einen verderbenden Blick zuwarf, 
feßte er Faltblütig hinzu: In diefer Minute hat der 
legte Deines Blutes zu atbmen aufgehört, und Du 
wirft ihm folgen. — Und ſo geſchah es. 

Die zweite Anefdote zeigt, daß der König zugleich 
nach dem Prinzip der franzöfifchen chanson handelte, 
welche ſagt: „quand on a depeuple la terre, ıl faut 
la repeupler apres.“ 

Sir Gore bat bei feiner Abſchieds-Audienz den 
König, ibm gnädigft zu fagen, wie viel Kinder er 
babe, um über ginen fo intereffanten Umftand- feinem 
eignen Monarchen Rechenſchaft geben zu können, 
wenn diefer ſich darnach, wie zu vermutben ftehe, 
erkundigen follte. „Hundert vier und fünfzig Söhne,“ 
erwiederfe der Schach. Darf ich nochmals Ew. Ma: 
jeftät zu fragen wagen, wie viel Kinder? Das Wort 
Mädchen durfte er nach der orientalifchen Etikette 
nicht ausfprechen, und die Frage überhaupt war fchon 
nad) dorfigen Anfichten faſt eine Beleidigung. Der 
König indeß, der Sir Gore fehr wohl wollte, nahm 
ed nicht übel auf. Aha ich verftehe, lachte er ibm 
zu, und rief nun feinen oberſten Verſchnttenen her— 

Briefe eiues Verſtorbenen. IV. 5 


66 


bei: „Mufa! wie viel Töchter habe ich?“ König der 
Könige, antwortete Mufa, fich auf fein Angeficht nieder: 
werfend: Fünfhundert und Sechzig. — Als Sir Gore 
Dufely diefe Unterredung in Petersburg der Kaiferin 
Mutter erzählte, rief fie bloß aus: Ah le monstre! 


Den ıiften, 


Da die Seafon fih nun (Gottlob!) ihrem Ende naht, 
fo gedenfe ich in Kurzem eine Reife nach dem Norden 
von England und Schottland anzutreten, wohin ich 
auch mehrere Einladungen erhalten habe, mich aber 
lieber in Freiheit erbalten will, um das Land ä ma guise 
zu durchftreifen, wenn es Zeit und Umftände erlauben. 

Wir hatten beute einen der fchönften Tage, feit 
ih in England bin, und als ich Abends vom Lande 
zurücfehrte, wo ich zeitig beim Grafen Münfter ges 
fpeist, fab ich zum erftenmafe bier eine ifalienifche 
Beleuchtung der Ferne mit Blau und Lila fo reich) 
gefhmüct, wie ein Gemälde Claude's. 

Aprovos, als Motiz zur Nachahmung muß ic) 
Dir noch einen fehr hübſchen Blumentifh der Gräfin 
befchreiben. Die Platte ift Fryftallbelle8 Glas, dar: 
unter ein tiefer Tifchkaften, in welchen feuchter Sand 
gethan wird, und ein feines Drahfnet darüber ge: 
legt, in deffen Zwifchenräume man Dicht, eine neben 
der andern, frifhe Blumen ftedt. So fehiebt man 
den Kaften wieder ein, und bat nun zum Gchreiben 
und Arbeiten das ſchönſte Blumengemälde vor fich. 
Will man fih aber am Dufte erlaben, fo ſchlägt man 


67 


den Glasdeckel auf, oder nimmt ihn ganz weg, Wozu 
er eingerichtet ift. 

Die Kinderbälfe find in diefer Seaſon fehr an 
der Zagesordnung, und ich befuchte Abends einen 
der bübfcheften diefer Art bei Lady Serfey. Diefe 
vornehmen nordifchen Kinder waren alfe möglichft 
aufgeputzt; und viele nicht ohne Grazie, aber es that 
mir ordentlich weh, zu bemerken, wie fehr fte ſchon 
aufgehört hatten, Kinder zu feyn, denn die armen 
Dinger waren größtentbeils fchon eben fo unnatür— 
ih, fo unluftig, und fo mit fich ſelbſt befchäftigr, 
ald wir größern Figuren um fie ber. Sstalienifche 
Bauernfinder würden hundertmal liebenswürdiger 
gewefen feyn. Nur beim Eſſen erfchien der ange: 
borne Trieb wieder offner und ungenirter, und die 
durchbrehende Ginnlichfeit feste die Nafur wieder 
in ihre Rechte ein. Das bübjchefte und reinfte diefer 
Naturgefühle war die Zärtlichkeit der Mütter, die 
fich ohne Affektation in ihren glänzenden Blicken verrieth, 
und mance Häßliche ſehr Leidlich erfcheinen machte, 
die Schönen aber zu böberer Schönheit verflärte, 

Ein zweiter Ball bei Lady NR... bot nur die, 
hundertſte Wiederholung des gewöhnlichen ftupiden 
Gedränges dar, in dem der arme Prinz B., für deſſen 
Korpulenz dieſe Preſſe nicht geeignef ift, obnmächtig 
geworden war, und auf das Trepvengeländer gelebnt, 
wie ein abitebender Karpfen nad Xuft fchnappte. 
Bergnügen und Glück werden doch auf fehr feltfame 
Weiſe in der Welt gefucht, 


68 


Den 3ten Suli., 


Um eine einfame Fiſchmahlzeit zu machen, ritt ich 
Nachmittag, nach einem großen Umweg gen Green: 
wich. Die Augficht von der dortigen Sternwarfe ift be: 
fonderg dadurch merfwürdig, daß das ganze Stück Erde, 
welches man überfieht, faft nur von der Stadt London 
eingenommen wird, denn immer weiter und weiter 
breitet fie feit Jahren ihre Polypenarme aus, und ver: 
fchlingt einen der kleinen Derter, die fie umgeben, nach 
dem andern. Freilich für eine Population, die bald der 
des Königreichs Gachfen (feit dieſes jüdifch behandelt, 
namlich befchniften wurde) gleichfümmt, bedarf es Plab. 

ch Fehrte in der Shiptaverne ein, übergab mein 
Pferd dem Hausknecht (denn ich war ganz allein, 
und die Wartung der Pferde ift bier fo allgemein 
vortrefflih, doß man das befte Pferd unbedingt der 
Sorge des Hoftlers in jedem Gaſthofe überlaffen 
kann) und erbielf ein febr nettes Zimmer, mit einem 
über die Themfe bervorfpringenden Erker, unter dem 
die Fifche noch herumſchwammen, die ich, menfchliz 
cheg Raudthier, bald unbarmberzig verzehren follte. 
Der Fluß war durch hundert Barfen belebt, Gefang 
und Muſik fönte freundlich) von den vorbeifegelnden 
Dampffchiffen berüber, und die Sonne fenfte fid 
über der bunten Scene, blutroth im leichten” Nebel: 
fhleier, dem Horizonte zu. Ich gab, am Fenfter 
fitend, meinen Gedanken vielfache Audienz, bis die 
bereinfommenden Seegale, Slounders und Sole, alle 
auf verfihiedene Art zubereitet, mich zu maferielerem 
Genuffe aufforderten. Champagner in Eis und Lord 


69 


Cheſterfields Briefe, die ich zu mir geſteckt, würzten 
das Mahl, und nach einer Fleinen Giefte, während 
der die Nacht eingebrochen war, beftieg ich wieder 
mein Roß, und ritt die anderthalb dentfchen Meilen 
bis zu meiner Wohnung in einer ununterbrochenen 
Allee von hellſchimmernden Gaslaternen, auf der wohl: 
arrofirten Straße langfam nad) Haufe. Es fuminte 
gerade Mitternacht, als ich dort anfam, und ein 
fchwarzbehangener Sarg fuhr, wie eine Geiftererfchei: 
nung, links an mir vorüber. 


Den 5ten, 


Auf Almacks gab mir B. Deinen Brief, und ich 
eilte fogleich damit home, Wie fehr haben mich Deine 
Schilderungen gefreut, und faft hätte ich über die 
ehrlichen alten Parfbäume geweint, die miv durch Dich 
zuriefen: O Herr, börft Du nicht, von tauſend Vögel: 
chen belebt, unfrer Wipfel Rauſchen? .. Ach ja! ich 
höre es im ©eifte, und werde auch nicht eher wieder: 
wahre Freude empfinden, bis ich dort angelangt bin, 
wo meine freuefte Freundin weilt, und wo meine 
Pflanzenfinder mir entgegenwachfen. Für das fünf: 
blättrige SKleeblatt danfe ic, vielmald, und da das 
N ferd des beigefügten, tauſend Glück bringenden Wiener 
Poſtillons unterwegs feinen Schweif verloren bat, fo 
babe ich diefen durch das Kleeblatt erfegt, welche Ve: 
getabilie ihm ein wahres heiliges Allianz-Anſehen gibt. 

Hier unterbrach) mich der alte B....dE mit der 
Srage, ob er den Reſt der Nacht wohl ausgeben 


70 


dürfe, früh um 8 Uhr ſey er wieder da. Ich gab lächelnd 
meine Erlaubniß, und frug, welche Abenteuer er fich 
denn vorgenommen ? „Ach,“ war die Antwort, „ich will 
blos einmal hängen feben, und wie fie das bier machen, 
denn um 5 Uhr follen fünfauf einmal gehenkt werden,“ 

Welcher Mißton Hang mit diefen Worten in mein 
Leben voll Saus und Braus! Welcher Contraſt mit 
den Taufenden, von Zanz und Luft Ermüderen und 
lleberfättigten, die um jene Stunde zu bebaglicher 
Ruhe zurückkehren, und jenen Unfeligen, die unter 
Zodesangfi und Schwerzen zur ewigen eingeben müſ— 
fen. Sch rief wieder mit Napoleon: O monde, o 
monde! und konnte lange nach dem in Frivolifät ver: 
geudeten Tage nicht einfchlafen, verfolge von dem 
Gedanken, daß eben jest die armen Unglüdlichen ge: 
weckt würden, um von der Welt und ihren Freuden 
einen fo fhaudervollen Abfchied zu nehmen , nicht ge: 
hoben und gen Himmel getragen durch das Gefühl, 
Märtyrer des Guten und Großen zu feyn, fondern 
fich der gemeinen, der erniedrigenden Schuld bewußt. 
Man bemitleidet den, der unfchuldig leidet, weit be: 
mitleidungsmwertber feheint mir der Schuldige! 

Meine Einbildungsfraft gebt, einmal angeregf, 
immer efwas weiter als räthlich, und fo erfchien mir 
auch jetzt aller eitle Genuß, alle jene die Armuth 
und das Elend höhnenden Naffinements des Luxus 
eine wahre Sünde, und recht vft fühle ich mich in 
diefer Stimmung, — Nicht felten bat e8 mir die befte 
Mahlzeit verbittert, wenn ich die armen Diener be: 
trachtete, die zwar gegenwärtig feyn Dürfen, aber 


Dj 


4 


71 


nur als zureichende Eflaven, und doch von derſcelben 
Mutter Natur geboren ſind — oder an den Dürftigen 
dachte, der nach des langen Tages angeſtrengter Arbeit 
die karge ärmliche Nahrung am Abend kaum erſchwin— 
gen kann, während wir, wie auf jener engliſchen Car— 
rikatur, überfüllt von Genuß, den Bettler um feinen 
Hunger beneiden! Darin eben liegt aber vielleicht 
die Eomipenfation und unfere Entfhuldigung, daß 
wir alfer diefer guten und gerechten Gefühle ungeach: 
tet (ich fehließe von mir auf andere) ung dennoch 
fehr entrüften würden, wenn der erwähnte Diener 
Tantalus einmal mit ung von der wohlbefegten Tafel 
zulangen, oder der Arme im unbochzeitlichen Kleide 
fich felbft bei ung zu Tiſche bitten wollte. Gott hat 
es felbft fo angeordnet, daß die Einen genießen, die 
Andern entbehren follen, und es bleibt fo in der 
Welt! Jedem Ruf der Sreude ertönt am andern Ort 
ein Echofihrei der Angft und Verzweiflung, und wo 
Raferei fich bier den Kopf zerfcehmettert, fühlt ein Andrer 
in demrelben Augenblick das höchfte Entzücken der Luft! 

Alfo gräme fi Niemand unnüß darüber, wenn 
er auch weder verdient noch begreift, warum es ihm 
beſſer oder ſchlechter als Andern geht. Das Schickſal 
liebt einmal dieſe bittere Ironie — drum pflückt, o 
Menſchen, die Blumen kindlich ſo lange ſie blühn, 
theilt ihren Duft wo ihr könnt, auch Andern mit, 
und bietet männlich dem eignen Schmerz eine eherne 
Bruſt. 


12 
Den Tten. 


Sch Fehre wieder zur Tages: Ehronif zurück. 

Nachdem ich bei Sir 8... dem Epifuräer, gegeilen, 
brachte ich den Abend in einer Eleinen Geſellſchaft 
bei der Herzogin von Kent fehr angenehm zu; denn 
Die hiefigen Hofeirfel, wenn man fie fo nennen will, 
baben gar nichts Aehnliches mit denen des Conti: 
nents, welche den diftraiten Grafen R... einft ver: 
führten, dem Könige von B.., der ihn frug, wie 
er fich auf dem heutigen Balle amüfire, zu antivorten! 
D, fobald der Hof wegift, denfe ich ſehr luftig zu feyn. 

Ganz fpät fuhr ich von hier noch zu einem Ball 
‚bei der Fürftin &...., eine Dame, deren $efte ihrer 
Vornehmheit par excellence ſtets völlig angemeffen 
find. Das bier zufällig angefponnene Geſpräch mit 
einem andern Diplomaten verfchaffte mir einige nicht 
unintereffante Notizen. Er erzählte von jener difſi— 
cilen Miffion, deren Aufgabe war, die Kaiferin der 
Franzoſen mitten aus einer, Napoleon noch ganz ere 
gebenen Armee, die aus wenigftens 12,000 Mann 
augerlefener Truppen beftand, gutwillig zu entführen. 
Wider alles Bermutben fand er aber bei Marie Luife 
foft gar Feinen Widerftand, und fehr wenig Xiebe 
zum Kaifer (was auch wohl die Folge beftätigt hat). 
Der Feine fünfjährige König von Rom allein wei: 
gerte fich ftandhaft zu folgen, und konnte nur mit 
Gewalt dazu gezwungen werden, fo wie er fi) auch, 
wie durch einen beldenmäßigen Snftinft geleitet, ſchon 
in Paris eben fo beftimme der püfillanimen Abreife 


73 


der Regentſchaft nicht anfchließen wollte. Die Nolte, 
welche manche andere bekannte Männer dabei fpiel: 
ten, übergebe ich, aber fie beftärfte mich in der Ue— 
berzeugung, daß die franzöſiſche Nation fih nie fo 
tief unter ihrer Würde gezeigt, als zu der Zeit der 
Abdifation Napoleons. 


— — — 


Den 19ten, 


Es wird nun fo drücend heiß, wie ich es in dies 
ſem DNMebellande kaum für möglich gehalten hätte. 
Der Rafen in Hydeparf gleicht der Zarbe des San: 
des, und die Bäume find fahl und verfrocnet, auch 
die Squares in der Stadt feben ungeachtet alled Be: 
gießeng, nicht viel beffer aus. Demungeachtef wer: 
den die Graspläge fortwährend fo forgfältig geſcho— 
ren und gewalzt, als ob wirklich noch Gras darauf 
vorhanden wäre. Gewiß Fünnte man mit gleicher 
Pflege und Sorgfalt im füdlichen Deutfchland ſchö— 
neren Rafen als bier erzielen, aber man wird es doch 
nie dahin bringen, denn wir find zu bequem dazu. 

Mit der Hitze leert fih auch London täglich mehr, 
und die Seaſon ift fo gut wie vorbei. Zum erften: 
mal befand ich mich heute ohne irgend eine Einla: 
dung, umd benußte die Freibeit fogleich zu verfchiede: 
nen Ereurfionen. Unter andern befab ich die Gefäng: 
niffe von Singsbendh und Newgate. Das erfte, wel: 
ches. hauptſächlich für Schuldner beftimme iſt, bildet 

“eine völlig ifolirte Welt im Kleinen, einer nicht un: 
bedeutenden Stadt ähnlich, welche jedoch von unge: 


74 


wöhnlichen, nämlich dreißig Fuß hohen Mauern um— 
geben iſt. Garküchen, Leihbibliotheken, Kaffeehäu— 
ſer, Buden und Handwerker aller Art, ſchönere und 
ärmlichere Wohnungen, ſelbſt öffentliche Plätze und 
Mädchen, auch ein Markt fehlen nicht. Auf dem 
letztern wurde bei meiner Ankunft eben ſehr geräuſch— 
voll Ball geſpielt. Wer Geld mitbringt, lebt, bis auf 
die Freiheit, im Bezirk des Orts ſo gut und ange— 
nehm als möglich. Selbſt an ſehr anſtändiger Ge— 
ſellſchaft von Damen und Herren iſt in der kleinen 
Commune von tauſend Menſchen nicht immer Man: 
gel, nur wer nichts hat, ift übel dran. Für einen 
Solchen aber ift ja jeder Ste der Erde ein Gefäng: 
niß! Lord Cochrane hat eine Zeit in Kingsbench zus 
gebracht, als er, um die Fonds fallen zu machen, 
eine falfche Nachricht hatte verbreiten laſſen, und der 
reiche und angefebene Sir Francis Burdet faß eben: 
falls bier geraume Zeit wegen eines Libells, dag er 
verfaßt. Der Gefangene, welcher mich herumfübhrte, 
war bereitg zwölf Sabre ein Bewohner diefes Orts, 
und äußerte mit dem beften Humor, daß er wohl nie 
mehr herauszukommen Hoffnung babe, Aehnlich 
fprach fich eine alfe, febr anftändige Franzöſin aus, 
die gar nicht einmal ihre Verwandten von ihrer Lage 
unterrichten wollte, indem fie bier zufrieden lebe, und 
nicht wiffe, wie es ihr in Frankreich ergeben möchte, 
wobl eingedenf que le mieux est l’ennemi du bien. 

Echlimmer fiebt es in Newgate, dem Gefängniffe 
für Verbrecher aus. Aber auch bier berrfchte viert 
Milde in der Behandlung, und dabei eine mufter: 


73 


bafte Reinlichkeit. Das Goudernement gibt jedem 
Berbrecher früb eine halbe Kanne dicke Gerftenfchleims 
Suppe, Mittags, den einen Tag ein halbes Pfund 
Fleiſch, den andern Fleiſchbrüh-Suppe, und täglich ein 


Mfund gutes Brod. Außerdem ift ihnen auch noch 


anderes Eſſen und eine halbe Flaſche Wein täglich zu 
Taufen erlaubt. Sie befchäftigen fich den Tag über, 
wo fie fich in befondern Höfen, die zu einer gewillen 
Anzahl Stuben gebören, aufhalten Fünnen, wie und 
womit fie wollen. Für diejenigen, welche arbeiten 
wollen , gibt es Werkftätten; viele aber rauchen und 
fpielen nur von Früh bis Abend im Hofe, Um 9 Uhr 
Morgens müffen ſich alle zum Gottesdienſt verfammeln. 
Gewöhnlich wohnen 7 — 8 in einer Stube Zum 
Schlafen erhalten fie jeder eine Matratze und zwei 
Decken, auch Kohlen zum Kochen, und im Winter zum 
Heizen, fo viel nöthig it. Die zum Tode Verurtheil— 
ten kommen in befondere, etwas weniger fommode 
Zellen, wo zwei big drei in einer fchlafen. Am Tage 
haben indeß auch diefe ihren Hof zur Recreation und 
zum Eſſen eine befondere Stube, Sch fah ſechs Kna— 
ben, wovon der ältefte Faum vierzehn Jahre zählte, und 
die alle unter Todesurtbeil fhwebten, fehr Fuftig bier 
rauschen und fpielen. Das Urtheil war indeffen noch 
nicht beftätigt, und fie daher noch mit den übrigen Ge: 
fangenenzufammen. Dan glaubte, fie würden begnadigt 
und nur Zeitlebens nach Botanybay gefchickt werden. 

Dier Aeltere, die ſich in derfelben Lage befanden, 
nur mit dem Unterſchied, daß fie, wegen zu fehwerer 
‚Derbrehen auf Feine Begnadigung rechnen durften 


76 


und ihr Lebensende in wenig Wochen erwarten muß: 
ten, nabmen demohngeachtet ihr Schicfal noch humo— 
riftifcher auf als jene, denn drei davon fpielten ſehr 
geräufchvolt, unter Späßen und Gelächter Whift mit 
dem fodfen Mann, der vierte aber faß auf dem Fen— 
fterbreft, wo er eifrig in einer Grammatik ftudierte, 
um — franzöfifch zu lernen! C’etait bien un phi- 
losophe sans le savoir. 


Den 12ten. 


Geſtern Abends beſah ich mir zum erſtenmal Vaux— 
hall, ein öffentlicher Garten, in dem Geſchmack von 
Tivoli in Paris, aber weit glänzender und grandio— 
ſer. Die Illumination mit Tauſenden von Lampen 
in den brennendſten Farben iſt ungemein prachtvoll. 
Beſonders ſchön nahmen ſich coloſſale unter den Bäu— 
men aufgehangene Blumen-Bouquets aus, wo die 
Blumen von rothen, blauen, violetten und gelben 
Lampen, die Blätter und Stiele von grünen gebildet 
wurden, dann Kronleuchter von einem bunten türki— 
fchen Mufter aller Nüancen, und ein Tempel für die 
Muſik, von dem königl. Wappen nebfi dem erest dar: 
über gekrönt. Mehrere Triumphbögen waren nicht 
wie fonft gewöhnlich, von Brettern aufgeführt, ſon— 
dern fransparent von Eifen gegofien, welches fle uns 
endlicy eleganter und dennoch eben fo reich erfcheinen 
ließ. 

Weiterhin breitet fich der Garten noch mit verfchiede: 
nen Abwechslungen und Darftelungen aus, wovon 


77 


heute die merkwürdigſte die der Schlacht von Water: 
loo war. Um 7 Ubr wird der Garten geöffnet. Aller 
Drten giebt es verfchiedene Darftelungen. Um 8 Ubr 
beginnt die Oper. Diefer folgen anderswo Geiltänger, 
um 10 Uhr zum Schluß die erwähnte Schlacht von 
Waterloo. Dies Schaufpiel ift fonderbar genug, und die 
Täuſchung wirklich in manchen Scenen fehr groß. Sum 
Schauplatz dient ein Theil des freien Gartens felbft, 
der mit uralten Kaftanienbäumen, mit Gebüfdy unter: 
mengf, beſetzt ift. Zwifchen vier der erften, deren Laub 
fo dicht ift, daß Faum der Himmel durchſchimmern Fann, 
war eine Zribune mit Gradins für ungefähr 1,200 Men: 
fchen errichtet‘, die wohl bis 40 Fuß Höhe hinanftieg. 
Sn einem furchtbaren Gedrange, nicht ohne einige 
empfindliche Stöße zu erhalten und auszutheilen, ers 
reichten wir unfern Sitz. Es war eine warme, wunder: 
liebliche Nacht. Der Mond fchien äußerſt hell und zeigte 
in einer Entfernung von ungefähr 50 Schritt zwifchen 
zwei NRiefenbäumen einen colofjalen Vorhang von 
rotbem Zeuge, mit den vereinigten Wappen Großbri— 
taniens bemalt. Hinter dem Vorhang ragten viele andere 
Baum:Gipfel, fo weit man feben Fonnte, hervor. 
Nach einer minufenlangen Gtille donnerfe ein 
Kanonenſchuß durch den Wald und die militairifche 
Mufif von 2 Garde : Regimentern erfünte zugleich in 
grandivfer Harmonie aus der Ferne. Der Vorhang 
öffnete fich in der Mitte, raufchte von einander, und 
wir erblickten wie im Tageslicht auf einem Boden, 
der fih fanft erhebt, unter hoben Bäumen hervor: 
fhimmernd, das Vorwerk Houguemont (nicht eine 





78 


Dekoration, fondern aus Holz aufgebaute Facaden mit 
gemalter Leinwand befleidet, die wirkliche Häufer voll: 
fommen nahahmten) und aus dem Walde avancirten 
unter militairifcher Muſik die franzöſiſchen Garden, freu 
uniformirt, mit ihren bärtigen Sapeurs voran. Gie 
formiren fih "in Parade und Napoleon auf feinem 
Schimmel, im grauen Leberrod, von mehreren Marz: 
ſchällen begleitet, paſſirt fie en revüe, Ein tauſend— 
ſtimmiges vive P’Empereur erfchaltt, der Kaifer berührt 
feinen Hut, eilt im Galop weiter, und die Truppen 
in gedrangten Maſſen bivouafiren. Nach einiger Zeit 
beginnt ein fernes Schießen, es wird immer fumul: 
tuarifcher auf der Scene, und die Franzomn marfchiren 
ab. Kurz darauf erſcheint Wellington mit feinem es 
neralftad, alle in recht guter Copie der Perfonalitäten, 
haraͤnguirt feine Truppen und reitet langfam ab. Das 
große Driginal befand fich Felbft unfer den Zufchauern, 
und lachte herzlich über fein Conterfey. Jetzt beginnt 
das Gefecht durch Tirailleurg, ganze Colonnen rüden 
dann gegeneinander an, machen Attaken mit dem Ba: 
jonet, die franzöfifchen Cüraſſiere chargiren die ſchot— 
tifchen Quarres, und da gegen 1000 Menfchen und 200 
Pferde in der Action find, auch das Pulver nicht gefpart 
wird, fo waren manche Momente in der That auffallend 
einem wirklichen Gefechte ähnlich. Beſonders gut ges 
riethb der Sturm auf Houguemont, das in derfelben 
Zeit durch einfchlagende Bomben in Feuer aufgeht. 
Der dichtefte Rauch eines wirklihen Feuers verhüllte 
eine Beit lang die Streifenden, die im allgemeinen 
Tumult nur durch die Blitze des Fleinen Gewehr: 


9 


feuers theilweife fichtbar wurden, während mehrere 
Sterbende und Todte den Vordergrund einnahmen. 
Als der Rauch fich verzog, ftand Houguemont noch in 
Slammen, die Engländer ald Sieger, die Franzofen 
ald Gefangene umher, und von weiten fab man 
Napoleon zu Pferde, und binfer ibm feinen vierſpän— 
nigen Wagen über die Scene flieben. Wellington 
aber als Sieger wurde unfer dem fernen Kanonen— 
donner mit Hurrah-Geſchrei begrüßt. Die läcerliche 
Eeite der Vorftellung war Napoleon, welcher der 
Giteffeit der Engländer zu Liebe, mehreremal flüchz 
tend und verfolge über die Scene jagen und dem 
Plebs in gufem und fchlechfem Anzug zum Jubel die: 
nen mußte. Das ift dag Loos des Großen auf der 
Erde! der Welteroberer, vor dem einft die Erde zit: 
ferte, dem das Blut von Villionen bereitwillig floß, 
und auf deſſen Winf die Könige laufchten — ift jet 
ein Kinderfpiel, die Mährchen feiner Zeit verfhwun: 
den wie ein Traum, der Jupiter dahin, und Scapin, 
wie e8 fiheint, allein noch übrig. Obgleich nach Mit: 
ternacht, war e8 doch noch Zeit genug, mic) aus der 
feltfamen Licht: und Mondſcheinsſcene auf einen glän: 
zenden Ball bei Lady 8... zu begeben, mit vielen 
- Diamanten, ſchönen Weibern, Eoftbaren Erfrifchun: 
ger, ſchwelgeriſchem Soupé, und colofjalem Ennui. 
Schon um 5 Uhr früh ging ich daher zu Bett. 


Den I3ten, 
Oft hatte ih von einem gewiffen Herrn Deville 
in der City gebörf, einem Schüler Galls, paſſionir— 


so 


ten Craniologen, der unentgeldlich, um ſeine eignen 
Kenntniſſe zu bereichern, alle Tage der Woche zu ge— 
wiſſen Stunden Audienz ertheilt, und jedem die ge— 
wünſchte Auskunft giebt. Er unterſucht den Schä— 
del ſorgfältig und macht gefällig mit dem Reſultat 
bekannt. 

Voller Neugierde beſuchte ich ihn dieſen Morgen, 
und fand ſein Empfangzimmer, in welchem eine merk— 
würdige Sammlung aller Arten von Schädeln auf— 
geſtellt war, mit mehrern Damen und Herren ange— 
füllt, die theils ihre Kinder zum Behufe fernerer Er: 
ziehung unterſuchen ließen, theils, vielleicht Aemter, 
ſuchend, oder ſchon im Beſitze derſelben, ſich erkundig— 
ten, ob jie fie wohl auch verwalten könnten? Ein 
einfacher, ernfter und blaffer Mann verrichtete dies 
Geſchäft mit fihtlihem Wohhvouen und Vergnügen. 
Sch wartefe, bis alle Uebrigen weg waren, und bat 
nun Herrn Devilfe, mir eine befondere gütige Berück— 
fihtigung zu fehenfen, da e8 zwar zur Erziehung lei: 
der zu fpät bei mir fey, ich auch Fein Amt babe, aber 
fehr wünfche, eine folche Charafteriftif von ihm zu ver: 
nehmen, die ich mir, zu noch thunlicher Vervollkomm— 
nung, gleich einem Spiegel vorhalten Fünne Er ſah 
mich ſehr aufmerffam an, vielleicht um Zuerft auf 
Lavater'ſchem Wege zu erfpäben, ob id de bonne foi 
oder als Schalf bier aufträte, und bat mich dann böf: 
lich, ab zu nehmen. Er befühlte hierauf meinen 
Kopf wohl eine gufe Viertelftunde lang, wonach er 
in abgebrochenen Säten folgendes Portrait von mir 
entwarf, das Dich, die mich fo genau Fennt, gewiß 


hl 

eben fo fehr überrafchen wird, als ed mich, ich ge: 
ftehe es, in feine geringe Verwunderung ſetzte, denn 
es war ganz unmöglich, daß er je früher irgend et: 
was von mir erfahren haben, noc mic Fennen fonnte, 


Da ich Altes fogleich auffchrieb, und die Sache, 
wie Du denfen fannft, mich nicht wenig infereffirte, 
fo glaube ich nicht, daß ich mich bei der Wiederholung 
in einem irgend wefentlihen Punkte irren Fann*), 


„Ihre Freundſchaft,“ fing er zuerſt an, „ift ſehr 
fchwer zu gewinnen, und nur durch Solche, die fich 
Ahnen ganz und mit der größten Treue widmen. 
Sn diefem. Falle werden fie aber Gleiches mit ©fei: 
chen mit unwandelbarer Beftändigfeit vergelten.“ 


„Sie find leicht zu reizen in jeder Hinficht und 
dann großer Extreme fähig, geben aber weder der 
feidenfchaftlichen Liebe, noch dem Haß, noch andern 
Reidenfchaften eine lange Folge.“ 


„Sie lieben die Kunft, und werden, wenn Gie 
ausübend darin find oder werden wollen, fich ohne 
Echwierigfeit darin ausbilden können, und ich finde 
die Kraft der Compofition auf Ihrem Schädel ſtark 
ausgedrückt. Gie find Fein Nachahmer, fondern wol: 


9Ich war im Begriff, diefe Stelle wegzulaffen, die aller: 
dings zu fehr der vertrauten Correspondenz angehört, um 
viele Leſer intereffiren zu koͤnnen. Da fie aber den feligen 
Verfaſſer wirklich" ungemein treu fchildert, und fpäter der— 
felbe manchmal darauf Bezug nimmt, fo hoffe ich, wird man 

- mir die Beibehaltung derfelben verzeihen; WEN 


Briefe einzd Derflostin.n. LY, 6 


82 


ten ferbft fchaffen, ja es muß fie dag Gefühl oft 
drangen, Neues hervorzubringen.“ $ 

„Sie baben auch einen ftarfen Sinn für Harmo: 
nie, Ordnung und Symmetrie. Wenn Gie Diener 
haben, oder Handwerfer befchäftigen, werden diefe viel 
Mühe finden, Sie zu befriedigen, weil Ihnen nichts 
genau und accurat genug feyn kann.“ 

„Sie haben fonderbarer Weife die Liebe zum Häus— 
lichen und die des Umherſchwärmens in der Welt, 
welche fich gegenfeitig opponiren, gleich ſtark.“ 

"„Gewiß werden Sie daber auf Reifen, fo weit es 
Ihre Mittel erfauben, gern recht viel Dinge mit 
fih führen, und überall fich fo ſchnell, als möglich, 
das häusliche, gewohnte Bild wieder herzuſtellen 
fuchen.“  . 

(Dies fo freffende und fo fehr in's Detail Gehende 
frappirfe mich befonderg.) 

„Ein ähnlicher MWiderfpruch finder fich bei Ihnen, 
in einem fiharfen Verſtande (verzeibe, aber ich muß 
feine Morte treu wiederholen) und einer bedeutenden 
Anlage zur Schwärmerei. Sie müffen innig religieug 
ſeyn, und werden doch wahrfeheinfich Feiner pofitiven 
Form der Religion fonderlih anbangen, vielmehr 
. (ebenfalls feine eignen Worte) eine erfte Urfache aller 
Dinge unter einem moralifchen Geſichtspunkte ver: 
ehren mögen.“ r 

„Sie find fehr eitel, doch nicht von der Ark, die 
viel zu ſeyn glaubt, -fondern viel feyn möchte. Daher 
wird Ihnen auf die Länge die Gefellfchaft Ueberlege— 
ner, Höherer in irgend einer Art, ja felbft Ihres 


83 


Gleichen nicht ganz wohl thun. Necht behaglich (easy) 
finden Sie fid) nur da, wo Sie auf eine Weife wes 
nigftens entweder durch ihre Etellung, oder in ir— 
gend einer andern Beziehung anerfannt präponderi: 
ven. Das Gegentheil, verſteckte Satyre, fiheinbare 
Kälte, befonders wo fie fich nicht beftimme feindfich, 
nur ungewiß ausfpricht, paralyſiren ihre Fähigkeiten 
teicht, und Eie werden ſich, wie gefagf, ganz unge: 
zwungen und heiter (cheerfull) nur da bewegen Fön: 
nen, wo Shre Eitelkeit durch nichts niedergedrückt 
(hurt) wird, die Menfhen, mit denen fie umgeben 
find, Ihnen aber zugleich wohlwollen, wofür Ihre 
Gutmüthigfeit eines Shrer ftarfen Organe Sie fehr 
empfänglich macht.‘ 


„Diefe letztere, mit einem fcharfen Urtheil gepaart, 
macht Sie auch zu einem großen Verehrer der Wahr: 
beit und Gerechtigkeit. Das egentbeil empört Sie, 
und Sie werden obne alled yerfünliche Intereſſe im: 
mer die Partbei eines Unterdrücten lebhaft zu neb: 
men im Stande feyn. Auch Shr eignes Unrecht ge: 
fteben Sie gerne ein, und verbeffern es bereitwillig. 
Unangenehbme Wahrheit, die Sie betrifft, kann Gie 
wobl verdrießen, Sie werden aber dem, der fie aus 
feiner feindlichen Abſicht Ihnen ſagt, doch eher ge: 
neigt feyn, und jedenfalld deshalb wahre Achtung 
für ibn fühlen. Aug demfelben Grunde werden Sie 
Geburtediftinftionen eigentlich nicht zu hoch anſchla— 
gen, wenn Shre Eitelkeit auch nicht ganz unempfind: 
lich dagegen ift.“ 

6 


84 


„Sie laſſen ſich leicht hinreiſſen, es fehlt Ihnen 
aber dennoch an leichtem Sinn. Im Gegentheile ha— 
ben Sie cautiousness *) in zu hohem Grade, welche 
Ihrem Leben als Wermutb beigemifcht ift, denn Sie 
werden über Altes viel zu viel refleftiven, fich ab: 
wechfelnd die feltfamften Grillen machen, und gerade 
bei Kleinigkeiten, ohne Noth in Kummer und Eovrge, 
Mißtrauen in fich felbft und Argwohn gegen Andere, 
oder auch in Ayatbie verfallen, fih im Ganzen faft 
immer mit der Zufunff, wenig mit der Der: 
gangenheit und noch weniger mit der Gegenwart F 
ſchäftigen.“ 

„Sie ſtreben beſtändig, ſind begierig nach Aus— 
zeichnungen, und ſehr empfindlich für Vernachläſſi— 
gung, haben überhaupt ſehr viele Ambition und von al— 
len Arten, die Sie zugleich ſchnell wechfeln, auch gleich 
damit am Ziele ſeyn wollen, da Ihre Imagination 


ſtärker iſt, als Ihre Geduld, weßhalb Sie beſonders 


günſtige Umſtände finden müſſen, um zu reüſſiren.“ 

Sie haben jedoch Eigenſchaften, die Sie fäbig 
machen, nicht Gemeines zu leiſten, und ſelbſt das 
Organ der Ausdauer und Feſtigkeit iſt ſtark bei 
Ihnen ausgedrückt, aber von ſo vielen widerſtreben— 
den Organen gehindert, daß Sie einer großen Auf: 





*) Sft fchwer zu überfegen,, denn Vorfihtöfinn druͤckt es nicht 
hinlaͤnglich aus, vielmehr ift e8 dad Vermögen, ſich augen 

blicklich Alles zu denken, was in Folge einer Handlung ge— 
ſchehen koͤnnte, und fie fo, faft unwilltührlih , von allen 
Geiten beleuchten und ſich ausmalen zu muͤſſen, welches oft 
die Thatkraft laͤhmt. 


- 


85 
regung (exeitement) bedürfen, um Spielraum dafür 
zu gewinnen. Dann freten die edlern Kräfte hervor, 
und die geringern finfen.“ ; 

„Sie fhäsen Geld und Vermögen fehr bo, wie 
Alte, die viel thun wollen, aber nur als Mittel, nicht 
als Zweck. Geld an fich ift Ihnen gleichgültig, und 
es ift wohl möglich, daß Sie nicht immer ſehr haus: 
bälterifch damit umgehen.“ 

„Sie wollen in allen Dingen fehnell und augen: 
blieklich befriedigt feyn, wie mit dem Zauberftab; oft 
ftirbt der Wunſch eher, als die Erfüllung möglich ift. 
Die Sinnlichfeit und das Wohlgefallen am Schönen 
bat einen zu mächtigen Einfluß auf Sie, und da Eie 
fih zum ©ebieterifchen, Herrfchfüchtigen und Eitlen als 
lerdings neigen, fo findet fich bier ein Foyer von Ei: 
genfchaften, die Sie fehr zu hüten haben, um nicht 
in große Fehler zu verfallen, denn alle Eigenfchaften 
an fich find gut, nur ihr Mißbrauch bringt Unheil 
bervor. Selbſt die fo unrichfig von dem Vater un: 
ferer Wiffenfchaft bezeichneten Organe des Mord: und 
Diebsfinnes (jest richtiger Deftruftiongfinn und Er: 
langungsfinn benann®) find nur Anzeichen von That: 
fraft und Begebrlichkeit, die, mit Gutmüthigkeit, Ge: 
wiſſens- und VBorfichtsfinn verbunden, einen wohlbe— 
gabten Schädel formiren, ohne diefe intelleftuellen 
Eigenfchaften aber leicht zu Verbrechen führen mögen.“ 

Er fagte daher auch, daß. bei Beurtbeilung eines, 
Schädels es gar nicht auf die einzelnen Organe, ſon— 
dern auf ibren Compler anfomme, indem fie fich gar: 
mannichfaltig gegenfeitig modificiiten, ja zum Theil 


86 


pöllig neufralifirten, alfo nur die Proyorfion 
des Ganzen den eigentlihen Sclüffel zu dem 
Charakter des Menfchen geben fünne, 


ALS allgemeine Regel ftellte er auf: dag Men: 
fhen, bei deren Schädel — wenn man fich eine ge: 
rade Linie von oben big unfen, durch die Mitte dee 
Ddres gezogen denft — der vordere Theil eine größere 
Mafle, ald der hintere darbiete, empfeblenswertber 
feyen, weil der vordere Theil mehr die intelleftuellen 
Eigenfchaften, der bintere die thierifchen enthalte. 

Alle Schädel der Hingerichteten 3. B., die er be: 
faß, zeugten für diefe Lehre, und bei einem der Grau: 
famften nahm der Hinterkopf %5 des ganzen Schäs 
dels ein. Auch bei den Büften von Nero und Ca— 
racalla bemerft man ein ähnliches Verhältniß. 


Iſt dieſes jedoh im entgegengefehfen Extrem 
vorhanden, fo fehlt es den zu: intelleffuellen Indivi— 
tuen wiederum an Thatfraft, und auch Bier, wie 
in allen Dingen, ift ein billiges Gleichgewicht dag 
MWünfchengswertbefte. 2 

Herr Deville behauptet, daß man nicht nur ber: 
vorftechende günftige Organe durch Uebung der von 
ibnen bedingten Eigenfchaften fehr vergrößern Fünne, 
fondern auch dadurch andere nachtheilige vermindern, 
und verfichert, daß Fein Lebensalter hiervon ganz 
ausgefchloffen fey. Er zeigte mir den Schädel eines 
Freundes, der ſich noch im fechzigften Jahre einem 
febr anhaltenden Studium der Mathematik widmete, 
und in wenigen Sahren dadurch die betreffende bosse 


87 


fo merklich — we taß fie alle übrigen 
überragte, _ 


Zuletzt gab er mir se gleichſam als Beleg zu 
feiner Charafterfhilderung, eine Lifte der bei mir 
bauptfächlich bervorftebenden und gemeinfchaftlich wir: 
Eenden Organe meines Schädelg, die mir fein Urtheil 
ſehr wohl erflarten, die ich aber nicht ganz mitthei— 
len mag, da man ber fich feibft immer weislich noch 
etwas zurücbebalten muß, wie die verfrautefte Dame 
doch auch nicht alle Zoileftengebeimniffe enthüllt. Ob: 
nedieß Fennft Du mich in mancher Hinficht wahr: 
ſcheinlich noch befier, als Deville, da Dir ein mächs 
tigerer Talisman dazu zu Gebote ſteht, als die 
Cranologie — Achte und wahre Liebe Nur fo viel 
muß ich des Scherzes wegen anführen, 

Organ des MWunderbaren, ſchwach — weshalb ein 
Gläubiger an mir verdorben'ift, ohne deshalb ein 
Schuldner werden zu müffen. 

‚Spealität, ſehr ftart — weshalb ich nie mit der 
Gegenwart zufrieden bin. 

Sabtenfinn, ſchwach — weshalb ich fehr viel Mühe 
babe, Einnahme und Ausgabe ftets im richtigen. 
Verhältniß zu erhalten, und überhaupt Adam Rieß 
Nechenbuch nie gefchrieben haben würde, 

- Zeitfinn ift auch ſchwach, weswegen ich gewöhnlich 
überall zu ſpät fomme, als eine perfonifizirte moatarde 
apres dine, 

- Eminentes Vergleihungsorgan. Wieder unglücklich 
für gläubigen und biinden Gchorfam,. 


88- 


Ueber fo viele Fehler - fröftee mich fchlecht Die 
große bosse des Caufalitätd: Organs, welches ung 
unter andern zwingt, die Unzulänglichkeit der, menfch: 
then Eriftenz immer recht birfer vor Augen zu be: 
balten, indem es das Vermögen ausübt, fich felbft 
und den eignen Geift als ein Fremdes zu betrachten 
und zu analyfiren, fich zugleich mit den andern Men: 
fchen als ein Objekt zu beurtbeilen, und dabei will 
fürlich von altem zu abfirahiren, was durch Erzies 
bung, Schickſal u. f. w. auf diefe Weſen Einfluß 
gehabt bat und noch bat — oder um fchulgerechter 
‚zu fprehen: welches von allem die Urfache ergründen 
will, die Verbindung zwifhen Urfah und Wirkung 
genau erforfcht, nnd bei Allem den Menfchen zu fra: 
gen zwingt: Warum? eine . . . läftige Eigen: 
fchaft, die man auch im gewöhnlichen Leben Ver: 
nunft zu nennen pflegk 

Leider ift Eventualität bei mir weit fchwäder, - 
als jenes Organ. Diefed, welches man dag Reali— 
tätsvermögen nennen könnte, ift ebenfalls ziemfich 
fehwer zu definiren, und fein geringes Volumen bei 
mir verurtheilt mich, wie ich fürchfe, zu einer Art 
Moeten, der nur im Zraume fehen und Ieben darf, 
was er in der Welt felbft nicht erreichen kann. 
Eventualität ift nicht Thatkraft, obgleich ihr 
Mangel eine auf denfelben Zweck fortwährend ge: 
richtete Thatkraft verhindert, denn wo fie nicht ift, 
enffteht eine Abwefenheit des Intereffes und der Auf: 
merffamfeit auf das was gefchieht, ein Mangel des 
praftifhen Geſellſchaftsſinnes. Dan bat bemerkt, 


89 


daß alle großen Staatsmänner das Organ der Even: 
tualität im boben Grade befigen, welches zugleich 
eine große Begierde in fich begreift, Alles zu willen, 
was im Getreibe der Welt vorgeht, fih nur wohl 
im Gefchäftäftrudel zu befinden, der daraus hervor— 
geht, ſtets bereit zu feyn, darin handelnd einzugrei: 
fen, feine Mühe dabei fcheuend, und alle. ihre Im— 
pulfe nur von der äußern Wirftichfeit, nie von der 
innern Phantafie zu erhalten. An Cannings und 
noch mehr an Napoleons Gype: Schädel zeigfe Herr 
Deville Eventualität gigantifch vorherrfchend, bei bei: 
en waren aber auch die andern intelleftuellen Eigen: 
fihaften fehr ausgebildet, bei Napoleon die animalis. 
fchen eben fo Fräftig, bei Canning mehr Phantafie 
und Kaufalität. *) 


Den l4ten, 


Schon mehreremal habe ich den Architeften Herrn 
Naſh befucht, dem ich viel LXebrreiches in meiner 
Kunft verdanfe. Man fagt, daß er fich ein Vermögen 
von 500,000 2. St. im fpeziellen Sinne des Wortes 
„aufgebaut“ babe, Er befist einige herrliche Land: 
fie, und fein Künftler in der Stadt wohnt auch in 
diefer anmuthiger. Vor allen gefiel mir feine Biblio: 
thek. 


*) Darum ſtarb auch der Eine als Gefangener Europa's in 
Helena, der Andere vor Kummer über die Intriguen ſei⸗ 
ner Feinde im trauernden Vaterlande. — — 


90 ; 


Sie bildet eine fange, breite Gallerie mit zwölf 
fiefen Nifchen auf jeder Seife, und zwei großen Pors> 
falen an den Enden, die in zwei andere geräumige 
Bimmer führen. Die Galerie ift flach gewölbt, und 
erbält einen Theil ihres Lichts von oben durch eine 
zufammenbhängende Reihe eleganter Rofetten, deren 
mattes Glas verfchiedene grau in grau gemalfe Fi— 
guren ſchmücken. Sn jeder Nifche befinder fi im 
der Decke ebenfalls ein halbrundes Fenſter von lich— 
tem Glaſe, an der Rückwand oben ein Alfresco» 
Gemälde aus den Logen Raphaels, und unter dies 
fem auf Poftamenten aus Gyps: Marmor: Abgüffe 
der beften Antifen. Den übrigen Raum der Nifche 
- nehmen Schränfe mit Büchern ein, welche jedoch 
nicht böber, als das Poftament der Statue ift, ems 
porfteigen. Auf den breiten Pfeilern zwifchen den 
Nifchen find ebenfalls Arabesfen nad Raphael aug 
dem Vatican, vortrefflich al Fresco ausgeführt. 


Vor jeder Nifche, und etwas entfernt davon, ftebt 
in der mittleren Gallerie ein Tiſch von Bronce mit 
offenen Fächern, welche Mappen mit Zeichnungen 
enthalten, und auf den Tifchen Gypsabgüſſe irgend 
eines berühmten arciteftonifchen Monumentd bes 
Alterthums. Gin breiter Gang bleibt noch in der 
Mitte frei. 


Aller Raum an Wänden und Pfeilern, der Feine 
Malereien enthält, iſt mit mattem Stud belegt, der 
in einem  blaßröthlichen Tone gehalten, und mit 
goldnen ſchmalen Leiften eingefaßt ift. Die Ausfüh— 


‚91 


rung erfcheint durchgängig gediegen und vor: 
trefflich. ß ; 


Als ich von hier zum Dine fuhr, fab ich in der 
Themſe ein Boot, mit ganz nackten Menfchen, gleich 
Wilden, darin, von denen zu Zeiten einer hinaus— 
fprang, um zu ſchwimmen, eine Indecenz, die mich 
mitten in London verwunderte, um fo mehr, da ih 
erft geftern in der Zeitung las, daß vor einiger Zeit 
ein Offizier einen Mann, der fich auf ähnliche Art 
mit feinem Eohne nact unter den Fenftern feines 
Haufe badete, und der auf feinen Zuruf fich nicht 
entfernen wollte, obne Umftände mitten durch den 
Reib gefchoffen habe. Vor Gericht ſagte er aus, daß 
der Badende fih vor den Augen feiner Frau ſcham— 
(08 entblößt, was er nicht habe dulden können, und 
im äbnlihen Falle daber eben wieder ſo handeln 

würde, 8 ift charafteriftifch, daß er von der Jury 
frei gefprohen murde. Das Mittagsmahl bei dem 
porfugiefifchen Sefandten hätte bald wie das berühmte 
geft des Fürften Schwarzenberg in Paris geendet. 
Eine der fehönen filbernen Girandolen von Rune 
del and Bridge, die wie Diamanten glänzte, Fam 
dem Borhange zu nahe, welcher fogleich Lichterloh 
aufloderte, Das Teuer wurde jedoch fehnell gelöfcht, 
und zwar vom fpanifchen Gefandten, was bei den 
jesigen politifchen Conjuncturen den Zeitungen zu 

- Mipeleien bätte Anlaß geben können. 


Spät in der Nacht fuhr ich noch eine halbe Poft 
weit in die Stadt hinein, um mir den Kirdthurm 


92 


von Et. Giles zu befehen, deffen neues, colofjaled, _ 
rofenrothes Zifferblatt mit vielen Lampen erleuchtet, 
wie ein berrlicher Stern in der Nacht ftrahlt. 


Zu Haufe fand ich Deinen Brief mit allerlei liebe: 
volfen Vorwürfen, unter andern das Perfönliche zu 
fehr über äußere Dinge zu vernachläßigen. Wäre diefes 
auch zuweilen der Fall, fo denfe darum doc nicht, daß 
mein Herz je weniger von Dir erfült ſey. Auch die 
Blume duftet ja zu Zeiten fhwächer, zu andern ftär: 
fer, ja manchmal gibt e8 wohl gar Feine Blume am 
Roſenſtrauch, zu feiner Zeit dringen und blühen fie 
dann alle wieder hervor — aber die Natur der Pflanze 
bleibt immer dieſelbe. 


Herders Gebet iſt fhön, doch bier auf, Erden be: 
währt es fich nicht, denn bier fcheint zwar Gottes 
Sonne über Gute und Böfe, aber auch Gottes Ge— 
witter trifft Gute und Böſe. Jeder muß fich felbft 
wahren fo gut er kann! 


Die Menfhen find Dir läſtig, fagt Du — ad 
Soft, und wie Taftig find fie mir! Wenn man fo 
lange in größter Intimität der Austaufhung aller 
Gefühle, und Aufrichtigkeit aller Gedanfen mit ein: 
ander gelebt bat, wird der Umgang mit der banalen, 
theifnabmlofen Welt oft mehr als leer und ge 
ſchmacklos. er 
+ Deine Hpypotbefe, daß bier verwandte Seelen einft 

in einer andern Welt zu einem Weſen fich ver: 
Schmelzen, ift wohl lieblich, aber mit Dir möchte ich 


» 


93 
doch nicht aut diefe Weiſe verbunden werden, denn 
ein Wefen muß fich freilich felbft lieben, zwei aber 
lieben fich freiwillig, und nur dag hat Merth! 
Mir. wollen ung alfo zwar immer wieder begegneir, 
aber auch immer nur durch gegenfeitige Liebe und 
Treue Eing werden, wie wir e8 jebk find, und vor 


der Hand auf diefer Welt auch fo lange ald möglich 
noch bfeiben mögen. 


Diefe Betrachtung bringt mich ganz nafürlich zum 
Gegenwärtigen wieder zurüd, in deffen vielfachen 
Zreiben der Strom mich geftern auf die biefige 
Kunſtausſtellung führte. Von biftorifchen Gemälden 
war wenig Erfreuliches zu fehen. Einige Portraits 
von Thomas Lawrence zeigfen, wie immer, eben fo 
fehr fein Genie wie feinen Uebermuth, mit dem er 
nur einzelne Theile ausmalt, und alled Uebrige fo 
binffeefit, daß man ed nur von weitem, wie eine 
Theater :Deforation, betrachten muß, um eg einiger: 
maßen den darzuftellenden Gegenftänden ähnlich zu 
finden. So malte Raphael und die Herven der Kunſt 
nicht, wenn fie fich einmal zur Portraitmalerei ver: 

ftanden. Unter: den Genre: Bildern fand fich dage: 
gen manches fehr Anziehende, 


Suerft: der fodte Elephant. Man erblickt eine 
wilde -Berggegend im Innern Indiens; feltfame 
Riefenbaume und üppig verworrenes Geftrüpp, fies 
fer Wald im Hintergrunde, umgeben einen dunfeln 
See! Ein fodter Elephant liegt vorn am Ufer aug: 
geftrecet, und ein, feinen Rachen weit auffyerrendeg, 


94 

und die furchtbaren Zähne fletſchendes, Crocodill 
Elettert eben an ihm berauf, einen ungebeuren Raub: 
vogel verjagend und den andern Crocodillen drohend, 
die aus dem See eilig zum Fraße berbeifhwimmen. 
Auf den Aeften der Bäume wiegen fich Geyer, und 
in den Büfchen zeigt fih eben der Kopf eines Ti— 
gers. Auf der andern Geite erblickt man aber ſchon 
märhtigere Raubthiere, nämlich drei englifche Säger, 
deren Büchſen bereits auf dag große Crocodill anze: 
legt find, und bald unter der gräulichen Verſamm— 
fung noch gräulichere Verwirrung erregen werden. 


Ein anderes Stück fpielt in Afrifa. Das Ufer 
des Meeres ift die Ecene. Man entdeckt Schiffe in 
weiter Ferne. In der Nähe ſenkt ſich ein Palmen: 
wald, von Lianen durchzogen, bis in die klare Fluth 


ab, wo ein Boot am Anfer liegt, in dem ein Neger 


fchläft — aber in „welcher fchauderbaften Umgebung! 
Eine der riefenbaften Boa: Echlangen ift aug dem 
Malte hervorgefprungen, und während ihr Schweif 
noch dort rubt, hat fie vorn fehon einen lofen Ring 
um den Echläfer gefchlagen und ftreft nun ihren 
Hals hoch empor, zifchend den Nahen gegen die Ge— 
fährten des Negers öffnend, die mit Beilen zu Hilfe 
‚eiten. Eben bat der Eine glücklich einen Theil ihres 
Körpers zerfchnitten, und fo den nun erwachten, mit 
den Zügen des gräßlichften Entſetzens auf Die 
Schlange ftarrenden Sclaven gerettet; denn fobald 
die Rückenmuskeln ter Boa irgendwo durchfchnitten 
nd, verkiert ihr ganzer Körper augenblictich ale 


95 


Kraft. Die Scene ift einer wahren Begebenheit freu 
nachgebildet, die ſich 1792 zufrug. 


Wir bleiben noch in den fernen Welttheifen, gehen 
aber zugleich in ferne Zeiten zurück. 


Eine wunderherrliche filberne Mondnacht glänzt 
und glittert über Alerandriens Meerbufen. Die Pracht 
ägyptiſcher Denkmäler und Tempel zieht fihb am 
Geegeftade in vietfacher Erleuchtung bin, und unter 
einer Halle von edler Architektur im Vorgrunde, befteigr 
Eleopatra, von allem Lurus Aſiens umgeben, die 
goldne Barfe, ibrem Antonius entgegen zu eilen. 
Die fchönften Mädchen und Knaben ftreuen Blumen 
unter ihre Füße, und ein Chor weißbärtiger Greiſe 
in Purpur gekleidet, fpielt auf einem Felfen am 
Meeresftrande figend, auf goldnen Harfen das Abs 
ſchiedslied. 

Haft Du noch nicht genug, gute Julie? Nun 
woblan, fo ſieh noch den gereiften Affen, der 
“als Erlufif gekleidet zu feinen Brüdern und Schwe— 
jtern in die Einfamfeit der Wälder zurückehrt. Alles 
umgibt ihn ftaunend, bier zupft einer ander Uhrkette, dort 
ein anderer am gefteiften Halstuch. Zuletzt gibt ihn, 
eiferfüchtig auf folche Pracht, Cocotte eine Obrfeige, 
die das Signal zum allgemeinen Augplündern wird — 
und, gebt das nur noch eine Minute fo fort, fo ftebt 
Balzer bald in naturalibus da, wie meine antiken 
Statuen, die Dich fo fehr feandalifiren. 

Hiermit befchließe ich die Kunftaugftelung Gute 
Julie, geftcehe, wenn Du felbft Redacteur des Mor: 


genbiaftes wäreft,. Du Fönnteft feinen fleißigern Ne: 
ferenten haben als mich, und cd mag mir fchlecht 
oder gut geben, ich mag fraurig oder heiter feyn, 
dennoch thue ich immer meine Pflicht. Grade jebt - 
gebt es mir nicht zum beften. Sch bin unwobl, und 
babe viel Geld im Mpift verloren. Uebrigens tft es 
merfwürdig, wie fchnell man fich bier in England 
gewöhnt, ein Pfund wie einen Zhaler zu befradhz 
ten. Obgleich ich den Unterfchied wohl Fenne, und 
oft nicht ganz angenehm empfinde, fo bleibt doc, der 
ſinnliche Eindruc des Pfundes bier gerade derfelbe, 
wie der eines Thalers bei ung, worüber ich oft felbft 
lachen muß. Sch wünfchte, dag Schickfal machte auch 
einmal eine ähnliche Verwechfelung, und unfere Thaler 
zu Wunden, gewiß vergrübe ich dag meinige nicht. 
Doc wucherten wir immer gut mif dem ung Ders 
liebenen, denn wenn man eine verfchönerte Gottes: 
Natur aud todtem Gelde zu machen ſucht wie ich, 
fo hat man gut gewuchert, auch wenn man. glüdliche 
und zufriedene Menfchen damit macht, und auc dag 
tbat ich durch gegebene Arbeit, Du, auf direfterem 
Mege reichlich durch Wohlthaten an die Bedürftigen. 

Kiugbeit war weniger unfre Stärke, und wenn 
Du etwas mehr als. ih davon aufzumweifen haft, 
fo kömmt das blog daher, weil Du ein Weib bift, 
welche ſich immer auf der Defenfive halten müffen. 
Klugheit ift aber weit mehr eine Vertheidigungs— 
als eine Angriffefunft. 

Du kannſt jie jet grade in der S.....Ichen An: 
gelegenheit üben, und ich ſehe Dich fchon in Gedan— 


97 


fen die MWiderfpenftigen bezähmen, und würdevoffe 
Worte des Friedens über fie ausfprechen. Erblide 
bier am Rande Dein Portrait a la Thomas Law- 
rencee — Du wirft ohne Zweifel viel von der An- 
lage zur Kunft darin wahrnehmen, welce der- Sal: 
lianer auf meinem Schädel gelefen hat, die umfte: 
benden Garrifaturen aber rechne meiner etwas mür: 
rifchen Raune zu. 


Da eine folche plaftgedrüdte Stimmung aber we: 
nig Sedanfen liefert, fo erfaube mir, Dir aud einem 
feltfamen Buche einige Stelfen mitzutheilen, von de: 
nen Du glauben wirft, daß fie nicht nur aus meiner 
Feder, fondern auch aus meinem Innerſten ge: 
- floffen find. 


„Es ift nicht zu berechnen,“ ſagt der Autor, 
„welche Wichtigkeit" die Umgebungen unfrer Jugend 
auf fpätere Charafterausbildung haben. Die düftern 
Wälder meines Geburtdlandes, meine vielfachen ein— 
famen Wanderungen in jener Nafur waren ed, wo 
meine frübe Liebe zu meinen eigenen Gedanfen ent: 
ftand, und in dem Maße wie ich auf der Schule mit 
meines Gleichen befannfer wurde, machte eg mir 
fchon der Buftand meines Gemütbs ohnmöglich, ir: 
gend eine intime Cameradfchaft anzufnüpfen, ausge: 
nommen die, welche ich bereits in mir ferbft 
zu entdecken anfıng. \ 


— 


Am Tage war einſames Wandern in der Natur 
meine Freude, Abends das Leſen romantiſcher Fik— 
Briefe eined Verſtorbenen. IV, ER 


98 


tionen, die ich mit jenen gefebenen Ecenen verband, 
und ich mochte nun im Winter am Kamin über mei: 
nem Buche figen oder in wollüftigem Nichtsthun im 
Sommer unfer einem Baum ausgeſireckt Tiegen, 
meine Stunden waren immer angefült mit allen 
den nebelhaften und üppigen Träumen, welde viel: 
feicht die Effenz jener Poefle waren, welde zu 
verföryern ih nicht das Genie befaß. 
Diefe Etimmung ift nicht für das Leben mie Men: 
fchen gemacht. Bald verfolgte ich etwas mit raftlo: 
fer Thätigfeit, bald lebte ich blos in thatenfofer Re: 
flection. Nichts Helang meinen Wünſchen gemäß, 
und mein Wefen wurde endlich fief von jener bittern 
melancholifhen Philoſophie durchdrungen, die mir, 
gleich Fauft, lehrte, daß Wiſſen nichts fey als un: 
nüser Stoff, daß in Hoffnung nichts als Trug liege — 
und die den Fluch auf mich Tegte, gleich ihm, durch 
die Genüffe der Jugend, wie alle Lockungen des 
Vergnügen, immer die Gegenwart eines feindlichen 
Geiftes der Finfternig zu fühlen. 


Die Erfahrung langer und bitterer Jahre läßt mic) 
jebt zweifeln, ob diefe Erde je eine lebende Form 
-bervorbringen Fann, die den Viſionen besjenigen 
genügen möchfe, welcher zu lange nur in den Schö— 
pfungen feiner Phantaſie verloren lebte.“ 

Ein andermal heißt es von einem gepriefenen 
Manne: 

„Er war eine bon den macadamifirten Vollkom— 

menheiten der Geſellſchaft. Sein größter Fehler war 


a 


99 


feine vollfommene Ebenheit und Gleichheit, und man 
fchmachtete nach einem Hügel, den man: erfteigen 
könnte oder nach einem Stein, wenn er auch im 
Mege läge. Liebe hängt ſich nur an etwas Hervor— 
ftebendes, wäre es auch efwas, dad Andere baffen 
würden. Schwer kann man Extreme für Mittel: 
mäßiges fühlen.“ C’est vraiment une consolatiun ! 
Weiter: 

„Unſre Sinne mögen durch Schönheit gefeifelt wer: 
den, aber Abwefenbeit verwifcht den Eindruck, Der: 
nunft kann ihn beftegen. Unſre Eitelfeie Fann ung 
Nang und Auszeihnung mit Leidenfchaft verehren 
taffen, aber das Reich der Eitelkeit ift auf Sund 
gebaut. Doc, wer Fann den Genius lieben, _ und 
nicht inne werden, daß die Gefühle, die er einflößt, 
ein Theil unfres eignen Wefens und unfrer Unfterb: 
lichkeit find!“ i 


Den 1Sten. 


‚ Gtaubft Du wohl, befte Julie, daß ich, obgleich 
. von verfchiedenem Unangenehmen berührt, und faft 
frank, dennoch diefe Tage der Einfamfeit, wo ich nur 
mit Dir, meinen Büchern und Gedanken befchäftigt 
war, weit genügender, wie fol ich fagen, weit voller 
ausgefüllt finde, als die £roftlofe Eriftenz, welche 
man große Welt und Geſellſchaft nennt. Das Spiel 
gehört auch dabin, denn es ift eine bloße Zeittöd: 
tung ohne Nefultat, jedoch bat es wenigftens den 
7* 


100 


Vortheil, daß man die Zeit, die man verfchwendet, 
nicht während dem gewabr wird, wie in dem andern 
Ralle. Wie wenig Menfhen mögen folhe Etimmun: 
gen recht verftehen, und wie glüctich kann ich mich 
ſchätzen, daß Du es thuſt. Nur bift Du zu nachſich— 
tig gegen mich, und dieſe Meberzeugung läßt mich 
Deinen Urtheilen Feinen vollen Glauben beimeffen. 
Wiſche alfo die Nofenfarbe, die Deine Liebe auf das 
Glas haucht, durch das Du mich befchauft, mit dem 
Schwamme des Falten Berftandes ein wenig ab. 
(ganz eben nicht) und wage eg dann immer fe auf 
meine Dir annoncirte Eitelkeit hin, mir ganz unum— 
wunden die Wahrheit zu fagen. 

Tun noch die Entdekung eines &eheimniffes. 
Wenn ich Dir Ercerpte ſchicke, Fannft Du nie darauf 
ihwören, von wem fie find, denn vermöge meines 
gerühmten ECompofitiong: Vermögens (Du fiehft felbft, 
daß Deville mich noch fortwährend befchäftigt), ift 
mir das reine Abfchreiben faft unmöglih. Es wird 
ſelbſt ein fremder Stoff immer etwas anders, wenn 
auch nichts Befferes, unter meinen Händen. Weil 
ich aber fo beweglich bin, erfcheine ich gewiß oft in— 
confequent, und meine Briefe mögen daber manche 
- MWiderfprüche enthalten. Dennoch, boffe ich, fritt im: 
mer ein rein menfchlicher Sinn daraus hervor, und 
bie. und da wohl auch ein rifferlicher, dern jeder 
zahle den Umftänden, die Geburt und Leben um: 
fchließen, feinen fchuldigen Tribut. | 

Lebten wir wohl fchon zufammen in jenen wah— 
ven Nitterzeiten? Gewiß, denn gar Tieblih erhob 


101 


ich fhon off vor meiner Phantaſie wie eine dunkle 
Erinnerung das reizende Bild der Burg unfrer Va: 
fer, die wir damals bewohnten, im wilden Speſſart 
vom Felſen herabdrohend, rund umber alte Eichen 
und Tannen, und durch den Hohlweg im Thal febe 
ich den Befiser mit feinen Reifigen der Morgenfonne 
enfgegen zieben (denn als Ritter ftand er früher 
auf). Du, gute Zulie, lugft vom Söller und winfft 
und wehſt mit dem weißen Tuche, bis Fein Stahl: 
Panzer mehr in den Sonnenftrahfen blinft und nichts 
Lebendes mehr fichtbar bleibt, als ein ſcheues Ned, 
das aus dem Laube fchielt, oder ein hochgeweih— 
ter — Hirſch, der auf der Bergfpise fich ernithaft 
die Gegend befchaut. | 

- Ein andresmal figen wir, nach glücklich geenderer 
Fehde, beim Humpen, wie in Paris einmal beim 
Champagner. Du fredenzeft, ich trinke rieterlich, und 
der gute Hauspfaff liest die Wunder einer Legende, 
Da ſchallt des Zwerges Horn vom Thurme, und 
zeigt ein Fähnlein an, das fi) dem Burgtbor nähert, 
Dein ehemaliger Seliebter iſt's, der aus dein gelob- 
ten Lande zurückkehrt. — Gare à toi! *) 


— 


*) Es ift hiſtoriſch erwieſen, daß ſelbſt die alten deutſchen 
Ritter ſchon die Unart hatten, ſich zuweilen franzöfifcher 
Floskeln zu bedienen. Ude. 


102 


Den 19ten. 


Ein freundlicher Sonnenblick lockte mich ing Freie, 
das ich jedoch) bald wieder mit dem Unterirdifchen ver: 
tauſchte. Sch beſah nämlich den berüchtigten Zun: 
nel, die wunderbare, 1,200 Fuß lange Communication 
unter der Themſe. Du baft wohl in den Zeitungen 
gelefen, Daß vor einigen Wochen das Waſſer des 
Fluſſes einbrach, und ſowohl den über 100 Zuß fies 
fen und 50 $uß breiten Thurm am Eingang, als 
auch. den fhon 540 Fuß langen, fertigen doppelten 
Meg gänzlich anfülte Auf glücdtihe und unglüd: 
liche Begebenheiten. ift bier immer ein paar Tage darz 
auf die Carricatur ferfig. So fieht man bei der Ga: 
faftropbe des Zunneld, als das Waffer einbricht, ei— 
nen dien Mann, der wie eine Kröte auf allen Die: 
ren fich zu retten fucht, in der Angſt mit weit aufe 
geriffenem Munde „Feuer“ fchreien. Durh Hülfe 
der Zaucherglode hat man das Loch im Grunde des 
Fluſſes, wo die Erde nachgegeben,. durh Säde voll 
Lehm nicht nur wieder zugefülft, fondern jest, fo 
weit der Tunnel noch fortzufesen ift, den Erdboden 
unfer dem Waſſer überall 15 Fuß hoch durch Der: 
mifchung mit Lehm fo befeftigt, daß, wie man fagf, 
feine ähnliche Sefahr mehr zu befürchten ift. Eine 
Dampfmafchine der ftärfften Art, die in der Höhe 
des Thurms placirt ift, bat gleichzeitig das einge: 
drungene Maffer faft ganz wieder ausgepumpt, fo 
daß man fihon wieder des Ganze bequem befehen 


103 


kann. Es ift ein gigantifches Werk, nur bier aus: 
führbar, wo die Leute nicht willen, was fie mit ib: 
rem Gelde anfangen follen. | 


Aus dem Tunnel fuhr ich nach Aftleys Theater, 
dem biefigen Tranconi, und Diefem überlegen. Ein 
Pferd mit angefchnalften Flügeln, Pegaſus genannt, 
mache wunderbare Kunftftüdfe, und der ruffifche be: 
trunfene Courier, der auf 6—8 Pferden auf einmal 
reitet, kann in Gefchiclichfeit und Kühnheit nicht 
übertroffen werden. Die tbeafralifhe Vorſtellung 
beftand in einer ſehr ergötzlichen Parodie des Frei: 
ſchützen. Etatt des Kugelgießens wird durch Pierrot 
und Pantalon ein Eierfuchen gebaden, wozu fich Die 
beibebaltene Weber’fhe Muſik böchft Fomifch aus: 
nimmt. Die Seifter, welche erfcheinen, find ſämmt— 
lich Küchengeifter,. Satanas felbit ein bloßer Chef 
de cuisine. Bei dem Testen Graus bläſt ein ge: 
fpenftifcher Blafebalg alle Lichter aus, bis auf. eine 
große Kerze, die immer ivieder von Neuem Feuer 
fange. Da ergreift eine Riefenfauft den armen Vier: 
rot, legt ibn über die Flamme, und eine Köchin, fo 
groß wie dag Theater, in fchwarz und rotbem Zeus: 
felscoftüme, deckt beide mit einem Ertinguifber vom 
Umfange eines Haufes zu. Währenddem fliege Pan: 
talon mit einer Rakete an einer gewiffen Gtelle, 
die fih unter feinem Webgefchrei nad) unten enfla: 
def, durch Die Küfte davon. 


Alter Diefer Unfinn macht allerdings im Augen: 
blick lachen, ein trauriges Gemüth macht er aber 


i 104 - 


doch nicht beiterer, und Du weißt, ich. babe fu manche 
Urfache zu Kummer, die ich nicht immer vergeſſen 
fann .. ® [7 0 ® . * [ + 


Es muß eine fchlechte Gonftellation jest für ung 
am Himmel fliehen — denn gewiß gibt es glückliche 
und unglüctiche Strömungen in der Pebenäperiode 
und fie zu willen würde dem Steuermann gar fehr 
zu Hülfe kommen. | 


Der Stern, der, wie Du fihreibft, über Deinem 
Schloß fo brennend funfelte, muß ein feindlicher gez 
wefen feyn. Mir funfelt nur noch ein Stern güns 
ftig, und das ift der Stern Deiner oo Di ibm 
würde mein Leben verlöfchen!- 


Beränderung der Umgebung für mich fcheine mir 
immer nötbiger, befondere da ich mich aus der we— 
nigen Gefellfebaft, die noch bier ift, faft ganz zurück: 
gezogen babe. Till ſagt fehr weife: Nach Regen folgt 
Sonnenfchein — dem alfo entgegen! und richte auch 
mich durch Deine Briefe auf. Laß fie beiter und 
ftärfend feyn durch eigne Heiterkeit, denn dieſe ift 
wichtiger für mich als alle Nachrichten, böfe oder 
gute, die fte enthalten. Nichts ift mir fchrecflicher 
als der Gedanke, Dich in der weiten Entfernung be: 
Fümmert zu wiffen, denn es ilt eine fo große Kunft, 
freudig zu leiden, wie ein Märtyrer! Man kann 


105 


es auch nur, wo man unfchuldig, oder aus Liebe zu 
einem Andern leidet. Du meine, £beure Julie, haft 
faum andere Leiden gefannt, ich aber darf nicht fo 
ftolz von mir fprechen. 


Den 2dften. 


Haymarfet:Theater ift jest "mit fehr guten Schau— 
fpielern befegt, und das Nendezvoug aller, nad) be: 
endigter Seaſon vacanf gewordener gai Ladies, Ich 
faß geftern in meiner Xoge, ganz aufmerffam auf 
das Stück, als fich plötzlich der allerniedlichfte Fuß, 
in einen netten Schub und perlfarbnen feidnen Strumpf 
gebüfft, auf den Stuhl neben mir aufftüsfe. Sch fah 
mic um, und ein-paar prächtige braune Augen lä— 
chelten mich ſchalkhaft aus einem Pbhilinengefichte an, 
dag ein großer italienifcher Strohhut halb verdeckte, 
wahrend ein ganz einfaches, febr weißes Kleid, von 
einem ponceaurothen Bande unter der züchtig ver: 
deckten Bruft zufammengebalten, den ganzen Pus 
der kleinen Perfon auemachte, welche faum 18 Som: 
mer zu zählen ſchien. 


Ale Dandied, und auch viele junge Keute in der 
großen Melt, die dies eben nicht find, pflegen bier 
Maitreſſen zu balten, denen fie ein eigned Haug 
mietben, fie darin einrichten, und ihre müßigen Au: 
genbticke dort zubringen, ganz wie ehemals die pe- 
tites maisons in Franfreih. Sie fommen bald auf - 


106 


einen förmtich bäustihen Fuß mit ihnen, und find 
auch in diefem Verhättniß fo fyftematifch als in allen 
übrigen. Treu find diefe Art Weiber „auf Zeit“ 
felten, aber oft weit gebilderer an Geift und Eitte 
als ihres Gleichen in andern Ländern. 


Die Kleine binter mir fohien die Abficht zu haben, 
ein folches Verhältniß anzufnüpfen, denn fie benahm 
ſich nihe ohne Feinbeit, und wußte eben fo fehr 
durch eine artige Coquetterie gegen mich, als durd) 
ein Außerfi gemeffenes Benehmen gegen Andere, die 
fih ihe zu nähern fuchten, bald eine Art Einver: 
ftändniß zwifchen ung bervorzubringen, ohne daß 
wir noch ein Wort gewechfelt hatten. Auch fehlte 
des Anftanded balber eine Mutter neben ihr nicht, 
tie fie chaperonirfe, aber fey es nun eine gemiethete 
oder eine wahre, nirgends find dieſe Mütter de 
mer als in London, — 


Es iſt fonderbar, daß die meiften jungen Mädchen 
die bier einem langen Elend fo luſtig enfgegengeben, 
nicht von Männern und durch Liebe, fondern, wie 
mir ein ſehr Kundiger verficherfe, faft immer von. 
ihrem eignen Gefchlecht zu folcher Lebensart verführt 
werden, wozu der überfriebene Lurug aller Stände 
fo febr die Hände bietet. Dennoch bleiben viele von 
ihnen weniger intereffirt, und weit gefüblvoller als 
ibre Nachbarinnen über dem Canal, ja dag Roman: 
tifche felbft verläßt fie nicht immer bei ihrem jammer: 
vollen Beruf! Die Nüancen unter diefen Damen - 
find übrigens cben fo verfchieden,, ald Die der ver: 


107 


fchiedenen Stände in der Gefelfchaft, und ihre Zahl 
in London befanntlih eben fo groß, als die der 
fämmtlihen Einwohner Berlins. 

Es iſt Fein zu großer Sprung, wenn ich Dich von 
bier nach Bedlam, eigentlicher nach Bethlem, führe, 
das ich dieſen Morgen befuchte. Nirgends Iogiren 
die Narren beffer, das beißt die eingefperrfen. Ein 
pleasure ground- befindet fi vor dem Thore des 
Palaftes, und nichts kann reinlicher und zweckmäßi— 
ger eingerichtet feyn als das innere. Als ich in 
die erfte Weiber-Galerie, von einer ſehr bübfchen 
jungen Schlieferin geführt, eintrat, betrachtete mich 
eins der tollen Mädchen, ohngefähr einige 30 Jahre 
alt, lange aufmerffam, und Fam dann plöglich auf 
mich zu, indem fie. fagfe: You are a forcigner — 
J. Know You Prince! Warum haben Sie Shre Uni: 
form nicht angezogen, um mich zu befuchen, fuhr fie 
fort, das hätte fich beffer geſchickt. Ach wie ſchon 
fab Charles in der feinen aus! 

Die arme Seele, fagte die Schliegerin, welche mein 
Befremden gewahr ward, ift von einem’ fremden 
Prinzen verführt worden, und glaubt nun in jedem 
Ausländer einen folchen zu fehen. Manchmal weint 
fie Tagelang, und läßt dann Niemanden fich nabe 
- fommen, Nachher ift fie wieder Wochenlang ganz 
vernünftig. Einft war fie fehr fchön, aber der Kum— 
mer bat jeden Reiz von ihr abgeitreift. 


Merfwürdig war ein reicher und ſehr gebildeter 
junger Mann, der nur die einzige fire Idee hat, er 


108 


fey ein Etuart, und babe Daher das Tegitime Necht 
zum Throne. ch unterbielt mic, eine halbe Etunde 
mit ihm, ohne ibn-auf diefed Thema bringen zu kön— 
nen. Er brach immer vorficdtig, ja ſchlau ab, und 
fprach dabei höchſt infereffant über verfchiedene Dinge, 
unfer andern über Amerifa, das er lange bereift, 
zeigte auch in feinem Benehmen und Aeußern nit 
die mindefte Spur von Wabnfinn. Endlich gelang 
ed mir, indem ich bei Gelegenheit von Walter Scotts 
Nomanen des Prätendenten vielfach erwäbnte, ibn 
wärmer zu machen, und ald ich endlich vertraulich 
fagte: „Sch weiß, Eie feibft find ein Stuart,“ ſchien 
er zu erfchrecden, und den Finger auf den Mund 
legend, flüfterte er: „Davon dürfen wir hier nicht 
fprechen. Sch bin eg — aber nur von der Zeit kann 
ih den Sieg der Gerechtigkeit erwarten. Das Licht 
wird aber bald hell leuchten!“ Sch gehe nad Was 
leg, erwiederte ich (dort ift er ber, und fein Vater 
ein reicher Gutsbeſitzer) wollen Sie mir die Adreffe 
Ihres Vaters mittbeilen, damit ich Ihre Grüße an 
ibn ausrichten Fann ? Mit großem Vergnügen, er: 
wiederte er, geben Sie mir Ihr Zafhenbud, ich 
werde Die Adreffe bineinfchreiben. Sch gab es ibm, 
und er ſchrieb nun feinen wirklichen Namen B. 
&.... hinein, und indem er lächelnd darauf Binz 
wies, fagfe er mir ing Ohr: Unter diefem Namen 
pafiirt mein Water dort. Leben Eie wohl — und 
mit gnädigem Winfe der Hand entließ ev mich. 

Sp. efwas ift doch recht ſchrecklich! Eine einzige 
fire dee macht den Tiebenswürdigften Menfchen zum 


109 


ineurablen Narren, Foftet ihm feine Freiheit, und 
verdamme ihn für fein Leben zur Gefeufchaft der 
gemeinften Wahnjinnigen! Was ift doch der une 
glückliche Menfh im Conflict mit phyſiſchen Uebeln, 
und wo ift dann die Freiheit des Willens ! 
Spaßhafter war ein fremder Narr, ein deuffcher 
Pedant und Reifebefchreiber, dersfich mit anfchloß, 
um das Haus zu befeben, wo er eigentlich hinein 
gehörte. Er konnte mit feinen Noten Faum fertig 
werden. Jeden der Eingefverrten redete er weite 
fchweiftg an, und brachte fogleich feine Antwort forg: 
fältig zu Papier, ohngeachtet fie manchmal nicht die 
artigfte für ihn war. Kaum hatte er meine Unter: 
redung mit B. ©. bemerft, als er auf mid) zuftürgte, 
. und dringend bat, ibm doch mifzutheilen, was der 
Herr, wie er bemerkt, in mein Zafchenbuch gefchrie: 
ben. Sch erzählte ihm Furz die Sefchichte. O vor 
trefflich, böchft merkwürdig, rief er, vielleicht dennoch 
wirklich ein Verwandter der Stuarts. B. G. — ich 
muß deshalb gleich nachfchlagen, vielleicht ein Staats: 
gebeimniß, wer Fann willen? Sft er in der That 
ein Verwandter, wie febr ift feine Narrheit zu ent: 
fchuldigen! Sehr merfwürdig, ein reicher Stoff, ich 
empfehle mich untertbänigft, und damit ftolperte er 
fo tölyifch, fo unbeholfen, albern, und doch fo mit fich 
felbft zufrieden von danıen, daß man fih faft ver: 
wunderte, ihn nicht gleich wieder einfangen zu feben. 
Beim Zubaufefahren begegneten mir abermals eine 
Menge Leichenzüge, was freilich in einem Gouffre 
wie London, wo der Zod immerwährend hart arbei: 


110 


ten muß, Fein Wunder ift, aber doch ein übleg Omen 
bleibt, wenn auch der Aberglaube, der ſolches glaubt, 
gleichfalls mehr nah Bedlam als in einen vernünf: 
tigen Kopf gebört; bei mir hat er indeß einigen Grund. 

Sch fuhr einft, al ich noch fehr jung war, in ei⸗ 
nem eleganten Eurricle durch die Stadt F..., wo 
ich mic, damals aufhielt. Ein langer Begräbnißzug 
Fam mir enfgegen, ich mußte halfen, und da meine 
Pferde fcheu und unruhig wurden, fo daß ih Mühe 
batte, fie zu regieren, tbeilte fich endlich ihre Unge— 
duld mir felbit mit. Ih brach mit Gewalt durch 
den Zug, und rief die unbefonnenen Worte: Hole 
der T... den alten Peichenprunf, ich werde mich 
nicht länger von ibm aufhalten laffen. So ftilrmte 
ich dahin, und war kaum 50 Schritte weiter gefah: 
ren, als ein Feiner Knabe aus einem nabeftebenden 
Laden berausfprang, und wie eine Stiege ins Licht, 
mit folcher Schnelliafeit zwifchen die Pferde und den 
Wagen lief, daß ed unmöglich war, fie eher anzubal: 
ten, bis fchon das Rad der Länge nach über den 
armen Knaben gegangen war, und er leblos, wie 
ein aus dem Wagen verlornes Bündel auf dem Pfla: 
fter Tag. Du EFannft Dir meinen födtlihen Schreck 
denfen! Sch ſprang hinaus, bob den Kleinen auf, 
und ſchon aftroupirten fich viele Menfhen um ung, 
ald die jammernde Mutter herzuſtürzte, mit ihren 
Wehklagen mein Herz zerriß, und zugleich den Pöbel 
dadurch aufregte, fogfeich ihre Rache zu übernehmen. 
Th mußte dag Volk ſchnell haranguiren, um den 
beginnenden Tumult zu befchwichtigen, und indem 


-. | 111 


ich den Hergang der Sache Eurz erzäblte, meinen 
Namen nannte, und der. Mutter Geld zurückließ, 
gelang es mir endlich, wiewohl nicht ohne Mühe, 
meinen Wagen wieder zu befteigen und mich aus 
der Bagarre ziehen zu können. Ich befand mich nabe 
am Thore, vor welchem fich ein ziemtich fteifer Berg 
binabfenfe. Sn der Serftreuung mochte ich auf die 
Zügel nicht gebörig achten, kurz einer entglitt meiner 
Hand, die wilden Pferde gingen durch, urd £rafen 
in einem Querwege mit dem Karren eines Fracht: 
fuhrmanns dermaſſen jufammen, daß eind davon auf 
der Stelle todt blieb, und mein Magen ganz zer: 
fchmettert wurde. Ich ſelbſt ward mit unwiderftebs 
fiher Gewalt binausgerchleudert und einen Augen: 
bliet durch den ungebeuren Chok betäubt. Im zwei— 
ten fand ich mich mit dem Geſicht in den Boden ein: 
gedrückt, fo daß ich fat erftickte. Ueber mir aber 
füblte ich das Toben eines rafenden Thieres, und 
> börte das Donnern von Schlägen, die meinen Kopf 
zu treffen fchienen, und dennoch mir nur- wenig 
Schmerz verurfachten. Dazwifhen vernahm ich noch 
deutlich das Wehflagen vieler Umftehenden und den 
Ausruf: der iſt eine Leiche, ſchießt doch das Thier 
todt.... Bei dieſen Worten erhielt ich eine Der: 
wundung am Schlaf, nad) welcher ich die Belinnung 
gänzlich verlor. 

ALS ich die Augen wieder auffchlug, lag ich mitten 
in einer ärmlichen Etube auf einer Matraze, eine 
alte Frau wufch mir das berabrinnende Blut vom 
Kopf und AUntlig, und ein Chirurgus, mit feinen 


112 


Snftrumenten befchäftigt, fehickte fih eben an, mid 
zu frepaniren. D laßt doch den armen Herrn ruhig 
fterben, rief mitleidig die Frau, und da ich felbft, eini— 
gen Schmerz meiner äußern Wunden ausgenommen, 
mit Sewißheit zu fühlen glaubte, daß Feine innere 
wefentlihe DBerlesung ftatt gefunden habe, fo wi: 
derfegte ich mich noch glüdtiih der Operation, Die 
auch ganz unnütz gewefen wäre, obgleich der junge 
Mann, ein Eleve der clinifchen Anftalt, ſehr begierig 
war, feine Sefchicktichfeit an einer Operation zu er: 
proben, die er bis jest, wie er ſehr encouragirend 
verficherte, noch nicht felbft zu machen OBEN 
gehabt hätte. 


Ich vaffte mich ſogleich auf, um meine rücfehren: “ 


den Kräfte zu beweifen, verlangte einen Wagen und 
ließ, um mich zu reinigen, mir einen Spiegel geben, 
in dem ich jedoch mein Geſicht durchaus nicht wieder 
erkennen EFonnte, weil der größte Theil der Haut davon 
in der Chauffee geblieben war. Erft ſpäter, als fie 
die Natur durch eine neue wieder erfeßt hatte, er— 
klärte mir mein Kutfcher, der während des Accidents 
neben mir faß, und feitwärts ind Feld gefchleudert, 
weniger befchädigt worden war, weiche wirklich felt: 
famen  Umftände die Begebenbeit begleitet hatten. 
An dem Frachtwagen war nämlich die Deichfel deg 
zweirädrigen Curricle wie eine Lanze. am Harniſch 
zerfplittert, das leichte Fuhrwerk vorwärts geftürze 
und ich mit ibm. Der üdriggebliebene Rumpf ver 
Deichfel hatte fih in die Erde gebohrt, und meinen 
Kopf mit eingeklemmt. Leber mir lag, vom Geſchirr 


113 

gefeſſelt, das eine Pferd, welches die wiürtbendften 
Verſuche machte, aufzufommen, und fortwährend mit 
den Hinterfüßen gegen den zerbrochenen Deichfelfchaft 
fhlug, welcher auf. diefe Ark mein alfeiniger Netter 
wurde, indem er die Schläge auffing, welche fonft 
meinen Kopf zehnmal zerfchmettert hätten. Faſt eine 
Diertelftunde hatte es gedauert, ebe man im Stande 
war, mic) und das Pferd logzumachen. 

Seit diefer Zeit begegne ich nicht gern Leichenzügen. 

Als Nachſchrift zu Diefer Erinnerung aus meinem 
vergangenen Leben muß ich noch ein Fomifcheg Ele— 
ment hinzufügen. Der überfabrne Knabe'genaß völlig, 
und fehs Wochen nach feiner und meiner Gataftropbe 
brachte mir ihn die Mutter roſig und ini Sonntage: 
ftaat ins Haus. Während ich ihn Füßte, und der 
Mutter ein letztes Geſchenk einhändigfe, rief diefe 
arıne Frau unter Thränen der Freude: Ach Gott, 
‚wenn mein Sohn dad) fäglich fo überfahren würde! 


Den 2sften. 


Range hatte ich die City, im der ich, wie Du weißt, 
manchmal einen Tag zubringe, wie der Gourmand 
zuweilen den Appetit mit einfacher Hausmannskoſt 
erfriſcht, nicht beſucht, und widmete ihr daher den 
geftrigen Tag. j 

Da ich (als deutfcher Ritter) auch ein Bierbrauer 
bin, fo Tenfte ih mein Cabriolet zuerft nad) jener 

Briefe eined Verſtorbenen. IV. 8 


* 


114 
durch ihre ungeheuren Dimenſionen faſt phantaſtiſch 
gewordnen, Barcley'ſchen Brauerei, eine der ſehens— 
wertheſten Merkwürdigkeiten Londons. Hier werden 
täglich 12 — 1500 Fäſſer, d. h. gegen 20,000 große 
Quart Bier, gebraut. Alles wird durch Maſchinen 
bewegt, aber eine einzige Dampfmaſchine treibt dieſe, 
und zugleich die Flüſſigkeit durch alle Snftanzen in 
fupfernen Röhren bin, die, beiläufig gefagt, das 
Bier eben nicht zum gefündeften machen mögen. Sn 
vier Keffeln wird. es gekocht, deren jeder 500 Faller 
und darüber” faßt. Beim Kochen wird der Hopfen 
zuerft trocken in die Keffel gethban, und eine Ma- 
ſchine rührt ihn beitändig um, damit er nichf’an: 
brennt. Die füße Maſſe fließt während dem Rühren 
fortwährend zu. Eine befondere Vorrichtung finder 
ftaft, das Bier in der heißen Jahreszeit zu Fühlen. 
Es wird nämlich zu diefem Endzweck durch eine 
Menge Röhren, die einer Drgel mit ihren Pfeifen 
gleichen „ gefrieben, worauf frifches Waſſer denfelben 
eg nacgeht, und fofort, immer mit, dem Biere 
abwechfelnd. Zuletzt fliege das fertige Getränk in 
haushohe Fapbehälter, deren es unter gigantiſchen 
Schuppen 99 gibt. Nichts ift fonderbarer, als ſich 
ein folhes Haus, das 600,000 Quark enthält, an: 
zapfen zu laſſen, um ein Fleines Glas vortrefflichen 
Porters zu fchöpfen, der ſich fo Falt wie Eis darin 
erhält. Diefe Fäffer find oben mit einem feinen Hü— 
gel frifhen Sandes belegt, und conferviren das 
Bier ein Jahr lang frifch und gut: Dann erft wird 
es auf Heine Zäffer gezogen und an die Käufer ver: 


115 


endet. Das Abziehen gefchiebt durch Schläuche, 
wie das Begiefen aus einer großen Spritze, fehr 
Schnell, indem die Fleinen Täffer fcehon in Gewölben 
unfer dem Boden des Naumes, wo die großen auf: 
bewahrt werden, bereit fteben. 


Hundert und fünfzig elephanfenartige Karrenpferde 
ind Läglih mit dem Verfahren des Biers in der 
Stadt befchäftige, von denen zwei: 100 Centner Ziehen. 


Eine einzige thurmhohe Feuereffe abforbirt den 
Rauch der ganzen Anftalt, und auf der mit Zink ge: 
deckten eleganten Platform des Hauptgebäudes bat 
man die Ausficht auf ein fehr ſchönes Panorama 
Londons. Nachher befah ich die MWeftindia Docks 
und Warehoufes, ein unermeßliches Werk, eines von 
denem, bei deren Anblick auch der Kaltbrütigfte Chr: 
furht und Staunen für Englands Größe und Macht 
empfinden muß. Welches Gapital liegt bier in Ge: 
bäuden, Waaren und Schiffen aufgehäuft! Das 
Fünftlich ausgegrabene Baffın, welches zu umgehen 
ich eine halbe Stunde brauchte, ift 36 Fuß tief und 
rund umber befinden fih die Waarenbäufer und 
Schuppen, zum Theil 5—6 Stod hoch. Einige Ma: 
gazine find ganz aus Eifen aufgebaut, nur der 
Grund in der Erde ift Stein. Man hat jedoch diefe 
Bauart gefährlich gefunden, da dag Eifen durch den 
Einfluß der Witterung fich auf unegale Weife bald aus: 
dehnt, bald zufammenziebe. Sn diefen unermeßlichen 
Waarenlagern war Zucker genug vorhanden, um dag 
nebenliegende Baſſin zu verfüßen, und Rum genug, um 


8* 


116 


halb England trunfen zu machen, 2500 Aufieber und Ar: 
beiter pflegen bier täglich befchäftigt zu feyn, und der 
Werth der aufgefpeicherten Güter wird auf 20 Millionen 
L.St. geſchaͤtzt, außer den Stores *), welche in großer 
Menge im Vorrathshauſe aufbewahrt werden, fo 
daß das Verderben oder Brechen irgend eines Ge: 
räthes die Arbeit nur wenige Minuten aufhalten Fann. 


Die Menge der angewandten Mafchinen und zweds 
mäßigen Utenfilien ift bewundernswürdig. Sch fab 
mie großem Vergnügen zu, wie Blöcke von Maba: 
gony=: und andern ausländifchen Hölzern, mande 
größer als die ftärfiten Eichen, durch Mafchinen gleich 
Flaumfedern aufgehoben und fo behutſam, wie Die 
zerbrechlichite Waare auf die Zransportiwagen wieder 
niedergelegt wurden. Alles erſcheint bier im coloſſa— 
teften Styl. Im Baffın feibft ftand auf beiden Sei: 
ten Schiff an Schiff gereibf, deren größter Theil 
eben jetzt neu angeftrichen wurde. Solcher Baſſins 
find zwei, eing für den Import, dag andere für den 
Export. Ich mußte fie früber, als ich wünfchfe, ver: 
taffen, da um 4 Uhr das Eingangsthor wie alle 
Magazine gefchloffen werden, und man dabei nicht 
die mindefte Rüdfihe nimmt, ob noch Jemand darin 
ift, weicher, wenn er die Stunde verfäumt, big zum 
nächften Morgen obnfehlbar bivouakiren muß. Der 
Mann am Thore verficherte mir ganz Ealtblütig, und 
wenn der König darin wäre, fo würde nicht eine 

) Stores heißt Alles, was zum Betriebe des Ganzen noͤ—⸗ 

thig iſt. 


117 


Minute gewartet werden. Sch eilte alfo ſchleunigſt 
bon dannen, um in keine aͤhnliche Verlegenheit zu 
gerathen. 


Auf dem Rückweg kam ich bei einer Bude vorbei, 
wo man ausſchrie, daß bier gezeigt werde: der be— 
rühmte deutiche Zwerg mit drei Zwergfindern , fer: 
ner dag lebende Sfelet, und endlich das dickſte Mäd: 
hen, das je gefeben worden fey. Ich bezahlte der 
Euriofität wegen meinen Schilling, ging hinein, und 
nachdem ich !/ıtel Stunde hatte warten müſſen, big 
noch fünf andere Angeführte fich zu mir gefellten, 
wurde der Vorhang weggezogen, um die imperti: 
nenteſte Charlatanerie zu produciren, die mir je vor: 
gefommen ift. Als lebendes Sfelet erfehien ein ganz 
gewöhnlicher Menfch, nicht viel magrer als ich felbft 
bin, und zur Erflärung diefer Ueberrafchung wurde 
entfehuldigend angeführt, er fey als Gfelet aus 
Frankreich angefommen, aber hier durch die englis 
fhen guten Beeffteafs unaufhaltſam corpulenfer ge: 
worden. Darauf Fam „die fettefte Frau in der Chri— 
ſtenheit“ daß vortrefflihfte Pendant zum. Sfeler, 
denn fie war nicht dicker als die Königin von Dir: 
giniawafer. 


Zuletzt zeigten fich die fogenannten Zwerge, welche 
nichts anders ald — Feine Kinder des Unterneh— 
mers waren, die man in eine Art Dogelbauer ge:- 
ſteckt hatte, der ihr Geficht verbültte, und nur Beine 
und Hände frei ſehen Tieß, mit welchen leßferen die 
ffeinen Dinger mif großen Klingeln einen furchtbaren 


118 


Lärm machen mußten. Damit fchloß die Vorſtellung, 
eine englifche Prellerei, die Fein Sranzofe burlesker 
und mit mehr Effronterie hätte ausführen können. 


Den roſten. 
Seit ich Devilles Schüler geworden bin, kann ich 
nicht umhin, immer den Schädel meiner neuen Be— 
kannten mit den Augen zu meſſen, ehe ich mich wei— 
ter mit ihnen einlaſſe, und heute habe ich, wie in 
der Kotzebueſchen Comödie, einen engliſchen Bedien— 
ten, den ich annahm, vorher in optima forma unter— 
ſucht. Hoffentlich wird das Reſultat nicht das naͤm— 
liche ſeyn, denn die durch's Ohr gezogene Linie gab 
guten Ausweis, wobei es mir lebhaft auffiel, daß 
das gemeine Sprüchwort (und wie viel populäre 


Wahrheit enthalten oft dieſe) mit Devilles Princiy 


ganz einverftanden fey, indem es fagt: Er bat es 
hinter den Ohren, hütet Euch vor ihm. Allen Scherz 
bei Seite, bin ich ganz überzeugf, daß man, wie mit 
dem Magnetismus, auch bei der Cranologie das Kind 
mit dem Bade verfchüttet, wenn man fie felbft nur 
für ein Hirngefpinnft anſieht. E8 mögen noch manche 
Modificationen nicht aufgefunden feyn, aber ich babe 
die Richtigfeit des beftehenden Princips an meinem 
eignen Schädel fo fehr erprobt, daß ich e8 durchaus 
nicht mehr Tächerlich finden Fann, wenn eltern bei 
der Erziehung ihrer Kinder darauf Rückſicht nehmen, 
und auch Erwachfene zu Erleichterung der Selbit: 


119 
fenntniß es zu benußen fuchen. Wenigſtens habe ich 


auf diefem Wege mehr Klarheit über mich ferbft er: 
langt, als mir fonft vielleicht möglich gewefen wäre. 


Da ich den ganzen Tag mit einigen fehriftlichen 
Arbeiten befchäftigt war, fo benutzte ich die milde und 
belle Mondnacht zu meinem Spazierriff, denn, Goft: 
(ob, ich brauche mic) nicht ſclaviſch am die Zeit zu 
binden! 

Die Nacht war ganz italienifch, und außerdem hin: 
länglich mit Lampen erfeuchter, in. deren Bereich ic, 
mich. ftet8 hielt, und fo mehrere Stunden lang in 
Stadf und Vorftädten umherritt. Don Weftminfter: 
bridge aus enffalfefe ficy eine wunderbare Augfichk. 
Die vielen Barfenlichfer tanzten wie Irrwiſche auf 
der Zhemfe, und die vielen Brüden fpannten ſich 
- wie weite illuminirte Bogen : $eitong von einer 
Häufermaffe zur andern über den Fluß. Nur Well: 
minfter : Abtey lag ohne Lampenfchein da, und die 
fehnfüchtige Luna allein, altverfraut mit Ruinen und 
gotbifhen Denfmälern, buhlte mit ihrem blaſſen 
Scheine myftifh um die fteinernen Spiten und Blu: 
men, fenfte fich inbrünftig in die dunklen Tiefen, und 
verfilberte einfig Die langgeſtreckten, glitternden Senfter, 
während Dach und Thurm des hohen Baues, in 
ſchwarzer farblofer Majeftät, über den Lichtern und 
dem Gewimmel der. Stadt zum blauen Sternen: 
bimmel ſtill und ftarr emporftrebten. 

Die Straßen blieben bis Mitternacht ziemlich be: 
lebt, ja ich ſah fogar einen Knaben von böchſtens 


120 


acht Jahren, der ganz allein in einem Fleinen Kinders 
wagen, mit einem großen Hunde befpannt, im vollen. 
Trabe neben den letzten Diligencen und Equipagen 
furchtlo8 vorbeifußr. Dergleichen findet man gewiß 
nur in England, wo,Kinder fhon im achten Jahre 
ferbftftändig, und im zwölften gebangen werden. 


Doc guten Morgen, liebe Julie, e8 ift Zeit, dag 
Bert zu fuchen, 


Den Aſten Xuguft. 


Die Hitze bleibt noch immer drüdend, dev Boden 
wird ganz zu Afche, und wenn nicht in den macadas 
mifirten Straßen überall fortwährend, mit großen, fich 
immer abwechfelnden, Mafchinen gegoffen würde, fd 
wäre e8 gewiß vor Sfaub in der Stadt nicht aus— 
zubalten. So aber bfeibt Fahren und Reiten immer 
angenehm, und obgleich die elegante Zeit vorbei ift, 
auch Shopping noch ſehr unterhaltend Es ift eine 
der größten Verfuchungen bierbei, mehr zu Faufen 
ald man braucht, und. da ich grade jebt wenig Geld 
babe, fo beife ich mir Bei Dingen, die ich fonft wohl 
für Dich und mich zu acquiriren wünfcte, mit der 
Phantafie, wie jener vortreffliche perſiſche Geizhals, 
von dem uns Malcolm Folgendes erzählt: 

Ein Harpagon in Ispahan, der lange ZSeit mit fei: 
nem jungen Sohne nur von frodenem Brod und 
Waſſer gelebt hafte, wurde eines Tages doch durch die zu 


121 - 


einladende Befchreibung eines Freundes verlockt, ein 
ſchmales Stück von einem befonders vorfrefflichen 
und wohlfeilen Käfe zu kaufen. Doc ebe er noch da: 
mif zu Haus Fam, überfielen ihn fhon Gewiſſensbiſſe 
und Neue. Er verwünfchte feine thörichte Extra: 
vaganz, und ſtatt den Kafe, wie er früher beabfichtigte, zu, 
eſſen, berfoploß er ihn in eine Flaſche, und begnügte 
fich in Gefellfhaft des Knaben bei jedem Mahle ibre 
Brodrinden im Angeficht des Käfed zu genießen, 
diefelbe aber vor jedem Bilfen gegen die Bouteilfe zu 
reiben, und fo den Kafe einftweilen nur mit der 
Einbildungsfraft zu ſchmecken. Einmal, berichtet die 
Geſchichte weiter, verfpätere Harpagon fich auswärts, 
und fand, ale er eine Stunde nach der Eſſenszeit zu 
Haus Fam, feinen Sohn bereits mit der fäglichen 
Brodrinde befchäftiet, und diefe emfig gegen die 
Schranftbüre reibend. Was freibf der Bengel? 
rief er verwundert aus: „D Vater! es iſt Eifeng: 
zeit, Ihr habt den Schlüffel zum Schranke mitge— 
nommen, und da babe ich denn mein Brod ein bie: 
chen gegen die Thüre gerieben, weil ich nicht zur 
Slafche Fommen Fonnte,“ Infame Range, fehrie der 
Vater im böchften Sorne, Fannft Du nicht einen ein: 
zigen Tag ohne Käſe leben? Geb mir aus den Aus 
gen, verfhwenderifche Brut, Du wirft nimmer ein - 
reicher Mann werben, 


So reibe auch ich zuweilen meine Brodrinde gegen 
die Schranfthbüre, denn das Neichwerden babe ich 
ebenfalls längſt aufgegeben. 


122 
Sc fchilderte Dir einmal einen 'gewiffen Sir LM. 
als ein befonderes Driginal. 


Dei diefem war ich beufe zu einem Tururieufen 
Mahle eingeladen, welches feit fo lange vorbereitet 
wurde, daß fogar einer der diplomatifchen Säfte, vor 
vier Wochen ſchon, durch einen Courier von Baden 
Über das Meer herüber dazu citirt worden war, auch 
pünftlih am felben Morgen eintraf, und ausländifchen 
mit inländifchem Appetit vereinigt, mitgebracht zu haben 
fhien. Er hatte nicht vergeffen, fich mit verfchiedenen 
confinenfalen Delicateffen zu befrachten, denen man, 
nebft einer Anzahl der audgefuchteften Weine, "die 
größte Gerechtigkeit widerfahren ließ. Es gehört ein 
ftarfer Kopf dazu, um folhen Gelagen bier zu wider: 
ftehen, aber die Luft macht wirklich viel Effen und 
ftarfe Getränke nöthiger als bei ung, und wer im 
Anfang faum einigen englifchen (d. h. mit Brannk 
wein verfebten) Claret trinkt, findet fpäter eine ganze 
Flaſche Portwein recht verträglich mit feiner Zum 
beit und den englifchen Neben. 


Wenn aber auch dem finnlihen Genuß bier haupf: 
fächlich geopfert ward, fo blieb die Unterhaltung doch 
auch nicht ohne Sat. Ein Offizier unter andern, 
der den Krieg gegen die Birmanen mifgemacht, ers 
zäblfe ung fehr intereflante Detaild aus jenen- Ger 
genden, 3. DB. daß die dortigen Kinder, nach unfrer 
Tpeorie Kälber fett zu machen, oft drei Sabre lang 
gefäugt werden. Da nun auc das Tabafrauchen in 
frühefter Jugend anfängt, fo ſah der Capitän öfters: 


> 


123 


ungen, die, indem fie die Bruft der Mutter ver: 


ließen, zum Nachtifche die brennende Eigarre in den 
Mund fteckten. Am ergöblichften erfchien mir aber 
folgende Geſchichte eines. irfändifhen Bulls, Es ift 
gewiß der ftärffte, der je ftatt gefunden bat, indem 
ed fih um nichts weniger handelt, ald um einen 
Bauer, der fih aus Diftraftion felbft den Kopf ab: 
fchneidee. Dabei ift dennoch das Factum autbentifch, 
und folgendermaßen frug fih-die unerhörte Begeben: 
beit zu. 

Die Bauern in Ulfter haben die Gewohnheit, 
wenn fie vom Wiefenmähen zu Haufe geben, ihre 
foloffalen Senfen, welche eine Spike am Griff has 
ben,-um fie in die Erde zu ftecfen, gleich einem Ge— 
wehre in die Höhe ſtehend, auf der Schulter zu fra: 
gen, fo daß die Schärfe der Senfe ganz über ihrem 
Halfe ſchwebt. Zwei Kameraden fchlenderten auf diefe 
Weife den Fluß entlang nach Haufe, als fie einen 
großen Lachs gewahrten, der, mit dem Kopf Inter 
einem Baumftamm verborgen, den Schwanz im Waf: 
fer emporftrecfte, 

Sieh Paddy? ruft der Eine, den dummen Lachs, 
der glaubt, daß avir ihn nicht fehen, weil er ung 


ſelbſt nicht fiebt. Hätt' ich doch meinen Speer, dem 


wollte ich einen guten Stoß. geben. O, fagt der An: 
dere, an den Lachs heranfchleichend, dag muß auch 
mit dem Genfenftyl geben. Gieb acht! und zu ftößt 


er, und trifft den Lachs richtig, Leider aber auch zu: 


gleich feinen Kopf mit der Senſe, der vor den Au— 
gen des erftaunten Kameraden fchalfend in's Wafler 


124 


plumpt. Lange Fonnfe diefer nicht begreifen, wie 
Paddy's Kopf fo ſchnell berunterfam, und noch heute 
giebt er nicht zu, daß die Sache mit rechten Dingen 
zugegangen fey. Ein böfer Kobold, meint fer babe 
ſicher die Senſe geführt. 


Mit der englifchen Oper beſchloß ich den Tag, 
wo am Ende des erſten Akts ein Bergwerk einſtürzt, 
und die Haupthelden des Stücks begräht. Sn der 
letzten Scene des zweiten Aktes erſcheinen fie aber 
im Bauche der Erde wieder, in der That ſchon drei— 
vierfel verhungert, wie fie felbft erzäblen, da fie 
num bereits 3 Tage bier verfchmachtet lägen, und 
jes£ ihre legten Kräfte dabinfchwänden. Das verhins 
dert die prima Donra jedoch keineswegs, eine fange 
Arie. mie Polonaifenmufif zu fingen, worauf der 
Chor mit Trompeten einfällt: „Ha wir find verlo— 
ven, alle Hoffnung ift dabin“ — doch, o Wunder, 
die Selfen fallen von neuem ein, Und er: 
öffnen eine weite Pforte dem bereinbredenden 
Tageslihte Aller Jammer und mit ibm after 
jammervolle Unfinn des Stücks haben ein Ende. 


— 


Den Lten. 


Die geſtrige Schwelgerei hat mich auf ein Organ 
aufmerkſam gemacht, das Herr Deville noch unter 
ſeiner Liſte nicht aufgenommen hat. Es iſt das 
der Gourmandiſe, und befindet ſich unmittelbar ne— 
ben dem ehemaligen Mordſinn, denn es findet, gleich 


125 


ibm, im Serftören fein höchſtes Vergnügen. Sch be: 
fie es im bedeutendem Maße, und wünſchte, alle 
übrigen Buckel und Beulen meines Schädeld gäben 
fo unfchuldige und angenehme Reſultate. Es ver: 
leiht diefes Organ nicht. blogs die gemeine Luft am 
Effen und Trinken, fondern befähigt feine Inhaber 
aud, bie wahre Qualität der Weine und ihr Bou— 
guet zu würdigen, fo wie jeden Fehler und jede Ge: 
nialität des Kochd augenblicklich gewahr zu werden. 
Diefes genußreiche Organ wird nur dann der menfchr 
lichen Zufriedenheit nachteilig, wenn es mit einem 
fenfimenfalen Magen verbunden ift, was glüdlicher 
Weiſe bei mir nicht der Fall zu ſeyn feheint. 2 

Sch beſah beufe die Augftelung einer mit der 
Tadel genäbten und von einer Perfon allein ar: 
gefertigten ganzen Gemäldegallerie, deren Vortreff— 
lichkeit wirklich in Erſtaunen ſetzt. Miß Linwood 
heißt die Künſtlerin, dieſe geduldigſte aller Frauen. 
Sn geringer Entfernung ſcheinen die Kopien den Dris 
" ginalen gleih, und wie ſehr fie Anerfennung fin: 
den, Fann man aus den ungeheuren Preifen beur: 
tbeifen. Eine folhe Tapete nach Carlo Dolce war 
eben für 3000 Guineen verfauft worden. 

Ein Porträt Napoleons ale Konful fol, fo fehr 
es von feiner fpatern Perſönlichkeit abweicht, dene 
noch eine felfene Aehnlichkeit aus jener Zeit darbie— 
ten, und wurde von den anwefenden Franzofen mit 
großer Ehrfurcht betrachtet. 

Einige Haufer weiter ivaren Mifrosfope von 
millionenfacher Vergrößerungskraft aufgeftellt. Was 


126 


fie zeigen, könnte einen Menfchen Von lebhafter Ein: 
bildungskraft verrückt machen. Es Fann gar nichts 
Schauerlicheres geben, keine furchtbareren Teufels— 
frazzen koönnen je erfunden worden ſeyn, als jene gräßlich 
ſcheußlichen Waſſerinſekten, die wir täglich (mit blo— 
ßen Augen und ſelbſt geringern Vergrößerungsglä— 
ſern unbemerkbar) hinunterſchlucken — wie ſie gleich 
Verdammten in dem ſumpfig erſcheinenden Kloak mit 
der Schnelle des Blitzes umherſchießen, und deren 
wahrſcheinliche Begattung wie Kampf und Schmerz 
auf Tod und Leben ausſieht. 


Da ich einmal im Sehen begriffen war, und 
den entſetzlichen Eindruck dieſer Unterwelt durch lied: 
lichere Bilder kilgen wollte, fo wurden noch drei ver: 
fchiedene Panoramen mit Muſe genoffen : Rio Sa: 
neiro, Madrid, Genf, 


Das erfte ift eine, aus unfern Naturfornen 
ganz heraustretende, originelle und zugleich paradie: 
fifch üppige Natur. Das zweite fiebt in der baum: 
ofen, fandigen Ebene wie Stillftand und Inqui— 
fition aus. Glühende Hite brüfet über dem Gan: 
zen, wie ein Auto da fe. Das driffe dagegen erfchien 
mir wie ein lieber alter Bekannter, und Herz erho— 
ben blickte ich lange auf den unerfchütferlichen, ſich 
allein ſtets gleichbleibenden vaterländifchen Freund bin 
den majeſtätiſchen Montblanc. 


. 


127 
| Den Sten. 


Canning ift todt! Ein Mann in der Zülle der 
geiftigen Kraft, feit wenigen Wochen erft am Biel 
feines thätigen Lebens angelangt, endlich der Regie: 
ver Englands und dadurch ohne Zweifel der einfluß: 
veichfte Mann in Europa, mit einem Zeuergeifte be: 
gabt, der diefe Bügel mit mächtiger Hand zu führen 
-wußfe, und einer Seele, die das Wohl der Menſch— 
beit von einem noch höhern Standpunfte zu umfaf: 
fen fähig war. — Ein Schlag hat diefeg ftolge Ge: 
baude vieler Jahre zertrümmert, und enden mußte 
der kühne Mann, wie ein VBerbreher — ylößlich, 
tragifch, unter dem, fürchterlichften Leiden, das Opfer 
einer unbarmberzigen Natur, die mit eifernem Fuße 
fort und forf niedertritt, wag in ibren Weg Fümmt, 
unbefümmert, ob fie die junge Saat, die fehwellende 
Blüthe, den Föniglichen Baum, vder die ſchon hin: 
jterbende Pflanze zerfnick. 

Was werden die Kolgen diefeg Todes feyn? In 
Jahren werden fie erft klar werden, und vielleicht 
eine Auflöfung  befchleunigen, die ung in vielen Din: 
gen droht, und der nur ein großarfiger „ aufgeflär: ' 
ter Staatsmann, wie Canning ed war, Einheit und 
günftige Richtung zu geben im Stände feyn möchte. 
Bielleicht wird grade die Parthei, die jebt fo unan: 
ftandig und gefühllos über feinen frühen Tod trium— 
phirt, durch dieſen Tod die erfte ernftlich gefährdete 
werden , denn nicht mit Unrecht bat. Lord Chefter: 
field vor langer Zeit mit propbetifhem Sinne ge: 
jagt: Je prevois que dans cent ans d’ici les me- 


4128 


tiers de gentilhomme et de moine ne seront plus 
de la moitie aussi lucratifs qu’ils sont aujourd'hui. 


Doc was kümmert mich die Politik !- Könnfe ic) 
nur immer in mir felbft das gebörige Gleichgewicht 
erhalten, wäre ich zufrieden. Das von Europa wird 
fih fhon von felbft berftellen. Klugheit und 
Dummheit führen am Ende alte zu demfelben Ziel 
— der Nothbwendigfeit. 


Indeſſen ift Canning's Tod natürlich jetzt u 
Stadtgeſpräch, und- die Defails feiner Leiden empö— 
‚rend. Die Fröminler, denen er wegen feiner freifin: 
nigen Meinungen fehr zuwider war, fuchen auszu— 
breiten, er babe ſich während diefer Schmerzen be: 
kehrt — was fie nämlich Befehrung nennen — einer 
feiner Sreunde dagegen, der lange an feinem Todes: 
Bette zugebracht, konnte nicht genug den- ftoifchen 
Muth und die Sanftmuth rühmen, mit der er fein 
berbes Geſchick gefragen, big zum Testen Augenblicke 
der Befinnung nur von feinen Plänen zum Wohle 
Englands und der Menfchheit erfüllt, und ängſtlich 
forgend : fie dem Könige noch einmal an’g Herz zu 
legen. 
Wie ſich nun Frivoles unb Ernſtes — —— 
ſtets die Hand reicht, ſo erregt nebſt dieſem tragi— 
ſchen Tode zugleich ein höchſt ſeltſamer Roman: „Vi— 
vian Grey,“ durch ſeine oft barokken, oft aber auch 
ſehr witzigen und wahren Schilderungen der Sitten 
des Continents hier viele Aufmerkſamkeit. Die Be— 
ſchreibung des Anfangs eines Balles in Ems möge 


129 


bier Platz finden, als eine Probe, wie Engländer 
das Eigenthümliche unferer Gebräuche beobachten. 


Des Prinzen Fete war Außerft ausgefuht, d.-b. 
fie beftand aus Allen, die eine Snvitationg: Karte ent: 
weder durch Wroteftion hatten erhalten Fünnen, oder 
Diefelbe - von des Fürften Hausbofmeifter Crakofsky 
mit fchwerem ©elde erfauft haften. Alles war höchft 
föniglich, feine Koften und Mühe waren gefpart, 
das gemiethefe Haus in eine fürftliche Nefidenz um: 
Zufchaffen, und feit einer Woche war dag ganze Feine 
Herzogtum Naffau dafür in Gontribution gefept 
worden. Am Eingange der Salons, gefüllt mif ges: 
mietheten Spiegeln und proviforifchen Draperien, ftand 
der Prinz voller Orden, empfing Alle mit der ausge: 
zeichnetften Herablaſſung, und verfäumte nicht, jeden 
der angefebenen Gäfte_ mit der fchmeichelhafteften An: 
rede zu beehren. Seine Suite, hinter ihm aufgeftelt, 
bückte fich jedesmal gleichzeitig, fo bald die ſchmei— 
chelhafte Anrede beendigt war. 


Nach einander börfe ich, ſeitwärts ftebend, fol: 
gende Unterhaltung. „Frau von Fürftenberg ‚“ fagte 
der Prinz, fich verbeugend, „ich fühle das größte Ber: 
gnügen, Sie zu fehen. Mein größtes Vergnügen ift, 
von meinen Freunden umgeben zu feyn. Frau von 
Fürftenberg, ic) hoffe, daß Ihre liebenswürdige Fami— 
fie fih wohl befindet. (Die Familie paſſirt vorbei.) 
Gravaticheff! fuhr feine Hoheit fort, den Kopf halb 
zu einem feiner Adjudanten gewandt, Cravatichefi, ei: 
ne charmante Frau, Frau von Fürftenberg, es gibt 

Briefe eimed Verſtorbenen. IV. | 9 


130 


wenig Srauen, ‚die ich mehr bewundere, ald Frau 
von Kürftenberg. — Prinz Salvinsfy, ich fühle das 
größte Vergnügen, Eie zu feben. Mein größtes Ber: 
gnügen ift, von meinen $reunden umgeben zu feyn. 
Niemand macht Polen mehr Ehre, ale Prinz Sal: 
vinsky. — Gravaticheff! ein merkwürdig Tangweili: 
ger Kerl der Prinz Salvinsky. E8 gibt wenig Men: 
fchen, die ich mehr en horreur habe, als Prinz Salz 
vinsfy. — Baron von Königftein, ich fühle das 


größte Vergnügen, Sie zu fehben. Mein größtes . 


Vergnügen ift, von meinen Kreunden umgeben zu 
feyn. Baron von Königftein, ich habe die excelfente 
Sefchichte von der fehönen Venetianerin noch nicht 
vergefien. Cravaticheff! ein höchſt amüfanter Kerl, 
der Königſtein. Es gibt wenig Menſchen, deren 
Geſellſchaft mich mehr amüſirt, als die des Baron 
Königſteins. — General Altenburg, ich fühle das 
größte Vergnügen, Sie zu ſehen. Mein größtes 
Vergnügen iſt, von meinen Freunden umgeben zu 
ſeyn. Vergeſſen Sie nicht, mir nachher Ihre Mei— 
nung über das öſterreichiſche Manöuvre zu geben. 
Gravaticheff! ein ercellenter Bilfardfpieler ift General 
Altenburg. Es gibt wenig Menfchen, mit denen ich 
lieber Billard fpiele, ald mit Graf Altenburg. — 
D Lady Madeline Trevor, ich fühle das größte Ber: 
gnügen, Gie zu feben. Mein größtes Vergnügen 
ift, von meinen Freunden umgeben zu feyn, Miß 
Kane, Ihr Sclave. Eravaticheff! eine magnifique Frau, 
Lady Trevor. Es gibt wenig Frauen, die ich mehr 
bewundere, ald Lady Trevor, und, Eravaticheff! Miß 


x 


131 


Jane ein berrliches Mädchen! e8 gibt wenig Diät: 
hen, die ich lieber — 

Hier raubte mir das Geräuſch der einfallenden 
Polonaiſenmuſik den Reſt der Phraſe, und ich gieng 
zu einer andern Secene über. 

Nicht wahr, Sulie, beißend genug! Es gibt 
wenig Schilderungen, die mich mehr amüſirt hätten, 
und meine Ueberfesung, nicht wahr? fehr gelungen. 
E3 gibt wenig Ueberfegungen, die mir beffer ge: 
fielen, ald meine eignen. k 

Auch im Ernften iſt der Verfaſſer nicht über. 
„Wie furchtbar, fagt er, ift das Leben, welches doch 
unfer höchſtes Gut ift! Unfer Wefen athmet unter 
Wolfen, und ift in Wolfen gehüllt, ein unbegreifz 
liches Wunder für ung ſelbſt. Es gibt nicht einen 
einzigen Gedanfen, der feine beſtimmte Gränze hätte. 
Eie find wie die Cirfel, die das Waſſer bilder, wenn 
man einen Etein bineinwirft, immer weiter fich aus— 
dehnend und immer ſchwächer ſich zeichnend, bis ſie 
ſich zuletzt ganz verlieren in dem unermeßlichen Rau— 
me, den der Geſichtskreis nicht mehr faſſen kann. 
Wir ſind gleich Kindern im Dunkeln, wir zittern in 
einer düſter beſchatteten und ſchrecklichen Leere, die 
nur durch die Bilder unſerer Phantaſie bevölkert iſt. 
Leben iſt unſere wahre Nacht, und vielleicht der erſte 
Strahl der Morgenröthe der Tod.“ — 

Praktiſcher noch ſchrieb der berühmte Smollet an 
einen Freund: „Ich bin alt genug geworden, um 
geſehen und mich überzeugt zu baben, daß wir alle 
ein Epielzeug des Schickſals find, und Daß ed auf 


132 


eine Kleinigkeit, fo unbedeutend, als das in die Hös 
bewerfen eines Pfennings, anfümmt, ob ein Menfch 
zu Ehren uud Reihtbum ſich emporfhwingen, oder 
bis zu feinem Tode in Elend und Noth vergeben 
ſoll.“ 


Den löten, 


Täglich befehe ich mir die Arbeiten in den foge: 
nannten Parks von St. James und Greenpark, die 
früher bloße Viehweiden waren, und nun nach den 
Plänen des Herrn Naſh in reizende Gärten und 
Wafferpartbieen umgefchaffen werden. Sch lerne bier 
viel Techniſches, und bewundere die zweckmäßige 
Vertheilung und Kolge der Arbeit, die ingenieufen 
Transportmittel, die beweglichen Eiſenbahnen u. f. w. 

Charafteriftifch it es, daß während die Geſetze, 
welche das Eigenthum ſchützen, ſo ſtreng ſind, daß 
ein Menſch, der über die Mauer ſteigt, um in einen 
Privatgarten zu gelangen, riskirt gehangen zu wer— 
den, und jedenfalls grauſam beſtraft wird, auch der 
Beſitzer, wenn es des Nachts geſchieht, ihn ohne 
Umſtände todtſchießen darf — man auf der andern 
Seite mit dem Publikum, wo es nur einen Schein 
von Anſpruch hat, ſo ſubtil umgehen muß, wie mit 
einem rohen Ey. In den beiden genannten Parks, 
die königliches Eigenthum ſind, aber ſeit ewigen Zei— 
ten dem Publikum Sonntags offen gegeben wurden, 
wagt man jetzt, ohngeachtet der Umwälzungen und 
Arbeiten, die der König (freilich wohl auf Koften 


133 


der Nation machen laͤßt, nicht dem Plebs den Ein: 
gang temporär zu verbieten, fondern bat nur Tafeln 
anfchlagen laffen, auf denen wörtlich folgendes ftebt: 

„Das Publifum wird refpeftueufeft erfucht, wäh: 
rend der Arbeiten, die nur die Vergrößerung feines 
eigenen Vergnügens bezwecken, die Karren und Uten— 
filien der Arbeiter nicht zu befchädigen, und über: 
baupt den Diſtrikt, worin die Arbeiten ftattfinden, 
mögtichft zu fehonen.“ 

Demungeachtet wird ſehr wenig Rückſicht- auf diefe 
refpeftueufe Bitte genommen, und die Karren, die 
nach der Arbeit aufgefchichtet liegen, werden häufig 
gebraucht, um Zungen darin herum zu fahren, und 
alterband andern Unfug damit zu freiben. Auf den 
langen Brettern fchaufeln fich die Mädchen, und viele 
unnütze Brut wirft Steine gerade da in's Waſſer, 
wo Damen davor ftehen, die natürlich fo Davon be: 
fprist. werden, daß fie, unwillkührlich gebadet, zu 
Haufe eilen müſſen. Diefe Rohheit des englifchen 
Publikums ift in der That fehr eigenthümlich, und 
die einzige Entfchuldigung für die Snhumanität aller 
Wohlhabenden, mit der fie ibre reizenden Beſitzun— 
gen fo neidifch verſchließen. Es ift aber auch mög: 
lich, daß diefe Inhumanität der Reichen die Rohheit 
und Bosheit der Armen erft hervorgerufen bat. 

Die Spaziergänge und Ritte in der Umgegend wer: 
den jebt ebenfalls wieder fehr einladend, da der Herbit 
fhon früh beginnt. Das verbrannte Gras prangt 
von Neuem in bellem Grün, und die Bäume erbal: 
ten ihr Laub fefter und frifcher als bei ung, obgleich 


* 


134 


ſie ſich auch zeitiger zu färben anfangen. Der Win— 


‚ter aber kömmt ſehr ſpät, oft gar nicht, um fein 


weißed Zodfengewand über fie zu breiten. Dabei 
bört das Mähen des Raſens, und das Reinhalten 
der Päbe und Gärten nie auf, ja auf dem Lande, 
wo der Herbit und Winfer die Seafon ift, wird in 
Diefer Beit grade die meilte Sorgfalt darauf verwendet. 

London wird aber dann von den Fafhionabfen 
gefloben, und das mit folcher Affektation, daß Viele 
ich, bei eftwanigem nöthigen Aufenthalt dafelbft, förm— 
lich zu verftecken fuchen. Die Straßen find im westend 
of the town fo Teer wie in einer verlaffenen Etadt; 
nur die gemeinen Mädchen verfolgen Abends auf die 
unenftändigfte Weife und mit den bandgreiflichiten, 
sewalffamften Liebfofungen jeden Borüberziebenden. 
Nicht nur Engländerinnen, fondern auch Fremde, nıb: 
men ſchnell diefe abfcheuliche Eitte an. So defespe: 
rirte mich neulich eine alte Franzöfin mit bleichen 
Lippen und gefehminften Wangen, Die mir angemerft, 
daß ich ein Fremder fey, mit ſolcher Beharrtichkeit, 
Daß felbft die Gabe des geforderten Schilling mich 


—noch nicht von ihr befreite. Encore un moment, tief 


fie immer, je ne demande rien, c’est seulement pour 
parler francais, pour avoir une conversation raison- 
nable, dont les Anglais ne sont pas capables, Diefe 
Geſchöpfe werden bier zu einer wahren Landplage. 
Bei der iebigen Einfamfeit bat man nun wenig: 
ſtens fo viel Zeit für fih al man will, kann arbei: 
ten und Die Legion der Zeitungen mit Muße lefen. 
Die Albernbeiten, welche täglich in diefen über fremde- 


135 


Angelegenheiten fteben, find unglaublich. Heute fand 
ich folgenden Artikel: „Des feligen Kaifer Aleranders 
Bewunderung Napoleons war eine Zeit\lang ohne 
Grenzen. Man weiß, daß in Erfurtd, als Zalma auf ' 
dem Theater die Worte ſprach: L’amitie d’un grand . 
homme est un bienfait des dieux, Alerander fich gegen 
Napoleon verbeugte und ausrief: Ces paroles ont ete 
ecrites pour mo, — Weniger befannt ift vielleicht 
folgende Anefdote, deren Wahrheit wir-verbürgen 
fünnen Eines Tages Außerte Alexander gegen 
Duroe den lebhaften Wunſch, ein Paar Hofen feines 
großen Berbündeten, des Kaifers Napoleon zu befiten. 
Duroc fondirte feinen Herren über die allerdings un— 
gewöhnliche Angelegenheit. Napoleon lachte berzlich. 
D, auf jeden Fall, rief er, donnez lui tout ce qu’il 
veut, pourvü qu'il me reste une paire pour changer. 
Die ift authentiſch, man verficherte uns indeſſen 
noch, daß Alerander, der fehr abergläubig war, in 
den Campagnen 1812 und 13 im Felde nie andere als 
„Mapoleung : Hofen“ trug!!! Solchen Unfinn glaubt 
jedoch ein Engländer unbedenklich. 

Der Tag endete fehr angenehm für mich mit der 
Ankunft meines Freundes 8...., für den id Dich 
jest auch verlaffe, und den entfehlich Tangen, leider 
nichts weniger als im Verhältniß inbaltreichen Brief, 
mit der eben ſo alten, aber für Dich, wie ich weiß, 
doch ftets den Reiz der Neuheit bebaltenden-Berfiches 
rung fchließe, daß Du, fern oder nah, meinem Her: 
zen immer die Nächfte bift und bleibſt. 

Dein treuer 8, 





Siebzehnter Brief. | 


London, den WWften Auguſt 1847. 
Liebe Getreue! 


Die Neugierde führte mich heute nochmals zu der 
Arbeiten am Zunnel, wo ich in der Taucherglode 
mit auf den Grund des Waſſers binabfuhr, und wohl 
eine halbe Stunde dem Stopfen der Lebmfäde, um 
den Bruch wieder mit feftem Boden zu füllen, zulab. 


Einen ziemlich ftarfen Schmerz in den Ohren abge: 


rechnef; aus denen fogar bei manchen Menfchen Blut 
fließt, obne jedoch nachher der Geſundheit zu ſcha— 
den, fand ich eg, je kiefer wir fanfen, deſto behagli— 
cher in dem metallenen Kaften, der oben dide Glas: 
fenfter bat, neben welchen zwei Schläuche ausgehen, 
die frifche Luft ein= und die verdorbene auslaffen. 
Diefes Behältnig bat Feinen Boden, fondern nur ein 
ſchmales Brett, um die Beine darauf zu ftellen, nebſt 
zivei feften Bänfen an den Geiten. Einige Gruben: 
lichfer geben die nöthige Helle. Die Arbeiter hatten 
herrliche Waſſerſtiefel, welche 24 Stunden lang der 
Näffe wiederfiehen, und es beluftigte mich, die Adreffe 
des DVerfertigers derfelben bier bei den Fifchen, „auf 


137 


des Etromes tiefunterſtem Grunde” in mein Vorte: 
feuille zu fchreiben. 

Nachdem ich glücklich dem Waſſer widerftanden, 
hätte mir am Abend bald dad Feuer einen üblen 
Streich gefpielt. - Ein berabgebranntes Bougeoir züns 
defe, als ich auf einen Augenblick in eine andere» 
Stube "gegangen war, die Papiere meines Echreibtis 
fches an, und ebe ich Löfchen Fonnfte, wurden viele 
mir fehr intereffante Eachen vernichtet. Brief-Copien, 
Kupfer und Zeichnungen, ein angefangener Roman, 
(wie Echade!) eine Unzabl gefammelter Adreffen, ein 
Theil meines Tagebuchs — Alles wurde en Raub 
der Flammen. Lächeln mußte ich als ich fab, daß 
die Duittungen unberührt geblieben, die unbezahlten 
Rechnungen aber alle bis auf die legte Epur confus 
mirt waren. Das nenne ich ein verbindliches Feuer! 
Der große Pad Deiner Briefe ift nur rundum ange: 
brannt, fo daß fie jebt wie auf Trauerpapier gefchries 
ben, ausſehen. Auch ganz richtig — denn Briefe 
unter Lieben frauern immer, daß man fie überhaupt 
zu fchreiben gendihigt ift. Den dir befannten Mie: 
ner Courier mit 100,000 Stück, der zum Neger ges 
worden, ober glücdlih das Leben gerettet und fein 
Kleeblatt confervirt hat, fende ich als Zeugen und 
Boten des Brandes jebt wieder zurück. 


h | Den Auften, 
Es gibt in dem unermeßlichen London fo viel 
terra incognita, daß man, auch nur vom Zufall ges 


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führt, stets etwas Neues. und Sntereffantes darin 
antrifft. So kam ich Ddiefen Morgen nad Linfoln 
Inn fields, einem herrlichen Equare,. wohl eine Deut: » 
fhe Meile von meiner Wohnung entfernt, mit ſchö— 
nen Gebäuden, hoben Baumen, und: dem wohluns 
terbaltenften Rafenpfaß - verfeben. Der anfebntichfte 
Palaſt enthält das Collegium der Wundärzte, mit 
einem fehr intereffanten Mufeum. Einer der Herren 
jeigfe mir die Anftalt mit vieler Gefälligkeit. 

Das Erfte, was meine Aufmerkffamfeit in Ans 
ſpruch nahm, var eine alferliebfte Eleine Eeejungfer, 
Die vor einigen Jahren in der Stadt für Geld ger 
zeigt, und dann für tauſend Pfd. Sterl. verfauft 
wurde, worauf man erft entdeckte, daß fie nur ein 
chinefifches betrüglihes Kunftproduft fey, aus einem 
feinen Drang Dutang und einem Lachs auf das 
Eünfttichfte verfertigt. Die wirkliche Eriftenz folcher 
Sefchöpfe bleibt alfo nad) wie vor ein Problem. 

Daneben ftand ein veritabler großer Drang Du: 
fang, der lange bier lebte, und fogar mehrere häus— 
liche Dienſte im Haufe verrichtete. Herr Elift, fo hieß 
mein Führer, verficherte, daß er diefe Affenart für 
ein eigenes Geſchlecht halten müffe, das dem Men: 
fehen naber ftehe al8 dem Affen. Er babe das ers 
wahnte Individuum lange aufmerkſam beobachtet, 
und die ſicherſten Anzeichen von Nachdenken und 
Ueberlegung bei ihm gefunden, die offenbar über den 
bloßen Inſtinkt hinausgingen. So haben z. B. Mr. 
Dyk, wie er ihn nannte, gleich andern Affen, nach er— 
haltener Erlaubniß die Taſchen der Menſchen unter: 


— 139 


ſucht, ob Eßwaaren darin ſeyen, aber ſtets das, was 
er darin fand, wenn es feinem Zweck nicht entfprach, 
forgfältig wieder hineingeſteckt, ftatt es, wie feine 
Kameraden, wegzuwerfen oder binfallen zu laſſen. 
Auch fey er gegen das geringste Zeichen von Mißfallen 
fo empfindlich gewefen, daß er Tage lang darüber 
babe ſchwermüthig bleiben fünnen, und oft habe man 
ihn den Hausdienern, wenn ihnen die Arbeit fauer, 
zu werden fehlen, freiwillig Hülfe Teiften fehen. 
Bu den faft unglaublihen Verwundungen gebört 
folgende: Herr Elift Zeigfe mir den Vordertheil der 
Bruft eines Menfchen in Spiritus, den eine Deichfel 
bei Durchgebenden Pferten fo mitten durchgerannt 
und angefpieße hatte, daß er nachher nur mit großer 
Kraftanftrengung mehrerer Leute von ihr wieder ab: 
gezogen werden Ffonnte. Der Schaft war immedtat 
bei Herz und Lungen vorbeigegangen, die er jedoch) 
nur fanft zur Seife gedrückt, obne fie im geringften 
zu verlegen, wohl aber vorn und hinten die Rippen 
zerbrochen hatte. Nachdem der Dann von der Deichfel 
abgezogen worden war, blieb ihm noch fo viel Kraft, 
daß er zwei Treppen hoch fteigen und fich zu Bette 
legen Fonnte. Er lebte feitdem vierzehn Sabre gefund 
und wohl, die Herren Chirurgen hatten ibn aber nicht 
aus den Augen gelaffen, und bemächtigten fich feineg 
Körpers, fobald er todt war, um ihn, nebft der 
Deichfel, die als eine Neliquie in der Familie aufbe: 
wahrt wurde, ihrem Vlufeo einzuverleiben. 
Merfwürdig war mir noch ein Feines, ſchönge— 
formtes Windſpiel, welches in einem Keller vers 


140 


mauert, und nad vielen Sabren im Zuftand völliger 
Dertrofnung gefunden wurde Es erfchien wie von 
grauem Sandſtein ausgehauen, und bof ein rübren: 
des Bild der Nefignation, wie zum Schlaf zuſam— 
mengerofff, und mit einem fo wehmütbigen Ausdruck 
des Köpfchens dar, daß man es nicht ohne Mitleid 
anſehen Fonnte. Eine eben fo verhungerte und ver: 
trocknete Kate fab dagegen wild und teuflifch aus. 
So, dachte ich mir, bleibe Sanftmurb felbft im Leiden - 
fhön! E8 war wie ein Bild des Guten und Böſen in 
gleicher Rage, und doch mit fo verfchiedener Mirfung. 

Endlich muß ich noch des Skeletts des berühmten“ 
Sranzofen erwähnen, der fih, noch lebend, doch ſchon 
als Skelett bier feben ließ, da wirklich feine Knochen 
faft ganz ohne Ftleifch und nur von Haut bededft was 
ren. Gein Magen war Fleiner wie bei einem neuges 
bornen Kinde, und der Aermſte zu einer fortwährenz 
den Hungerfur verdammt, da er nicht mehr als eine 
balbe Zaffe Bouillon fäglich verzehren Fonnte. Er 
ward zwanzig Sabre alt, ftarb bier in London, und 
verfaufte fich noch, lebendig dem Muſeo. 

Während dem Zuhaufefahren hatte ich beim Wech— 
fein am Qurnpife eine Menge Heines Geld befom: 
men, und amüfirte mich, in einer feltffamen Laune, 
jedesmal wenn ich einem arm augfehenden zerlump— 
ten Menfchen begegnete, ein Stück diefes Geldes. 
ftilffchweigend aus den Wagen fallen zu laffen. Auch 
nicht einer ward es gewahr, fie gingen alle rubig vor: 
über. Und gerade fo macht e8 Zortuna! Cie fährt 
auf ihrem Glückswagen fortwährend durch die Welt, 


141 

und wirft mit verbundenen Augen ihre Gaben aus. 
Wie felten wird fie aber einer von uns gewahr, und 
bückt fi darnach, fie aufzubeben. Sa meiftens fucht 
er eben im günftigen Moment wo anders, 

Als ich indeß zu Daufe Fam, fand ich diesmal 
wirflih eine abe des Schickſals, und eine febr 
tbeure — einen langen Brief pon Dir SL 


Der Herr von S., deſſen Du als fpäten Badegaft 
erwähnft, ift ein alter Bekannter von mir, ein felt 
fames Driginal, dem wir Alle gut waren, und den: 
noch Alle unwiderftehlih zum Beten haben mußten, 
und dem fortwährend die ernfteften und lächerlichiten 
"Dinge zugleich begegneten. Du haft Dich ſelbſt über: 
zeugen können, daß er wie eine Garrifatur augfieht, 
und von allen am wenigften zum Liebesglück gefchaf: 
fen fchien. Michts deftoweniger war er als junger 
Lieutenant wie ein Wahnfinniger in eine der fehön: 
ſten Frauen jeiner Zeit, die Baronin B... verliebt, 
und als diefe eines Abends ihn durch ihren beißenden 
Spott auf das Aeußerfte gebracht, ftah er fich vor 
ihren Augen den Degen durch den Keib. Das Eifen 
war mitten durch die Lunge gegangen, fo daß. ein 
Licht, welches man an die Wunde hielt, vom Athen: 
bolen verlöfchte. Dem ungeachtet wurde unfer £ragi: 
fiher Narr gebeilt, und Frau von B..., die ohne: 
dem ziemlich galant war, von der bewiefenen Liebe 


142 


ſo gerührt, daß fie nach der völligen Herftellung ih: 
res desperaten Liebhaberg, nicht länger graufam zu 
bleiben vermochte, und ihm endlich ein belohnendes 
Rendez-vous verbieß. Ich weiß nicht, wie ein teuflifcher 
Schadenfroh unter feinen Kameraden davon Kunde 
befan, und dem armen ©... , Über deffen Todtſte— 
chen, fo ernftlich e8 war, man doch nur gelacht hatte, 
den abfcheufichen Streich fpielte, ibm einige Stunden 
vor der beftimmten Zeit eine ftarfiwirfende Medizin 
beizubringen. Man kann fich den burlesken Erfolg 
denken ; indeffen befam er dem Spaßmacher doch übel. 
S. tödfefe ihn im Duell zwei Tage darauf, mußte 
den S..:..fhen Dienft verlaffen, und bat nun, wie 
ich höre, unter Aleranders Fahnen fih ein: befferes: 
Loos erkämpft. Gern bäfte ich den drolligen Kauz 
wieder gefeben, deffen Leidenfchaften nun wohl aud 
gleich feiner angebornen Poffierlichfeit minder ber: 
vorftechend geworden feyn mögen! 


\ —— 





- Enlthill, den 2bten. 

Ich babe mich endlich aufgemacht, und die Etadt 
mit &.... verlaffen, der mich einige Tage begleiten 
will, worauf ich allein weiter in's Land bineinreifen 
werde. Der erfte Nubepunft ift ein. reizender Gaft: 
bof in der Nähe von Windfor, der der Villa eineg 
Vornehmen gleicht. Die Tieblichfte Veranda mit No: 
fen und allen möglichen ranfender Pflanzen, fo wie 
mit Hunderten von Blumentöpfen geſchmückt, nimmt 
die ganze Fronte ein, und ein auf das forgfältigfte 
gebaltner pleasure ground und Blumengarten dehnt 


143 

ſich weit vor meinen $enftern aus, von denen ich 
eine herrliche Ausficht auf das gigantifche Schloß von 
Windfor babe, das. in der Kerne, in den Rahmen 
zweier Kaftanienbäume eingefaßt, wie ein Feenſchloß 
in der Abendfonne glänzt. Der lange Regen bat 
alles fmaragdgrün gefärbt, und das liebe frifche Land 
bat den wohlthätigften Einfluß auf meine Stimmung 
Ich fpreche dabei viel von Dirz gute Julie, mitt..., 
deſſen Gefelifohaft mir fehr angenehm if. Morgen 
gedenfen wir eine Menge Dinge zu ſehen, heute Abend 
mußten wir ung, da ed fihon zu ſpät war, mit einem 
Spaziergang im Felde begnügen, und machten dann 
ein gutes Dine mit Champain, der auf Deine Geſund— 
beit, wie fich von felbft verfteht, getrunken wurde, 


-Den ?6fien. 

Früh am Morgen fuhren wir nab Stoke-Park, 
der Befibung des Enfeld des berühmten Quäkers 
Nenn, wo im Schloffe noch ein Theil des Baumes 
aufbewabrt wird, unter dem er. den Vertrag mit 
den Chefs der Wilden fehloß, von dem Penfylvanien 
feinen Namen bat. Wir faben bier in einem fchönen 
Park die größte Varietät von Dam :Hirfchen, wie 
fie ſowohl 8... ale mir noch nicht vorgefommen was 
ren, fchwarze, weiße, getigerte, ſcheckige, ſchwarze 
mit weißer Bläffe, und Draune mit weißen Füßen. 
Park und Garten, obgleich recht fchön, boten doch 
nichts Außerordentliches dar. - Died war dagegen 


144 


der Fall in Dropmore, dem Lord Grenville gebörig, 
wo die wundervolften Baume, nnd einer der reizend: 
ften Blumengärten unfere ganze Aufmerkfamfeit er: 
vegten. Es waren eigentlich Drei oder vier Gärten 
an verfchiedenen Orten vertbeilt, im Reichthum der 
Blumen wirklich einzig — theils Partbieen mit Bee: 
ten auf dem Rafen, theils auf Kied. Die Lebteren 
nebmen ſich in der Regel weit fchöner aus. Befon: 
ders originell und vom ausgezeichnetiten Effekt war 
e8, daß jeded Beet immer nur eine Art Blumen 
enfbielt, welches über das ganze Bild einen unbe: 
ſchreiblichen Reichthum gefättigter Farbenpracht ver: 
breitete, Eine Unzahl von Geranien aller Art und 
Färbung, nebft vielen andern Blumen, die wir kaum 
Fennen, oder höchſtens nur einzeln befiben, bildeten 
große und impofante Maffen. Eben fo viele hundert 
Arten Malven und Georginen. Dabei waren die 
Farben im Großen fo finnig zufammengeftellf, daß 
dag Auge überall mit wahrem Genuß darauf ruhe. 

Ein großer Theil des Parks beftand dennoch nur 
aus dürrem Boden mie Kiefernhaide und Haidekraut, 
völlig wie in unfern Wäldern. Der Rafen zeigfe fich 
noch verbrannt, demungeachtet gab die große Cultur 
dem Ganzen ein durchaus Heblihes Anfehen, und 
beftärfte mich wieder in meiner Ucberzeugung, daß 
mit Geld und Sorgfalt in dieſer Hinficht jeder Bo: 
den, nur dag Clima nicht, bezwungen werden Fann. 
Nachdem wir noch einen andern Park befeben bat: 
ten, der einige ausgezeichnet fchöne Ausfichten dar: 
bot, fubren wir nach MWindfor, um dad neue Schloß 


145 


(weiches ich, wie Du Dich erinnerft, nur von Außen 
bei meinem letzten Dortfeyn gefehen) en detail zu be: 
trachten. Unglücfticherweife Fam mit ung beinabe zu: 
gleich der König mit feinem Gefolge in fünf Phae: 
tons, mit Pony’s (Fleinen Pferdchen) befyannt, dort 
an, fo daß wir über eine Stunde warten mußten, 
ebe er wieder fortfuhr, und ung der Eingang geſtat⸗ 
tet werden konnte. 

Wir beſuchten unterdeſſen Eaton College, eine 
alte, don Heinrich VI. ‚geftiftete Erziehungsanftatt 
äußerlich ein weitläuftiges und ſchönes gothifches Ge— 
bäude mit einer dazu gehörigen Kirche, innerlich von 
einer Simplizitaͤt, die kaum von unfern Dorffchulen 
übertroffen werden Fann. Weiße, Fable Wände, böl: 
zerne Bänke, und die darin eingegrabenen Namen 
der Schüler, die bier ftudierten, (mitunter berühmte 
Männer, wie Kor, Canning und andere) find Alles, 
was man in den Sälen jtebf, wo die vornehmite Ju— 
gend Englands erzogen wird. König Heinrichs Gtif: 
fung gemäß. bekommen die Freifchüfer Tag für Tag 
fein andres als Schöpfenfleifh. Was muß fich der 
Etifter hierbei nur gedacht haben! 

Die Bibliothek ift recht fchön deforirt, und bat 
intereſſante Manufcripte. 

Als wir von Eaton zurücfamen, war der König 
wieder abgefahren, und Herr Whyattville, fein Archi— 
teft, welcher den neuen Schloßbau leitet, batte die 
Güte, ung mit größter Gefälligfeit von allem genau 
zu unterrichten. Diefer Bau ift ein ungeheures Wert, 
‚und der einzige diefer Art in England, welcher nicht 

Briefe eined Berſtorbenen. IV. 10 


146 


allein mit vielem Gelde und technifcher Fertigkeit, 
fondern auch mit ungemeinem Gefhmad, ja Genie 
ausgeführt wird. Die Größe.und Pracht des Schloſ— 
ſes, welches, noch nicht halb fertig, ſchon an drei 
Millionen unfers Geldes gefoftet hat, ift in der That 
eines Königs von England würdig. Auf einem Berge, 
gerade über der Stadt ſich erhebend, und auf allen 
Seiten eine herrliche Augficht und Anficht gewährend, 
bietet feine Lage fchon einen großen Vortheil dar. 
Sein biftorifches Sneereffe, fein hohes Alter, und 
die erftaunliche Größe und Ausdehnung, die es jeht 
erbält, vereinigen ſich, es einzig in der Welt zu machen. 

Die Pracht des Innern entfpriht dem Aeußern. 
Sn den ungebeuren gotbifchen Fenftern koſtet 3. 3. 
jede der einzelnen Epiegelfcheiben zwölf L. St., und 
Sammt, Seide und VBergoldung blenden im Innern 
das Auge. Cine hohe Zerraffe auf der Geite der 
Zimmer des Könige, die die Treibhäuſer nach Innen 
bildet, und nach Außen nur eine hohe fcehroffe Dauer 
im ernften Charafter des Ganzen zeigt, umſchließt 
den reizendften Blumengarfen und pleasure ground. 
Die vier großen Eingangetbore im Schloßbofe find 
fo finnig angebracht, daß jedes einen der infereffan: 
teften Theile der Landfchaft wie im Rahmen faßt. 

Ale Zuſätze find, wie ich wohl fhon erwahnt, fo 
bortrefflich ausgeführt, dag fie vom Alten nicht zu 
unterfcheiden find, und ich mag es nick tadeln, 
daß man dabei, auch im weniger Gefchmarfvollen, 
fi) dennoch ganz freu an den frühern Styl gehalten 
bat: Dagegen geftehe ich, Daß die Verzierungen des 


. 147 
Innern, ungeachtet. ihres Reichthums, mir Vieles 
zu wünfchen übrig ließen. Sie find zum Theil höchſt 
überladen, und nicht immer, weder dem Charakter 
des Ganzen analog, noch von angenehmer Wirkung. 


Den 28ften. 


® 2.0. verließ mich geftern fhon, früher als er 
erft gewollt, was mir fehr leid that, da ein fo 
- anmutbiger und freundlich gefinnter Gefeltfchafter je: 
den Genuß verdoppelt. Sch fubr daher noch an dem— 
felben Tage mit einem Befannfen von den Horfe: 
guards, der bier ftationirk ift, nach St. Leonbarde: 
Hl, dem Feldmorfhall Lord 9... gehörig, an den 
mrErm?: einen Brier mitgegeben hatte, 

Das Wetter, welches früber bezogen, und von 
Zeit zu Zeit regnerig gewefen, war beute prächtig, 
Faum eine Molfe am Himmel. An Feinem fchöneren 
Tage fonnte ich einen fehöneren Ort feben als St. 
Leonhardshill. Diefe Riefenbäume, diefer friſche Ward 
voller Abwechfelung, diefe bezaubernden Ausfichten in 
der Nähe und Ferne, dies liebliche Haus mit dem 
beimlichften und entzüdendften aller Blumengärten, 
diefe üppige Vegetation, und dieſe reizende Einfam: 
feit, aus der man, wie binter dem Vorhang Tau: 
jhend, eine Welt voll Mannigfaltigkeit meilenweit 
im Zhale unter fich erblickt, hat ihres Gleichen nicht 
in England. Die Befiger find zwei fehr liebenswür— 
dige alte Leufe, der eine von fünf und achtzig, Die 
andere von zwei und fiebenzig Jahren, Teider ohne 

10* 


148 


Kinder und faft ohne nahe Verwandte, fo daß alle 
ihre Herrlichfeit an entfernte theilnahmloſe Menfchen 
fält. Der alte Herr fand fehr viel MWohlgefallen an 
meinem Enthuſiasmus für die Gegend, und lud mic 
auf den folgenden Tag bei fich ein, was ich auch, mit 
Vergnügen annahm. Zu Heute war ich fhon von. 
meinem Bekannten, Capt. B... zur Meß der Garde 
in Mindfor eingeladen, wo ih mich um 6 Uhr hin: 
begab, und erft um Mitternacht wieder weg Fam. 
Bei guter Zeit am andern Morgen cifirte mich 
Lord 9...., welcher Ranger of the Park in Wind: 
for ift, und mir diefen zeigen wollte, ebe der König 
darin erfcheint. Denn dann find die SPrivatanlagen 
deffeiben für Sedermann ohne Ausnahme, der nicht 
zu der eben eingeladenen immediaten Gefellfchaft Des 
Königs gehört, hermetifch verfchloffen. 
Ich Fam efwas fpät, der gute alte Herr fchmälte - 
ein wenig, und gleich mußfe ich in den mif vier 
berriihen Pferden befyannten Landau hinein, mit 
welchen wir eiligft durch den hohen Buchenwald da: 
bin rolften. Der König bat in feinem immenfen 
Park von Windfor, der 15,000 Morgen groß ift, 
mehrere Fahrwege für fich allein anlegen Taffen, die 
nach den intereffanteften Punkten hingeleitet find. 
Auf einem folchen fuhren wir, und gelangten nach 
einer halben Stunde zu den Föniglichen Staͤllen, wo 
die viel befprochene Giraffe fich jebt befinde. Mir 
erfubren bier leider, daß der König eben. auch feine 
Wagen batte beftellen Taffen, die fchon angefpannt 
auf dem Hofe ftanden. Es waren fieben, von alten 


149 

Formen, aber alle. mit ganz niedrigen Rädern, auf 
das Leichtefte gleich Kinderwagen gebaut, und mit 
feinen Ponys befpannf, der des Königs mit vieren, 
die er felbit fährt, die andern mit zweien, und bie 
meiften Pferde von verfchiedenen Farben. Lord DH... 
ſah diefe Equiyagen mit Schreefen, da fie ihn fürch— 
ten ließen, der König möchte ung begegnen, und fi 
mal a son aise fühlen, unerwartefe Fremde zu fehen, 
denn der Monarch ift darin feltfam. Es ift ibm un: 
angenehm, irgend ein fremdes Geficht, oder über: 
baupt Menfchen in feiner Befisung zu fehen, und 
der Park ift daber auch, die hindurcführenden Haupt: 
ftraßen ausgenommen, eine völlige Einfamfeit. Des 
Königs Kieblingspartbien find außerdem Dicht. um: 
ſchloſſen, und täglich werden noch große Pflanzun: 
gen angelegt, um Alles mehr privatim und verfteckt 
zu maden. An manchen Srten, deren Befchaffenbeit 
fo ift, daß man leicht einen Taufchenden Bli hinein: 
werfen fünnte, find fagar drei Skagen Planfenzaun 
übereinander gethbürmt. 

Wir eilten daher fehr, wenigfteng die Giraffe zu 
ſehen, die ung zwei Türken, die fie von Afrifa ber: 
übergebracht, vorführten. Ein feltfames Thier in 
der That! Du Fennft feine Geftalt, aber nichts kann 
eine dee von der Schönheit feiner Augen geben. 
Denke Dir ein Mittelding zwifchen den Augen des 
fchönften arabiichen Pferdes und des reizendften füd: 
lihen Mädchens mit langen rabenfchwargen Win: 
yern und dem innigften Ausdruck von Güte, verbun: 
den mit vulfanifchem Feuer. Die Giraffe liebt die 


150 


Menfhen, und ift äußerft „gentle“ und von gutem 
Humor, auch guten Appetit, denn fie fäuft täglich 
die Milch von drei Kühen, die neben ihr ruhen. 
Ihre lange, bimmelblaue Zunge gebraucht fie wie 
einen NRüffel, und nahm damit unter andern meinen 
Regenfchirm weg, der ihr fo gefiel, daß fie ihn gar 
nicht wieder herausgeben wollte.  Shr Gang war 
noch ein wenig ungeſchickt, da fie ſich auf dem Schiff 
verlegen hafte, fie fol aber im ganz gefunden Zus 
ftande ſehr raſch feyn , wie die Afrikaner verficherten, 
Aus Furcht vor dem König trieb uns Lord H.... zur 
Eile, und nachdem wir nur durch einen Heinen dichtver: 
pflanzten Theil des pleasure grounds der Cottage ge: 
fabren waren, und diefe felbft blog von weiten er: 
blickt, dirigirten wir und nah Pirginiawater, dem 
Lieblingeaufenthalte Sr. Majeftät, wo er auf einem 
zwar künſtlichen, aber ſehr natürlich ausfebenden, 
großen See täglich zu fifchen pflege. Sch war. nicht 
wenig verwundert, bier die ganze Gegend plötzlich 
einen ganz andern Charakter annehmen zu feben, der 
in England fehr felten vorkömmt, nämlich den des 
eigenen Vaterlandes. Kiefern und Fichtenwald, mit 
Eichen und Erlen gemifcht, und darunter unfer Haiz 
dekraut und auch unfer Sand, auf dem die Pflanz 
zungen diefes Frühjahrs fämmtlich vertrodnet waren. 
Ueber das Pflanzen auf Sand hätte ich den königli— 
chen Gärtnern guten Rath geben Fünnen, denn ic 
überzeugte mich, daß fie die Behandlung ſolchen Bo— 
dend gar nicht verfteben. Auf dem See fehaufelte 
fich eine Sregatte, und an feinen Ufern waren viele. 


151 


angenehme Spielereien, chinefifche und amerifanifce 
Häufer ꝛc. mit Geſchmack umd ohne Heberfadung an: 
gebracht. Die Eife, mit der ung der Lord trieb, lief 
uns Alles nur flüchtig und größtentheils nur in der 
Serne betrachten; ich war jedoch fehr froh, durch 
dieje Gelegenheit wenigftens eine allgemeine Sjdee des _ 
Ganzen befommen zu baben. 7 

Der alte Mann kletterte mit vieler Mühe auf den 
Sitz des Wagens, und ſtand dort aufrecht, von mir 
und ſeiner Frau gehalten, um zu ſpähen, ob der 
König nicht etwa doch irgendwo hervorbrechen möchte, 
und berubigte ſich erſt wieder ganz, als ſich die Thore 
des Allerheiligſten hinter uns geſchloſſen hatten. 

Auf dem Rückwege ſahen wir auch die Jggdpferde 
des Königs, ſchöne Thiere, wie Du denken kannſt, 
und eine eigne Art ſehr zierlicher, ganz kleiner Par— 
force-Hunde, die man außer England nicht findet. 

Mit gutem Appetit kamen wir zum Eſſen zurück, 
wo ich noch einige andere Gaͤſte antraf. Unſre Wir— 
thin iſt eine ſehr liebenswürdige Dame, und eben ſo 
parkomane als ich. Alle die herrlichen großen Bäume 
vor dem Hauſe, unter und zwiſchen denen man, wie 
fo viele einzelne Tableaur, die verſchiedenen Ausſich— 
ten erblickt, find von ihr felbft vor 40 Jahren ge: 
yflanzt worden, und nur zwei davon hat fie in die: 
fer Beit wieder wegggenommen. Seden Tag Überzeuge 
ich mich mehr, daß die breiten, zu offenen Ausfichten, 
welche bier faft ganz verbannt find, alle Illuſion zer: 
ftören. Einige ganz alte Anlagen abgerechnet, fin: 
deſt Du faft kein Haus oder Schloß in England, 


152 


deffen Anz und Ausſicht nicht vielfach durch hohe 
Bäume unterbrochen wäre. In den Abbildungen 
davon wird man gefäufcht, weil die Zeichner geröhn— 
lich, da ihre Hauptabficht ift, die Architektur des Ge: 
bäudes und. feinen Umfang zu zeigen, die davgzn⸗⸗ 
henden Bäume weglaſſen. hi 
Eine recht zwedmäßige Sache im hiefigen Garten 
war ein gigantifcher Parapluie, von der Größe eines 
fleinen Beltes, unten mit einer eifernen Spitze ver: 
feben, um ihn in den Rafen zu ftecfen „fo daß man 
an jedem .beliebigen Orte ſich vor der Sonne geihünt 
darunter binfegen Fonnte, 
Es war mir ſehr willfommen, als ‚der freundfiche. 
Hauswirth mid auf morgen wieder einfud, an wel: 
chem Tage die Hofdamen der Königin von Würtem— 
berg dort effen ſollten, was, wenn fie hübſch find, 
unfre Parthie nicht verderben wird. Nach Tifch mad 
ten wir noch einen Spaziergang, und befaben eine: 
Cottage im Thalgrund des Parks, die, überall von: 
Berg und Wald umfchloffen, einen reizenden Eontraft 
zu der reichen Billa in der Höhe bildet, und. ritten 
dann in der Nacht (B. und ich) bei romantifchem 
Sternenlicht zu Haus, 


Den 29ften. 
den ih früh in Windſor einen Befuch bei 
Miſtriß C. ... abgeftattet, deren hübſche Töchter 
Du aus früheren Briefen kennſt, fuhr ich um 4 Uhr 


153 


wieder zu Lord 9... ., immer mit neuem Emtzücen 
den herrlichen Eichenwald feines Parks genießend, 
an deifen Eingang die niedlichite Gärtnerwohnung 
von rohen Stämmen und Weften gefchmadvoll aufge: 
baut, und mit Roſen überwachfen, den Tieblichen 
Charafter des Ganzen ſchon im Voraus anzeigt. Ich 
fand eine große Gefellichaft, die Oberhofmeifterin, zwei 
Hofdamen und zwei Gavaliere der Königin von Wür— 
temberg, ſämmtlich Deutfche, le Marquis de H. 
einen Sranzofen mit feinen zwei Eöhnen und feier 
artigen Tochter, einer Achten Variferin, ferner einen 
englifchen GBeiftlihen und noch einen andern frem: 
den Erelmann. 

Die franzöfifhen Herrn haben fehr ae 
bei dem alten Lord ohne Verwandten die Eoufinfchaft 
geltend gemacht, find fehr guf aufgenommen, wohnen 
in der. Cottage im Thale, die ich geftern befchrieb, 
und haben alle Anwartfchaft, die Erben des ganzen 
coloffalen Vermögens zu werden. Auch ſieht man die 
Heine Franzöfin fchon für eine große Parthie an. 
Von allen intereffirte mich indeflen die Gräfin am 
meiften, weil fie eine höchft liebenswürdige alte Frau 
ift, voller Würde und Höflichkeit mit dem anmutbig: 
ften Geiſte verbunden, die überdieß viel gefehen und 
erlebt hat, und es auf intereffante Weife wieder zu 
erzäblen weiß. Sie fagte mir Manches über Lord 
Byron, der als Knabe lange in ihrem Haufe lebte, 
und fhon damals fo unbezabmbar war, daß fie, wie 
fie fagte, unfägliche North mit dem frogigen, gem 
Unheil anftiftenden Buben gebabt babe, Sie biert 


154 


id nicht für fchlecht, aber doch für-böfe, weil er 
von jeher eine Art Vergnügen daran gefunden habe, 
webe zu tbun, befonders Weibern , obgleich, wenn 
er liebenswürdig feyn wollte, ibm, wie fie felbft 
nicht läugnen konnte, kaum Eine zu widerftehen ver: 

mochte. Seine Frau, fuhr fie fort, fey allerdings 
eine Falte, eitle, und dabei noch dazu gelehrte Närz 
rin gewefen, aber Byron babe fie auch übel bebans 
delt, und wirklich vaffinirt gemartert, wahrſcheinlich 
befonders deßwegen, weil fie ibn zuerft ausgeſchla— 
gen, als er um fie anbielt, wofür er ihr gleich am 
Hochzeitstage eine nie endende Rache gefhworen babe. 

Sch traute diefen Erzäblungen nicht fehr, fo viel 
Reſpekt ich auch fonft für die alte Dame fühlte, denn 
eine Dichterfeele , wie die Lord Byrons, ift fhwer zu 
beurtbeilen! Der gewößnlihe Maafftab paßt nun 
und nimmermebr dafür, und ich bezweifle ſehr, daß 
bei dem Geäußerten ein anderer angelegt war. 

Wenn man. fih irgendwo gut gefällt, gefällt man 
auch gewöhnlich felbit, und fo bat man mich denn 
dringend, einige Tage in diefem Fleinen Paradies 
wohnen zu bleiben. Meine Raftlofigfeit ift aber, Du: 
weißt e8 zur Genüge, eben fo groß als meine Träg— 
beit, und wie ih da, wo ich einmal felt fie, ſchwer 
zur Bewegung zu bringen bin (temoin mein unnüßer 
langer Aufenthalt in London) fo fann ich mich auch 
fhwer zum Bleiben zwingen, wo dag Intereſſe des 
Augenblicks bereits erfchöpft ift. Ich lehnte alfo die 
Einladung dankbar ab, und kehrte nah Salthill 
zurück. * 


Den Soften. 


Die Terraffe des ES chloffes zu Wintfor dient den 
Städfern zu einer febr angenehmen Promenade, 
welche häufig. durch die Muſik der Garde belebt wird. 


Ich befuchke fie diefen Morgen mit den liebenswür: 
digen. Miſſes E., und machte dann der Gaft.Kanin 
des Schloffes, einer alten unverbeiratheten Dame, 
mit ihnen eine Viſite. 


Man Ffonnte nicht fehöner wohnen. Jedes Fenſter 
bot dem Blicke eine andre herrliche Landfchaft dar. 
Die jungen Damen haften fich unterdeffen in den 
Nebenftuben vertheilf, und ich erſchrack faft, als die 
bejabrte Jungfer mid beim Arme nahm und mir zu: 
flüfterte: fie füble jest noch ein wahres Bedürfniß, 
mir eine zwar alte, aber doch fedr infereffante Merk: 
wiürdigfeit in ihrem Schlafzimmer zu zeigen. — Das 
Schlafzimmer einer Engländerin pflegt fonft ein Hei: 
ligthum zu ſeyn, das nur den Vertrauteſten geöffnet 
wird. Ich war alfo nicht wenig über diefe Offerte 
verwundert, um fo mebr, da die alfe Dame ohne 
Meiteres gerade auf ihr Bett zufteuerte, die Vor: 
bänge aufzog, und-. ... que diable veut elle faire ? 
fagte ich zu mir ſelbſt — als fie mich auf einen Stein 
in der Wand aufmerffam machte, auf dem ich eine 
verwitterte Snfchrift erblicte. „Dies bat ein junger 
reizender Ritter in feiner Todesftunde gefchrieben, 
my dear Sir, der hier im Gefängniffe fhmachtete, 


156 


und unter dem Stein erdrofjelt wurde.“ „Mein Gott 
fürchten Sie fih denn nicht, bier zu fehlafen?“* er: 
wiederte ich; „wenn der junge Ritter nun als Geift 
wiederfehrte 2° — „Never fear,“ tief die "jopiale 
Alte, „in meinen Jahren ift man nicht mehr fo furcht— 
fam, und vor lebenden und todten jungen Rittern 
ſicher.“ 


Wir wanderten nun nach der herrlichen Capelle 
zum Gottesdienſt. Die Banner, Schwerdter und 
Coronets der Hoſenbandritter, ſtolz rund umherge— 
reiht, das trübe Licht der bunten Fenſter, das künſt— 
liche Schnitzwerk in Stein und Holz, die andächtige 
Menge, gaben ein ſchönes Bild, nur durch Einzeln— 
beiten entitellt, wie 3. B. das ridichle Monument 
der Prinzeſſin Charlotte, wo die vier Nebenperfonen 
alle dem Befchauer den Rücken kehren, ohne irgend 
- etwas anders von fich fehen zu laſſen, wogegen aber 
die Prinzeffin doppelt erfcheint, zugleich als Leiche 
daliegt und als Engel in die Höhe fliegt. 


- Von dem Gefang und der Mufif umwogt, über: 
ließ ich mich, fill in eine Ecke gedrückt, meinen Phan: 
fafteen, und vergaß, im Reich der Töne tief verfun: 
fen, bald Alles um mic ber. Ic dachte mich end= 
lich ſelbſt todt, und ale Beſucher jener. gothifchen 
Kapelle,.die wir, liebe Julie, bauen wollen, vor mei— 
nem eignen Grabe flebend. Auf einem weißen Mar: 
mor:Garfophag, dem Chore gegenüber, in der Mitte 
der Kirche, lag vor mir eine in faltenreihe Gewän— 
der gehültte eftale, ein Lamm und einen Wolf zu 


157 


ihren Füßen. Ein anderes gleiches Poftament dance: 
ben war noch Teer. Ich näherte mich, und las fol: 
gende Infchriften in den Marmor gegraben, und mit 
goldenen Metall: Buchftaben überfleidet: Auf der 
ſchmalen Vorderfeite unfer dem Haupte des Liegen— 
den ftanden folgende Worte: 


Sn deinem Schooß, o Gott! 

Ruht feines Beiftes unvergänglich Theil — 
Denn des ewigen Lebens Geſetz 

St Sterben und Auferftehn! 


Auf der anftoßenden Eeite war gefchrieben: 


Seiner Kindheit fehlte ihr größter Segen — 
Liebevolle Erziehung in der Eltern Haus! 

Seine Jugend war ftürmifch , und eitel und thöriht — 
Doch nie entfremdet von Natur und Gott, 


Auf der andern Geite: 


Ernſt war des Mannes Alter und trübe, 

Gehuͤllt in dunkle Nacht wär’ es gewefen, 

Hätte nicht eine liebende Frau, 

Der Sonne gleich, mit hellen wohlthuenden Strahlen 
Gar Öft die dunkle Nacht zum heitern Tag gemacht. 


Auf der letzten Seite: 


Des Greifes Alter wurde ihm verfagt. — 
Was er gewirkt, und was er fchuf? 
Es blühet um Did) her — 
- Was fonft er Irdiſches erfirebte und erwarb — 
Den andern galt eö viel, doch wenig ihm, 


Nun dachte ich viel an Dich, und fie, und alfe 
meine Lieben, und weinte im frommen Schmerze 


158 


über mich felbft — und ale ich mit dem rafıhen Auf: 
bören der Mufif im vollen Accorde aus der Träume: 
‘rei wieder wach wurde, Tiefen mir wahrhaftig die 
beten Thränen über die Baden, fo daß ich mich faft 
vor den Leuten fchämte. _ 


Den 3ıften. 
Gut bedient wird man in England, dag ift wahr! 


Sch war um 6 Uhr bei den Gardeoffizieren einge: 
faden, wo ſehr pünftlich gegeffen wird, und bafte 
mic beim Schreiben verfpätel. Die Kaferne ift eine 
Stunde von meinem Gaftbof (der wie gewöhnlich 
zugleich Poſthaus ift) entfernt. Ich jagfe alfo mei: 
nen Diener die Treppe hinunter „für Pferde.” In 
weniger als einer Minute waren diefe fehon ange: 
ſpannt, und in 15 war ich, mit Windesſchnelle fah: 
rend, mit dem Echlage fehs am Tiſch. 


Das hieſige Mititair ift im Ganzen weit gefeh: 
fckaftlicher gebildet, al das unfre, fihon aus dem 
Grunde, weil e8 viel reicher iſt. Obgleich der Dienst 
nicht8 weniger als vernacläßigt wird, fo iſt doch 
von unferer Pedanterie nicht eine Epur, und außer 
dem Dienft auch nicht der mindefte Unterfchied zwi: 
fchen dem Dbriften und dem jüngften Lieutenant. 
Jeder nimme eben fo ungezwungen als in andern 
Geſellſchaften Theil an der Converfafion. Bei Zifch 
find auf dem Lande alle Offiziere in Uniform, in 


159 

London nur der, welcher du jour in den DBarafen 
ift — nach dem Effen aber macht fich’8 jeder bequem, 
und ich ſah beute einen der jungen Lieutenants fich 
im Schlafrod und Pantoffein mit dem Obriften, der 
in Uniform blieb, zu einer Partie Wpift binfegen. 
Die Herren haben mich, wenn mich Fein anderes En: 
gagement hindert, fo lange ich in der Gegend bleibe, 
für immer zu ihrer Tafel gebeten, und find außer: 
ordentlih freundfihaftlich für mic. 


Am Morgen batte ich Frogmore beſehen, und noch 
einige Stunden mit Befichtigung der Gemälde in 
Windfor zugebraht. Sm Zhronfal find viele nicht 
üble Schlachtenbilder von Weft, die Thaten Eduard III. 
und des fchwarzen Prinzen vorftellend, ein Gewühl 
von Rittern, fchnaubenden Roffen, alten Trachten 
und Pferdeſchmuck, Lanzen, Echwerdfern und Fab: 
nen, das gut zur Deforation eines Königsfaales paßt. 
In einem andern Simmer frappirte mich das höchtt 
ausdrudsvolle Portrait eines Herzogs von Savoyen, 
ein wahres Herrfcherideal. Luther und Erasmus, 
bon Holbein, bilden ein paar gute Pendant, und 
zugleich Contraſte. Das feine und farfaftifche Geficht 
des Letzteren fcheint eben die Worte ausſprechen zu 
wollen, die er dem Papfte ſchrieb, als ihm Ddiefer 
vorwarf, daß er tie Faften nicht halte: „Heiliger 
Vater, meine Seele ift Fatholifch, mein Magen aber 
profeftantifch.“ 


Die Echönbeiten am Hofe Carld des Zweiten, die 
eine ganze Wand daneben ſchmücken, Tünnten. leicht 


160 * 
Gefühle gleicher Unenthaltfamfeit in anderem Sinne 
erwecken. 


Frogmore bietet wenig Sebenswerthes dar. Die 
große Waſſerparthie ift noch jest nur ein Srofhfumpf, 
obgleich von Tarus und Nofenhecken umgeben. Ein 
ganzes Lager beweglicher, Teichter Zelte auf dem Na: 
fen nahm fich gut aus. 


Den 3ten. - 


Sch babe mich überreden Iaffen, bei der fchönen 
Lady © ..., einer nahen Verwandtin Ganningg, 
einige Zage dem fyeciellen Landleben zu widmen. 


Beim Frühſtück erzählte fie mir, daß fie vor drei 
Monaten noch gegenwärtig war, al8 Ganning von 
feiner Mutter, beide in befter Gefundbeit, mit den 
Worten: Abfchied nahm: „Adieu, liebe Mutter, im 
Auguft fehen wir. ung gewiß wieder.“ Im Juli farb 
die Mutter fehr plöglih, und Anfang Auguft folgte 
ibr der Sohn. — Welc)’ feltffames Zufammentreffen 
denn zur beftimmten Zeif waren fie ja, wie abgere: 
def, wieder vereint! 


Geftern und vorgeftern: fuhren wir zu den Races 
nah Egham, die auf einer von Hügeln umgebenen 
großen Wieſe ſtatt fanden. Sch traf viele Bekannte, 
ward vom Herzog von Glarence der Königin von 


161 


Würtemberg vorgefteltt, wettete glücklich, und wohnte 
Abends einem PiqueniqueBal in dem Städtchen bei, 
der, tout comme chez nous, gar viel Kleinftädti: 
fche8 und fehr Tächerlihe Dandied vom Lande pro: 
ducirte. 


Heute nahm eine andere Landparthie und ein Spa— 
ziergang mit den jungen Damen faſt den ganzen Tag 
weg. Die jungen Engländerinnen ſind unermüd— 
liche Fußgängerinnen durch Dick und Dünn, über 
Berg und Thal, ſo daß etwas Ambition dazu gehört 
um immer-mit ihnen gleichen Schritt zu halten. 


Sn dem Park eines Nabobs fanden wir eine in: 
tereffante Merfwürdigfeit, nämlich zwei aus China 
berfrangportirte Zwergbäume, bundertjährige Ulmen, 
ganz. mit dem verfrüppelten, runzlichen Anfeben ihres 
Alters und doch Faum zwei Fuß hoch. Das Geheim: 
niß, Bäume fo zu ziehen, ift in Europa unbekannt. 


Zuletzt ftiegen die. muthwilligen Mädchen fogar über 
eine Verzäunung des Windfor:Parfs, und ftörfen 
die ftreng gebütete Fönigliche Cinfamfeit mit ihren 
Scherzen und Lachen. Ich fah bei diefer Gelegenbeit 
noch mehrere verbofene Partbieen des reizendften 
Aufenthalts von Virginiawater, wohin fich die Aengft: 
lichFeit des Lord 9... nicht gewagt hafte, und wären 
wir ertappt worden, in fo guter ©efellfchafe hätte 
“man es ohne Zweifel gnädig mit ung gemacht. 


— 


, Briefe einst Verflorbenen, IV, 11 


162 


Windfor, den 5ten. 


Wir haften und in den vier Tagen meines Aufent: 
baltes fo herzlich Alle genabert, daß der Abfchied faft 
fhwer wurde. Die Damen begleiteten mich wohl eine 
Stunde weit, ehe ih in den Wagen ftieg. Sch pflückte 
einige Vergißmeinnicht am Bache, und übergab fie 
fenfimental als ftummen Abſchied der ſchönen Roſa— 
bel zuerft, Die gebierend unter ihnen ftand, wie eine 
ftolze Herrin unter lieblichen Eclavinnen. Sie löste 
fanft ein Blümchen aus dem Etrauß, und drückte 
mir e8 wieder in die Hand, — Moquez vous de mei, 
mais je le conserve encore. — 

Endlich fuhr ich ganz niedergeſchlagen davon, und 
dirigirte meinen Poſtboy nad) den Barraks der Garde 
zu Pferd, wo ich noch gerade zur rechten Zeit zum 
Dine anfam. Mit vielem Champagner und Clarer 
(denn ich war fehr durftig von den Tangen Promena— 
den, gufe Julie), tröftete ich mich über die verfaf: 
fenen Schönen, fo gut fih’8 thun ließ, und fuhr dann 
mit Capt. B.... zu einer Soirée bei Miftrig 
CE... . Hier wurde nad dem Thee um 11 Uhr, 
da der Mond wundervoll fehlen, auf den Wunfc 
der Damen, der Entfhluß gefaßt, noch einen Gang 
im Park zu macden, um das giganfifche Schloß von 
einem befonders vortbeilbaften Punfte bei Mond: 
fchein zu betrachten. Die Promenade war abermals 
ein. wenig lang, aber höchſt belohnend. Der Himmel 
bafte Heerden von Schäfchen auf feine blauen Wei: 
den gefchickt, welches jedoch einer der Offiziere, nicht 


163 


fehr poetiſch, aber allerdings ziemlich wahr, mit et: 
nem zufammengelaufenen Mitchbrei verglid — und 
die Beleuchtung des glänzenden Mondes darüber- 
fonnfe nicht herrlicher fen. Wir wurden in unferer 
Freude aber bald ziemlich unfanft durch zwei Wild: 
wächter mit Flinten unterbrochen, die uns als auf 
verbotenem Wege gebend und als Friedenzftörer (eine 
Gefellfchaft von 20 Perſonen, meiftens Damen und 
wenigftene 7 Gardeoffiziere in Uniform dabei) arre: 
firen wolten. Sie begnügten fih indeß zuletzt mit 
zwei Offizieren, die fte ſogleich mitnahmen. Welcher 
Unterfebied der Sitten! Per ung würden die Offi— 
ziere jtch durch die ganz harten Morte, deren ſich die 
Wächter bedienten, entebrt und vielleicht fte todtzu— 
ftechen verpflichtet” gefühlt haben. Hier fehlen Alles 
ganz in der Drdnung, und nicht der mindefte Wi: 
derfiand wurde geleitet: Wir Uebrigen gingen zu 
Haufe und nad einer Sekunde erft Famen die beiden 
Arretirten nah, die viele Meitläuffigfeiten gehabt 
haften, ehe man jie entließ. Der Rittmeifter T..., 
einer von ihnen, erzählte mit vielem Laden, daß 
ihn der Förfter fehr hart angelaffen babe und ges 
fagt: e8 fey eine Schande, daß Dffiziere, die ihr 
Dienſt verpflihte, Unordnung zu verhüten, fi nicht 
ſcheuten, felbft welche zu veruben ꝛc. 4 

„Ganz Unrecht hatte der Mann nicht,“ fegte er 
binzu, „aber der Damen Münfche müſſen immer be— 
friedigt werden, quand meme, —“ 

Im Gaſthof fand ich meinen alten B., der vor ſei— 
nem Abgange noch meine perfünlichen Beſehle ent— 


11* 


164 


nebmen wollte. Sch bin mit dem. craniologifch” unter: 
ſuchten Engländer fehr zufrieden, und werde‘ den 
Landsmann daher nicht fo fehr entbehren. Er: bringt 
Dir einen großen Gartenplan von mir, auf dem ich 
vor dem Zubeffegeben noch eine Stunde in meiner 
Schlafftube ausgeſtreckt Tag, ebe ich damit fertig 
wurde, wie Napoleon auf feinen Karten und Welt» 
planen. Er zeichnete aber mit feinen rothen Nadeln 
Blut, ih nur Wafler und Wiefen, er Feftungswerfe, 
ih Luſthäuſer, er. endlih Soldaten, ich nur Bäume. 
Mor Gott mag es am Ende einerlei feyn, wie feine 
Kinder fpielen, ob mit Kanonenfugeln oder Nüffen, 
aber für die Menfchen ift es ein bedeufender Unter: 
fchied, und größer offenbar der, nach ihrem eigenen 
Urrbeil, welcher fie zu Zaufenden todtſchießen läßt, 
als der, welcher blos für ihr Vergnügen forgt. 

Eine lange Lifte erflärt Dir den Plan, führe fleißig 
aus, was ich vorfchreibe. und erfreue mich bei mei: 
ner Rückkunft mit der Realifirung aller Öarfenträume, 
die Deinen Beifall baben, 

Meine Adficht ift jebt, noch einmal nach London 
auf wenige Tage zurüdzufehren, un. meine Pferde 
ferbft einfchiffen zu fehen, und dann erft meine län: 


gere Tour ind Land anzufrefen. Das Tagebuch wird . 


alfo wohl- eine geraume Zeit lang anfchwellen, ebe 

ich es Dir wieder zufchicken Fann: glaube deßhalb 

nur nicht, daß ich in meinen Nachrichten faumfeliger 

werde, denn, wie der geiftreiche Prinz ſagt: „ich Fenne 

wenig Sachen, die ich lieber thue, als Dir zu ſchreiben.“ 
Dein L. 


Uchtzehenter Brief. 


2 


London, den 7. Sept. 1827. 


Theure Freundin! 

Ich bin zwar, wie Du weißt, nicht ſtark in Erin— 
nerungen von Anniverſaires 2c., weiß aber diesmal 
doch, daß morgen derjenige Tag wiederfehrt, an dem 
ich, meine arme Julie in DB... allein zurücklaſſen 
mußte! Ein Jahr rollte feitdem über die Welt, und 
wir Inſekten Friehen noch im dem alten Gleiſe — 
wir haben ung aber auch noch eben-fo lieb, und dag 
ift Die Hauptfahe! Endlich werden wir doch durch 
den großen Haufen glücklich hindurchkommen, durd) 
den wir ung jest fo mühfam arbeiten müſſen, umd 
dann vielleicht frifches Gras mit fohönen, Blümchen 
erreichen, auf denen eben der Morgentbau feine Dia: 
manten abgeſetzt bat, und bunte Sonnenftrablen fich 
in dem feuchten Cryſtall blitzend umhertummeln— 
Soyez tranquille ‚ nous doublerons encore un jour le 


cap de bonne esperance! 


166 


Sch habe Dir die lebten Tage nichts über mein 
Thun uud Zreiben gefchrieben, weil es fich blos 
daramf reduciree, daß ich täglich mit B.... arbei: 
fefe und ſchrieb, mit L. .... ‚im Travellers Club af, 
und endlich allein zu Bett ging. Geftern war jedoch 
bei unferm Dine noch ein anderer Deutfcher, Graf.... 
zugegen, der Pferde zu Faufen hierher gefommen ift. 
Er ſcheint reich, und ift jung genug, um es lange 
zu genießen; übrigend das ächte Bild eines gurarti: - 
gen Landjunfers, gewiß eine höchſt glückliche Art 
Menfchen. Wünſchte wohl, ich wäre ein folcher! 


Dein Gutachten über den Park betreffend, bemerfe 
ich, daß die Ausdehnung deifelben, befonders mit ge: 
höriger Arrondirung verbunden, nie groß genug feyn 
fann. Windfor : Parf ift der einzige, der mich bier, 
als ein Ganzes, völlig befriedigt bat, und der Grund 
liegt wefentlich in feiner Größe. Er idealifirf, was 
ich baben will. Eine anmufbige Gegend, in deren 
Bezirke man ohne Entbehrung leben und weben kann, 
jagen, reiten, fahren, ohne fich je zu enge zu fühlen, . 
und die, auffer eben den Ausgangspforten, nirgends 
einen Punkt zeigt, wo man bemerft: bier fey fie be: 
gränzt; worinn aber dennoch Alles, was die Umge— 
gend Gutes befist, ein feiner Sinn fich big in Die 
weifejte Ferne zu eigen zu machen wußte. Uebrigens 
bat Du recht, man muß das Kind nicht mit dem 
Bade verſchütten, und viele Mängel und Beſchrän— 
fungen des Terrains laſſen fih durch Flug berechnete _ 
Mege und PM lanzungen Tieber verbergen, als daß 


167 
man unverhbältnißmäßige Opfer für ihre Hinwegfcaf: 
fung oder neue Acquiſitionen brachte, 


Peine Pferde find heute glücklich abgefegelt, wie: 
wohl ſich der fehöne Hyperion wie wahnfinnig dabei 
anftellte, und den Kaften, in den er gefperrf war, 
nebft den eifernen Schienen, den Halftern und Rie: 
men, alles wie Glas zerfprengtee Er wäre bei ei: 
nem Haar ing Meer gefallen, und wird unferwegs 
wahrfcheinfich noch manche Noth machen, obfchon wir 
ibn wie ein wildes Thier gebunden haben. Man 
Fann eg übrigens den armen Geſchöpfen nicht verden: 
fen, daß ihnen angft wird, wenn der große Krahn 
fie wie ein Riefenarm ergreift und im weifen Bogen 
in der Lufe vom Duni über's Waffer in das. Schiff 
verſetzt. Manche leiden es indeß mit der grüßfen 
‚ Ruhe, denn auch unter den Pferden giebt es Stoifer. 


Es bielte mich num eigentlich nichts mehr in London 
auf, aber Lady R... ift bier, und allein, und fo an: 
ziebend! Einer folchen Freundin aus dem Wege zu 
geben, wäre Unrecht, um fo mehr, da ich nicht daran 
denfe, in fie verliebt zu feyn. Aber ift nicht auch 
die wirkliche, bloße Treundfchaft einer fchönen Frau 
etwas fehr Süßes? Ich babe gefunden, daß fich viele’ 
Männer alle Berbältniffe verderben, weil fie fih im 
nähern Verkehr mit Weibern immer fogleich verbun- 
den glauben, die Verliebten zu fpielen, und dadurd 
die Srau, mit der fie zu thun haben, von Haufe aus 
sur le qui vive feßen, und die allmäblige rücfichte: 
loſe Vertraulichkeit und Unbefangenbeit verhindern, 


168 


auf welchem Boden am beften ſpäter alles aufblüht, - 
. was man binfäen will. Ich beanüge mich daher fehr 
‚gern ganz allein mit einer zärtlichen Freundfcaft, 
befonderg wenn ich fie, fo wie bier, im Blide fanf 
fer, fohmachtender, blauer Augen Iefen Fann, ein 
purpurrotber Perlenmund fie ausſpricht, und eine 
fammefne Hand vom fehönften Ebenmaß fie durch ih: 
ren warmen Druck befräftigt. Zu dieſem Portrait 
braudfi Du nur noch den Unſchulds-Ausdruck einer 
Taube, langes, dunkelbraun gelocktes Haar, eine 
fchlanfe mittlere Taille, und den fhönften englifchen 
Teint hinzuzufügen — fo baft Du Lay R.., vor 
Dir, ganz wie fie leibt und lebt. 


Duncafter, den I6ten, 


Ich hätte bald von London datirt, fo fchnell habe 
ich die 180 Meilen bis hier in 20 Stunden zurüdges 
- fegt, und dennoch Zeit genug übrig. behalten, um 
zwei berühmte Schlöffer und Parks aus Elifabeths 
Zeit, wenn auch nur flüchtig, zu befehen. 


Das eine, Hatfield, welches ihr felbft zugebörte, 
und was fie oft bewohnte, ift weniger prachtvoll, als 
das zweite, Bourleighboufe, welches ihr berühmter 
Minifter Cecil fih erbaute. Hatfield ift von Ziegen 
aufgeführt, nur die Fenftereinfaffungen,_ Mauerfan: 
ten und Creneaur von Sanditein. Die Verhältniffe 
find gut und großartig. Parf und Gärten biefen 


y 169 


nichts Intereſſantes dar, als fehr hohe Eichenälfern, 

die angeblich von der Königin felbft gepflanzt feyn 

folfen. j 
Burleigbboufe Fonnte ich nur von Auffen feben, 


da die alte Eaftellanin, obgleich die Herrfchaft abwefend ı — 


war, durch. nichts fich bewegen ließ, den Sonntag 
durch Herumführen eines Fremden zu entbeiligen, 
was ich um fo mehr bedauerte, da fich bier eine fehr 
bedeutende Gemäldefammlung befindet. Im Hof deg 
Schloffes, der mit vergoldeten Eifengittern eingefaßt 
ift, bewunderte ich einen ungebeuren Kaftanienbaum, 
deſſen Aeſte fich fo weit augdehnten, daß man unter 
ibnen Map genug gebabt hätte, ein Pferd zuzurei— 
fen. Der altertbümliche Park ift ebenfalls voll der 
fhönften Bäume, das Waffer aber auch bier, wie in 
Hatfteld, nur ftehend und fumpfig. Der Pallaft ſelbſt 
ift in einem verwirrfen Styl aus Duadern aufge: 
führt, unfen gothifch, oben mit Feuereffen, die corin- 
thiſche Säulen:Capitäle darftellen. Der große Staats— 
mann muß einen corrupten Kunftgefehmad gehabt 
baben, 


Den ITten, 


Duncafterd Pferderennen find die befuchteften in 
England, und der biefige Rennplatz auch allen an: 
dern im Lande für Schmud, Zwecmäßigfeit und 
leichter Weberficht vorzuzieben. Die Anficht des Wert: 


4 


170 


venneng gibt mehr Vergnügen und auch ein weni: 
ger Eurzes Gchaufpiel, da man von den hohen 
thurmartigen, büchft eleganten Stands den ganzen 
Lauf von Anfang bis zu Ende deutlich überblickt. 
Die Pferde rennen in der Runde, und derfeibe Punkt 
diene zum Auslauf und Biel. Die Menge des Volks, 
- fchöner Frauen und fashionabler Gefellfchaft war auf:- 
jferordentlih. Alte benachbarte große Edelleute Famen: 
in alla bergefahren, was mich fehr inferefjirte, weil 
ich dadurch eine Art des bier üblihen Staates auf 
dem Lande Fennen Ternfe, welcher von dem in der 
Stade febr verfchieden ilt. Die Equipage des Her— 
3098 von Devonshire war die ausgezeichnetfte, und 
als Motiz für Me... befchreibe ich Dir den Zug. 
Die Geſellſchaft des Herzogs faß in einem vierfisigen 
Glaswagen mit 6 Pferden befpannt, die ©efchirre 
und Bockdecke nur mittelreih und der Kuticher in 
Ssnterimdlivree, blonder Perücke und Gftiefeln. 
12 Neiter egcortirten den Wagen, nämlich 4 Reit: 
knechte, welche verfchiedenfarbige Neitpferde mit Teiche 
ten Satteln und Bäumen ritfen, A Outriders auf 
Kutichpferden, denen gleich, die den Wagen zogen, 
mit Sefehirrzäumen und Poſtillon-Sätteln, endlich 
4 Bedienten in Morgenjacen, ledernen Beinkleidern 
und Stolpenftiefeln, mit ‚geftickten Schabracken und 
Piftolenhalftern, auf beiden dag Wappen des -Her: 
3098 in Meſſing. Die Ordnung des Bugs war fuls 
gende. Born zwei Neitknechte, dann zwei Outriders, 
bierauf der Wagen mit feinen ſchönen ſechs Pferden, 
die der Kutſcher vom Bock fuhr, auf dem vordern 


171 


Sattelpferde ein Poſtillon. Links von dieſem ritt 
ein Bedienter, ein anderer etwas weiter zurück rechta, 
hinter dem Wagen wieder 2 Outriders, dann 2 Reit— 
fnechfe, und am Schluß die Testen zwei Bedienten. 
Der Feine DBorreifer war allein in vollftändiger 
Staatslivree, -geib, blau, ſchwarz und filber, nebit 
gepuderfer Perücke, etwas theatralifch gekleidet, mit 
dem buntgeiticten Wappen auf dem Iinfen Arm, 


Das heute ftaftfindende Sr. Leger: Nennen mag 
Manchem eine fchlaflofe Nacht Foften, denn es find 
ungebeure Summen verloren worden, da eine Fleine 
Stute, der man fo wenig zufraufe, daß die Metten 
gegen fie 15 gegen A ftanden, unfer allen 26 Vier: 
den, welche eingefchrieben waren, die erfte blied, Ein 
Befannfer von mir gewann 9,000 8. St., und hätte 
im Fall des Verluftes Faum fo viel hundert verloren. 
Ein Andrer fol faft um fein ganzes DBermögen ge: 
Eommen feyn, und zwar, wie man allgemein ſagt, 
durch die Befrügerei des Beſitzers eines Hauptpfer— 
des, auf dag er felbft öffentlich fehbr boch, im Geheim 
aber noch weit höher dagegen gewettet habe, und eg 
dann abjichtlich verlieren laſſen. 


Gleich nach dem Nennen, dag mit feinem Trouble 
und Taufenden von Equipagen mir ein höchſt auf: 
fallendes Bild englifchen Reichthums zurüctieß, fuhr 
ich weiter nach Norden, einem big jest mir noch un: 
befannten Diele zu, und Fam üm 1 Uhr in der Nacht 
bier in Dorf, der zweiten Hauptftadt Englands, an. 
Die ganze Tour über las ich bei meiner Laterne im 


172 


Wagen in der Frau von Maintenon Briefen an die 
Princesse des Ursins, ein Buch, das mich febr un: 
terbielt. Diele Stellen find für die Schilderung je: 
ner Beifen und Sitten höchft merfwürdig. Webrigeng 
verfieht die Sncognito: Königin nafürlich das Hofle: 
ben aus dem Grunde, und erinnert in ihrem Beneh— 
men oft auffallend an einen Deiner gufen $reunde, 
befonders in der Art, wie fie ftets Unwiſſenheit als 
les deffen, was vorgeht, affectirt, und mit Gering— 
fhäbung von ihrem eignen Einfluß fpride. Dabei 
zeigk fie aber auch viel Milde und Klugbeit, und fo 
ungemeinen Anftand in Allem, daß man fie lieber 
gewinnen muß, als die Gefchichte fie ung eigentlich 
fchildert. Es ift zwar immer ſchlimm, ein altes Weib 
regieren zu laffen, ed. mag nun einen Jupon oder 
Hofen anbaben, aber zu jener Zeit ging es doch noch 
eber wie heutzutage, denn im Ganzen waren die 
Leute doch offenbar damals, weit mehr wie jebt, 
naive große Kinder, und führten fogar den Krieg auf 
diefe Weife, ja felbft den lieben Gott ſahen fie nur 
wie einen böber potenzirten Ludwig den Bierzehnten 
an, und, wie ächfe Höflinge, verließen fie in arti- 
culo mortis augenbliciich den irdiſchen König, Feine 
Notitz weiter von ibm nehmend, um fih von nun 
bis zum Ende nur reuig dem, ala zu entferuf big 
jetzt vernachläffigten, mächtigeren Herrfcher allein zu 
weiben. Man kann auch in den alten Memoiren 
ſehr wohl bemerfen, daß diejenigen, welche bei Hofe 
immer gut oder leidlich durchzukommen wußten, gleiche 
falls mit mehr Derfrauen auf ihr savoir faire im 


173 


Himmel ſterben, diejenigen aber, welche fich zu der 
Zeit in völliger Ungnade befanden, einen weit ſchwe— 
rern Tod und größere Gewiffengbiffe erleiden muß: 
ten. Man Fan fich eine folche Zeit, einen folchen 
Hof und folches Leben gewiß nicht mehr recht freu 
vorftellen, aber grade für unfern Stand mag es 
allerdings nicht fo übel gewefen feyn. Sch machte 
viele Betrachtungen über Ddiefen ewigen Mechfel in 
der Welt, und rief zuletzt, angeweht vom unfichtba: 
ven Geiſterhauch, der fortwährend durd das All 
ſtrömt, Tiebender Sehnſucht Gruß dem berrlich fun: 
felnden Xbendfterne zu, der feit Aeonen Jahren ſich 
all dieß Treiben mit fo vieler Toleranz und unge— 
trübter Rube anſieht. 


u f Den 19ten. 


Es gibt wirklich einige Talente in mir, um die 
es Schade ift. . ; . ; 


* . . . J + [2 


Alles Das geht nun verloren, (denn fich felbft dient 
man immer fchlecht) grade wie etwas noch viel Beſſe— 
res, 3. B. ein wunderherrlich fehöner Baum in Ames 
rifas Mitdniffen fich vergebens jedes neue Frübjahr 
mit dem prächtigften Laube, mit den füßduftendften 
Prütben ſchmückt, ohne daß ge auch nur eine arme 
Menfchenfeele ihre Augen und ibr Gemütb daran er: 


174 


gögen mag. Eine folhe Eriftenz nennen wir Men: 
fhen nun unnütz! Welcher aimable Egoismus — 
deifen ungerechte Verdammung ich auch mit leiden 
muß, denn meine erwähnten Schönen Tugenden blei— 
ben ebenfalls unnüß, und meine ganze Perfon wäre 
e8 vielleicht, wenn ich nicht glücklicherweife wenigfteng 
meinen Leuten, nebit verfchiedenen Gaftwirtben und 
Pofthaltern, indem ich fte fäglich bezahle, noch im: 
mer don reellem Nuten, und Dir, gute Sulie Ge 
m’en flatte au moins) aus andern Gründen gar un: 
entbehrlich wäre. 

Alſo ganz um nichts und wieder nichts Tebe ich 
nicht auf der Welt, und da ich auf der andern. Seite 
Niemanden fihade, gleichſam Einnahme ohne Aus: 
gabe, To ftefft fich meine Rechnung noch immer leid: 
lich genug. 

Diefen ganzen Tag Din ich in der Stadf umber 
gewanderf. Sch begann mif dem Dome, der rüd: 
fichtlich des Reichtbums feiner Sierratben, wie auch 
feiner Größe, mit dem Mailänder einige Aehnlichkeit 
bat. Der Erbauer, d. h. der ihn zu bauen anfıng, 
war Erzbifhof Ecope, eine Shafspear’fhe Perfon, 
den Heinrich IV. 19405 ald Rebell Föpfen Tief. Er 
Liegt in der Kirche begraben, und im Kapitefhaufe 
daneben ift noch ein Zifch mit einem ibm früber zu: 
gebörigen, alfo vierhundert Jahre alten Teppich ber 
deckt, auf dem fein Wappen vielfach eingewürft if. 
Der Teppich tft immer noch in leidfichen Umſtänden. 
Die Fenſter im Dome find größtentheils bon aktem, 
buntem Glaſe (eine große Eeltinbeit in England), 


175 


nur bie und da durch Neues erfegt. Die Steinar: 
beit überall vortrefflih, auf das Feinfte und Wied: 
lichite wie geſchnitztes Holz gearbeitet, alle Arten von 
Blättern, Thieren, Engeln und Potentaten darftel: 
(end. Bon dem zwei Haupffenftern an den beiten 
Enden der Kirche ift das Eine nicht weniger als fünf 
und jiebenzig Fuß boch und zwei und. dreißig Fuß 
breit. Daß entgegengeſetzte ſtellt in. feinen feltfamen 
Eteinverzweigungen die Adern des menfchlichen Her: 
zens dar, und giebt mit dem blutrotben Slafe einen 
wunderbaren Anblif. Ein andres großes Geitenfen: 
fter ift dadurch merfwürdig, daß das Glas in Wachab: 
mung von Stickerei und Nadelarbeit gemalt ift, fo 
daß e8 nur einer feinen bunten Tapete gleicht, obne 
irgend ein andre Bild zu enthalten. Im Chor ſteht 
ein alter Etubl, auf dem mehrere Könige Englands 
gefrönt worden find. Sch feste mid neugierig auch 
darauf, und fand ibn für einen Sfeinftubl febr be: 
quem. Noch angenehmer mag es ſich allerdings dar: 
auf fißen, wenn man im Begriff ift, die Fünigliche 
Krone zu empfangen. . 

Meben der Kirche ift. eine fehr bübfche, gothiſch 
verzierte Bibliothef, deren Einrichfung mir ſehr zweck— 
mäßig fehien. Die Schränfe und Fächer find nume: 
rirt, die erften mit römiſchen Zablen, die zweiten 
mit Buchftaben. Jedes Buch bat drei Nummern 
aufgeflebt, oben. die des Schranks, dann des Fachs 
und unfen feine eigne Zahl, fo daß man es im Au: 
genbtick finden Fann. Die Nummern verftelfen auch 
die Bücher gar nicht, da eg Papierchen in Form god: 


176 


ner Sonnen find, in deren Mitte der Buchftabe oder 
die Nummer ftebt. Sm. der Ede des Saale ift eine 
äußerſt feichte und bequeme Wendeltreppe angebracht, 
um zur Gallerie zu gelangen, Die etwas über der 
Mitte der Schränfe umherläuft. 


Ueber allen Büchern (ein ercellenfeg Mittel, um fie 
vor dem. Staube zu bewahren) find leichte Pappdeckel 
mit umgefchlagenen Enden an dem Nepofitorio befe: 
ftigt, die beim: Herausnehmen der Bücher nur ein 
wenig aufgehoben zu werden brauchen. Sie find mit 
violettem Papier überzogen, und liegen nur ganz 
loſe auf. 


Der Buchftaben : Catalog iſt folgendermaßen. ein: 


gerichtet: : 
pagina 20, 


EIER 




















Format Buchſtabe C.| Edition. Schrank. | Fady. Nummer. 

B | Cosmus ke Ivierenn 1591, 1, 7 | 189-19. 

4 Cavendish |London 1802, IL 5 52—55. 
Folio | Colly London 1760. XI, 3 — 

12 Corneille Paris 1820. X, 6 | 920— 930. 


Dieß wird genügen, ibn Dir deutlich zu machen, 
und da ich aus Erfahrung weiß, welch' ſchwieriges 
Sefchäft das Ordnen einer Bibliothek ift, und wie 
viel verfchiedene Manieren eg dafür gibt, fo babe ich 
diefe, als fehr paſſend für eine Fleinere Bücherfamm: 
lung, aufzeichnen wolfen, 


177 


Eine andere gute Einrichtung. beftebt in der Auf: 
ſtellung von Bücderbehältniffen, um das einzelne 
Herumliegen derjenigen Bücher zu verhindern, die 
in öfterem oder gewöhnlihem Gebrauch find. Sie 
baben die Form einer doppelten Schaufel, mit einem 
Unterfchied in der Mitte, und emporftehenden Sei: 
tenrandern. Auf beiden Seiten werden die Bücher 
bineingeftelf. Die gotbifchen Fenfter find bier zwar 
modern, aber denen in der Kirche ſehr gut nachge: 
ahmt. Auch die Art, wie fie in Blei gefaßt, ift fehr ges 
fällig, mit fi fortwährend durchfchneidenden Eirfeln. 
Der Kamin war-mit ſammt der Einfaffung ebenfalls 
in der Form eines’ gothifchen Fenfters gehalten, eine 
originelle Sdee aus alter Zeit. Don den feltnen Bü: 
chern und Manufcripten, die bier aufbewahrt wer: 
den, Fonnte ich nichts zu fehen befommen, da der 
Biblothefar abwefend war. Sn einem Winfel fand 
ich jedoch eine fehr curieufe Abbildung der großen 
Prozefiion bei des Herzogs. von Marlboroughs Bes 
gräbniß. Es ift faft unglaublich, wie fich feitdem die 
Trachten und Gebräuche fhon fo volftändig verän: 
dert haben. Der fteinatte Küfter, welcher mich herum: 
führte, wollte fi) noch als Knabe erinnern, derglei— 
hen Soldaten mit langen Haarbeuteln geſehen zu 
haben. GN 

Eine DVierfelftunde vom Dom liegen auf einem 
Hügel, angrenzend der Stadt, die romantifchen, mit 
Daumen reich überwacfenen und mit Epheu beded: 
ten Ruinen der Abtei von St. Mary. Pan bat die 
nicht lobenswerthe Abſicht, auf demſelben Hügel 

Briefe eines Verſtorbenen. IV, 12 


178 


Dicht daneben, ein öffentliches Gebäude aufzurichten, 
und ift eben jetzt befchäftigk, den Grund dazu zu gras 
ben, wobei man auf die fehönften verfchütteten Webers 
refte der alten Abtei geftoßen ift, die Funftreiche Ars 
beit noch fo wohl erhalten, ale wenn fie erft geſtern 
fertig geworden wäre. Sch fab mehrere herrliche Gas 
yitäle noch in der Erde, und in einem: Haufe danes 
ben vorzügliche Basreliefs, die man während der Ars 
beit dahin gebracht hatte. Wir paſſirten hierauf den 
Fuß (die Dufe) in einem Kahn, und febten unfere 
Promenade auf der Höhe der alten Stadtmauer fort, 
ein pittoresker, aber faft unzugänglicher Weg. Die 
umliegende Gegend ift außerft frifch und grün, und 
die vielen gotbifchen Thürme und Kirchen geben ihr 
viel Abwechslung und bieten berrkiche Proſpekte dar, 
Nach einer Biertelftunde Wegs erreichten wir dag 
fogenannfe Micletbor, von dem der alte Barbecan 
(Seitenwerf) fo eben abgeriffen worden ift, welches 
aber im Hebrigen noch feine urfprüngliche Form ganz 
beibehatten bat. Die bunten und vergoldeten Wap— 
ven von NYork und England glänzten rifterlich dars 
über in der&onne. Auf einem nahen Felde hat man 
vor fünfzehn Fahren ein römifches Grab entdeckt, 
und der Hausbefiser, der e8 gefunden bat, zeigt eg 
jest Fremden für Geld in feinem Keller. Das Ge: 
wölbe, von römifchen Biegen, ift fo frifch wie mög: 
lich, und das Serippe im Eteinfarge darunfer, wels 
ches die Zeit dunfelbraun gefärbt, ift nach Ausſage 
der Anatomen eine junge Frau, und was nad) zreis 
taufend Jahren viel fagen will, fie hat noch einige 


\ 


179 

beaux restes — nämlich berrlide Zähne, und dazu 
einen der fehönften phrenologifchen Schädel, Sch uns, 
terfuchte ihre Organe forgfältig, und fand die wün— 
fehenswertbeften Eigenfchaften, ja in folhem Maße, 
daß ich es fehr bedauerfe, fie zwei faufend Fahre zu 
fpät Fennen gelernt zu haben, fonft hätte ich fie ge: 
beirathet. Einen beffer vrganifirken Echädel finde 
ich gewiß nie, Reich ſcheint ſie indeſſen nicht gewes 
fen zu feyn, denn es haben fih nur zwei Glas-Fla— 
cons in ihrem fteinernen Sarge gefunden — an ſich 
jedoh höchſt merkwürdige Segenftände, deren Gleis 
chen man, fo vollfommen erhalten und unferm Glaſe 
fo ähnlich, fo viel ich weiß, außer Pompeji noch nir— 
gends angetroffen. Das Glas unterfcheidet fi von 
unferm nur durch einen filberartigen Schein, und 
bat, was am meiften auffällt, nirgends eine Marfe, 
die anzeigt, daß es geblafen fey, welche Marfe man 
bei allen unfern ungefchliffenen Gläſern nicht verber: 
gen kann. Die Direftion des Londoner Muſeums 
bat dem Befiser fchon große Summen für diefe Glä— 
fer geboten. Er findet ed aber vortheilbaffer, für ei: 
nen Thaler unferes Geldes die Merfwürdigfeit — 
den zu zeigen. | 

Nachdem wir zum Micterhor zurückgekehrt was 
ven, ging es nun noch mühfamer auf der zerbrödel: 
fen Stadtmauer weiter, big wir nach halbftündigem 
Klettern eine ſchöne Nuine, Elifords Thurm ge: 
nannt, erreichten. Diefer alte fefte Thurm fpielt 
eine Rolle in der engfifchen Geſchichte. Einmal un: 
ter. andern wurden faufend Juden big auf Einen 

DE 


180° 


darin verbrannt, die heut zu Tage Rothſchild wohl 
gerettet haben würde. Zulebt flog Cliffords Tower 
als Pulverthurm vor bundert Jahren in die Luft, 
und ift feitdem dem Saturn, der alten freffenden: 
Zeit, gänzlich verfalten. Doch die Zeit reift ein, baut 
aber auch auf, daher ftürzfen die Trümmer zwar zu: 
fammen, aber Epheu umfchloß fie wieder wie dichter 
Haarwuchs, in dem Tauſende von Sperlingen niften, 
und in der Mitte des hoben Thurmes iſt fogar ein 
ftolzer Nußbaum emporgewachfen, deffen Krone be= 
reits viele Fuß über die dachloſen Mauern bervor: 
ragt. Der Hügel, auf dem die Ruine ſteht, fol von 
den Römern aufgefahren worden feyn, und ein Dann, 
der Fürzlih um Schäße zu fuchen einen Schacht durch— 
arbeitete, fand den Fuß des Berges fait ganz aus 
Menfchen: und Pferde-Knochen beftebend. So ift die 
Erde, überall ein großes Grab und eine große Wiege! - 


Bon Ruinen und Todten begab ich mich zu den 
lebendig" Todten, die zu den Füßen des Thurmes 
fhmachten; den armen Gefangenen in den Graf— 
fchaftsgefängniffen. Weußerlich fcheint ihre Wohnung 
‚zwar ein Palaft. Snnerlich ſieht es aber anders aug, 
und die armen Teufel dauerten mich berzlich, die in 
zwar reinlichen aber doch fhauerlihen und naßfalten 
Zellen bier den ganzen Winter bindurch,. big Monat 
Marz, blos Verdachts wegen, fiben müffen, mit 
der angenehmen Perfpeckive, dann vielleicht gehangen 
zu werden. Keine Entfhädigung erwartet fie, wenn 
fie freigefprochen werden ſollten! Im Hofe, wo die , 


181 


Schuttner herumgeben dürfen, weidefen zugleih in 
ihrer Gefeltfchaft zwei Jagdpferde, eine Hirſchkuh und 
ein Efel. In allen Räumen und. Beffen, die ich be: 
fuchte, fand ich Ordnung und Reintichfeit gleich Io: 
benswerth. Die merfwürdigfte Eigentbümtichfeit dies 
fer Gefängniffe aber ift eine Art Diebes: Garderobe, 
mit wahrer Eleganz, wie eine Theater: Garderobe 
aufgeftelt. Ein ftarf mit Wein überladener Gefan— 
genwärter ftammelte folgende Erftärungen ber: 
„Hier fehen Sie die Perrücke des berühmten Gran: 
by, die ibn fo derftellte, daß er zehn Jahre lang nicht 
attrapirt werden konnte. Wurde hier gebangen 1786. 
Hier der Zaunpfahl, mit dem Georg Nayler vor zwei 
Jahren auf dem Wege nah Duncafter erfchlagen 
wurde. Deliquent wurde letztes Frühjahr bier. ge: 
bangen. — Der Knoddown (Schlagnieder) von Stef— 
fens, womit er ſechs Leute auf einmal umgebracht. 
Wurde vor zwei Jahren ebenfalls bier gehangen. — 
Die ungebeuren eifernen Schienen, mit denen Kirk - 
patrick allein feftgebatten werden Fonnfe. Siebenmal 
entwifchte er vorber aus den fefteften Gefängniffen. 
Aber diefe Schienen, die ich ihm felber noch ange: 
legt, die waren ibm doc ein bischen zu gewichkig. 
(E83 waren complette eiferne Balfen, die ein Pferd 
kaum bäfte fortfchleppen fünnen.) Er trug fie nicht 
fange, denn zwei Monate darauf wurde er, gerade 
am erften Mai, an einem herrlichen Tage, gen Him: 
mel erpedirt. — Hier die Maſchine, mit der Cork 
farfhe Guineen aeftemyelt. War ein fehr anftändis 
ger Gentleman. Gehangen 1810.“ Bitte, unterbrad) 


182. 


ich ibn bier, was für eine Waffe war biefer riefen: 
große hölzerne Schlegel? „O, fchmunzelte der alte 
Kert fhwanfend, die ift unfchuldig, be, be, das ift 
nur mein Zuckerfchlegel, wenn ich Nigus mache, be, 
be, den babe ich mir bier nur fo parat geftellt.“ Die 
Sarderobe befand fih auch immediat neben feiner 
Wohnſtube, und ſchien eine Liebhaberſammlung, Die 
feinem eigenen Eifer allein ihr Entftehen verdanfte. 
Wie verfehieden find Doch die Etedfenpferde der Men: 
fhen! Sch fürdte, Du bift bereits müde von der 
langen Promenade, liebe Zulie, mußt mir aber doch 
noch ein wenig weiter folgen, ja aus der Tiefe gebt 
es fogar wieder mühfam bis zur böchften Höhe hins 
auf. Sch wünfchte nämlich das ganze Amphitheater 
meiner bisherigen Tour, nebft dem prächtigen Müne 
ſter, auf einen Blick zu überfehen, und wählte mir 
dazu einen gotbifhen Thurm von den fihönften Pros 
yortionen aus. Er ift von oben big unten von Funft: 
reicher Durchbrochener Arbeit, und hinter dem frang: 
parenten-Gewebe hatte ich mit meinem Opernguder 
fhon von fern Leitern bid oben hinauf entdeckt, die 
mich fehr reisten, fie zu befteigen. Nach einem der: 
ben Marfch, auf dem wir ein altes Stadtthor berührs 
ten, das Adelsthor genannt, welches feit fünfzig Jah— 
ren vermauert war, und nun wieder geüffnet worden 
st, um zur Pafage für den neuen — Biebmarft 
zu dienen, der fehr elegank und zweckmäßig mit drei 
Neiben Bogen- für Scaafe, Rindviehb und Pferde 
verfeben ift, gelangten wir endlich zu befagtem Thures 
me, eine Bierde der Älteften Kirche in York. Es 


2 


183 


machte einige Mübe, den Küſter zu finden, einen 


fhwarzen Mann, der mehr einem fchmußigen Köhler, 
als einem geiftlichen Offizianten äbnlich fab, fich aber 
dabei doch voller guten Wiltens zeigte. Ih frug, ob 
man auf die mit herrlichen Galerieen gezierte Spitze 
des Thurmes gelangen könne? Das weiß ich nicht, 
war die Antwort, denn ich bin ferbit nie oben ge: 
weſen, obgleich ich fchon zehn Jahre Küfter bin. Es 
find blos alte Leitern da, und oben fehlt ein Stüd 
daran, es wird alfo wohl nicht geben. Dies be: 
feuerte meinen abentbeuerlihen Tik, und ich eilte obne 
Zögern thurmaufwärts auf der ſchlechteſten, dunfel: 
ften, engften und verwittertften Wehdeltreppe, die 
man fi denfen Fann. In Kurzem erreichten wir 
die Leitern. Wir beftiegen fie ohne Aufenthalt, und 
famen auf die erfte Plateforn. Hier aber bedankte ſich 
fhon Küäſter und Lohnhediente weiter zu klettern. Eine 
bobe und alferdings ſehr fchwanfende Leiter mit vie: 
Ion feblenden Sproffen führte zur Epise, wo oben, 
ungefäbr ſechs Fuß weit, die Sproffen ganz fehlten, 
bis zu einem vieredigen Loch, durch welches man 
auf das platte Dad binaus gelangte. Ich mochte 
nun nicht mebr unverrichteter Sache zurüdgeben, Elek: 
terte fort, war bald oben, erreichte mit den Händen 
den Nand der obern Deffnung, und fhwang mid, 
mit einiger Mühe, glücklich binauf. Die Augficht 
war in der That pradtig, und ganz nad Wunſch 
erreichte ich befonders meinen Hauptzweck, den unten 


fo fehr von Häufern encombrirten Dom num völlig 


frei, in aller. feiner coloſſalen Majeſtät gleich einem 


184 

Kriegsfhiff unter SKäahnen vor mir zu ſehen. 
Der Wind faufte aber fürchferlich in der Höhe, und. 
altes war bier fo febr im Abfterben begriffen, daß 
die fteinernen Spiten der Candelabres in den Eden 
der Gallerie, wie diefe felbft bereits zum Theil einge: 
ftürgt waren, die noch ftebenden aber fih wie Schie— 
fer abblätterten, auch die Eifen, welche fie zufammen: 
bielten, fo locker und verroftet waren, daß im 
Winde die ganze Plateforme zu ſchwanken fehlen. 
Nah und nah wurde mir in dem fortwährenden 
-Sturme,unbeimlich zu Muthe. Sch begann alfo den 
Rückzug, fand aber das Hinunterfommen weit 
ſchwerer ald das Heraufflimmen, wie es immer bei 
ſolchen Öelegenbeiten der Fall if. Nur muß man 
fih den entmuthigenden Gedanken feinen Augenblick 
überlaffen, das befte und einzige Mittel, wenn man, 
wie die Engländer fagen „‚nervous‘“ zu werden an: 
fange. Indem ich mich alfo rücwärtd nach der Leis 
ter gewendet, feſt an die Balken anflammerte, Tieß 
ich mich in die Tiefe unter mir hinab und fuchte, an 
den Armen hängend und meine Beine wie Füblhör— 
ner ausftredend, emfig die oberfte Stufe — ſehr 
froh als ich endlich feften Fuß faßte. Unten ange: 
fommen erfchien ich eben fo ſchwarz als der Küfter. 

Unterdeffen war es Zeit zum Abend: Gottesdienft 
im Dom geworden, wo die größte Orgel Eng: 
lands und eine ausgewählte Muſik, mir in dem. 
berrlihen Lokal einen fchönen Ausrubepunft ver: 
bieß. Sch eilte fchnell dahin, und verträumte bald 
eine füße halbe Stunde unter der Töne Gewalt und: 





185 


Zartbeit, denn als Tyrann der Muſik, wie Heinze 
fie nennt, rollte die Orgel dröhnend durch die uner: 
‚ meßlichen Hallen, und fanft wie Früblingshauch bes 
rubigten wieder die Stimmen lieblicher Kinder dag 
aufgefchrecfte Gemüth. 


Halb ſchon in der Dämmerung befuchte ich nach: 
ber moch die goldne Stadthalle, das Rathhaus, wo 
der Lord Mayor (nur London und Dorf haben Lord 
Mayors) dreimal die Woche Gericht halt, und auch die 
dreimonatlichen Affifen ftatt finden. Es ift ein altes 
und ſchönes gothiſches Gebäude. Daneben find, neu 
aufgeführt, zwei Säle für die obern und unfern 
Advokaten. Sn dem der obern find in modernem 
bunten Glas die Wappen aller Lord Mayors im den 
Fenftern angebracht, denn jeder Handwerfsmann | 
baf bier ein Wappen. Gewöhnfich ſieht man auch 
ſchon aus dem Inhalt deffelben, weß Geiftes Kind 
der Befiger iftz; der Kaufmann hat ein Schiff, der 
Holzbändler einen Balken, der Schufter einen Lei: 
ften ꝛec. Die Devifen dazu fand ich aber zu vornehm 
gewählt. Am beſten hätten ſich für bie drei ange: 
führten obne Iweifel gepaßt, für die erften das Lieb: 
lingefied der Berliner Straßenjugend: „O fliege mein 
Schifflein, o fliege!“ beim Zweiten: „Sieh nicht den 
Splitter in des Fremden Auge, indem Du den Dal: 
fen in Deinem eignen überſiehſt.“ Beim Dritten 
endlih: „Schufter bleib bei Deinem Leiſten!“ Das 
Letzte aber wäre freilich zu ſchwierig für einen Lord 
Mayor! ) | 2 


186 


Ah babe nun dag gehörige Gleichgewicht berge: 
ftelie, d. b. meine Hände find eben fo müde vom 
Schreiben, als meine Beine vom Gehen. Es ift 
Zeit, Dem Magen aud) einige Urbeit zu gönnen. Wäre 
ib Walter Ecott, fo gäbe ih Dir den Küchenzettel, 
ſo aber wage ich es nicht, ſtatt deffen lieber noch ein 
ort über die Nachtifch:Xeftüre, zu der mir wiederum 
die berühmte Maintenon gedient. 

Es rübrte mich, wie die arme Frau das- traurige 
Einerlei, die bittere Geêne ihrer Lage fo freu fehil: 
dert, und fich fo oft und herzlich, mit unverfennbas 
ver Wahrheit, nad dem Abtrefen von diefem Thea: 
ter febnt, das wie fie ſagt, fehlimmer wie jedes ane 
dere, von Morgen bis Abend dayert! Un 
ter aller Pracht und Macht fcheint ihr doch der Tod 
dag Münfcengwerthefte, und man kann ſich nach fo 
unendlich langer Leere, nach dem Aufopfern aller 
Eigentbümlichfeit fo viele, viele Jahre bindurch, die 
tödtlihe Ermüdung des Geiftes wohl denfen, die 
nah Erlöfung ſchmachtet. Der religieufe Wahn, dem 
fie fih hingegeben, ift auch daraus erflärlicher,, nnd 
Tag überdem in der Zeit, die in diefer Hinfiht völlig 
Eindifh war. Hätte ein Geift wie Frau von Main: 
fenon ſpäter gelebt, fo würden Moliniften und Sans 
feniften ihr kaum ein Lächeln der Verachtung abge: 
wonnen haben, in der ihrigen war es andere. Gie 
bleibt in ihrer Art eine große Frau, wie Ludwig 
der XIV, ein großer König, in einer Heinen Zeit, 
die eben, weil fie Flein war, die Fleinen Dinge, 
Hof, Gefellfchaft ?c., weit vollkommner augbildete 


187 


als die unfrige, und daher dem dichterifchen Ge: 
müth, das überall das DVollfommene, es fey Flein 
oder groß, mit Vergnügen gewahr wird, ein Immer 
neu anzichendes Bild darftellt. 


Den ?0ften. 


Ich bielt heute früh die Nachlefe, und befab 
noch die uralte Kirche Al Saints, wo ich, leider in 
ſehr fchlechter Erhaltung, vorfrefflihe bunte Gtläfer 
antraf , befonders eine Jungfrau mit dem Ehriftus: 
Kinde von einer Schönheit und Lieblichkeit des 
Ausdrucdes, deren Napbael fih nicht zu ſchämen 
hätte. Ferner St. Marcy's alte Kirche, die ein felte 
fames Thor bat, auf dem eine Menge Hieroglyphen 
und die Zeichen des Zodiaks in Stein zierlich ausge— 
bauen find. Da ih den Erzbifhof von Dorf in 
London batte Fennen feinen, fo fihrieb ich ihm ges 
ftern ein Billet, und bat ihn um die Erlaubniß, feiner 
Billa, wo er jest refidirt, und ihm ferbft meinen 
Befuh zu machen. Er hat mir febr artig geantwore 
tet, und mic gebeten, einige Tage bei ihm zu bleis 
ben. Da ich dazu Feine Luft babe, fo nabm ich blos 
ein Dine auf beute an, und fuhr um 5 Uhr binaus. 


Sch fand einen vorfrefflich gehaltenen, üppig 
fruchtbaren pleasure ground und ein ftattliches altes 
gotbifches Gebäude in einem ganz befondern Style, 
der mir ſehr wohl gefiel. Es war nicht ſebr groß, 


‚188 


aber aͤußerſt elegant, und an den A Enden des plaf: 
ten Daches ſtanden 4 coloffale Adler mit ausgebrei— 
teten Flügeln. Statt der ſchweren Ereneaur, die nur 
auf ungeheuren Maffen fich guf ausnehmen, lief eine 
Durchbrochene Steinbroderie, ald Galerie rund um 
das Dach, die fehr künſtlich, leicht und reich zugleich 
ausfab. Daß das Innere wie alles Lebrige prächtig 
war, fannft Du Dir bei einem Manne denfen, der 
40,000 L. St. geiftliche Nevenüen bat. Der alte Erz: 
bifhof, noch ein fehr rüftiger Mann, führte mich 
überall berum, und unter andern auch in feinen 
Küchengärten und Zreibhäufern, die ausgezeichnet 
fhön find; befonders die Küchengärten, welche überall 


mit Blumen gefhmüct waren, und in denen alle. 


Arten von Gemüfen und Früchten in- höchfter Fülle 
wuchfen. Dabei waren fie fo reinlich, wie das ele: 
gantefte Zimmer gehalten, eine Sache, die unfre 
Gärtner durchaus nicht begreifen wollen; eben fo die 
Treibhäuſer. Keine Spur bier von Unordnung und 
Schmus, von berumliegenden Breftern und Utenfi: 
lien, Dünger an den Wegen u. ſ. w. An den ver: 
fihiedenen Mauern fab man auf beiden Seiten die 
auserlefenften Fruchtbäume in fymmetrifchen Linien 
gezogen, unter andern viele Johannisbeerſtämme, die 


durh Wegnahme aller kleinen Aeſte ein folches, 


Wachsthum erlangt baften, daß fie wohl 12 Fuß 


hoch an der Mauer in die Höhe gingen, und über 


und über mit Zrauben bebangen waren, welche Elei: 
nen -Weinbeeren an Größe glihen. Sn den Treib— 
bäufern, wo herrliche Ananas und Grenadillas (eine 


189. 


weftindifche Frucht in Form - einer Heinen Melone 
und von Geſchmack der Sranate ähnlich), üppig. 
wuchfen, war an jedem Zenfter eine verfchiedene 
Weinforte gezogen. Alles bing voller Srüdte Die 
Bäume an den Mauern im Freien, deren ich vor— 
bin erwähnfe, waren mit Neben verbangen, und‘ 
werden fpäfer mit Matten zugedeckt, fo dag man 
‚ bis Ende Sanuar reife Früchte davon pflücken fan. 
So war auh noch jetzt eine Stelle im Garten voll 
reifer Erdbeeren von einer befondern Sorte, und 
der Erzbifchof verficherte, er erhalte diefe ebenfalls 
bis im Januar im Freien. As ein neued Gemüfe 
von befonders gutem Geſchmack zeigfe er mir nor⸗— 
männifche Kreffe, die auf dem Schnee abgefchnitten 
. Wirbe Ä 

Die Menge der noch blühenden Blumen, welche 
überall die Gange und Gemüfebeefe umgaben, var 
auffallend. ch weiß zwar, daß das Klima die Gärt: 
ner bier ſehr begünftigt, demohngeachtet müſſen fie 
vor den unfrigen noch andere. Vortheile in der Be: 
handlung der Blumen voraus haben. 


Sm pleasure. ground fand ich Lerchenbäume, die 
nicht nur riefenmäßig groß waren, fondern aud) fo 
dunfel im Laub wie Fichten, und ihre herabbängen: 
den Aeſte wohl 20 Fuß weit umher auf dem Raſen 
ausbreifefen. Wie ich Hier zum erftenmale hörte, 
balt man es für die Nadelhölzer fehr heilfam , wenn 
ihre Aeſte die feuchte Erde berühren fünnen, weil fie 
durch dieſe ungemein viel Nahrung einfaugen follen, 


190 


Ein Acht Erzbifchöfliches Dine befchloß dem ange: 
nebmen Abend. Dabei fiel mir dad Verhältniß der 
vornehmen englifchen Geiftlihen zu ihren Weibern 
wieder recht fonderbar auf. Sch fagte Div, glaub’ ich, 
fhon, daß diefe weder den Titel noch Namen ihrer 
Männer fragen, fondern, wie bloße $reundinnen, 


nur den ihrigen behalten. Die biefige Dame des 


Haufes war indeß eine Lady in her own right von 
angefebener Familie und dabei eine fehr artige Frau. 
Sie hat 10 Söhne und 3 Töchter. Bon den letzten 
befand ſich nur eine zugegen, obngefäbr 20. Jahr alt, 
die ein bei Weibern felfnes Unglück gebabt bat, näm— 
lich ein Bein zu verlieren, dag man ihr nach einem 
Falle vom Pferde abnehmen mußte Die Kleidung 
verftecft aber bei einer Frau diefen Mangel weit bef: 
fer ald bei einem Manne, und ich bemerfte nicht 
einmal einen gebinderten Gang an ihr, ebe ich davon 
unferrichtet war. 


* 


Scarborough, den 2ıften, 


Sch vergaß geftern einer drolligen Gefchichte zu 
erwähnen, die bei Zifche erzählt wurde, und gewiß 
das ftärffte Beifpiel von Diftraktion aufftellt, welches 
Du, den fich köpfenden Srländer abgerechnet, noch 
‚gehört haben wirft. Lord Geaford erzählte von ſei— 
nem DOnfel dem alten Grafen von Warwic, der 
fhon früher wegen feiner Zerftreutbeit berühmt war, 
daß er einft in einem wichtigen Geſchäft von Wars: 


191 


wie Caſtle Abends nach London reifte, dieſes dort 
den andern Tag zu feiner Bufriedenheit beendigte 
und in der Nacht wieder zurädfur. Als er in 
Warwick anfam, fiel er in Ohnmacht. Alfes er: 
fchra und frug den Kammerdiener, ob fein Herr 
fhon in London Frank gewefen fey. Mein, fagfe die: 
fer, er ift ganz wobl, aber ich glaube, Gott verzeiß 
mir, er bat, feit er weg ift, vergeffen — zu effen. 
Dies war auch wirflih der Fall, und ein Teller 
Suppe, den man fofort Seiner Herrlichfeit applizirte, 
brachte fchnell Alles wieder in die gewohnte Ordnung. - 


Sch Schreibe Div aus einem Seebade, das fehr 
romantifch feyn fol. Sch felbft weiß zwar nichts das 
von, denn ed war flocdfinfter als ih anfam. Mor: 
gen früb babe ich dagegen alle Hoffnung auf die 
fhönfte Ausjicht, da ich im Aten Stock logire, weit 
das ganze Haus fihon befest ift. 


Während der Neife hierher befah ich das Schloß 
Howard, dem Lord Carlisle gebörig. Es iſt dies ei: 
ner der engliſchen shewplaces (Schau: und Para: 
deplätze), gefällt mir aber nicht im Geringſten. Schluß 
Howard ſtammt von Sir Vanburgb ber, demfelben 
Baumeifter, aus Ludwig XIVten Zeit, der in dem 
gleichen fchlechten franzöfifhen Geſchmack Blenheim 
gebaut bat. Dieſes imponirt jedoch Durch feine 
Maffe, dagegen Schloß Howard weder imponirt noch 
anmuthig erfcheint. Dabei hat der ganze Park etwas 
böchft Zrauriges, Steifes und Defolates. Auf einem 
Berge ſteht ein großer Tempel, dag Erbbegräbniß der 


192 


Familie. Die Eärge find in Bellen rund herum vers 
theilt, die meiften noc) leer, fo daß das Ganze in: 
wendig wie ein Bienenſtock ausſieht, nur freilich ftil: 
ler! Sm Schloß befinden fih ſchöne Gemälde und 
Antifen. Unter den erften find befonders die foge: 
nannten 3 Marieen von Annibal Carrache berühmt. 
Es ftellt Diefes Gemälde ten todten Ehriftus dar, ° 
binter welchem feine Mutter Marie in Ohnmacht ges: 
funfen if. Die Großmutter Marie eilt Flagend ber: 
bei, und Marie Magdalene ſtürzt ſich verzweifelnd 
über den Leichnam. Die Abſtufung zwiſchen dem 
wirklichen Tode, der bloßen Ohnmacht, dem matten 
Schmerz des Alters, und der lebendigen Verzweif— 
fung der Jugend ift bavunderungswürdig wahr darz- 
geſtellt. Jedes Glied an Chriſtus Körper erfcheint 
wahrhaft todt; man fiebt, diefe Form hat für immer 
auggedienf, bewegungslog, Falt und ftarr. Alles 
dagegen ift Bewegung und Leben an der fchönen 
Magdalene, bis auf die Haare felbft, möchte ich fa: 
gen, alles Lebenskraft. und Fülle, aufgeregt im bit— 
ferften Sammer, ° Gegenüber hängt Annibals Bild 
von ihm felbft gemalt, Es zeigt ſehr auffallende Züge 
und ſieht einem verwegnen Highwayman Abnlicher 
als einem Künftler. Dich, liebe Julie, würde eine 
Sammlung Handzeihnungen aus dir Zeit Franz des 
I., die ſämmtlichen Herren und Damen feines Hofes 
in 50 — 60 Portraits, am meiften angezogen baben. 
Es waren gemalte Memoires. Unter den Antifen 
amüfirte mich eine der Capitol:Gänfe von Bronze, 
bie man mie aufgehobenen Flügeln und aufgefperrfen 


; ET IG 


Schnabel fehnattern zu hören glaubt, Ein vortref: 
ich erhaltenes Bild Heinrich VIIT. von Holbein ift 
der Erwähnung werth, fonft fiel mir eben nichts bes 
fonders auf. Der befannte heilige Johannes von 
Domenechino befindet ſich auch bier, angeblich als 
Driginal. Wenn ich nicht irre, iſt dag ächte jedoch 
in Deutfchland. Der Park, in großen Maffen fteif 
gepflanzt, ift befonders reich an ZThorwegen. Sch 
fam durch 7, fage Sieben, ebe ih das Schloß er: 
reichte. Ueber eine ſchmutzige Wafferlache, obnfern 
dem Schloß, führt eine große Steinbrüce mit fünf 
‚oder ſechs Bögen, über die Brücke jedoch Fein Weg ! 
Sie dient blog als Proſpect, und damit man dies 
recht genau gewabr werde, ift auch nicht ein Straud 
daneben, oder davor gepflanzt. Es feheint, daß Die 
ganze Anlage völlig fo geblieben ift, als fie vor 120 
Sabren geftiftet wurde, mit allen ihren Alleen, 
Quinconcen ꝛc. Obelisken und Pyramiden find wie 
Pilze Darin aufgewachfen, denn jede Ausficht bietet 
dergleichen ala harten Endpunkt. Die eine Pyramide 
ift indeffen wenigſtens nützlich, denn fie ift zugleich 
ein Gaſthof. 


Den 22ften. 


Menn die Leute in England fo oft an Erfär 
tungen und Schwindfucht fterben, fo liegt ed noch 
mehr an ibren Gewohnheiten als an dem Clima. 
Spaziergänge auf dem naffen Nasen find die belieb— 
13 


Briefe eined Derflorbenen: IV. 


194 


teften, und in jedem öffentlihen Zimmer find beftän: 
dig mehrere Fenfter offen, fo daß man es vor Zug 
Faum aushalten kann. Auch wenn fie zugemacht 
find, pfeift der Wind doch hindurch, denn felten find 
fie dicht und nie doppelf. Das Elima felbft ift aber 
‚auch, fo gut es die Vegefation unterftügt, für Men: 
fhen abſcheulich. Heute ritt ich bei dem fehönften 
Wetter und Harften Himmel, auf einem Miethgaul, 
um 9 Uhr früh aus, und war noch feine Stunde 
fort, als mich ſchon der ſchrecklichſte Platzregen über: 
fiel, und durch und durch badete. Endlich erreichte 
ich ein Dorf, wo ich in der Verzweiflung, nirgends 
einen Thorweg zum TÜnferreiten zu finden, vom 
Pferde abfprang, und in eine Stube zu ebner Erde 
eindrang, deren Thür offen jtand, und wo Zwei ur: 
alte Weiber etwag am Kamine brauten. Sm Eng: 
land wird alles Häusliche fo heilig gehalten, daß ein 
Menfch, der in eine fremde Stube tritt, ohne forg: 
fältig vorher fih annoncire und um Erlaubniß ge: 
beten zu haben, ſtets Schreden und Unwillen erregt. 
Auch ich wurde daber, ohngeachtet die Urfache meines 
Eindringens deuflich genug von» meinem Hut und 
Kleidern rann, nicht zum beften von den alten Da: 
men empfangen, deren Rang höchſtens dem einer 
Schufterd: oder Zifchlerd: Frau gleich feyn mochte; 
nicht8 aber malt das Entfegen und den ohnmächtigen 
Zorn meiner Wirthinnen malgre elles, als, faum 
Daß ich beim Feuer angelangt war, der Miethgaul, 
deffen Klugbeit Neftor Ehre gemacht haben würde, 

fih ebenfalls durch die Thüre drängte, und che man 


- 195 


ihm wehren Fonnte, böchft rubig und anftändig beim 

Kamine fand, um mit einer fchalfhaft dummen * 
Miene feine £riefenden Ohren am Feuer zu trocknen. 

Die beiden alten Heren wollten vergeben vor Wuth, 

ich vor Lachen, Mit Gewalt follte ich nun das Thier 

wieder berausbringen — mir aber that der arme 

Geführte zu Leid, felbft wagten fie nicht Hand an 

ibn zu legen, und unter Schelfen und Schmähen, 

was ich, fo gut ich Fonnte, durch füße Worte und 

einen Schilling zu beſänſtigen fuchte, blieben wir fo,_ 
halb bittend, halb gewaltfam, beide- glücktich in der 

Stube, bis wir ein wenig trockener geworden waren, 

und die Bourasfe aufgehört hatte. Das Trocken— 

werden balf indefjen nicht viel, denn beim Eintritt in 

das romantifche Forge-Valley fingen Sturm und 

Regen von neuem zu foben an. Sch ergab mich in” 
mein Schiekfal, obgleich ohne alle Schusmittel, und 

fröftefe mich mit den Schönheiten der Umgebung, ein 

‚ enges hohes, mit üppigem Wald bewachfenes That, 

in dem ein reißender Waldbach jich ſchäumend feinen 

Weg bahnte. An dem Bache bin führte-eine bequeme 

Straße. Ich. bemerkte unterwegs eine einfache und 

hübſche Art, einen Duell zu fallen, bloß durch zwei 

große gelprengfe Steine mit einem noch größern quer 

darüber gelegt, unter welcher Pforte das Waſſer 

fprudelnd hervorſtrömt. 


Hm einer Berfältung wo möglich zu begegnen, 
nahm idy bei meiner Zuhaufefunft ein warmes Sees: 
bad, und begab mich dann aufden Sand, d h. 


* 


196 


auf die Etelle, wo dag Meer bei der Ebbe zurück: 
tritt, eine fehr eigentbümliche Promenade. Reitpferde 
und Wagen fteben darauf in Menge zum Mierhen 
bereit, und man Fann mehrere Meilen, hartam Saum 
der Wellen, auf einem Boden zart wie Sammt da: 
binveiten. Das alte Schloß von Scarborougb auf 
der einen Geite, und eine prächtige eiferne Brüde, 
die zwei Berge verbindet, auf der andern, erhöhen 
das Pittoreske des Anblicks. Sch ritt nachher bei 
der AUbendfonne Schein auch noch auf dad Schluß - 
- binauf, von dem die Ausſicht prachtig ift, und das 
eine impofanfe Nuine bildet. _Hier wurde ©avefton, 
der Günftling Eduard IL, vom Grafen Warwick, 
deffen Grab ih Dir auf meiner erften Landtour be: 
fchrieb, gefangen, und fihnell zur Hinrichtung nach 
feinem Schloffe abgeführt. R 
Auf dem höchſten Punfte der Ruine fteht ein ei: 
fernes. Bebaltniß, wie ein Kiebnforb conftruirt, das 
zu Signalen dient. Es wird eine große Tonne Theer 
bineingefegt und angezündet. Sie brennt dann in 
boben, lodernden Flammen die ganze Nacht. Daß 
Schloß ſteht auf einem weit fu die See hervorfre: 
tenden Felfen, der circa 150—200 Fuß fenfrecht aus 
der See emporfteigt, und oben neben dem Schloß 
auf feiner Oberfläche noch eine fchöne Wieſe bildet. 


197 


Den 23ten, 

Meine heutige Excurſion führfe mich an der Eee: 
füfte bin nach Filey, wo eine berübmte Felfenbrücke 
von der Natur felbft in das Meer bineingebaut wor: 
den tft. Derfelbe Mierbgaul, eine Stute ihres Ge: 
Schlechtg, den ich geſtern ritt, 309 mich heute in ei: 
nem ziemlich gut conditionirten Gig. Das Meer 
war ſchön blau und voller Segel. In Filey, einem 
Sifcherdorf, nahm ih einen Kührer, und eilte auf 
dem feften Meerfande der Brüde zu. Mir kamen 
bei vielen feltfam geftalteten Felfen vorüber, bie und 
da lag auf einer Spike ein Fifch in der Sonne, der 
bei der Ebbe fißen geblieben, und dort lebendig ge: 
röftet worden war; manche Hohlungen in Stein fand 
ich mit einer Unzahl kleiner Mufcheln angefült, die 
von weitem Thonkugeln glichen. Die Brücke felbft 
ift eigentli nur ein breites Selfenriff,. welches eine 
balbe Biertelftunde in dag Meer hinausgeht. Selt— 
fam find die einzelnen Blöcke in phanfaftifchen Fi: 
guren durcheinander geworfen, und man muß ſich febr 
in Acht nehmen, nicht von ihren fehlüpfrigen Kanten 
binabzugleiten, Die Fluth Fam bereits beran, und 
deckte fchon einen Theil des Riffs. Nachdem ich alles 
binfänglich betrachtet, Fletterfe ic) an den Uferfelfen 
ziemlich befchwerlich binan, um den Rückweg vben 
‚zu nehmen, wo ein angenehmer Miefenweg mich bald 
zum nahen Gaſthof brachte, in dem mein Fuhrwerk 
mich erwartete. 


- 


198 


Tlamboroughhead den 2äften Abends. 


Entfernungen werden bier ganz anders calculirt 
als bei und Meine ehrwürdige Matrone bradıte 
mich heute, fünf deutſche Meilen weit, bequem in 
zwei Stunden bierber. Kaum angefommen, mir: 
tbefe ich ein anderes Pferd, um den noch 11/2 deutfche 
Meile weiter entfernten Leuchtthurm und ‚die Fel— 
fenbößlen zu erreichen, welche Slamborougbbead merf: 
würdig machen. Es war das fchönfte Wetter ges: 
‚worden, und dabei fehr windig, fo daß ich dießmal 
wenigfteng gewiß boffte, ungenäßt zu bleiben, — id) 
irrte mich aber febr, denn Faum bei dem Meerfelfen 
angelangt, befam ich nicht nur den obligaten Plab: 
regen, fondern diedmal noch eine Zugabe, nämlich 
ein derbeg Gewitter. Dies war jedoch eine ange: 
nehme Deränderung, denn Donner und Blis nab: 
men fich auf der Spige der Kalffeften, ſenkrecht über 
dem ſchäumenden Meer, vortrefflih aus. Der Doua: 
nier, welcher mich begleitete (eg ift eine Station Die: 
fer Leute bier neben dem Leuchlfhurm), brachte mir, 
den nur ein leichter Frack ſchützte, zwar ſehr gefällig 
einen Regenſchirm, der Sturm erlaubte aber nicht, 
auf dem gefährlichen und fchlüpfrigen Wege über 
den Abgrund fich desfelben zu bedienen. Das Meer 
bat die Kalfrelfen bier fo unter- und auggewafchen, 
daß viele tburmarfige Pfeiler ganz einzeln im Waſſer 
fteben, welche in ibrer blendenden Weiße, durch den 
fohwarzen Himmel noch greller gemacht, viefenbaften 
Eregefpenftern glichen, in weite Leichentücher ge: - 


199 


hüllt. Außerdem gibt es eine große Menge Höhlen 
von verſchiedener Größe, zu denen man während der 
Ebbe trocknen Fußes gelangen kann. Jetzt war ins 
deß grade bohe Fluth, und ich mußte ein Fiſcherboot 
benützen, was glücklicherweiſe ſich dort eben aukhielt, 
um zu der größten der Höhlen zu fahren. Der fri⸗ 
fen Luft wegen ruderte ich den ganzen Weg tapfer 
mit, und fand diefe Bewegung, die ich heute zum 
erftenmal verfuchfe, fo angenehm, daß ich fie Fünffig 
ſo oft als möglich wiederholen will. Die See ging 
fo bob, daß ich an Gefahr glaubte,. und dem Fifcher 
dieß äußerte. Er .antworfete ganz poetifh: „O-Herrt 
glaube Ihr, daß mir das Leben nicht eben fo füß 
iſt als Euch, weil ih nur ein armer $ifcher bin? 
- Bis an die Höhle ift Feine Gefahr, aber hinein dür— 
fen wir beufe nicht.“ Sch warf alfo nur . einige 
Blicke in den ungebeuern Zhorweg, wo der Meeres: 
fhaum unfer dem Heulen der Wellen, wie Rauch 
‚emporwirbeind, umberfprigfe. Da mich der Kifcher 
verficherte, daß man fih vom Seewaffer nie erfälte, 
fo tauchte ich meine naffen Glieder nochmals in die 
grüne Salzfluth, und beftieg dann mein Roß, um 
dem Leuchtthurm zuzureiten. Diefer war mir um fo 
intereffanter, da ich nur einen febr unvollffommenen 
Degriff von der Eonftruftion diefer Thürme batte. 
Er bat oben einen Auffab von Glas wie ein Zreib: 
haus, in deffen Mitte an einer eifernen Stange 21 
Lampen im Eirfel umber befeftigt find, die fich durch 
eine Art Uhrwerk immerwährend langſam dreben. 
Ale diefe Lampen find mit großen, inwendig ſtark 


200 

mit Silber plaftirten , ſtets mit höchſter Reinlichkeit 
geputzten Nefleckoren verfehen, und fieben davon has 
ben außerdem .eine Scheibe vothes Glas vor fich, 
welches in Nevwcaftle gemacht wird, und dem alten 
Rubinglas faft ganz gleich kömmt. Dies bat den 
Zweck, das Licht des Leuchttburms fo zu wecfeln, 
daß ed in der Ferne bald roth bald weiß erfcheint,. 
und dadurch, von den Schiffen aus, von jedem an: 
dern Richt ohne Mühe unterfchieden wird. Die Lam: 
pen werden mit Del gefpeift, das fo rein wie Wein 
ift, und von dem eim ganzer Keller voll Fäſſer ſtets 
im Vorrath bleibe. Eben fo ift der ganze Apparat 
doppelt vorhanden, um bei einem Zufall dag Be: 
ſchädigte auf der Stelle erfegen zu können. Die 
Lampen bilden zwei Kreife übereinander, unten 12, 
oben 9. 


sch bemerkte einen Tifh zum Putzen der. Lampen, 
der mir ſehr zwecmäßig fohien, um’ das Springen 
der Släfer zu verhindern. Die obere Dlatte ift von 
Eifenbleh, mit mehreren Löchern neben einander, 
um die Släfer hineinzuftellen. Auf einer Platte dar: 
unter ſteht ein Koblenfeuer. Diefe Vorrichtung bat 
den. doppelten Nugen, einmal daß die Glaͤſer gleich 
in eine fichere Lage Fommen, zweitens daß fie nicht 
leicht fpringen, da fortwährend das Blech in BEER 
Märme erhalten wird. 


Eine Selegenheit, die ich bier finde, diefen Brief 
ſicher nach London an die Geſandtſchaft zu fpediren, 


201 


erlaubt mir meinen NReifebericht zu theilen. Ich 
fchliege daher für diesnial, immer mit der Bedingung, 


wie Sheberazgade morgen wieder anzufangen. Alſo 
‚sans adieu, ; 


.. Dein 


| | 


Neunzebnter Brief. 


J 


Whitby, den ?öften. 


— 


Theure Julie! 


Ich hatte etwas lange nach der geſtrigen fati— 
guanten Tour geſchlafen, und verließ daher Scar— 
borough erft um 2 Uhr. Der Weg bis MWpitby iſt 


_ 


der vielen Berge wegen fchwierig und der Anblick * 


der Gegend fonderbar. Sp weit man umberblickt, 
fein Strauch, Fein Haug, Feine Mauer nod Zaun. 
Nichts als endlos wogende Hügel, oft von ber felt: 
famen Form regelmäßig aufgeftürzfer Halden, dicht 
mit Deidefrauf bedeckt, das in der Nähe die fehönften 
viofeffen und rofenrorhen Blüthen darbietet, in der 


Serne aber nur ein und Liefelbe düſtere, rotbbraune. 


Farbe über das ganze Land breitet, welches den 
Grouſe-Jägern eine reiche Erndte darbietet. Keine 
Abwechslung als eine Menge weißer Punkte, die fich 
fangfam hin und her bewegen — und was find 


203 


dieſe? — Tauſende von Haidſchnucken, die febr feheu 
find, meiſtens fchwarze Köpfe haben, und gegen de: 
ren Wolle Pudel und Schafſpitze Seide aufweifen 
fonnen. Eine Stunde vor Whitby, wenn man aus 
den Fablen Bergen wieder binabfteigt, verändert ſich 
die Gegend nach und nach, und wird bei der Stadt 
ſehr romantifch. Die englifche Neinlichfeit und Bier: 
Tichfeit verliere fi) indeß immer mehr und mehr. 
Whitby ſieht einer alten deuffchen Stadt vollfommen 
aleih. Ohne Trottoirs, eben fo ſchmutzig, mit engen 
Gaſſen, aber auch mit berzlichern, freundfichern 
Bewohnern. 

Sn diefen ärmlichen Ort Fommen wahrſcheinlich 
felten Reifende von einiger Apparence an, oder bielt 
man mic für einen Andern, kurz man belagerte mic 
wie ein Wundertbier, und Tieß mich nicht obne eine 
Eskorte von wenigftens hundert Menfchen ausgeben, 
die fich zwar fehr gutmüthig, aber doch auch ſehr zu: 
dringlih andrängten, um mich vom Kopf big zum 
Fuß zu betrachten. Mir fiel dabei eine Fomifche Anef: 


dote ein, die ich neulich vom Herzog von Feeds börte. 


Diefer Herr war febr beraktlaffend mit feinen Unter: 


gebenen und Pächtern, deren Einer einmal, als der 
Herzog eben fyazieren ging, an ihn beranfrat und 


ibm eine Bitte vortragen -zu dürfen bat. Als dies 
freundlich gewährt wurde, kam er damit heraus, daß 
fein 12jahriger Sohn ibn Tag und Nacht quäle, den 


Herrn Herzog zu ſehen, und daß, da Er grade jest 
nicht weit von feiner Hütte fey, Er doch die hobe 


Gnade haben möge, fih von feinem Sohne befhauen 


204 


zu laſſen. Der Herzog gab lächelnd feine Einwilli: 
gung, -ging nad) der Hüfte, und der erfreufe Vater 
holte den neugierigen Sprößling. Kaum war diefer 
jedoch bereingeftürzt, als ‚er fehon verwundert vor 
dem etwas dltlihen und unanfehnlichen Herzog, von 
deiien Macht und Größe er fo viel gehört hatte, 
fteben blieb, ibn Tange -anfah, dann befühlfe, und 
nun plößlich fragke: „Könnt Ihr fchwimmen 2% Nein, 
mein guter Knabe. „Könnt Ihr - fliegen * Nein, 
das kann ich auch nice. „Nun dann, bei meiner 
Zreu, da ift mir doc, Vaters Entrich Tieber, denn 
der Fann Beides.“ 

Whitby bat einen, von böchft malerifhen Kelfen 
eingefaßten Seehafen, mit einem, fhönen Molo von 
Granit, der fich weit ind Meer hinein erſtreckt, und 
von dem man zugleich eine herrliche Ausſicht auf die 
Stadt bat. Belonders fehön nimmt fih auf dem ei: 
nen ſchroffen SFelfenufer die berühmte Ruine der 
Abtey aus, welche im fechgten Jahrhundert von ei: 
nem König von Nortbumberland gegründet ward. 
Sie ift jest das Eigenthbum eines Privatmannes, der 
gar nichts für die Unterhaltung dieſes erbabnen 
Denfmalg alter Größe thut. Sein Vieh weider in 
den Ruinen, die fo voller Unflath liegen, dog man 
fie kaum näher bejichfigen kann. ch ftieg beim Schein 
tes jungen Mondes hinauf, und war entzüct 
über den romantifhen Effekt. Ungebeure Pfeiler, 
leicht wie fchlanfe Tannen in die Höbe fteigend, mit 
langen Senfterreiben, find noch wohl erhalten, und 
viele kunſtreiche Verzierungen fo  unverfehre, als 


205 


rauſchte heute der erfte Herbftwind durch ihre weiten 
Bogen. Andere waren dagegen. durch die Zeit ganz 
umgewandelt, und manche fcheußliche Larven grinz: 
ten mich im Mondlicht wie Zottenfchädel an. Da: 
neben ſteht eine noch Alfere Kirche, welche auch noch 
im Gebrauch, und von einem mit Zaufenden von 
dicht bemoosten Leichenfteinen bedeckten Kirchhof 
umgeben ift. 

Sch wohne in einem ländlichen, aber ganz vortrefi: 
lichen Gafthof, der von zwei Schweftern gehalten 
wird, welche voller Bereitwilligfeit der Art find, die 
nicht aus Sintereffe, fondern aus wahrer Gutmü— 
thigfeit entſpringt. Da ich etwas zu leſen verlangte, 
brachten fie mir die Chronik von Whitby, in der ich 
bfatterte, während es draußen heftig ftürmte, und 
der Wind grade fo unbeimtich pfiff al8 im guten 
Schloß zu M.... Zu diefer Epronif ift einer Schä— 
bung der Güter im ftebenten Jahrhundert erwähnt, 
wo Whitby mit Vertinenzien (jest vielleicht eine Mil: 
fion 2. St. am Werth) zu 60 Schilling (5 8. St.) 
angefchlagen ift! 

Ssch Verne auch daraus, daß die große und praͤcht— 
volle Abtey weder durch Feuer noch Schwert, 
* fondern im Wege ftiller Gewalt, dem Zabne der Zeit 
überwiefen wurde. Heinrich VILL confiscirte dies 
Klofter mit den übrigen, als er vom Papſte abfiet, 
und verfaufte alles bis auf die einzelnen Steine der 
Gebäude. Glücklicherweife erftand, nachdem mehrere 
Haufer der Stade von dem Material der Abtey fchon 
aufgebautworden waren, noch der Ahnherr des jeigen 


206 


Beſitzers den Neft, und ließ wenigfteng die Kirche 
feitden in statu quo. ; 


Suisborough Abend. 


Sch hatte einen Brief an Lord Mulgrave, den Be: 
ſitzer eines großen Alaunbergwerks, ſchönen Schloſſes 
und Parks am Seeufer, geſchrieben, und ihn gebe— 
fen, mich dieſe Dinge feben zu "laffen. Er ſchickte 
mir eine fehr artige Antwort und einen Reitknecht 
zu Pferde, mich überall hinzubegleiten. Dies machte 
das geftrige Uebel im der Fleinen Stadt noch ärger, 
und der Maßgiſtrat becomplimentirte mich eine Stunde 
darauf durch Abfendung zweier Mitglieder, die zu⸗ 
gleich Secretaire des Mufeums waren, welches fie 
mir zu zeigen ſich anbofen. Da diefes Mufenm in 
der That wegen der vielen bier gefundenen Koffitien 
ſehr merfiwärdig ift, fo nahm ic) es an. Die balbe 
Stadt war wieder verfammelt, uud folgfe uns mit 

der Arriergarde einer ſehr geräufchvollen Jugend. 

Im' Muſeum waren eine große Menge Honvrafioren 

zugegen, und ein Blumenflor neugieriger Damen, 

von deren anziebenden Blicken ich meine Augen je: 
den Augenblick auf ein Ervcodill, einen alten Wall 
fiſchzahn, oder einen verfteinerten Fifch) wenden, mußten 

Die beiden Secrefaire baften fih in die Merkwür— 
Digfeiten getheilt. Der eine machte die Honneurg 
der Fifihe und Amphibien, der andere die der Dun: 
drupeden, Vögel und Mineralien. Beide waren aber 


207 


fo eifrig, mir nichts enfgeben zu laffen, daß in der 
Regel einer den andern unterbrach, wenn diefer eben 
feinen Spruc angefangen hatte, um mich mit etwas 
aus feinem refpectiven Neiche zu erfreuen. Dies 
war im Anfang lächerlich, -wurde aber zuletzt be: 
fchwerlih, denn während mich U. beim linfen Arme 
fefthiett, und anhub: dies ift der berühmte Fleine 
Erocodill, der bier im Bauche einer Boa: Schlange 
"verfteinert gefunden wurde, und bier der noch be: 
rühmetere große, 6 Ellen und . 2 2 22... ergriff 
B. mic beim rechten Arm, drebfe mich herum, und 
machfe mih auf Mäntel aus Papageyenfedern und 
den tatovirten Kopf eines Neufeeländerg aufmerk— 
fam, dem man im eigenflichen VBerftande die Haut 
über die Ohren gezogen, und wie Leder gegerbt 
batte. Einige Diletfanten empreflirten fih noch da: 
zwifchen, mir andere Dinge borzuzeigen, fo daß ich 
Argus hundert Augen hätte baben mögen, um. Alles 
auf einmal zu betrachten. Was mich am meiften in: 
fereflirke, war ein von Parry geſchenktes, vollitän: 
diges Canot mit Fifher: Apparat der Esquimauxr. 
Es ift nur aus FifchEnochen und Seehundsfell ge— 
macht, und von einer. folchen Leichkigfeit, daß man 
kaum begreift, wie es möglich ift, fich darauf dem 
Meere anzuvertrauen. Obgleich ziemlich lang, ift es 
in feiner größten Breite in der Mitte doch Faum 
einen Fuß breit, und überall, auch von oben, ge: 
fchfoffen wie ein Kaften, bis auf ein einziges rundes 
Loch im der Mitte, worin der Esquimaur fit und 
mit einem Doppelruder, das die Form einer Balancir— 


‚ 208 


ftange hat, fih im Sleichgewicht erbält. Eine Art 
Spaten von den Südſee-Inſeln war fo ſchön ge: 
ſchnitzt, daß Fein Londner Künſtler e8 beffer machen 
fönnfe. Die Verfteinerungen aller Art, ſowohl von 
noch eriftivenden als antediluvianifhen Thieren und 
Pflanzen, find außerordentlich zahlreich und ſchön, 
und das große, faft ganz erhaltene verfteinerfe Cro— 
codil (das ich früber ſchon anführfe), ift alferdings 
einzig in. feiner Art.‘ Etwas fehr Eigenthümliches 
war auch eine Conglomeration, die fich durch den 
Ablauf der Koblenwerfe bier in der Nähe, in einer 
vieredigen bölzernen Rinne vor - vielen Sahren ge— 
bildet batte. - 

Dan fab nämlich bataär ſechs ſchwarze und einen 
gelben Streifen, wie an einem angefihniftenen Baum: 
Fuchen, fortwährend abwechfeln, welches daher ent— 
ftanden ift, daß an den Mochenfagen, wo im 
MWerfe gearbeitet wurde, der Abflug von den Kohlen 
fchwarz gefärbt war, am Sonntag aber, dem Rube: 
tag, das Waffer, welches viel Ocker enthält, in feiner. 
natürlichen gelblichen $arbe floß. Diefe Abwechfelung 
gebt mie der größtmögnlichften Negelmäßigkeit ſieben 
Wochen hindurch fort, und bildet jebt gefchliffen eine 
fehr nette Zeichnung. Die Herren ließen es fih nicht 
nehmen, mich mit dem gewöhnlichen Gefolge wieder 
nach meinem Gaſthof zurücd zu bringen, wo, ale ich 
forffuhr, ein furchtbares Hurrah erfchallte, und meb: 
rere der Süngeren beiderlei Geſchlechts mich nicht 
eher verließen, als bis es ihrer Zunge unmöglich 
wurde, es den Pferden länger gleich zu fhun, Auf 


209 


dem Meerfande bin ging e8 nun langſam dem Alaun: 
werfe zu, Lord Mulgraves Reitfnecht voraus. Ich 
flieg aus, um eine Strede zu Fuß zu geben, und 
amüſirte mich dabei, Fleine Steinchen zu fammeln, 
von denen die glänzendften Erempfare aller Farben 
und Formen daß Ufer bededten. Nach einer Stunde 
erreichten wir_das Bergwerk, welches böchft roman— 
tiſch zwifchen den fchroffen Felfen am Meere -Tiegt. 
Sc beſah Altes ſehr gründlich, wie Du aus meinem 
beiliegenden Schreiben an den U. D. erfeben wirft. 
Um von da, wo ich mich befand, zu den Förderungen 
zu gelangen, mußfe ich einen Weg zurüclegen, der 
nur für- Biegen gemacht zu feyn fehien, und von deſ— 
fen Unannehmlichkeit mich der Steiger vorher ſchon 
avertirt hatte. Einigemal war er kaum einen Fuß 
breit, und die abhängende Seite ein glatt abgear: 
beiteter Alaunfelfen Hon_200 Fuß Höhe, Auf folchen 
Fußwegen, deren mehrere den Felfen durchfcheiden, 
arbeiten die Leute, und hauen das zu Tage liegende 
Selfenerz neben fich ab, welches dag feltfamfte Schau: 
fpiel darbiefet, dag man fich denfen kann, da die 
Menfchen wie Schwalben an der Mauer zu hängen 
fcheinen, und fih, um dahin zu gelangen, oft an 
Stricken binaufwinden laſſen müffen Unten im 
Thal ftehben große Karren, die auf Eifenbabnen dag 
Erz fortfahren, welches immerwährend aus der Höhe 
herabpraſſelt. Sch brauchte drei Stunden, um Alles 
zu befehben, und fuhr dann aufs Schloß, wo mich 
Lord Mulgraves Söhne (er felbft war Franf am Po: 
-dagra) mit einem guten’ Luncheon bewirtheten, und 
RE RBB Berflorkenen, IY. ? 14 


210 


darauf in dem fehönen Parf umbherführten. Er bat 
feine Schönheit nur der Natur zu verdanfen, Zu de: 
ren Felſen, Waldbächen und baumreichen Schluchten 
finnig gewählte Fahrwege führen, die einige deutſche 
Meilen lang find. Aus dem Schloß ſah man unter 
boben Eichen und Buchen über einen fanften Rafen: 
abdang nahe vor fich dag Meer mit hundert Segeln 
bedeckt. Eine Hauptzierde des Parks ift die Ruine 
des „Old Caſtle,“ von dem man glaubf, daß e8 
früher ein römifches Kort, und dann die Burg Des 
Sachſen-Fürſten Wanda gewefen ſey. Später wurde 
es einem DBorfahren der Familie vom König Sohann \ 
für den Mord des jungen Prinzen, den Chafespear 
fo rührend fehildert, gefchenft, alfo ein blutig roman: 
tifcher Urfprung, Die Augficht von den alten Binnen 
ift wild und malerifh. Im neuen Schloffe, welches 
vor 50 Fahren im gotbifhen Styl erbaut wurde, 
fiel mir das Portrait einer Urgroßmutter des jebigen 
Lords auf, die eine reizende, und dabei originelle 
Frau gewefen feyn muß, denn ste ift in Liefer Trauer 
gemalt, und fibE dennoch lächelnd am Fenfter mit 
der Ueberfchrift im veralfetem Englifh: „Da meines 
Mannes Liebe nur Spaß war, fo ift meine Trauer 
auch blos Spaß.“ Der jüngfte Sohn. des Haufes, 
deffen Familienname ‘für und nicht wohllautend 
klingt — nämlich Fips, alfo der junge Mr. Tips er: 
zählee mir, daß vor 10 Jahren auf den naben Schie= 
ferfelfen, die mit einer fcharfen Kante ing Meer bin: 
einfreten, fich eine fonderbare Begebenheit zutrug— 
Zwei Mädchen faßen auf einem Abhana mit dem 


211 % 


Rücken gegen die See- gekehrt. Ein fcharfer Felſen— 
fchiefer hoch über ihnen löste fih durch ein Ungefähr 
ab, und durch die zunehmende Schnelligkeit des Falls 
faſt mie Blitzesſchnelle anfommend, fehnitt er dem eis: 
nen Mädchen, das. eben emfig mit dem andern 
ſchwatzte, den Kopf fo rein ab, daß diefer weit auf 
den Meerfand binausrollfe, und der Körper ruhig 
fisen blieb. Die Aeltern leben noch im Dorfe. 


Ripon den ?’rften. 


Sch fchlief die Nacht ſehr gut in meinem Wagen, 
frübftücdte im Blumengarfen eines netten Gaftbofe, 
und eilte dann nach Studley-Park, der die famüfen 
Ruinen von Fountains Abbey enthält, welche für die 
größten und fehönften in England gebalten werden, 
Sie übertrafen bei weitem noch meine Erwartung, 
für wie auch der Park. Gh will Dir daher dies 
Alles in der. Ordnung befchreiben. 

Durch einen majeftätifhen Wald führt der Weg 
zuerſt an einem Abhange bin, bis man an einer jäh: 
lingen Wendung .degfelben in ein langes Wieſenthal 
kömmt, deffen Breite obngefähr 300 — 400 Fuß feyn 
mag, und in defien Mitte ein EFleiner Fuß flrömr, 
den verfchiedene natürliche Waſſerfälle unterbrechen. 
Die eine Seite des Thals bildet ein anfebnlicher 
Bergrüden mit alten Efchen, Buchen und Eichen 
bewachfen, die andre eine fchroffe Felſenmauer mit 
Schlingpflanzen überhbangen und ebenfalls mit ural: 


14° 


212 


ten Baumen gefrönt. Am Ende fehlieft ſich dag 
Thal in feiner ganzen Breite mit den Ruinen und 
dem hoben Thurme der Abtey. Du wirft Dir Leicht 
einen Begriff von der Größe diefer Trümmer mas 
chen, wenn Du börft, daß einft die Gebä.de der Ab: 
tey 15 Acres einnahbmen, jet die Ruinen noch 
vier. Das Schiff der Kirche, deren Wände größten: 
theils noch ftehen, ift 551 Fuß lang, dag große Feniter 
tem Altar gegenüber 50 Fuß, und der Thurm, ob: 
gleich ein, Zheil einftürzfe, noch jebt 166 Fuß hoch. 
Die Architeftur ift aus der beften Zeit, dem 12fen 
und 13ten Sahrhundert, eben fo einfach alg grandiog. 
Aus der Kirche führt ein Thor nach dem doppelten 
Kloftergang, ‚der 500 Fuß lang und 42 breit ift; ein 
zweites nac dem Kloftergarten, der jetzt wieder von 
den Befisern in einen Blumengarten umgefcaffen 
worden, und rund umber von andern pitforesfen 
Ruinen umgeben ift, nämlich die der Bibliothef, des 
Zuftizgebäudes und des Capitelhaufes. Das Gewölbe 
diefes Tentern wird, gleich dem Nömer in Marien: 
burg nur durch eine einzige Mittelfäule gefragen. 
Sn der Küche bewundert man dagegen faft grade, 
höchſt Fünftlich conſtruirte Wölbungen obne alfe 
Stübe, und daneben den prachtvollen Eßſaal, der 
108 Fuß lang und 45 breit ift. Dieß war wie billig 
der Culminationspunkt der Abtey, welche ihrer Schwel: 
gerei und Siffenlofigfeit wegen ſehr berüchtigt war. 
In der Kirche ſieht man noch mehrere Grabmäphfer, 
eines Lord Mowbray in voller Ketfenrüftung in 
Stein ausgehauen, ferner mehrere Aebte und zu: 


N 


213 


letzt einen leeren Steinfarg, in dem Hotspur Percy 
begraben gelegen haben fol. Im der Höhe erblickt 
man einen mwoblerbaltenen Engel mit der deutlichen 
Jahreszahl 1283 darunter. An der Spitze des Thurms 
aber liest man noch in gothiſchen NRiefenbuchftaben 
eine lateinifche Snfchrift, die fehön und paffend, da 
oben in den Lüften fchwebend, folgende Worte herab: 
ruft: „Ehre und Preis dem einzigen Gott durch 
alle Jahrhunderte!“ 

Die ganze Ruine iſt mit Epheu und Schlingpflan— 
zen wie mit Vorhängen bedeckt, und majeſtätiſche 
Bäume wehen hie und da daraus hervor. Der Fluß 
ſchlängelt ſich an ihr hin und treibt einige Schritte 
weiter die alte Kloſtermühle, welche immer noch im 
Gebrauch geblieben iſt, faſt als wollte ſie die Lehre 
geben, daß, wenn Pracht und Hoheit untergehen, 
das Nützliche ſich beſcheiden erhält. Ohngefähr 200 
Schritte hinter der Abtey ſteht das alte Wohnhaus 
der Familie der Beſitzer, welches im 16ten Jahrhun— 
dert aus den abgefallenen Steinen der Ruine auf— 
gebaut wurde. Auch dieſes iſt höchſt maleriſch, ob— 
gleich in einem bei weitem weniger edlen Style ge: 
bauf. Seine mit Mauern umgebenen Gärten mit 
befcehnittenen hoben Taxushecken und regelmäßigen 
Blumenbeeten, und die Mifhung des noch ganz Al: 
ten und fchon werdenden Neuen geben der Phan— 
fafie einen angenehmen und weiten Spielraum. Hier 
ftepen vielleicht die älteſten Taxusbäume in England. 
Einer, den man 1000 Sahre alt fchäbt, bat in der 
größten Dicke feines Stammes 30 er im Umfang. 


* 


214 


Auf dem Haufe befindet fih, zwifchen den Bildern 
zweier alten Ritter, aus der alten Abtey geraubt, 
die wahrfcheintich auf diefe Figuren anfpielende mo: 
derne Inſchrift: Sie transit gloria mundi. Auch 
Tounfain Abbey danft ihren Untergang der Ein: 
ztehbung der Klöſter durch Heinrich VIIE Wenn man 
die Abtey verläßt, gelanat man nach einer balben 
Stunde Wegs in einen böchft prachtvollen und mit 
großem Aufwand unterbalrenen pleasure ground, 
der durch viel Abwechfefung von Berg und Thaf, 
berrlihe Bäume und wohlbenüßte Gruppirungen fehr 
anzieht, im Lebrigen aber mit etwas alterthümlichen 
Anlagen und einer Menge Ruftbäufern, Zempeln und 
bleiernen Statuen obne Werth zu ſehr überladen 
it. Sn einem diefer Tempel, den alten Göttern ge: 
widmet, ftand die Büfte des — Nero. Doch diefen 
feinen Mängeln wäre leicht abzubelfen, dag viele 
Schöne der Natur und Anlage wird man aber fel: 
ten fo reich vereinigt antreffen. Am Ende des Wild: 
parks liege das Wohnhaus der Beſitzerin, welche mit 
40,000 8. Et. Einfünften doch eine alte Jungfer 
von 67 Jahren, geblieben iſt. Ich begegnefe ihr im 
arten und wurde von ihr zum Luncheon eingela: 
den, was ich mit Vergnügen annahm, da die, Pro: 
menade mich ziemlich hungrig gemacht hatte. Sch 
fand dort noch ſechs andere alte Zungfern, einen 
Advofaten und einen jungen Hufaren : Offizier, der 
coq en päte zu feyn fchien. 

Um jedoch noch einmal auf die Ruine zurüczufom: 
men (ich meine die Abtey, nicht die alte Zungfer), 


215 


— 


ſo würde ich, wenn ich meiner kritiſchen Ader Raum 
geben wollte, nur Eins an ihr ausſetzen, nämlich: 
daß ſie, im Contraſt mit der von Whitby, die es zu 
wenig iſt, hier zu gut erbalten wurde. Kein loſer 
Stein liegt auf dem Boden, welcher ſo eben wie ein 
Teppich ſorgfältig geſchoren iſt. Das Blumenparterre 
im alten Kloſtergarten war auch zu modern gehalten, 
und wäre dag poetiſche Gebäude mein, ich würde eg 
fchnel wieder ein wenig Fünftlich zu verwildern fu: 
chen, denn in der halbverfallenen Größe eben liege ja 
ihr ganzer Zauber für dag Gemüth. 

Nah meiner Rückkunft in Ripon befah ich den 
alten dortigen Dom, auch ein ſchönes Ueberbfeibfel 
des Altertbums mit einem überaus Eunftreich ge: 
ſchnitzten Chor, In einem unterirdifhen Gewölbe 
befinden fich eine Art, mit Knochen und Zodten: 
föpfen ausgeſchmückte, Catacomben, wo ich mich mei: 
nem Stecdenpferde gemäß, lange mit cranologifchen 
Unterfuhungen befchäftigte. Unter diefen menſchli— 
hen Ruinen war ein Schädel dem meinigen fo frap— 
pant ähnlich, daß eg felbft dem alten Küfter auffiel. 
Wer mag der alte Knabe gewefen feyn? Vielleicht 
ich felbft unter anderm Gewande ? Weber den eigenf: 
lichen Urfprung diefer SKnochengebäude Fonnte mir 
Niemand rechte Auskunft geben, nur über den ächt 
franzöfifch ausfehenden Schädel eines emigrirten 
Priefters, den der Küfter felbft eingefchwärzt hatte, 
Er ſah noch immer fo gefprächig und artig aus, ale 
ob er eben fagen wolle: Monsieur, j’ai l’honneur de 
vous presenter mes respects, vous etes trop poli 


216 


de venir‘ nous rendre visite. — Nous .avons si ra- 
rement l’occasion de causer ici! Es war ein wohl: 
erzogner Schädel, dag zeigfe er auf den erften Blick, 
febr tieffinnig und ftil dagegen fihien der meines 
Ebenbitdes. E8 wäre doch fonderbar, wenn Man 
fo, ohne es zu wiſſen, manchmal feinen eigrien alten 
Knochen wieder gegenüber ftünde. 


Harrowgate, den Wſten. 


Dieſer Badeort iſt ziemlich auf die Art unſrer Bä— 
der eingerichtet, und mit mehr Geſelligkeit begabt als 
gewöhnlich die engliſchen. Man ſieht ſich an der 
table d’höte, beim Thee, beim Brunnentrinken, und 
macht Daher Teichter Befanntfchaften. Der Ort be: 
ftebe aus zwei Dörfern, beide nett und freundlich in 
einer fchönen fruchtbaren Gegend gelegen. Leider ift 
aber jetzt grade das Wetter abfcheulih, Es regnet 
unaufbörlich, und der Schwefelbrunnen, den ich heut 
früb tranf, bat mich überdieß fo Frank gemacht, daß 
ih noch nicht aus meiner Stube kommen konnte. 
Nichts ift fataler als die englifhe Mode, daß nur 
das Wohnzimmer unten, das Schlafzimmer aber im: 
mer 2°—- 3 Treppen hoch ift, und doppelt unerträglich 
beim Gebraud eines Waflers, welches den ganzen. 
Zag durch ſehr heftig zu vperiren pflege. 


217 


Den 29ften. 


Der Brunnen bekömmt mir noch immer nicht gut, 
demohngeachtet ging ich heute big an der Melt Ende, 
bier eine Furze Promenade, da the wold’s end nur - 
ein nabes Dorf ift, mit einer ſchönen Ausfiht in — 
den Anfang der Welt — denn da diefe rund ift, fo 
Fann man ja recht wohl jeden beliebigen Punkt, der 
Melt Anfang oder Ende nennen. Ich fand einen 
Bekannten, in deſſen Geſellſchaft ich, mit 70 andern 
Menfchen, an der table d’höte aß. Dbgleich Pie 
Saiſon zieralich vorbei ift,. find doch noch eirca 1000 
- Badegäfte bier, meiftens aus dem Mittelftande, weil 
Harrowgate nicht zu den fafbionablen Bädern gebürt, 
wiewohl e8 mir weit angenehmer vorfümmf als das 
böchft fafbionable Brighton. 

Ein alter General‘ von 80 Sabren, der be 
Tiſch mein Nachbar war, unterhielt mich fehr gut. 
Er hatte Friedrich den Großen, Kaunitz, Kaifer Jo— 
ſeph, Miradeau und fpäter Napoleon in vielen Be: 
ziebungen gekannt, und erzäßlte manche infereffante 
Parkicularitäten von ihnen, war überdem Gouver— 
neur von Surinam und Isle de France gewefen, 
batte lange in Indien fommandirt und war jebt, 
was man bei ung General der Infanterie nennt, 
der nächte Grad am Feldmarfchall. Alles dies würde 
ibm bei ung einen hoben Rang geben. Hier nicht 
im Geringften, und er Außerte dies felbft. Hier, 
fagte er, ift die Nriftofratie Alles. Ohne Credit der 


_ Kun : ee. —— 


218 


Familie, ohne Verwandtfchaft mit hohem Adel, durch 
den man fortgefhoben wird, Fann man zwar wobl 
einen hoben Rang in der Armee erlangen, aber ohne 
ganz befondere Umftände nie ein Mann von Anfehen 
werden. Sch bin nur Baronet, fagte er, demobnge: 
. achtet gibt mir diefer leere Geburtötitel noch mehr 
Anſehen und Rang als mein hoher Mititärgrad, und 
ich werde nicht Herr General, oder wie bei Ihnen 
Ew. Ercellenz genannt, fondern Sir Charled. (Sir 
ift der Titel des Baronets.) 


Nah Dem Dine verfammelte ſich die Geſellſchaft 
zum Thee, der mit einem Fleinen Ball endigte, 


Leeds, den Iften Dftober. 


Ich war bauptfächfih deshalb in Harrowgate 
fo lange geblieben, um Briefe von Dir zu erwarten, 
da ih L.-.... dieſe Adreffe gegeben. Heute erfchien 
denn auch einer, den ich vorfand, als ich von mei: 
nem Spaziergang zu Haus Fam. Du Fannft denken, 
wie viel Freude er mir machte! 

Sch bin in Gedanfen mit Dir in Dresden gewefen 
und babe Deine Gefundheit vor dem illuminirten 
Namenszug getrunfen. Es gebört übrigens wohl zu 
meiner natürlichen Sonderbärfeit, daß ich, obgleich 
vier Sabe in D.... in Sarnifon ftehend, doc nie 
weder Pillnis noch Morisburg gefehen babe, daher 
Deine Befchreibung des letzteren mit dem Wortrait 
des alten Landvoigts mich fo fehr intereffirte, 


219 


Du tadelft ed, daß ich im gewilfen Dingen: lieber 
fhreibe wie rede. Du haft im Ganzen recht. Es ift 
aber diefe Sache und alles Gupplieiren fo meiner. 
ganzen Natur entgegen, daß ich unbeholfen und 
fchlecht fpreche, und daher immer noch beffer thue, 
wenn ich fchreibe. Auch. ift dann dag Mißlingen nicht 
fo unangenehm. Doch zu meiner Reife zurüd. 


Die Menge prachkvolfer Befisungen in England ift 
wirklich faft zablo8 zu nennen. Man muß fich nur 
auf die wichtigften einfchranfen. Ohngefähr 10 Mei: 
len von Harrowgade fand ich an der Straße Nare: 
woodpark, einen fehr reizenden Aufenthalt. Diefer 
Park ift vor 100 Jahren von Brown ganz auf einem 
Zerrain angelegt, wie ich es mir immer wünfchte, 
nämlich in einem nafürlihen Wald mit Thalſchluch— 
ten, Felfen darin, einem reich mit Waffer verfehenen 
Waldbach, und auf einem der Hügel die Ruine eines 
alten Schloſſes — alles dies in der fruchtbarften 
Gegend mit fernen Ausfichten auf die Gebirge Cum: 
berlands. Der große Meifter bat diefe Materialien 
herrlich benügt, ein prächtiges Schloß im edlen anti: 
fen Gefchmad auf einen der Hügel gebaut, im Thal—⸗ 
grund davor den Fleinen Fluß zu einem weiten See 
ausgedehnt, und fo dem Schloß auf der einen Seite 
eine überaus liebliche Augficht in den einfamen Park, 
auf der andern in die weite Ferne und reiche Gegend 
gegeben. 


Auf eine auffallende Art wurde für mich die Ecene 
noch dadurch belebt, Daß gerade, als ich vor dem 


220 ’ 


Schloſſe vorfuhr, der Befiser Graf Harewood (Hafen: 
wald im Deurfchen) mit feiner Meute von hundert 
Hunden, feinen rotbgefleideten Piquers und einer 
Menge muthiger Sagdpferde, den Bergabbang berab, 
über die Wieſen, vom $ucgjagen zurücdfam. Es 
war nicht zu vermeiden, ihm enfgegen zu geben, um 
die Urfache meines Hierſeyns zu erklären. Sch fand 
einen großen fcehönen Mann von außerordentlich ein: 
nehbmendem Aeußern, in Geftalt und Benehmen noch 
jung und rüftig, an Jahren aber, wag man fi fagen 
laſſen mußte, um ed zu glauben, fhon ein Fünfs 
undfechziger. Er empfing mich aufs Höflichite, ſagte, 
Daß er das Vergnügen gehabt babe, mich mehrmalg 
in London zu ſehen (je n’en savois pas un mot) und 
bat mid, zu erlauben, daß er mir felbft feine Be: 
fisungen zeige. So fehr ich dies nach feiner Fatigue— 
auf der Fuchsjagd (bei einer folchen pflegt man ge: 
wöhnlih 5 — 6 deuffche Meilen im Gallop zu jagen 
und während dem 50 — 60 Sprünge über Heden und 
Gräben zu machen) ablehnte, half mein Sträuben 
Doch nichts, und der alte Mann begleitete mich, berg: 
auf, bergab, über den größten Theil feiner fürftlichen 
Domaine Was mid, ald mir neu, diesmal am mei: 
ften intereffirke, waren die Hundeftälfe. 150 Stück 
Hunde fand ich dort -in zwei fehr reinlichen Sälen, 
jeder Saal mit einer großen Bettſtelle verfchen, auf 
der 75 Stück Hunde fehlafen. Jeder der Säle hat vorn 
feinen eigenen Bwinger. Nirgends fpürte man den 
mindeften üblen Geruch, noch bemerfte man die Eleinfte 
Unreintichkeit. Sn jedem Zwinger befand fi ein 


221 


Ständer mit fließendem Waſſer, und ein Diener ift 
den ganzen Tag gegenwärtig, der mit einem Beſen 
bewaffnet, faft fortwährend den Boden wäfcht,-auf 
dem er das Waller nach Belieben überfließen laſſen 
fann. Die Hunde felbft find an den größten Be: 
borfam gewöhnt, und verunreinigen ihr Bett und 
die Stube nie. Es ift eine große Kunft, fie gebörig 
zu füttern, denn fie müffen, um die große Anftren: 
gung aushalten zu fünnen, ganz mager und doc) zu: 
gleich von fo feftem Zteifh wie Eifen feyn, einer wie 
der andere. Died war auch durchgängig der Fall, 
und man Fonnte nichts Hübfcheres fehen ale diefe 
fchlanfen, geborfamen und muntern Thiere, von de: 
nen die eine Hälfte eben erft von der Jagd zurüd: 
gefommen war, und dennoch keineswegs übermüdet 
fhien. Sie lagen indeg doch alle rubend auf ihrem 
coloſſalen, gemeinfchaftlichen Bett, und ſahen ung 
febr freundlich und wedelnd an, während die andre 
Hälfte ungeduldig und mutbwillig im Zwinger um: 
berfprang. 

Auch die Pferdeftälfe, obngefähr 1000 Schritt vom 
Schloß in einem Carré erbaut, waren fehr ſchön, und Foft: 
bare Pferde darin, ohngefähr 30 an der Zahl. Der 
alte Herr hatte meinen Wagen folgen laffen, inftru: 
irte nun noch den Poftilon auf dag genauefte, wel: 
chen Weg er durch den Park zu nehmen habe, damit 
ich die fchönften Punfte desfelben fehen möge, und 
wanderte dann erft mit zwei großen Waſſerhunden 
und einem rabenfchwarzen Hühnerbunde zu Haufe 
um fich zu feinem Dine anzuziehen, da. er fi 


222 
noch in feinem fcharlachrotben Rock, dem Fuchsjäger: 
coftüme, das wie eine Livre ausſieht, befand. R 

Sch habe noch vergeffen zu fagen, daß wir zuerft 
eine Tour durch die Zimmer des Schloſſes gemacht 
batten, welches ebenfalls reich und ſchön meublivt, 
und mit Samiliengemälden von Vandyk, Reynolds 
und Lawrence, den beften Malern Englands aus 
drei verfchiedenen Jahrhunderten geziert ift, vorzüg: 
lich aber eine Seltenheit ganz eigenthümticher Ark 
darbot, nebmlich in der Hauptpiece Vorhänge von 
roth gemaltem Holz, fo Funftreich in alter Zeit ge— 
fhnist, daß gewiß Rauch felbft über diefen Falten: 
wurf erftaunt feyn würde. Obgleich man mir e8 
fagte, Fonnte ich es Faum glauben, big ich mich durch 
das Gefühl überzeugte, fo vollkommen fäufchend war 
die Nachahmung des feidenen Etoffed. Die Sranfen 
nur waren ächtes Gold, alfo gerade daB Umgekehrte 
unſrer Theatervorhänge aus Seide mit hölzernen 
Franſen. Eine andere ungewöhnliche Zierde beſtand 
darin, daß die Decken, in ſchönem Stuck, durchgän— 
gig von demſelben Deſſein wie die Teppiche waren, 
eine ſehr koſtbare Sache, wenn, wie zu vermuthen, 
die Teppiche nach dem Muſter der Plafonds haben 
gewürkt werden müſſen. 

Die lange Fahrt durch den Park, eine gufe, 
Stunde weit, war böcft belohbnend.. Der Weg 
führte ung zuerft am See bin, mit einer majeſtä— 
tischen Ausficht auf dag Schloß, und dann im Walde 
am Stufe fort, der viele Cascaden und Fleinere 
Seen bildete. Der Ward felbft bot die größte Vers 


223 


ſchiedenheit dar, bald di und dem Blick undurch— 
dringlich, bald Hainartig, dann freie Wiefen mit 
dunkler Einfafung, oder junge Dickichte mit darin 
ſich bergendem Damwild, zuweilen eine ſchmale und 
weite Augficht auf ferne Berge. 


Ein fo fifuirter Edelmann repräfentirt feinen 
Stand würdig, und, es ift fehr natürlich, wenn er: 
unter diefen günftigen Umftänden fo gut, wohlwols 
lend, achtungswertb und zufrieden erfcheint, wie dies 
fer edle Graf, deſſen Bild mir immer eben fo wohl: 
thätig vorfchweben wird, als das der fohönen Land: 
Schaft, der er gebietet. 


Von den Eindrücden des Tages ganz verfchieden, 
und doch nicht minder ſchön war der Abend, Mit 
anbrechender Dämmerung erreichte ich Die große 
Fabrifftade Leeds. Eine durchfichtige Rauchwolke war 
über den weiten Raum, den fie auf und. zwifchen 
niehreren Hügeln einnimmt, gelagert; hundert rotbe 
Teuer blitzten daraus hervor, und eben fo viel thurm: 
artige, fhwarzen Rauch ausftoßende Feuereſſen reihten 
fich dazwifchen. 


Herriich nahmen fich darunter fünfſtöckige, colof: 
ſale Sabrifgebäude aus, in denen jedes Fenfter mit 
zwei Lichtern illuminirt war, binter welchen bis fief 
in die Nacht bier der emfige Arbeiter verfehrt. Das 
mit aber dem Gewerbe Gewübl, der induftrielfen. Il⸗ 
Iumination auch das NRomantifche nicht feble, fties 
gen hoch über den Haufern noch zwei alte gotbifche 


224 


Kirchen hervor, auf deren Thurmfpisen der Mond ſein 
goldnes Licht ergoß, und am blauen Gewölbe die 
grelien euer der gefchäftigen Menfchen unter fich, 
mit majeftätifcher Rube zu dämpfen ſchien. 

Leeds hat nabe an 10,000 Einwohner und doch 
Feinen Repräfentanten im Parlament, weil es eine neue 
Stadt ift, während befanntlich mancher elende, ver: 
fallme Ort, der faum zwei erbärmliche Käufer bat, 
deren 2 und mehrere ing Parlament fehicft, die na— 
türlich der Befißer mit feinen Creaturen beſetzt. So 
grell ungerecht diefer Mißbrauch ift, fo haben doc) 
die englifchen Staatdmänner noch nicht gewagt, ihn 
abzufchaffen, vielleicht weil fie fürcdten, daß jede 
Veränderung bei einer fo complicirten Verfaſſung, 
eine gefährlihe Operation ift, zu der man nur im 
höchſten Nothfalle fchreiten darf. 


Spät Abends. 

Ich babe mich bier fhon an manche englifche 
Sitten gewöhnt, unter andern auch an Falte Dinés. 
Als Deränderung zuweilen find fie der Gefundheit 
zufräglih und da fie ganz nafional find, findet man 
fie bien faft immer von vorzüglicher Qualität. So 
wurde heute mein einzelner Tiſch mit. nicht weniger als , 
Folgendem bedeckt, zu deſſen Verarbeitung ein engli: 
fer Magen gehört häfte: ein Falter Schinken (alles + 
große, nur zum Theil angefchnitfene Piecen) ein im— 
pofanter Roftbeef, eine Hammelfeule, ein Kälberbras 


225 


ten, eine Falfe Hafenpaftete, ein Haſelhuhn, dreiertei 
Arten Pickles, in Wafler gefochter Blumenkohl, Kar: 
toffeln, Butter und Käfe. Daß man damit ein ganzes 
Kränzchen Spießbürger bei uns geipeist hätte, fpringt 
in die Augen. 


Den 2ten Oktober. 


Das Erfte, was ich heute früh vor meinen Fenftern 
erblickte, war die raffinirte Snduftrie eines Material: 
bandlers, der fich nicht begnügt batte, wie eg in 
England bei allen feinen Collegen der Tal ift, eine 
große Menge chinefifher Theebüchfen, Mandarine 
und Vaſen vor feiner Boutife aufzuftellen, fondern 
außerdem noch ein Uhrwerk am Fenſter produzirte, 
wo ein ftaffliher Zürkfenaufomat emfig Mocca: Kaffee 
mahlte. Bon bier begann ich meine weitere Tour. 
Zuvörderft befahb ich die Stadt: Marft:Halle, ein 
fohönes Gebäude, wo der Markt unter einem Glas— 
dach gehalten wird; dann die Tuchhalfe, ein unge: 
beurer Raum, der blos mit Tüchern alfer Art und 
Sarben angefüllt ift, und endlich die größfe Tuch— 
Fabrik im Orte, welche durch drei Dampfmafchinen 
betrieben wird. Man ſieht mit dem rohen Material 
(bier das Sortiren der Wolle) anfangen, und mit 
dem fertigen Tuche endigen, und koͤnnte recht gut 
feine Wolle früh in die Sabrif bringen, und Abends 
mit dem daraus gefertigten Rocke wieder heraus: 
fommen, wenn man zugleich einen Schneider mit: 

Briefe eimeh Merflordenen. IV, 15 


226 


brachte. Unfer R. ‚bat diefes Kunftftück wirklich rea— 
fire, und trug den Schnellrock lange mit großer 
Borliebe. Die dverfchiedenen Mafchinen find im höch— 
ftien Grade ingenieug, aber der Geftanf dabei und 
die ungefunde Luft, wie der Staub bei manden 
Dperationen, müffen für die armen Arbeiter, die 
übrigens glei Negern alle blaugefärbt ausfahen, 
febr ungefund feyn. Der junge Mann, welcher mir 
die Fabrik zeigte, ſagte jedoch, daß Baumwolfen: 
Manufafturen noch weit ungefunder wegen des fei- 
nen Staubeg wären, daher auch felten ein Arbeiter 
dafelbft 50 Jahr erreiche, bier aber habe man Bei: 
fpiefe von 60. Die gotbifchen Kirchen, welche geftern 
in der Kerne fo viel Effeft machten, boten nichte 
Merfivürdiges in der Nähe dar, und die Stadk felbft, 
in der man, des Tag und Nacht nie ununterbroche: 
nen Nauches wegen, in einem ewigen Nebel Tebt, 
ift der unangenehmfte Aufenthalf, den man fich den: 
fen kann. 


Rotherham Abends. 


Meine Reife fortfebend, machte ich den erften 
Halt in Zempfenewfome, einem Schlofe aus Eliſa— 
beths Zeiten, der verwittweten Marfife Hertfort ge: 
börig. Das Schloß bat die Eigenthümlichkeit, daß 
ftatt der Zinnen, eine Steingalferie von Buchftaben 
rund um dad Dach läuft, die einen Spruch aus der 
Bibel enthält. Der Park ift traurig, und das 


227 

Amenblement des Haufes altväterifch ohne Reiz. In 
der Bildergallerie fand ich ebenfalls nichts Befonderes, 
in den Stuben aber einige infereffante Bilder. Er: 
fteng die beiden Buife, die Onkel der Maria von 
Schottland, den General Monf, der auffallend un: 
ferm alten Freund Thielemann ähnlich fiebt, und dag 
Bid Lord Darnley’s (Marias Gemahl) dem diefes 
Schloß gebörfe und in derfelben Stube aufgehangen 
ift, wo er geboren wurde. Sch Lift fehr an Kopf— 
ſchmerz, weshalb ich vielleicht einen zweiten Park, 
Stainbroof Eaftle, nur öde und unheimlich fand, auch 
den Gemälden nicht viel Geſchmack abgewinnen 
Fonnfe, Hierauf führte der Weg fortwährend durch 
mehrere Fabriforte, die alle wie brennende Dörfer 
und Städte ausſahen. Rotherham felbft, wo ich 
mich, jetzt befinde, ift wegen feiner großen Eifenwerfe 
berühmt , und ich gedenfe morgen einige davon zu 
- befehen, wenn mein Webelbefinden nachläßt. 


Den 3ten Dftober, 


Nachdem. ich eine halbe deutſche Meile nach dem 
größten Eifenhammer gewandert war, fand ich Teider 
das Werk ſtill ſtehen, indem der hohe Dfen geftern 
fchadbaft geworden war. Ich Fonnte folglich nur 
wenig feben, und begab mich, wieder eine Viertel— 
flunde - weiter, nad dem Gußſtahlwerk. Hier 
war aber eben- die Dampfimafchine in Unordnung 
geratben, und dag Werk ftand ebenfalls ftilk. 
Sch wanderte alfo abermals weiter zu der Zwirn: 

15” 


228 - 


und Leinewand-Fabrik, und mein wie meines Füb: 
vers Erftaunen war nicht gering, als wir auch bier 
Feine Arbeit gewahr wurden, "und erfuhren, daß heut 
früh die große Spindel in. der Haupfmafchine gebro: 
hen fey. Mit diefem ganz befondern Guignon en: 
digten meine vergeblichen DVerfuche, mich beufe weiter 
zu unterrichten, da ich Feine Zeit zu mehreren bafte. 
Das einzige Erwähnungswertbe was id) en passant 
noch ſah, war die Einrichkung an einem hohen Ofen, 
wo ſtatt der hölzernen Brücke, die gewöhnlich hinauf: 
führt, eine eiferne Bahn angebracht war, auf der, 
durch eind der Wafferräder mit getrieben, der Kohlen: 
wagen von felbft hinauf und herunter Tief. 


Sheffield Abend. 


Bon Rotberbam fuhr ih nah Mentwortboufe, 
dem Lord Fiswilliam gehörig, abermals eine wahr: 
haft EFönigliche Befisung, wad Größe, Pracht und 
Reichthum betrifft, aber auch Cwie im Ganzen die 
meiften englifchen Parks) eben fo fraurig und mo: 
nofon, denn die unabfehbaren Streden dürren Gra— 
fe8 mit einzelnen Bäumen und dem zahmen, ſchaaf— 
artigen Wilde zuletzt, werden darauf ganz uner: 
träglich. — Gewiß ift es eine abgefhmacdte Sitte, 
diefe Deden faft immer auf einer Geite an das 
Schloß anftoßen zu laſſen, welches ſolchen Gebäuden 
das Anſehen verwünſchter Palläſte giebt, die ftatk 
der Menfchen nur von Hirfchen bewohnt werden. 


229 


Diefer Täuſchung könnte man fihb um fo mebr über: 
laffen, da man felten ein menfchliches Wefen außer: 
batb dem Haufe zu feben befümmt, dieſes auch in 
der Regel verfchloffen ift, fo daß man oft an der 
Thüre deffelben eine DViertelftunde klingeln und war: 
ten muß, ehe man eingelaffen wird, und die Stau 
Caſtellanin erfcheint, um den Cicerone zu machen 
und ihr Trinfgeld einzunehmen. | 

Diele fhöne Statüen und Gemälde ſchmücken 
MWentworthoufe. Unter andern ein herrliches Bild 
Vandyks, den Erbauer des Schloffes, Lord Strafford 
darftellend, wie ibm eben fein Todes » Urtbeil notift: 
cirt worden ift, und er, ed noch in der Hand hal: 
tend, dem GSefretair feinen letzten Willen diftirt. 
Auf einem andern Bilde ift fein Sohn abgebildet, 
ein-fhöner Knabe von 16 Fahren in einem äußerft 
vortbeitbaften Zrauerfoftüm, fchwarz mit reichen 
Spiben, rebfarbnen Stiefeln, einem dicht anfchließen: 
- genden Colrt, mit Schmelz geftickt, kurzem Mantel, 
reichen Schwerdt und Schärpe en bandouliere. 

Das Bild eines Nennpferdes in Lebensgröße auf 
graue Leinewand gemalt und ohne Nabmen in eine 
Nifche placirt, täufchte, als fey es lebendig. Diefeg 
Pferd bat fo viel gewonnen, daß der vorige Lord 
ein Quarré magnififer Ställe, die vollftändigften, die 
ich noch bier gefeben, dafür aufbauen laffen Fonnte. 
In diefen Ställen, die auch eine Reitfchule enthalten, 
fteben 60 ſchöne und ausgefuchte Pferde. 

Ein vortrefflihes Portrait des eben fo unterneh— 
menden als eiflen Kardinal Wolfey, fo wie das des 


= 


230 


teichtfinnigen Herzogs von Buckingham gewähren viel 
Intereſſe. Als die Gaftellanin mir das Wortrait 
Harveys zeigte, ſagte fie: dies ift der Mann, der 
die Eirculation des Bluts erfunden bat. Gwho 
has invented the circeulation of the blood.) Wer 
doch Des Mannes Befanntfchaft machen könnte! Sn 
den Blumengärten fand ich einige einzelne bübfche 
Partieen, unfer andern eine an. bunfen Parterres 
binfaufende Gallerie von Dratbgittern, mit auslän— 
difchen Vögeln darin, einem Flaren Bach der durd) 
fie binfloß, und immergrünen Sträuchern, auf denen 
fich das gefiederte Volk frei berumtummeln Fonnte. 


Auf einem Fleinen Teich daneben fhwammen meb: 
rere ſchwarze Schwäne, die bereit vier [unge Spröß: 
Iinge bier großgezogen haben. Sie fcheinen fich voll 
fommen an dag biefige Elima zu gewöhnen. Auffallend 
war mir eine gewöhnliche Buche am Ufer des Wafz 
ſers, die durch frühes Köpfen zu einem ganz andern 
Sharafter gefommen war. Gebr niedrig nach oben, 
bedeckten Dagegen ihre fih auf allen Geiten gleich 
weit ausbreitenden Zweige einen ungebeuern Raum 
in der Breite, und formten fich zu einem regelmäßi: 
gen Laubzelte obne Gleichen. Auch einer Hemlocks— 
Tanne batte man durch Köpfen weit größere Schön: 
heit gegeben, als ihr der natürliche Wuchs verleiht. 


Ich Fam noch bei guter Zeit nach Sheffield, wo 
des vielen Nauches wegen die Sonne feine Strahlen 
mebr warf, fondern nur wie der Mond erfchien. In— 
tem ich mir bier die bewunderungswürdigen Pro— 


231 


dukte im Meſſer- und Eceeren:Fach betrachfete, als 
3: B. ein Meffer mit 180 Klingen, Scheeren, die voll: 
fommen fchneiden und brauchbar find, obgleich man 
fie faum mit bloßen Augen erfennen kann ꝛc. ꝛc. — 
Faufte ih auch für Dich, ohne Aberglauben, Nadeln 
und Scheeren für Deine ganze Lebengzeit, nebft 
einigen andern SKleinigfeiten neuer Erfindung, die 
Dir, wie ich hoffe, Vergnügen machen werden. 


Nottingham den Aten DEtober, - 


Sch fuhr die Nacht bindurh, und ſah nur von 
weitem bei Mondfchein Newftead Abbey, Lord 
Byrons jetzt ſehr vernadläßigeen Geburtsort und 
Familienfchloß. Außer der gothifchen Kirche, deren faſt 
jede Stadt in England eine mehr oder minder fchöne 
aufzumweifen bat, ift- in Nottingham nicht viel zu 
feben, eine merfwürdige Manufaktur von Petinet 
ausgenommen, wo die Mafchinen ganz allein alle 
Arbeit machen und nur ein einziger Menſch dabei 
ftebt, um acht zu geben, wenn ſich etwa irgend 
etwas verfchieben ſollte. Es ſieht höchſt ſeltſam aus, 
wenn, wie durch unſichtbare Hände geführt, die 
Eiſenungeheuer mit allen ihren Klammern und Spitzen 
zu handthieren anfangen, und der ſchönſte Petinet 
im Rahmen geſpannt, nett und fertig oben langſam 
hervorkömmt, während man unten die Spindel mit 


232 


den darum gewicelten rohen Faden ſich langſam fort: 
drehen ſieht, ohne daß, wie gefagt, eine einzige 
menfchlihe Hand dag Ganze berübrte. 

Es war eben die Zeit der hieligen Meffe, welche 
eine Menge Euriofitäten berbeigezogen hatte, unter 
andern eine ſchöne Sammlung wilder Thiere. Zwei 
bengalifche Tiger von enormer Größe waren fo voll: 
ſtändig gezähmt, daß felbft Damen und Kinder ge: 
ftattet ward, zu ihnen in den Käficht bineinzufreten, 
oder die Thiere felbft in die Reitbahn herauszulaſſen, 
worin die Sammlung aufgeftellt war. Kein Hund 
fonnfe frömmer feyn, doch bezweifle ich, daß unfere 
Polizei folche Experimente geduldet haben würde. Ein 
merfiwürdiges, und fo viel ich weiß, noch nie in 
Europa gefehenes Thier , war das gehürnte Pferd, 
oder Neyl Ghu aus der aftatifchen Tartarei vom 
Himalaya:©ebirge, fhön und flüchtig, und von einer 
böchft feltfamen Conftruffion einiger Theile. Neu ' 
war mir auch der ſchöne yerfifche Waldefel, der 
fchneller und dauerhafter als eill Pferd laufen, und 
Wochen lang ohne Nahrung zu leben im Stande 
feyn fol. Wie auf der Pfaueninfel bei Berlin befand 
fih auch bier ein Riefe und ein Zwerg mit unter der 
- Zhierfammlung. 


London, den 6ten. 


Ehe ich Nottingham verließ, befuchte ich den in 
der Nähe gelegenen Sitz des Lord Middleton, deffen 


233 


Schtoß ſehenswerth ift. Liebhaber von Georginen 
fünnen im biefigen Garten dergleichen finden, welche 
faft die Größe von Sonnenblumen erreihen. Auch 
einige Glashäuſer zeichneten ſich aus, der Park bot 
wenig. Sm Schloß ift ein altes Gemälde, welches 
diefes und die Gärten treu darftellf, wie fie vor 200 
Kahren waren. E8 gibt zu infereffanter Betrachtung 
Anlaß, um fo mebr, da man die Herrfchaft mit gro: 
Ber Gefellfhaft und Gefolge im wunderlichften Co— 
ftüme fih im Garten ergeben ſieht, und der darge: 
ftellte Lord derfelbe ift, welcher wegen jener berühm— 
ten Geiftergefchichte fo oft eifirt wird. Dergleichen 
Darftellungen foltte Seder für feine Nachkommen ans 
fertigen laffen, die Vergleiche find immer ergößlich, 
und zuweilen lebrreich. 

In der Nacht erreichte ich St. Albans, und fah 
die berühmte Abtei bei Mond: und Rarfernenfchein. 
Der Küfter wurde ſchnell aufgewedt, und mußte mich 
noch binfübren. Zuerft bewunderte ich das im achten 
Jabrhundert von den Sacfen mit römifchen Ziegen 
(welche ganz unverwüftlich find) erbaute Aeußere ded 
Gebäudes beim Mondliht, dann trat ich mit der La: 
terne in dag impofanfe Innere, Das Schiff der Kirche 
ift wohl eines der größten, die eg gibt, denn eg ift 
über fechshundert Fuß lang. Diele berrlike Arbeit 
in Stein und Echnigwerf ift darin angebracht, und 
obgleich man bei dem fchwachen Lichte wenig deutlich 
feben Fonnte, fo machte doch dag Ganze, eben durch 
die abentheuerliche und ungewiffe Beleuchtung, nebft 
unfern beiden fchwarzen Figuren in der Mitte, und 


234 


den Zönen der Mitternachtsglocke vom Thurm herab, 
einen recht romanbaften Eindruck, 


Noch mehr war dies der Fall, ale wir in die Gruff 
binabftiegen, wo in einem aufgebrodenen zinnernen 
Sarge das Gerippe des Herzogs von Bedford, ‚des 
Reichgverweferg liegt, der vor 600 Fahren vom Kar: 
dinal Beaufort vergiftet wurde. Es ift durch die 
Länge der Zeit fo braun und glatt wie polirtes Ma: 
hagoniholz geworden, und neugierige Antiquare ba: 
ben es deshalb ſchon mehrerer Knochen beraubt. Auch 
ter Küfter, ein Srländer, ergriff obne Umftände ei: 
nen der Beinfnohen, und ibn wie einen Knüppel in 
der Luft fchwingend, bemerfte er: der Knochen wäre 
fo fhön und hart durch Die Zeit geworden, Daß er 
einen vortrefflichen Chileila abgeben könnte. Was 
würde der ftolze Herzog gefagt haben, wenn er bei 
Lebzeiten erfahren, wie fo geringe Leute einft mit 
feinem armen Leichnam umgehen würden. 


Den foliden Bau damaliger Zeiten beweist am be: 
ften die über tauſend Jahr alte prachtvolfe hölzerne 
Decke, die noch. fo ſchön und woblerhalten ift, als 
wenn in der angegebenen Zahl Feine Nullen binter 
der 1 ftünden. Die bunfen $enfter, nebit dem gol: 
denen Grab des heiligen Alban, find leider auch in. 
Cromwells Zeit größtentheilg zerftört worden. 


Noch zeifig genug, um die Hälfte der Nacht aus: 
zuruben, fam id in London an, und mein erfteg 
Geſchäft am Morgen war, vorliegenden, zum Paket 


235 


angefchwolfenen Brief fir Dich zu beendigen. In we: 
nigen Stunden, hoffe ich, ift er fchon unterwead. 

Laß Div alfo bis dahin die Zeit nicht lang werden, 
und empfange diefen Brief mit gleicher Xiebe und 
Nachficht, als feine zahlreichen Vorgänger. 


Dein freuer L. 


3wan 301.0 Je ve 


— — 


London, den 1. Nov. 1827. 


Ein Franzoſe fagt: L’illusion fut inventee pour 
le bonheur des mortels, elle leur rait presques 
autant de bien que l’esperance Wenn diefer Aus: 
fpruch wahr ift, fo ift mir viel Glück zugemeffen, denn 
an Illuſionen und Hoffnungen laſſe ich es nie fehlen. 

Von diefen bat nun Dein Brief allerdings einige 
über den Haufen geworfen, indeß fey guten Mutbg, 
e8 wachen fchon neue wieder, fo fchnell wie Pilze, 
bervor. Bald mebr darüber. Aber an den wider: 
wärtigen, immer fihlafenden Präſidenten kann ich 
unmöglich von bier aus fehreiben. Dazu, würde ein 
Dandy fagen, ift der Menfch nicht fafbionable genug. 
Du beforgft überdieß alle diefe Sefchäfte fo vortreff— 
lich, daß ed unrecht wäre, fie Dir nicht ganz allein 
zu überlaffen. Dies ift zwar Egoismus von meiner 
Seite, aber eim verzeiblicher, weil er uns Beiden 
Vortheil bringt . 


. . ° . . . . . . . * 


237 


Ich babe in den letzten Tagen eine Feine Ereur: 
fion nad Brighton gemacht, und einen Umweg bei 
der Nückehr genommen. Das Schloß des Herzogs 
bon Norfolk, Arundel:Gaftle, war einer der Gegen 
‚ ftände meiner Neugier. Es bat einige Aehntichkeit 
mit Warwick, bleibt jedoch weit hinter diefem zurück, 
obgleich es theilweife vielleicht eben fo alt ift. Auch 
bier ift am öſtlichen Ende ein Fünftlicher Berg und 
Keep. Auf dem runden verfallenen Thurme foll man 
von deffen Gipfel eine berrliche Ausficht genießen. 
Der Nebel verhinderte fie beufe, und ich Fonnte nicht 
einmal die das Schloß umfchliegenden Zerraffengär: 
ten überſehen. Sch unterhielt mich dafür in nächſter 
Nähe mit einem Dutzend zahmer Puhus (der größ: 
ten Eulenart) welche des ehemaligen Thurmwärters 
Stube bewohnen. Einer davon war fehon 50 Fahre 
bier, ſehr zuthulih, und beilte, wenn er etwas .verz 
fangte, vollfommen wie ein Hund. Die Engländer 
find große Freunde von Thieren, eine. Neigung, die 
ich mit ihnen heile. So findet man in den meiften 
großen Parfs eine Unzahl von Raben, die in Schwär: 
‚men von Taufenden off dad Schloß umfreifen, und 
zu fo einer alterthümlichen Burg und den fie um: 
gebenden Riefenbäumen nicht übel paſſen, obgfeich ibr 
Gekrächze Feine angenehme Mufif gewährt. Das Ins 
nere des Schloffes bat nichts Ausgezeichneted. Die 
vielen bunten Fenſter find alle modern, und unter 
den Familiengemälden ſchien mir blos das des Lords 
Zurrey, feines feltfamen Coſtüms wegen, merfwür: 
dig. Er wurde unfer Heinrich VIII. hingerichtet. 


238 


Die Bibliothek ift Fin, aber fehr magnifif, ganz 
mit Cedernholz getäfelt, mit fhönem Schnitz- und 
Bildiverf verziert, kurz an nichts fehlt es ihr, auffer 
an Büchern, denn kaum ein paar hundert waren 
darin, 


Ein febr großer, aber einfacher Saal, “beißt Die 
Halle der Barone, und bat viele bunte Fenfter, deren 
Malereien nicht befonderd geratben find. 


Sn den Stuben hatte man, fo viel als möglich, 
lauter alte Meubles vereinigf, und ihnen möglichft 
nachgebolfen, damit fie nicht in ihrer Wurmſtichigkeit 
sufammenfielen. Dies ift jest überall die Mode in 
England, Saden, die man bei ung als zu gebrech— 
(ih und altmodifch wegwirff, werden bier auf's tbeu: 
erite bezahlt, und auch die neuen wenigftens ganz 
im Styl der alten beſtellt. Ich finde das in ſolchen 
ehrwürdigen Schlöſſern recht paſſend, ſobald die Ber 
quemlichkeit nicht zu ſehr dadurch leidet, in modernen 
Gebäuden iſt es aber lächerlich. 


Der alte Theil des Echloffes foll fhon in der Ro: 
merzeit eine Feftung gewelen feyn, weßhalb man 
in den Mauern viel römifche Ziegel findet. Auch ſpä— 
ter hat es immer als Feftung gedient, und viele Bes: 
lagerungen ausgebalten; der neuere Theil, im Style 
des Uebrigen, wurde erft von Vater des jebigen 
Herzogs gebauf, und Eoftefe, wie mir geſagt wurde, 
800,008 2. St. Bei und würde man ganz Paffelbe 
gewiß mit 300,000 Rthlrn. berftellen Fönnen. Die 

Härten fehienen mir mannichfaltig und weitläuftig, 


239 


und der Park fol auch fehr ausgedehnt und pittoresk 
feyn; das abfcheuliche Wetter binderfe mich aber, 
alled dies zu feben. Sch fuhr den Abend noch big 
Petworth, wo ein anderes ſehenswerthes Schloß ift, 
und fchreibe Dir jest aus dem Gaftbof, wo ih in 
wenigen Minuten wie zu Haufe eingerichtet war, - 
denn meine Reifeequipage und Bequemlichkeitsroutine 
bat ſich in England noch fehr vervollfommnef. 


\\ ; Petworthhouſe, den Wſten. 


Obriſt ©...» Fam heute früh zu mir in den 
Saftbof, machte mir viel Vorwürfe, nicht bei feinem 
Echwiegervater, Lord E . . ., dem Befiser von Pet: 
worth: Schloß, gleich vorgefabren zu feyn, und bat 
mich dabei fo freundlich, wenigftensg einen Tag bei 
ihnen zu bleiben, daß ich es nicht abfchlagen konnte. 
Meine Sachen wurden alfo auf das Schloß gebracht, 
und ich fogleich dorf inftallire. Es ift ein fchöner 
moderner Pallaſt mit einer herrlichen Gemälde: und 
Antifen: Sammlung, und einem großen Park, der 
auch eine berühmte Stuterei in fich ſchließt. Unter 

den Gemalden fprachen mich drei befonderd an, ein 
ganz ausgezeichneter Bild Heinrich VITL. in- Lebens: 
größe, bon Holbein, merfwürdig durch den pracht— 
vollen fäufchend gemalten Schmuck und das frifche, 
meifterbafte Eolorit; ein Portrait des unfterblichen 
Newton, der bei weitem weniger geiftreich ald 
eminent vornehm ausſieht, und ein anderes des 


240 


Moris von Dranien,. unferem Dichter Houwald fo 
ähnlich, das man es unbedingt für das feinige aus: 
geben könnte. Die Mifhung von’ Stafuen und Bil: 
dern untereinander, die bier beliebte worden ift, 
wirft unvorfheilhbaft und ſchadet Beiden. Zu den 
Guriofitäten gehört eine Familien: Reliquie, nämlich 
Percy Hotspurs, eines Ahnherrn des Beſitzers, 
großes Schwerdt. Die Bibliothek diente, wie gewöhne 
lich, zugleich ald8 Salon, gewiß eine fehr zweckmäßige 
Sitte. Sie war überdieß bier fo eingerichtet, wie 
Du es liebft, d. h. nur die modernften und werth— 
volfften, vor allen efeganteft gebundenen Bücher in 
der Bibliothek aufgeftelle, und für alle übrigen ein 
befonderer Saal im obern Stock eingeräumt. Die 
Schränfe waren weiß ladirt, und mit mebreren- Eon» 
folfen verfeben, an denen man zugleich bequem hinauf: 
fteigen Eonnte, .um zu den obern Büchern zu ge: 
langen. | 

Die Freibeit in diefem Haufe war vollfommen, wos 
durch es feine Annehmlichkeit für mich verdoppelte, 
Hier empfand man in der That auch nicht die mins 
defte gene. Es waren eine Menge Gäſte gegens 
wärtig, worunfer mebrere febr liebengwürdige Damen. 
Der Hauswirrb felbit ift ein febr gelehrfer Kunft: 
kenner und zugleich ein bedeutender Mann on the turf, 
denn feine Rennpferde gewinnen öfter als andere, 
Sn feinem Geftüt fah ich einen Hengft von mehr als 
3ojährigem Alter (Whalebone) der von mehreren 
Stallfnechten unterftüst werden mußte, um geben zu 
fönnen, und von dem die Fohlen dennoch, im Mutter: 


24i 


leibe noch, mit“ großen Summen bezahlt werden. 
Das nenne ich ein glorreiches Alter. Uebrigens find 
die biefigen Stuterei: Prinzipien von den unfrigen 
ausnehmend verfchieden. Die Thema möchte Dich 
aber bei aller Deiner Wißbegierde doch zu wenig 
infereffiren, ich will alfo die hierüber erlangte Wiſſen— 
Schaft lieber einem andern Hefte anverfrauen. 


Um nächſten Tage Fam die Herzogin von ©.4.... 
bier an, eine Frau, deren immer fteigender Glücks— 
wechfel feltfam genug. ift. 


Nach den erften Erinnerungen, die fie bat, fand 
fie fih, ein verlaffenes, bungerndes und frierendeg 
Kind in der entlegenften Scheune eines englijchen 
Dorfes, Eine Zigeunerbande nahm fie dort auf, von 
der fie fpäter zu einer wandernden Schaufpielertruppe 
überging. In diefem Fach erlangte fie durch ange: 
nehmes Aeußere, ſtets heitere Laune und originelle 
Eigenthümlichkeit einigen Ruf, erwarb fihnah und 
nach mehrere Freunde, die großmüthig für fie ſorg— 
ten, und lebte lange in ungeftörfer Verbindung mit 
dem reichen Banquier C...., der fie zuletzt auch 
beiratbetfe, und ihr bei feinem Zode ein Vermögen 
von 70,000 2. Et. Einkünften hinterließ. Durch die: 
ſes coloffale Erbtheil ward fie fpäter die. Gemahlin 
des Herzogs von St. U... ., des dritten engliſchen 
Herzugs im Range, und, was ein ziemlich fonderbares 
Zufammentreffen iſt, des Nachkommen der befannten 
Schaufpieferin Nell Gwynn, deren Reizen der Herzog 
auf ganz gleiche Weife (nur einige hundert Sabre 

Briefe eines Berflorbenen. IV. 16 


242 ö 


früher feinen Titel verdankt, wie feine Gemahlin jet 
den ihrigen. 


Es ift eine fehr gute Frau, die ſich nicht ſcheut, 
von der Vergangenheit zu ſprechen, im Gegentheil 
ihrer, vielleicht zu oft, Erwähnung thut. So unter: 
bielt fie uns den ganzen Abend aus freien Stüden 
mit der Darftellung mehrerer Rollen aus ihrem Schau: 
fpielerleben. Das drolligfte dabei war, daß fie ihrem 
febr Jungen Mann, der 30 Jahre jünger ift als fie, 
die Liebhaber: Rvllen einftudirt batte, welche ihm gar‘ 
nicht recht gelingen wollten. Die böfen Zungen waren 
natürlich Dabei febr gefchäftig, um ſo mebr, da viele 
der rezitirten Stellen zu den pifanteften Aufpielungen 
forfiwährend Anlaß gaben. 


Nah einem Dreitägigen angenehmen Aufenthalt 
kehrte ich bieber zurück, und feiere beufe meinen 
Geburtstag in tieffter Einfamfeit ‚bei verfchloffenen 
Thüren. Drei Viertel meiner melandolifchen Un: 
wandlungen babe ich gewiß dem Monat zu verdanken, 
in dem ich das Licht der Welt erblickte. Maifinder 
find weit beiferer, ich babe noch nie einen bypocdon: 
drifchen Sohn des Frühlings gefeben. Mir fiel 
einmal ein Lied, überfchrieben: Prognostica, in Die 
Hände ES thut mir fehr leid, daß ich ed nicht auf: 
bewahrt babe, denn für jeden Monat der - Geburt 
wär den Erdenfindern ihr Loos verfünder. Nur das 
erinnere ich mich noch, daß den im Oktober Gebornen 
ein "trüber Sinn zugefchrieben war, und der Seruch 
alſo anbub: 


243 
Ein Junge, geboren im Monat Oktober, 
Wird ein Critiker, und das ein recht grober! 


Sch verlafle Dich aber jest für ein großes Dine 
beim Fürſten E . . denn den ganzen Tag will ich 
der Einfamfeit doch nicht widmen, dazu bin ich zu 
abergläubig. dien, 


Den Aten November, 


Als Ludwigsritter wohnte ich beufe, am Namens— 
fag meines Heiligen, glaube ich, oder des Königs 
von Sranfreich, ich weiß e8 wahrlich nicht gewiß, 
einem großen Mable beim Fürften P. bei, und ſah 
darauf noch die ag de8 Don Juan in 
Drurylane. 


- Of course fpielf der erfte Akt in der Hölle, wo Don 
Juan bereite die Furien, und zuletzt gar des Teufels 
Großmufter verführt bat, und deßhalb von Seiner 
Sataniſchen Majeftät höchſteigenhändig aug der Hölle 
binauggeworfen wird. Als er bei Eharon und den 
sifforesfen Ufern des feuerflutbenden Styr ankömmt, 
fabıt der Alte eben drei weibliche Seelen aus Rondon 
berüber. Don Juan befchäftigt beim Augfteigen den 
Fährmann mit dem Wechfeln einer Banknote, denn 
auch in der Hölle ift fhon Papiergeld eingeführt, 
und nimmt während deſſen den Augenblick wahr, 
mit den drei Weibern fehnell vom Ufer abzufloßen, 
und fle fü der Erde wieder zuzuführen, Sn Ronden 


16 * 


244 


angelangt, bat er feine gewöhnlihen Abenteuer, 
Duelle, Entführungen ꝛc., die Reiter : Statue im 
Gharing:Eroß ladet ihn zum Thee ein, feine Gläubi— 
ger aber bringen ihn nach Kingsbench, aus dem eine 
reiche- Heirath ihn zuletzt errettet, nach welcher er nun 
erft — in einer böfen $rau endlich die genügende- 
Strafe feiner Sünden findet, was die Hölle nicht ver: 
mochte. Madame Veſtris ift ald Don Juan der wuns 
derlieblichfte und verführerifchefte Süngling, dem man 
es auch gleich anmerft, daß es ihm nicht an Routine 
fehlt. — 


Das Stück amüſirte mich, und noch unterbaltender 
fand ich einen neuen Roman auf meinem Tiſche zu 
Hauſe, der (allerdings eine ſchon oft gebrauchte Idee) 
im Jahr 2200 ſpielt. 


England iſt darin wieder katholiſch und eine abſo— 
lute Monarchie geworden, und die allgemeine Bil— 
dung hat ſolche Fortſchritte gemacht, daß Gelebrfam: 
keit Gemeingut der niedrigſten Klaſſen geworden. ift. 
Jeder Handwerker arbeitet nur rationell, nach ma— 
thematiſchen und chemiſchen Prinzipien. Lakayen und 
Köchinnen, welche Namen, wie Abelard, Heloiſe ꝛc. 
führen, ſprechen mit dem Tone der Jenaer Literatur— 
zeitung, dagegen es unter den hohen Ständen Mode 
geworden iſt, ſich im Gegenſatz zu dem Plebs, der 
gemeinſten Sprache und Ausdrücke zu bedienen, und 
außer Leſen und Schreiben jede weitere Kenntniß 
ſorgfältig zu verbergen. Dieſer Gedanke iſt witzig, 
und vielleicht prophetiſch! 


a 245 


Auch die Lebensart diefer Stände iſt höchſt einfach, 
grobe und wenig Speifen erfcheinen allein auf ihrer 
Tafel, und Küchenlurus wird nur noch bei den Die: 
nertifchen angefroffen. 

Daß übrigens Luftballondg das gewöhnliche Fubr: 
werf find, und Dampf die ganze Welt regiert, Ver: 
ſtebt fich faft von felbft. Ein deutfcher Profefor macht 
aber, vermöge einer neuen Anwendung des Galva— 
nismus, gar die Enfdefung, Todte zu erweden, 
und die Mumie ded Königs Cheopg, Fürzlich in ei: 
ner der big jest noch uneröffneten Pyramiden aufs 
gefunden, ift die erfte Perfon, an welcher diefeg Er: 
periment verfucht wird, Wie nun die lebende Mu: 
mie nah England kömmt, und wie abfcheulich fie 
fich dorf aufführt, magit Du nachleſen, wenn der 
Roman ins Deuffche überſetzt feyn wird. Webrigens. 
Fomme ich mir felbft manchmal bier auch wie eine 
Mumie vor, an Händen und Füßen gebunden, und 
febnlich meiner Auferftebung wartend. 


Den 5ten. 


Diefen Morgen bedeckte ein folcher Nebel die Stadt, 
daß ich in meiner Stube nur bei Libt frübftücen 
Fonnte. An Ausgehen war bi gegen Abend nicht 
zu denfen. Zum Effen war ich bei Lady Love ein: 
geladen, und P. auch gegenwärtig, den fie fonft, ich 
weiß nicht recht warum, ſehr anfeindet, Mit feiner 
gewöhnlichen Etourderie verdarb er es aber heute 


216 


vollends. Die Dame hat nämlich, wie Du Dich noch 
aus älteren Zeiten erinnern wirft, eine etwas rotbe 
Naſe, und Uebelwollende fuchen die Urfache davon 
in der Sitte, welche der General Pillet den Engläns 
derinnen vorwirft. P. wußte dies wahrfcheintich nicht, - 
und bemerkte, ald er am Tiſch neben ihr faß, Daß 

fie ihren Wein aus einer andern Flaſche mit einer 
dunfeln Früfiigfeit mifchte, die wie Liqueur ausſah. 
Su feiner Unſchuld — oder Bosheit, frug er fiber: 
zend, ob fie fchon fo ganz Engländerin geworden fer, _ 
ihren Wein mit Cognac zu mifchen. An dem nun: | 
mehrigen Rothwerden ihreg ganzen Geſichts, wie 
am der Derlegenheit der Nahefigenden entdedte er 
erft feine Bevue, denn das unfihuldige Tifchgetränk 
war wirklich nur Brodwaller. Mir fiel dabei die Fo: 
mifche Vorfhrift ein, die ein Lehrbuch für gute Les 
bensart in unfrer nationell pedantifchen Manier giebt: 
„Nenn Du in eine Sefeltfchaft aebft,“ beißt es dort, 
„fo erfundige Dich vorher immer genau nad den 
„Perſonen, die Du dorf anzutreffen vermuthen Fannft, 
„nach ihren VBerwandtfchaften, Schwähen, Fehlern 
„Und ausgezeichneten Gigenfchaften, damit du auf 
„der einen Seite nicht unbewuft etwas fagft, das. 
„eine wunde Stelle trifft, auf der andern aber mit 
„Unbefangenheit angenehm und paſſend fchmeicheln 
„kannſt.“ 


Eine zwar lächerlich vorgetragene, und etwas ſchwer 
auszufübrende, aber nicht üble Regel! 


217 
Es war vicl ron Politif die Nede,; und dem pracht— 


vollen Kriegsanfang mit Vertilgung der türfifchen 
Flotte. 


Welche Inconſequenz iſt es doch, Engländer ſo 
ſprechen zu bören! aber ſeit Napoleons Fall wiſſen 
die leitenden Politiker faft alle nicht mehr recht, was 
fie wolfen. Die jammervollen Nefulfate ihres Con: 
greifes genügten ibnen zwar felber nicht, aber dene 
noch erfchien Feine Originalidee, fte. weiter zu freiben, 
fein Hauptwille ftebt mehr binter ihnen, und dag 
Schickſal Europa’s hängt fhon nicht mehr von feinen 
Fübrern, fondern von dem Zufalle ab. Cannings 
Erfheinung war nur eine franfitorifhe, und wie 
find feine Nachfolger befchaffen! Die Zerſtörung der 
Flotte ihres ficherften und £reueften Bundesgenoſſen 
odne Krieg ift wohl der befte Beweis dafür, obgleich 
ich mich als Menſch und Sriechenfreund herzlich dar- 
über freue. 


Mir werden aber bei diefen Mißgeburten volitifcher 
Syſteme, bei diefem Schwanfen aller Orten, gewiß 
noch feltfame Dinge erleben, und vielleicht Zufammen: 
ftellungen, die man jest für unmöglich hält. Ganz: 
ning ſelbſt ift zum Theil daran Schuld, da feine 
angefangenen Pläne nicht reif wurden, und ein Mann 
von eminenfem Genie auf einem hohen Plage immer 
feinen Nachfolgern verderblich wird, wenn diefe Pya— 
mäen find. Die jegigen Minifter haben ganz das 
Anfeben, als wollten fie England Tangfam dem Ab: 
grund zuführen, den Ganning für Andere gegraben bat, 


- 248 


Auch diefe Gewitter, die fih an Aliens Gränze 
zufammenzieben, fchlagen- vielleicht erft-fpäter mitten 
in Europa am. beftigften ein. Mit ung boffe ich 
aber, wird der Donnergott feyn, Preußens Zukunft 
fteht in meiner Ahnung felbft höher und glänzender 
da, als fie ibm bis jetzt dag Echickfal gönnte, nur 
verliere e8 feine Devife nicht aus den Augen: „Bor: 
wärts!“ * 

Zu Haus angekommen, fand ich Deinen Brief, 
der mich fehr befuftigte, befonderg die von 9. verz. 
geblich in Paris auf Bouteillen gezogenen Saillien, 
die in SS... fo wenig Anwendung finden, denn 
wohl haft Du Rede: 

'„Rien de plus triste qu’un bon mot qui se perd - 

dans l’oreille d’un sot ,“* 


und in diefem Falle mag er fich oft genug befinden. 


Den 20ften, 


Da man jept Zeit bat, dad Schaufpiel zu befuchen, 
und gerade die beften Akteurs fpielen, fo widmete ich 
viele meiner Abende diefem äftbetifchen Zeitvertreibe, 
und fab unter andern geftern mit- erneuten Der: 
gnügen Kembles Fünftterifche Darſtellung des Falſtaff - 
wieder, von der ih Dir fhon einmal fchrieb. Nach: 
holen Fann ich jest noch, daß fein Coftüme, in weiß 
und rothen Karben, fehr gewäblt, und von der forg: 
fältigften Eleganz, wenn gleich ein wenig abgenußt 


249 


war, fo daß es wie fein ſchön gelockter weißer Kopf 
und Bart ibm eine glüklihe Miſchung von Vor: 
nebmem und Komifchem gab, welches, meines Er: 
achteng, die Wirkung fehr Aaisaı und fo zu fagen 
verfeinerte. 

Ueberbaupt waren alle Softüme mufterhaft, dagegen 
e8 unverzeiblich ftörend genannt werden muß, wenn. 
fo eben Heinrich IV. mit feinem prachtvollen Hofe und 
fo vielen in Stahl und Gold glänzenden Rittern 
abgezogen ift, zwei DBediente in der Theaterlivree, 
Schuben und rothen Hofen erfiheinen zu feben, um 
den Thron binwegzufragen. Eben fo wenig kann 
man fich daran gewöhnen, Lord Percy eine Viertel: 
ftunde mit dem im Hintergrunde fißenden Künige 
fprehen zu bören, ohne daß dag Publifum” von be: 
- fagtem Percy dabei etwas anderes als feinen Rüden 
zu feben befünmt. Es ift auffallend, daß gerade die 
berühmteſten biefigen Schaufpieler diefe Unart fürmlich 
affeftiven, während man bei ung in den entgegen: 
geſetzten Fehler verfällt, und zum Beiſpiele der primo 
amoroso während der feurigften Liebegerfiärung feiner 
Schönen den Rüden weifet, um mit dem Publikum 
zu Tiebäugeln. Das gebörige Mittel zu balten ift 
allerdings ſchwierig, und die feenifche Anordnung muß 
e8 dem Schaufpieler erleichtern. Ä 

Aus dem Eharafter des Percy machen die deutfchen 
Akteurs gewöhnlich eine Art wüthendes Kalb, dag 
ich) fowohl mit feiner Frau als mit dem Könige 
gebebrdet, als ſey es cben von einem tollen Hunde 
gebilfen worden. Diefe Leute wiffen gar nicht mehr, 


250 * 


wo man den Dichter mildern, wo ihn fteigern 
fol. Doung verftebt dies vollfommen, und weiß dag 
jugendfich ftürmifche Wurbraufen febr wohl mit der 
Mirde des Helden, und tem Anftande eines Fürften 
zu vereinen. Er ließ jenes Feuer nur wie Blitze über 
eine Gewifterwolfe zucen, aber nicht in ein Hagel: 
wetter ausarten. Auch das Zufammenfpiel finde ich 
beffer al8 auf den deutfhen Bühnen, und in den 
fcenifhen Anprdnungen viele gefunde Beurtbeilung- 
Um nur ein Beifpiel zu geben, fo erinnere Dich (da 
Du einmal mit mir zufammen dieß Etüd in Berlin 
geſehen, und Vergfeihe die Sache anſchaulicher ma: 
chen) der Scene, wo der König die Geſandten Percy's 
empfängt. Du fandeft fie damals fo unanftäntia, 
weil fich Talftaff dabei vor und an den König— 
drängte, um ihm jeden Augenblick mit feinen Epäffen 
grob in die Nede zu fallen. Es kömmt dies ‚aber 
nur daber, weil unfre Echaufpieler mebr an ihre Pers: 
fontlichfeit als an ihre Rolle denfen, Herr D... füblt 
fih dem Herrn M.... gegenüber felbft every inch 
a King, und vergißt, wen er und wen der Qndere 
in dem Augenblick vorftellt. Hier wird Ghafesyeare 
beifer verftanden, und die Scene demgemäß dar— 
geſtellt. Der König ftebt mit den. Öefandten im 
Vordergrunde, der. Hof im Gemache vertheilt, und ın 
der Mitte des Theaters feitwärts der Prinz und Fal: 
ftaff, welcher letztere als ein halbprivilegirter Quftig: 
macher zwar feine Spaſſe macht, aber fie nur mit. 
balblauter Stimme mebr an den Prinzen als an den 
König richtet, und zurechfgewiefen, fogleicy refpeft: 


\ 


ü 251 


voll die ihm —— ehrfurchtsvolle Attitüde wie: 
der einnimmt, nicht aber mit. dem Könige wie mit 
feined Gleichen fraternifirt. 

Auf diefe Weile kann man fich der Illuſion hinge— 
ben, einen Hof vor fih zu febenz bei der andern 
glaubt man fich immer in Caftcheap. Die biefigen 
Echaufpieler leben in befferer Geſellſchaft, und haben 
daher mehr Takt. 


* 


Den 23ften, 


Es iſt feltfam genug, daß der Menfh bloß dag 
als Wunder anftaunen will, wag im Raum oder der 
Zeit entfernt von ibm fteht- die fäglihen Wunder 
neben fich aber ganz unbeachter läßt. Denroc müffen 
wir in der Zeit der Tauſend und einen Nacht noch 
wirklich leben, da ich beute ein Weren geleben, wa 
alle Phantaſiegebilde jener Epoche zu überbieten fcheint. 


Höre, was das erwähnte Ungethüm alles leitet. 


Zuvörderſt ift feine Nahrung die wohlfeilite, denn 
es friße nichts als Holz oder Kohlen. Es braucht 
aber gar feine, fo bad e8 nicht arbeitet. Es wird 
nie müde, und fchläft nie. Es iſt feinen Krankhei— 
fen unterworfen, wenn von Anfang an nur gut orga— 
nijirf, und verfage nur dann die Arbeit, wenn e8 
nach»langer, langer Zeit vor Alter unbrauchbar wird. , 
Es ift gleich thätig in allen Elimaten, und unter: 
nimmt unverdroffen jede Art von Arbeit. EsMft bier 


252 . 


ein Waſſerpumper, dort ein Bergmann, bier ein 
Schiffer, dort ein Baumwollenfpinner, ein Weber, 
ein Schmied: und Hammerknecht, oder ein Müller — 
in der That, e8 treibt alles und jedes Gefhäft, und 
al8 ein ganz Fleines Wefen fieht man es ohne An: 
jtrengung neunzig Schiffstonnen Kaufmannggüter, 
oder ein ganzes Regiment Soldaten auf Wagen ge: 
packt, mit einer Schnelligkeit fich nachzieben, welche 
die der flüchkigften Stagecvaches übertrifft. Dabei 
marfirt ed noch felbft jeden feiner taktmäßigen Schritte 
auf einem vorn angebefteten Bifferblafte. Auch ve: 
gufivt es felbft den Wärmegrad, den es zu feinem 
MWohlfeyn bedarf, ölt wunderbar feine innerften Ge: 
fenfe, wenn diefe ed bedürfen, und entferne beliebig 
alle nachtheilige Luft, die durch Zufall in Theile drin: 
gen ſollte, wo fie nicht hingehört — foltte fih aber in 
ibin etwas derangiren, dem es nicht felbft abbeffen 
Fann, fo warnt es fogleich durc) lautes Klingen feine 
Herrfchaft vor Unglück. Endlich ift es fo folgfam, 
ungeachtef feine Stärfe der von bundert Pferden 
gleich Fümmt, daß ein Kind von vier Jahren mit dem 
Drucde feines Fleinen Fingers jeden Augenblic feine 
ungeheure Arbeit zu bemmen im Stande ift. » 

Hätte man wohl fonft einen folhen dienftbaren 
Beift ohne Salomond Siegelring erhalten können, 
und hat je eine wegen Bauberei verbrannte Here 
Aehnliches geleiftet ?- 

. Sept — ein neues Wunder — magnetifirf- Du 
blog fünfhundert Gofdftücke mit dem feiten Willen, 
daß fiefih in eine folche lebendige Mafchine verwan: 


253 


dein follen, und nach wenig Geremonien fiebft Du 
fie in Deinem Dienfte etablirt. Der Geift gebt in 
Dampf auf, aber er verflüchtigt fich nicht. Er bleibt 
mif göftliher und menfclicher Bewilligung Dein Te: 
gitimer Sklav. Dies find die Wunder unfrer Zeit, 
die wohl die alten heidnifhen und ſelbſt hriftlichen 
aufiviegen. 

Sch brachte den Abend bei der braunen Dame, 
Lady E DB. zu, die eben wieder einen neuen No: 
man „Flirtation“ (Xiebeley) beendigt bat. Sch fprach 
fehr freifinnig mit ihr darüber, denn fie ift eine ge: 
fheidte und gute Frau, und das Refultat war ein 
für mich unerwartetes, nämlich fie drang in. mich, - 
felbft ein Buch zu fehreiben, und verfprach es nach: 
ber zu überfeßen. Dien m’en garde! übrigens ift 
zuviel vom Sceptifer in mir, um daß, wenn ic 
fchriebe, die fanfte, Fromme, regelrechte Lady B. nur 
zwei Seiten davon Überfegen Fünnfe, obne mein Buch 
mit einer Befreuzigung von fich zu fchieben. Viel⸗ 
leicht babe ich auch bie und da ein biechen Humor, 
‚der ibr nicht zufagen würde. Dagegen will ich fie, 
wozu fie mich heute ebenfalld angelegentlicdy eingela: 
den, mit großem Vergmügen Fünftigen Sommer nad 
Schottland begleiten. Dies wird ein völliger Triumph— 
zug feyn, da fie, als Schwefter einer der mächtigiten 
Großen in Schottland, und dabei von eignem lite: 
varifhen Glanze ftrablend, in dem Feudal:Xande, 
wo wahre Gaftfreundfcaft noch Feine Fabel ift, und 
wo man ftatt Fafbionabies noch Geigneurs antrifft, 
überall eine freudige Erfcheinung feyn wird. Sch 


254 


febe fie ſchon im Geifte, von Schloß zu Schloß zie: 
bend, ein Gefolge ftotzer Ohnehoſen hinter fih, und 
Kama in eleganter englifcher Toilette vor fih. Sch 
ferbft febließe mich als fremder Nitter an das Gefolge, 
und nehme alte die guten Sachen mit, die ung geiftig 
und Förperlich, romantifch und profaifch zuftoßen wer: 
den, bei dem großen Barden aber ſchließen wir Die 
Tour, und foften, nachdem er und fo oft den phan— 
taftifchen Tisch gedeckt, einmal auch feinen eigenen. 

Sch weiß nicht, ob ich Dir geſagt, daß ich in Al: 
bemarteftreet bei einer Putzmacherin wohne, die einen 
wahren Blumenflor von Engländerinnen, Staliene: 
rinnen und Franzöſinnen um fich verfanmelt bat. 
Alles ift die Decenz felbft, demungeachtet macht fich 
manches Talent darunter geltend und nüslich, fo 
unter andern eine Franzoſin, welde ganz vortrefflic 
Focht, und mich daber in den Etand geſetzt hat, heute 
“ meinen Sreund &.., der fo viele Artigfeiten für mich 
gehabt, auch einmal in meiner HäuslichFeit zu bewir: 
tben. Dinge, Concert (fpaßbaft genug war es, denn 
blos Putzmacherinnen fangen und fpielten), Eleiner 
Ball für die jungen Damen, viele Fünftliche Blumen, 
viefe Zichker, fehr wenig ausgewählte Freunde, Furz 
eine Art Tändlihen Feftes mitten in dem Londner 
Jahrmarkt. E8 war faft Morgen, ehe die wilden 
Mädchen zu Bert Famen, obgleich die Duegna fie - 
treulich bis zum legten Augenblick chaperonirt hafte, 
ich aber, wurde von allen hoch gepriefen, wenn auch 
mein jüngerer Freund L.... ihnen im Herzen ohne 
— Zweifel beffer gefallen hatte. 





255 
Den Bften. 


Ein großer Schaufpieler, ein wahrer Künftler in 
diefem Fach, ſteht gewiß ſehr hoch! Was muß er 
alles willen und Finnen! und wie viel Genie muß 
er mit fürperlicher Grazie und Gewandtheit, wie viel 
Schaffungskraft mit der aröpten und langweiligften 
Routine verbinden. 

Sch fab beute zum Erftenmal feit meinem Aufent: 
batt in England Dlacberb, vielleicht die erbabenfte 
und vollendetite der ZTragüdien Shafspeared, Ma: 
‚ready, ein erft kürzlich von Amerika zurücgefehrter 
Ecaufpieler fpielte die Hauptrolle vortrefflih. Bez 
fonder8 wahr und ergreifend erſchien er mir in 
folgenden Momenten — erftend: in der Nachtfcene, 
wo er nah dem Morde Durfans mit den blutigen 
Dolchen herauskömmt, und feiner raw die gefchebene 
That mittheilt. Er führte das ganze Geſpräch Teife 
(wie e8 die Natur der. Sache mit “fich bringt) wie 
ein Geflüfter im Dunkeln, und Doch fo deutlich und 
mit fo furchtbarem Ausdruck, daß alle Schauder der 
Nacht und des Verbrechens in die Seele des Zu: 
fihauerg für den Augenblick mit übergingen. Eben fo 
gut gelang dag fchwierige Spiel. mit Banquo’s Geift. 
Die fhöne Stelle: „Was Männer wagen, wag’ aud) 
„ich. Komm’ als der zott'ge Bar, komm' als Hirfa: 
„niens Ziger, fomm’ mit. der Kraft von Zehn, 
„itebe Dir, und meine Nerven ſollſt Du nimmer 
„zittern ſehen. Sey lebend wieder, und rufe in die 


256 


„Wüfte mich zum Todesfampf— ich ftehe Dir. Doc 
„diefe bluf’gen Locken ſchüttle nicht, ftarre mich nicht 
„an mit diefen Augen ohne Leben — fort! fürchker: 
„tiher Schatten, fort, verbirg Dich in der Erde Ein: 
„geweiden wieder, u. ſ. w.“ fing er fehr richkig, »ftatt 
zu fteigern, gleich mit aller Anftrengung verzwei: 
felnder Wuth an, fanf nach und nach, von Entfeben 
überwältigt, immer mehr mit der Stimme, big er die 
legten Worte nur lallend ausſprach. Dann plöglich 
fhlug er, in fürchkerliher Zodesangft dumpf auf: 
fchreiend, den Mantel über dag Geſicht, und ſank 
halb leblos auf feinen Seffel zurüd. Er erreichte 
bierdurch die höchfte Wirkung. Man fühlte als Menfch 
e8 fehaudernd mit, daß unfer kühnſter Muth doch - 
dem Graufen einer andern Welt nicht gewachſen ift 
— und bemerfte feine Spur von dem bloßen Thea: , 
terbelden,, der um die Natur fich wenig befümmert, 
und nur für die Gallerie auf Effeft fpielend, in 
immer fteigendem Gefchrei und Wütben feinen höchſten 
Triumph ſucht. Herrlich nimmt Macready auch den 
legten Akt, wo Gewiffen und Furcht gleichmäßig 
erfchöpft find, und. flarre Apathie fchon beider 
Stelle eingenommen bat, wenn in drei fchnell auf: 
einanderfolgenden Schlägen nun das letzte Gericht 
über den Sünder bereinbricht, der Tod der Königin, - 
die Erfüllung der trügerifchen Weilfagung der Deren, 
und endlich Macduffs vernichtende Erklärung, daß 
"ibn fein Weib geboren. 

Was früher Macbeths Gemüth marterte, und ibn 
über feinen Zuftend grübeln, gegen die Plage feines 


257 


Gewiſſens anfampfen ließ, kann ihn jest nur, Blitzen 
gleich, augenblicklich noch, mit Erfchütterung durch: 
zuden. Er ift feiner und des Lebens überdrüßig, 
und Fampfend, wie er mit bitterem Hohne fagt: 
„gleich einem rings umftellten Eber“ fällt er endlich 
— ein großer Verbrecher, aber dennoch ein König 
und ein Held. 

Gleich meifterbaft ward auch das Gefecht mit Mac: 
duf ausgeführt, was fo Teicht ungefchieften Schau: 
ſpielern mißräth. Nichts Webereiltes, und doch Alles 
Feuer, ja alles Gräßliche des Endes — der lebten 
Wuth und Verzweiflung hineingelegt. 


Sch vergeffe nie die Tächerlihe Wirfung dieſer 
Scene bei der erften Aufführung der Spiferfchen 
Ueberſetzung des Macbeth in Berlin. Macbeth und 
fein Gegner überbafpelren fich dabei dergeftalt, daß 
fie wider ihren Willen hinter die Couliſſen geriethen, 
ebe fie noch mit ihren Neden zu Ende waren, weg: 
halb das von dort herausfchallende „Halt, genug“ 
(deffen Vorhergehendes man nicht mehr gehört hatte) 
vollkommen fo Hang, als wenn der überrannte Macs 
betb, mit vorgehaltenem Degen den weitern Kampf 
deprecirend, gefchrieen hätte: Laßt's gut feyn, — 
balt genug! 

Lady Macbeth, obgleich nur von einer Schaufpie: 
ferin zweiten Ranges gefpielt, denn leider gibt es 
ſeit Mifteig Siddons und Miß Oneils Abgang Feine 
erfte mehr, geftel mir in ihrer fhwachen Daritellung 
doch beifer als viele gerngroße Künftlerinnen unferes 
Briefe eines Verſtorbenen. IV. 17 


2583 


Baterlandes, deren affeftirte Manier feinem Charak— 
rer Shakspeares gewachlen iſt. 


Sch theile über diefe Role nicht nur ganz Tiefs 
bekannte Anficht, fondern ich möchte noch weiter darin 
gehen. . Die wenigften Männer verfteben, wie Die 
Liebe eines Weibes Altes blod auf den geliebren 
Gegenftand beziehen und richten fann, und daher, 
eine Zeit lang wenigftend, auch nur in Bezug auf 
ibn Zugend und Lafter kennt. 


Lady Macbeth, ald eine rafente Megäre dargefteltt, 
die ihren Mann nur als Snftrument eigener Ambi— 
tion gebraucht, ermangelt aller innern Wahrheit, und 
noch mehr alles Intereſſes. Eine Solche würde. gar 
nicht des tiefen Gefühle ihres Elends fähig feyn, das 
ſich fo fhauerlich in der Schlafwachfcene ausfpricht, 
während fie nur vor ihrem Manne, um ibm Muth 
zu geben, immer als die ftärfere erfcheinf, nie Furcht 
und Gewiſſensbiſſe zeigt, die feinigen verfpottet, und 
ſich über fich felbft zu betäuben fucht. 

Sie ift alferdings Fein fanfter, weiblicher Charak— 
ter zu nennen, aber weiblich ſich äußernde Liebe zu 
ibrem Manne ift dennoch dag Haupt-Motiv ihres 
Benehmens. 

So wie uns der Dichter ihre heimlichen Leiden 
deutlich in jener Nachtſeene vorführt, fo läßt er ung 
auch fehen, daß Macbeth lange vorber fchon Die ge— 
beimen, und fich felbft Faum geftandenen, ehrgeizi: 
gen Wünſche feiner Bruſt ihr ſchon verrathen bat, 
und auch die Heren wählen fich, wie Raupen und 


an 


259 


Maden nur das fhon Krankhafte angreifen; Macbeth 
nur defhalb aus, weil fie ihn fehon reif für ihre 
Zwecke finden. Sie weiß alfo, was er im Innerſten 
möchte, und ihn zu befriedigen, bilft fie mit 
wilder Leidenfchaft nach, fchnelt; nah Weiberart noch 
viel weiter gehend, als er felbft gedachte. Se mebr 
Macbeth, fich weigernd, eine halbe Comödie mit fich 
ſelbſt und ihr foielt, je mehr wächsſt ihr Eifer, und 
ſie ebenfalls ſtellt fich vor fich felbft und ihm anders, 
graufamer und fchlechter an, als fie ift, reißt ſich 
fünftlich auf, nur um ihm dadurch den Fühnjten Muth 
und rafchen Entfchluß einzuflößen. Ihm opfert fie 
nicht nur Alles, was zwifchen Macberh und. feinen 
gebeimen Münfchen fteht, fondern auch ſich ferbft, 
die Ruhe ihres Gewiſſens, ja alle weidliche Geſin— 
nung gegen Andere auf, und ruft die unferirdifchen 
Mächte um Hülfe und Stärfe an. Nur auf diefe 
Meife erfcheint mir der Charakter dramatifch, und 
der fernere Gang des Stücks pfychologiich wahr, im 
andern Einne kann man nur eine Garrifafur darin 
finden, deren Shakspeares Schöpferkraft unfäbtg ift, 
welcher immer mögliche Menfchen, Feine unnatür— 
fihe Scheufale und Phantaſieteufel malt. 

So ftoßen ſich denn Beide endlich gegenfeifig in 
. den Abgrund hinein, während jeder einzeln vielleicht 
nie fo weit gefommen wäre, Macbeth aber offenbar 
mit größerem Egoismus, weshalb auch fein Ende, 
wie feine Dual, furchtbarer find. 

Es ift ein großer Wortbeil für die Darftelung 
diefes Stücks, wenn dem genialften Talent die Rolle 


17% 


260 


des Macberh, nicht die der Lady zufälft. Davon über: 
zeugfe ich mich beufe fehr lebhaft. — Wird Lady 
Macbetb durch überwiegende Darftelungsfunft zur 
Hauptrolle gemacht, fo fieht man die ganze Tra: 
gödie aug einem falfchen Gefichfevunfte. Cie wird 
eine ganz andere, und verliert den größten Theil 
ihres Intereſſes, wenn man nur eine cannibalifche 
Amazone, und einen Helden unter ihrem Pantoffel 
ſieht, der fih wie ein Pinfel von ihr, blog zum 
Werkzeug ihrer eigenen Pläne, brauchen läßt. 

Nein, in ibm liegt der Haupffeim der Sünde 
vom Anfang an, fein Weib hilft ihm nur nach, und 
er ift Feineswegs ein urfpringlih edler Mann, der, 
durch die Heren verführt, ein Scheufal wird, wag 
Unnatur wäre, fondern, wie in Romeo und Sulie, 
die Leidenfchaft der Liebe in einem für fie zu empfängs 
lihen Gemüth, von der unfchuldigen Kindlichkeit 
der Knospe durch alle Stadien deg Genuffes hin: 
durch, bis zu Verzweiflung und Tod geführt wird 
— fo ift bier ferbftifher Ehrgeiz der Gegenftand des 
Gemäldes, wie er durch böfe Mächte ausgebildet, in 
Macberbs Perfon, von ebenfalld nur feheinbarer 
Unfchuld und dem Ruhme des gefeierten Helden, big 
zu der Blütgier des Tigers, und dem Ende einer zu 
Tode gebesfen Beftie gelangt. Dennoch ift der Mann, 
. in deffen Seele dad Gift wühlt, mit fo vielen andern 
boben Eigenfchaften begabt, daß wir dem Kampfe 
und der Entwicelung mit Antheil für den Helden 
folgen Fünnen. Welcher unendliche Genuß müßte es 
ſeyn, dergleichen Produfte des Genies auch von durch— 


# 


261 


gängig großen Echaufpielern aufgeführt zu eben, wo 
feine Rolle zur Nebenrolle würde! Dies wäre aber 
freifich nur von Geiftern zu leiften, wie in Hof: 
manns gefpenftifcher Aufführung des Don Yuan. 

Du wirft vielleicht Manches in diefen Anfichten 
barof finden, aber bedenfe, daß große Dichter wie 
die Natur ferbft wirfen. Jeden fprechen fie in dem 
Gewande feines eignen Gemüths an, und vertragen 
daber auch viele Audlegungen. Sie find fo reich, 
daß fie faufend Armen ihre Gaben geben, und den: 
noch Jedem eine andere reichen können. a 

Biele Theateranordnungen waren gleichfalls febr 
zu. foben. Ev find 3. ©. die beiden Mörder, welche 
der König zum Morde Banquo’8 gedungen, nicht, wie 
auf unfern Theatern, zerlumpfe Banditen, in deren 
Geſellſchaft fih der König. in feinem Prachtornate 
und der Nähe feiner Großen lächerlich ausnimmt, 
und die er nie in folhem Aufzuge in feinem Pallaſt 
feben fünnfe, fondern von anftändigem Aeußern und 
Benehmen, Böfewichker, aber Feine Rumpen. 

Die altfchottifche Tracht ift durchgängig ſehr fchön, 
und auch der Zeit nach wahrſcheinlich richtiger, gewiß 
aber malerifcher, als ich fie auf den deutfchen Thea: 
fern gefehen. Die Erfcheinung Banquo’s, fo wie dag 
ganze Arrangement der Tafel, war ebenfall8 unend: 
fich beffer. Der Regiffeur in Berlin macht biebei eine 
fächerlihe Bevüe. Wenn der König die Mörder über 
Banquo's Tod befragt, antwortet der eine: Depend 
upon, he has had his throat cut, (Seyd verfichert, 
wir haben ihm die Kehle abgefchnitten) 5 dies ift eine 


262 


englifhe Redensart für tödten, fo wie wir fagen: er 
bat. den Hals gebrodhen, wenn einer an den Folgen 
eines Pferdeſturzes geftorben ift, ohne daß er gerade 
den Hals in zwei Stücke gebrochen hat. Diefe Nedeng: 
art bat man nun wörtlich aufgefaßt, und läßt bei 
Zafel einen böchft ecfelhaften Kopf von Pappe erfchei- 
nen, dem die Kehle auf das Bräulichite abgefihnitten 
it! — Das Hinauf- und Hinunterfahren tiefes 
Monſtrums ift dabei fo nahe der Puppen-Comödie 
verwandt, daß man mit dem beften Willen Faum 
ernfthaft bleiben Fann. Hier wird durch dag Gewühl 
der Säfte, die an mehreren Tiſchen fißen, das Er: 
fcheinen des Geiſtes fo geſchickt verdeckt, daß er nur 
dann, als der König ſich niederlaffen will, von ihm 
und den Zuſchauern zugleich, plöglich auf des Königs 
Stuble ſitzend erblickt wird. Zwei blutige Wunden 
enfftellen fein blaſſes Antlitz (es verfteht fich, daß es 
der Schaufpieler felbft ift, der den Banquo gefpielt 
bat), ohne es durch die abgefchniftene Kehle Tacherlich 
zu machen, und wenner von der Tafel aus, umgeben 
vom gefchäftigen Treiben der Säfte, ſtarr den König 
anbfickt, dann ihm winft, und hierauf langfam in die 
Erde ſinkt — fo erfcheint dies eben fo fäufchend wahr 
als graufenerregend. 

Um aber billig zu feyn, muß ich doch auch einer 
Lächerlichfeit erwähnen, die bier vorfiel. Lady Mac: 
beth fagt nach dem Morde des Königs, ald man an 
das Thor Flopft, zu ihrem Manne, er folle davon 
eilen und einen Nachtroc anziehen, damit es nicht 
auffiele, ihn in feinen Kleidern zu finden. Nachtrock 


263 

beißt nun freilich Schlafrocd, aber ich fraufe in der 
That meinen Augen faum, als Marcready in einem 
modernen Schlafroc von geblümtem Siz (wahrfcein: 
lich feinen eigenen zum täglichen Gebrauch), den er 
blos über feine vorige Stahlrüftung geworfen, die 
darunter bei jeder Bewegung bervorblickte, heraus 
Fam, und in diefem ergöglichen Coſtüme den Degen 
309, um die Rammerberren zu erftechen, die bei’m 
König ſchlafen. 

Es war nicht bemerfbar, daß dies irgend Jemand 
aufgefallen wäre. Freilich war die Theilnabme über: 
baupf eben fo gering, ale Lärm und Unfug fortwäh— 
rend andauernd, fo -daß man wirflich Faum begreift, 
wie fih fo ausgezeichnete Künftler bei einem fo un: 
gezogenen, indifferenten und unwiffenden Publifum 
bilden können, als fie bier faft immer vor fich ba: 
ben, denn wie ich Dir ſchon fagte, das englifche Thea: 
ter ift nicht fafbionable, und die fogenannte gute Ge: 
feltfichaft befucht es faft nie Das einzige Vortheil— 
bafte dabei für die Schaufpieler ift: fie werden nicht 
verwöhnt — ein Umftand, deffen Gegentheil fie in 
Deutfchland gänzlich verdurben zu haben fcheint. 

Nah dem Macbeth wurde noch der Freifhüs an 
demfelben Abend aufgeführt. Auch Weber wie Mozart 
muß es fich gefallen laffen, mit Verfürzungen und Zu: 
fäsen von Herrn Bifchoff bearbeitet zu werden. Es 
ift ein wahrer Jammer, und nicht allein der Mufif, 
felbft der Fabel des Stücks ift ihr ganzer Charafter 
benommen. Nicht Agatheng Liebhaber, fondern der 
Schügenfünig Fümmt in die Wolfsſchlucht und fingt 


264 


auch Caſpars beliebtes Lied. Der Teufel, in langen 
rotben Gewändern, tanzt zuletzt einen fürmlichen 
Shawltanz, ebe er mit Gafpar in feiner Hölle zur 
Ruhe fümmt, welche letztere durch feurige Wafferfälte, 
rotbe Couliſſen und übereinander liegende. Gerippe 
febr anmutbig verfinnlicht wird. | 5 

Hier fällt nun jeder Vergleich mit Deutfchland ganz 

zu unferm Vortheil aus, fo fehr wir bei der Tra— 
gödie verlieren. Sch wünfchte aber, e8 wäre umge: 
febrt. 


Den 2ten Dezember, 


Ich fehrieb Dir neulich, daß ich mich wohler bes ' 
finde, und feit diefer Zeit bin ich immer unwohl. 
Man muß nie etwas verrufen, wie die alten Weiber 
fagen, denn, wie W. Scoft hinzufest: Dinge anzu: 
fündigen , die noch) nicht ganz ficher find, bringt Un: 
glück. Dies Leste babe ich in der That ſehr oft er: 
fahren. Was aber meine Sefundheit betrifft, fo ift 
fie fo Fauderwelfch als mein ganzes Wefen, und da 
ih einmal im Citiren begriffen bin, laß mich Dir 
eine kurze Stelle aus einem bier ſehr beliebten medi— 
zinifchen Buche abfchreiben, die auch außer ung gar - 
vielen Naturen unfrer Zeit über ſich felbft Aufſchluß 
geben kann. Höre: 

„Eine Art Zndividuen, ohne im Allgemeinen ſchwach 
zu feyn, werden doc) von der Wiege bis zum Grabe 


265 


ftet8 das feyn, wag man nerveug nennt; dad 
beißt, fie mögen von Natur feft und gut gebildet 
feyn, fo weit ale das Grundwerf der Mafchine gebt; 
fie mögen ein ftarfes und dichtes Knochengebäude 
baben, und von ausgedehnten Verhältniſſen, fie mö— 
gen ein cben fo ftarfeg Muskelſyſtem beſitzen, vie 
Gireulation des Blutes und die abforbirenden Organe 
energifch feyn, und dennoch werden fie in einem 
Punkte immer fhwächlich genannt werden müffen, 
namlih die Organe, welche von der Natur beftimmet 
find, die Eindrüde des Gefühls und Empfindend 
weiter zu befördern, werden fo befchaffen feyn, daß 
fie mit Blitzesſchnelle durch die leichteſte Irritations- 
Urſache in einen unordentlichen Zuſtand übergehen, 
zu einer Zeit krankhaft reizbar ſind, zu einer andern 
in eine Art Gefühlloſigkeit verfallen, und nie ganz 
den Fon und Stärke erlangen, welche zu einer feſten 
und regelmäßigen Erfüllung ihrer Sunftionen erfor: 
dert werden.“ 

Das Fünnen wir nun nicht ändern, aber dagegen 
arbeiten Fünnen wir mannigfach, durch Blobachtung 
unſrer ſelbſt und durch. die Kraft des Willens. 

Aber nun fäbrt unfer Ärztlicher Freund eben fo er: 
götzlich als weife fo fort: 

»Der nerveufe Kranfe ift immer mit feinen Kla— 
gen fertig. Dem Freunde wird er hundert feltfame 
Seelenleiden mitzutbeilen, und fäglih neue Ent: 
deefungen an fich zu machen haben, dem Arzte aber 
bald von fonderbaren Schmerzen in den Augen, an 
allen Eden des Kopfes, Stichen und Eummen in 


256 


den Obren erzählen; dann vom Kopfe aus den gan: 
zem Rörper durchgehen, und bald im Leibe, bald im 
Rücken, bald in den Beinen über Leiden Flagen. 
Nachdem er feinen Arzt mit dem Catalog feiner Krank: 
beiten, deren Grund, Symptome und Folgen, eine 
balbe Stunde Foftbarer Zeit geraubt hat, wird er 
ihn wohl noch einmal zurücdrufen, um noch genauer 
zu fragen! was und wie viel er effen und frinfen 
kann, da er grade jetzt etwas Appetit fühle, oder wie 
er fih, warn oder fühl, anzuzieben babe? Der be: 
rübmfe Doftor Baillie, der fo befchäftige war, daß 
er, wie er felbft fagte, einen Arbeitstag von fieben= 
zehn Stunden buffe, ſchwebte im wahrer Furcht vor 
nerveufen vornehmen Patienfen. Während er einft, 
auf die Folferbanf gefpannt, die endlofe Profa einer 
Dame von folcher Befchaffenbeit anbören mußte, die 
fo wenig wirflich Frank war, daß fie im Begriff ftand, 
denfelben Abend in die Oper zu fahren — gelang e8 
ibn endlih, durch die Ankunft eines Dritten unbe: 
merkt zu entwifchen. Aber Faum hatte der Bediente 
den Wagenfchlag aufgemacht, als die Kammerjungfer 
auffer Athem berunterftürzte, um den Herrn Doftor 
dringend zu erfuchen, nur noch einen Augenblick wies 
der beraufsufommen. Seufzend erfchien er. O befter 
Doffor, rief die Dame, ich wollte nur willen, ob.ich 
wohl heute Abend, wenn ich aus der Oper zurück— 
fomme, Auftern effen darf? Ja Madame, fehrie der. 
enfrüftefe Wesculap, Schalen und Alles.“ 

„Es ift ſeltſam, daß nerveufe Perfonen, die, fo 
lange diefe Affeftion vorwalter, fo apprebenfiv find, 


267 


und jedes Fleine Uebel für böchft gefäbrlih anfehen 
und fürchten, in der Regel von dem Aupenblic an, 
wo fich bei ihnen ein wirfliches organifches Uebel 
bildet, ganz von felbft ihren Zuftand als leicht und 
unbedenklich anzufehen anfangen, und während fie 
vorber- den Arzt mit Hererzäblung aller Eymptome 
ibrer Uebel ermüderen, nun beinabe gezwungen wer: 
den müffen, ihm genügende Snformation zu geben, 
und anftaft ihn zurückzubalfen, eben fo frob als er 
ſelbſt fcheinen, wenn die Conferenz zu Ende ift. Eben 
fo gibe fih die Furcht; und ich babe Viele gefehen, 
die, nachdem fie früher Stunden Tang durch das 
Deffnen eines Fenfterd beunruhigt worden waren, die 
Ankündigung eines unvermeidlichen und nicht fernen 
Zodes mit der größten Seelenruhe anhörten. Viel 
tbut der Wille.“ 

„Der Dyepepfifer oder Nervenfchwace muß feft 
entfchloffen feyn, von jedem erften drobenden Gefüble 
von Unzufriedenheit und Trauer entweder durch Ber: 
ftreuung wegzulaufen oder es determinire zu be: 
Fämpfen Das Annähern der bypochondrifchen 
Muthloſigkeit Fann oft noch unterwegs zurückgedrängt 
werden, wenn man vom erften- Augenblid an es 
ernftlich verfuche. Ich will gut feyn, fagt das. Kind, 
wenn eg die Ruthe im Begriff liebt, ibm den Willen 
zum Guten zu geben — und ich will heiter feyn, 
muß der Dyspepſiker fagen, wenn ibm die fchlimmere 
Ruthe der Hypochondrie droht. E8 ift ohne Zweifel 
leichter zu rathen als zu thun, vorzufchreiben ala zu 
folgen; aber das weiß ich aus eigner Erfahrung 


268 


(denn auch Aerzte find bypochondrifch) daß, ebe noch 
die Gewohnheit eines feigen und fragen Unterwerfeng 
unfer folche Gefühle unbeliegbar geworden ift, ein 
frifcber, und ich möchte fagen gewiſſenhafter Ent: 
fhluß die anrücenden Uebel jener‘ vaporeufen : Be: 
drücfung gewaltfam zu zertbeilen — einen weitern 
Weg zu dieſem Bwece zurüctegen Fann. Possunt 
quia posse videntur. (Diejenigen.Fünnen, welde 
zu Fünnen glauben) Wir wollen demungeachtet 
nicht fo extravagant feyn, um zu fagen, daß eine 
Perfon, um gefund zu werden, es nur ernftlich zu 
wollen brauche: aber das find wir überzeugt, daß 
ein Menfch oft unter der Laft einer Indispoſition 
unferliegt, der mit einer geift= und muthvollen An: 
ftrengung fie abgeworfen haben würde. Die Lehre 
von der Umwiderftehlichfeit des Scickfald ift weder 
eine wahre noch nüsliche Lehre, und der Hypochonder 
forte bedenfew, daß wenn er zur Schwermutb_fagt: 
Künftig folft Du mein einziges Gut feyn, er nicht 
alfein fein eigene8 Schickſal feftftellt, fon: 
dern auch das derer, die ibn lieben, mehr 
oder weniger mit beftimme.“ 

„Melancholie bat überdem etwas Moetifches und 
Sentimentales in fich, welches ihr bei allem Schmerz 
einen gewilfen Reiz gibt — doch wenn es von allem 
außern Schmuck völlig entblößt, und in feiner Nackt: 
beit dargeftellt wird, bleibt am Ende nicht viel mehr 
übrig ald Stolz, Eigennuß, und vor allen Trägbeit. 
Sch fann mir Fein fchöneres Schaufpiel denfen, als 
dag eines Wefeng , deſſen conſtitutionelle Verfaſſung 


259 


es zum Melanchofifchen binneigt, und, dag mit feinem 
Temperament berzbaft Fämpfend, durch Willenskraft 
fich zwingt, Theil an der Heiterfeit der es umgeben: 
den Welt und der wechfelnden Ecenen des gefell: 
- ‚fchaftlichen Lebens zu nehmen. In diefem Fall behält 
es allen Reiz der Melancholie ohne feine Qual.“ 

Iſt das nicht fehr fehön und einfeuchtend? und 
wird e8.Dich nicht eben fo befehren, als e8 mich in 
meiner Befehrung beftärft bat? Zch hoffe, Du wirſt 
mir bei der nächften bypochondrifhen Anwandflung 
antworten: Lieber Freund, bitte, Fein Wort weiter, 
ich will heiter feyn. 

Du wunderft Dich gewiß, daß ich in diefer undanf: 
baren Jahreszeit noch immer in London verweile, 
aber Lady R.... ift noch bier — überdem babe ich 
mich in das einfame Feben eingerichtet, das blog von 
dem Lärm der Heinen Heerde Pusmacherinnen im Haufe 
manchmal unterbrochen wird, das Theater bat auch 
angefangen, mich zu inferefjiren, und die Sriedlichfeit 
dieſes Stilllebens bekömmt mir wohl nach dem frühern 
trouble. Es ift wirftich fo ftill, daß, gleich dem be: 
rübmeten Gefangenen in der Baftille, ich feit Kurzem 
eine Liaison mit einer Maus begonnen babe, ein 
alterfiebftes Feines Thierchen, und ohne Zweifel eine 
verwünfchte Lady, die, wenn ich arbeite, ſchüchtern 
bervorfchleicht, mich von weitem mit ihren Aeuglein, 
gleich blinfenden Sternchen, anblickt, immer zahmer 
wird, und angelockt durch Kuchenſtückchen, die ihr 
jeden Tag ſechs Zoll entfernter von ihrer Refidenz in 
der rechten Stubenedfe hingelegt werden — eben jebt 


270 


ein folches mit vieler” Grazie verzehrt hat, und ich 
nun unbefangen in der Stube umbertummelt. Aber 
was böre ich! Unaufhörliches lautes Gefchrei auf der 
Etraße! Mein Mäuschen floh bereit! beftürzt in 
feinen Winkel. 

Was gibt's, frage ih, welcher abfcheuliche Laͤrm? 
„der Krieg ift erflärt — ein Ertrablatt wird auf der 
Etraße ausgerufen.“ Mit wen? „I dont know.“ 

Das ift einer der Snduftrieziweige der armen Teu— 
fl in London. Wenn fte nichts anderes ausdenfen 
fünnen, fo fchreien fie eine große Neuigfeit aus, und 
verkaufen den Neugierigen ein altes Zeitungsblatt : 
für einen halben Schilling. Man ergreift es haftig, 
verftebt es nicht recht, ftebf nach dem Datum, und 
lacht, daß man angeführt wurde. 

Die es mir immer gebt, wenn ich allein lebe, bin 
ich leider wieder fo fehr in das Tag in Nacht verfebz: _ 
ven gefommen, daß ich in der Regel erft um 4 Ubr 
Nachmittags frübftücke, um 10 oder 11 Uhr nad) dem 
Theater zu Mittag eſſe, und des Nachts fpazieren 
gebe und reite. Es ift auch gewöhnlich -in der Nacht 
jest nicht nur fehöner, fondern, mirabile dietu, auch 
beiler. Am Tage deden Nebel die Stadt fo, daß 
man Licht und Laternen, felbft wenn fie um Mittag. 
brennen, nicht ſieht, in der Nacht aber funfeln letz— 
tere fo hell wie Edelfteine, und überdem fcheint noch 
der Mond fo klar wie in Stalien. Als ich beim geftris 
gen Nachtritt auf der breiten Straße einfam dahin— 
gallopirte, zogen auch über mir mit gleicher Schnelle 
weiße und rabenſchwarze Wolfen, wie feine durchs 


14 


271 


fihtige Schleier über den Monk bin, und gewährten 
lange ein eigentbümlicheg, wildes und reizendes Schau: 
jpiel! Unten war die Luft ganz ftit und warm, denn 
nach der Testen Kälte haben wir wahres Frühlings: 
wetter. | 

Aufer 8. und den Statiſten der Clubs febe ich 
jebt wenig andere Perfonen als den Fürften P., dem 
man bier viel Hochmuth und Schroffheit vorwirft, 
und von dem man fich überdieg in's Ohr raunt, daß- 
er ein wahrer Blaubart fey, der feine arme Frau 
furchtbar behandelt, und ſechs Jahr im einem einfas 
men Waldfchloß eingefperrt babe, fo daß fie endlich, 
der Mißbandlungen müde, in die Scheidung von ihm 
babe willigen müſſen. Was fagft Du, gute Julie, 
zu diefem traurigen Schickſal Deiner beften Freundin? 

Wie feltfam geftalsen fich doch zuweilen Gerüchte 
und Verläumdungen in der Welt! Wie wenig iſt 
man im Stande vorherzufehen, welche unbegreiflich 
beterogene Folgen die Handlungen der Menfchen ba: 
ben, welche ganz -unerwartete Klippen die Leben: 
reife gefabrvoll machen werden — ja in der moralis 
fchen wie in der materiellen Welt ſieht man nur zu 
oft da, wo Waizen gefäet wurde, Unkraut aufgeben, 
und dem hingeworfenen Mift Blumen und duftige 
Kräuter enffprießen! 

Deinen langen Brief babe ich erhalten, und fage 
dafür den berzlichften Dank, Verdenke ed mir aber 
nicht, daß ich fo felten Einzelnes beantworte, ge: 
willermaßen den Empfang jeder Stelle quittire, wel: 
che Unterfaffung Du mir fo oft vorwirfft, Deshalb 


272 


gebt doch gewiß Fein Wort bei mir verloren. Denfe 
nur, daß man der Roſe Feine andere Antwort auf 
ihren föftlichen Duft gibt, al8 daß man ihn mit Wohl: 
behagen einatbmet. Sie einzeln zu zerpflüden würde 
den Genuß nicht vermehren. Webrigend bedaure ich, 
jet felbft zu wenig Stimmung und zu wenig Stoff 
zu haben, um Dir gleiche Roſen zuzufenden. Die 
Wand ift ſo kahl vor mir wie ein weißes Tuch, und 
feine Art von ombre chinoise will noch darauf er: 
ſcheinen. 


Woolmers, den Alten. 


Sir ©. O., früher engliſcher Geſandter in Perſien, 
hatte mich auf ſein Landgut eingeladen, und da es 
fo nabe iſt, und einige Abwechslung verſprach, fuhr 
ich geitern dahin. 


Bei Nacht und Regen kam ich fpat an, und mußte 
fogleich Toilette machen, um zu einem Ball bei Lady 
Salisbury nad Hatfield zu fabren, den diefe dort 
auf ihrem Schlofe an einem beftimmten Tage jeder 
Woche für die Umgegend gibt, fo lange fie auf dem 
Rande ift. Das Brfuchen deffelben wird daher wie 
. eine Art Viſite angefehen, und Feine Einladung dazu 


> 


ertbeitt. Sir &. nahm feine ganze Gefellfchafe mit, 


unter der fich auffer feiner Familie auch Lord Strange 
ford, der befannte Ambaſſadeur in Conftantinopel, 
befand. 


273 


Du erinnerft Dih, daß ich auf meiner frübern Er: 
eurfion nach dem Norden "Hatfield nur en passant 
von außen ſah. Seht fand ich auch dag Innere eben 
To impofant und refpeftabel durch feine Alterthiim: 
lichkeit, ald8 das Aeußere. Man frift zuerft in eine 
febr große Halle mit Kabnen und Rüftungen, wan— 
delt dann eine feltfame hölzerne Treppe hinauf, mit. 
Figuren von Affen, Hunden, Mönchen 2c., und ger 
langt von bier in eine lange, etwas fchmale Gaterie, 
in der heute getanzt wurde. Die Wände derfelben 
find aus alfer eichener Boiferie, mit altoäterifchen 
filbernen MWandleuchtern, gotbifhen Stühlen und 
rotben Nouleaus verziert. An einem Ende Diefer, 
wobl 130 Fuß fangen Galerie ift eine Bibliothek, und 
am andern Ende ein prachtvolles faalarkiges Zimmer, 
mit tief berabbängenden mefalfenen Verzierungen an 
den Caiffons der Decke, und einem haushohen Kamin, 
durch die Bronce Statue des Könige Jakob gefrönr. 
Die Wände find mit weißem Atlas befleidet, Vor— 
bänge, Stühle, Sopha's in Cramoiſi, Sammt und 
Sol. Dies Local war recht fhön, der Ball indeg 
ziemlich todt, die Geſellſchaft gar zu ländlih, Ers 
frifhungen Feinegwegs im Weberfluß, und das Soupé 
nur aus einem magern Büffet beſtehend. Um 2 Uhr 
war Alle® aus, und ich ſehr froh, es überftanden 
zu haben, da ich mich müde und ennuyirt nach Ruhe 
ſehnte. 


Als ich am andern Morgen ziemlich ſpät aufgefſtan— 
den, und faft zu fpät bei'm Frühſtück erfchienen war, 


Briefe eines Derflorbeum. IV, 18 


274 


das hier etwas zeitig eingenommen wird, ergötzte ich 
mid) an den vielen perfifchen Merkwürdigkeiten, welche 
die Salons zieren. Sehr auffallend war mir ein 
prachfvolles Manufeript mit Miniaturen, deren Far— 
benpracht felbft die beften Sachen diefer Art aus dem 
europdifchen Mittelalter übertrifft, und die in der 
Zeichnung oft richtiger find. Das Buch enthält die 
SGefchichte der Familie Tamerlans, und fol in Per: 
fien zweitaufend 8. St. gefoftet haben. Es iſt ein 
Präſent des Schade. 


Mit Eoftbaren Metallen eingilegte Thüren, So— 
pha's und Teppiche aus eigentbümtihen Sammt— 
zeugen mir Gold und Silber durhmwürft, vor allem 
aber eine goldne Schüſſel mit dem volfommenften 
bunten Email incruftirt, und mehrere Außerft künſt— 
Lich gearbeifete Bijvur zeigen, daß die Perfer, wenn 
fie ung in Vielem nachfteben, ung auch in Manchem 
ſehr übertreffen. | , 


Das Wetter batte fih ein wenig aufgeheitert, und 
lockte mich zu einem einſamen Spaziergang. Herr: 
lihe Bäume, ein Feiner Fluß und ein Mäldchen, 
defien Boden und Bäume mit Schlingfraut ganz 
bededt waren, und in deffen dichten Schatten eine 
merfiwürdige Duelle entfpringt, die mit Gewalt aus 
der Erde Eingeweiden bervorfprudelnd, fünfhundert 
Kannen in der Sefunde dem Fluſſe zuführt, waren 
die Hauptzierden des Parks. Als ich zurückkam, war 
ed 2. Uhr, die Stunde des Luncdheon, worauf mir Sir 


J | 
* 275 
Gore ſeine arabiſchen Pferde producirte, von denen 
ſchnell einige zu einem Spazierritt geſattelt wurden. 
Der Reitknecht hatte wäbrend deſſelben nichts zu thun 
als unaufhörlich ab- und aufzuſteigen, um die Thore 
zu Öffnen, die überall den Weg verfperrten, wie es 
in den englifchen Parfd, und noch mehr in den Fel— 
dern der Falk ift, was das Spazierenreiten, außer den: 
großen Landftraßen, etwas unbequem werden läßt. 
Abends wurde Muſik gemacht, wobei fich die Tochter 
vom Haufe und Miſtriß 5... ale vortreffliche Kla— 
vierfpielerinnen augwiefen. Das Auditorium war in: 
deffen ganz ungenirt, und man ging und Fam, fprach 
oder hörte auf die Muſik, wie man Luft hatte. Nach: 
ber, als die Lady's zur Toilette auf ihr Zimmer ge: 
gangen waren, “erzählte ung Sir ®.. und Lord 
Strangford Gefchichten aus dem Drient, ein Theme, 
was nie ermüdend für mich ift. Beide find große 
Partifang der Türken, und Lord Strangford lobte 
den Sultan ald einen ſehr aufgeflärfen Mann. Er 
felbft fey, fagte er, vielleicht der erfte von allen chriftz 
fihen ©efandte, der mehrere Privatunferredungen 
mit dem Großherrn gehabt, wobei jedoch ftetd eine 
fonderbare Eriquette beobachtet worden  fey. Der 
Sultan babe ihn nämlich im Garten des Seraild in 
der Kleidung eines Dffiziers feiner Reibiwache empfan— 
gen, und dabei immer vom Gultan im Charafter fei: 
ner Rolle mit der größten Ehrfurcht in der dritten 
Perſon gefprochen, wobei Lord Strangford es nicht 
blicken laffen durfte, daß er ihn Eenne, Der Lord 
verficherfe, daß der türkiſche Kaifer Rußland -beffer 


18% 


276 


und-genauer fenne, als gar-viele europäifche Polis 
tifer, und daber gewiß fehr wohl wiffe, was er uns 
ternebme *). ) 

Nah dem Dine, das auch einige vrientalifche 
Schüffeln enthielt, und bei dem ich zum erfienmal 
ächten Shirad frank (beiläufig gefagt, Fein angeneh— 
mer Wein, der nach den Bodsfchläuchen riecht), 
wurde wieder muſicirt und Fleine Werftandegfpiele 
gefpielt, welche indeß nicht beſonders reuffirten, wes— 
balb denn auch bei guter Zeit jeder feinen Hand: 
feuchter ergriff, um zu Bett zu geben, 


Den 12ten, 


Sc bube von der arabifchen Zucht meines Wirths 
einen rabenfhwarzen Wildfang gefauft, den länger 
probiren zu fünnen, wir ‚heut früh einen Bejuch bei 
Lady Cooper in der Nachbarfchaft machten. Ihr 
Schloß und Park Panſanger ift ſehr febenswerth, 
befonders die Gemäldegallerie, welche zwei Madon— 
nen Rapbaeld aus feiner frühern Zeit enthält, auch 
ein ausgezeichnet fehönes Bild des Marſchalls Tu: 
renne zu Pferd von Rembrandt. Lady Cooper em: 
pfing und in ihrem Boudoir, dag unmiftelbar in eis 
nen, felbft jest noch reizenden und vortrefflich gebal: 
tenen, Blumengarten führte, an den fich auf der 
andern Seite wiederum Gewächshäuſer, und eine 


*) Wenn man nah dem Erfolg urtbeilen darf, fo hat fi 
diefe Meinung eben nicht beftätigt, A. 


277 


Dairy in Tempelform anfchloß, in deren Mitte Del: 
pbine von Bronce ibr Fühles Waffer ergoffen. 

Panſanger ift durch die größte Eiche in England 
berühmt, die den pleasure ground ziert. Sie bat 
zwei Ellen über dem Grunde noch 191/72 Zuß im Um— 
fang, und ift dabei fehr hoch und fehlanf gewachien, 
obngeachtet ihre Uefte fich auf allen Seiten ausbrei— 
ten. In Deutfchland haben wir größere Bäume die: 
fer Art. 


Um die Gegend noch mehr zu recognofeiren, mach— 
ten wir nachher einen zweiten Beſuch in Hatfield, 
bei welcher Gelegenheit ich Diefed genauer als früher 
mufterte, 


Daß ganze Schloß nebft Kühe und Waſchbaus 
‚wird durh eine Dampfmafchine gebeizt, ein Ofen, 
der dem grandiöfen Ganzen angemeflen ift. Die 
Marquife Douairiere, die rüftigfte Dame ihres Al: 
ters in England, führte ung Treyp auf Trepp ab 
in alten Winkeln umber. Sm der Kapelle fanden wir 
vor£treffliche alte Glaggemälde, die man in Cromwells 
Zeit vergraben batfe, welchem Umftand fie ibre Net: 
fung verdanften, als die verrückten Bilderftürmer alle 
gemalten Kirchenfenfter zertrümmerten. In einer der 
Stuben befand fih ein febr gutes Bild Carl XIL, 
diefe8 Don Quixotte en grand, der obne Pultawa viel: 
leicht ein zweiter Alerander geworden wäre, 

Sn den jebigen Ställen Hatfielde, dem ehemaligen 
Schlofe, faß Elifaberb unter der Regierung Maria’s 
defangen. Die Königin ließ auf einem Giebel, ihrem 


278 


Fenfter gegenüber, eine’ fehr bobe, ſpitzige Feuereſſe 
. mit einer eifernen Stange errichten, und der Gefan: 
genen infinuiren: dieſe Stange fey beftimmt, um 
ihren Kopf darauf zu ſtecken. “So erzählte ung die 
Marguife Die Effe ftebt noch, und ift jent dick mit 
Epheu überwachfen, Eliſabeth aber baute, um fi 
an dem wobhltbuenden Contraft fpäterer Sabre zu 
weiden, den neuen Palalt daneben, aus dem fie den 
drohenden Rauchfchlund nun mit befferer Gemüths— 
rube betrachten Fonnte. An Kunftgegenftänden. ift 
das Schloß arm, der Park nur reich an großen Eis 
chenalleen und Krähen, fonft öde und ohne Wafler, 
ausgenommen eine häßliche, grün überzogne Pfüse 
nabe am Schloß. | 


| Den 1äten, 

Sn dem Haufe meined Wirths befindet fih eme 
.eigentbümliche Bildergallerie, nämlich eine perfiiche, 
die wenigſtens ziemfich barocke Dinge enthalt. Die 
Portraite des Schachs und feined Sohnes Abbas 
Mirza find dag Sintereffantefte darin. Die gelbe mit 
Edelfteinen aller Art bededte Tracht des Schachs 
und fein enormer fchwarzer Bart, vepräfentiren dies 
fen Sohn des Himmele und der Sonne nicht übel. 
Sein Sohn aber übertrifft ihn an Schönheit der 
Züge. Dagegen ift das Coſtume deffelben faft- zu 
einfach, und auch die fpite Schafmüse nicht wohl: 
befommend. Der lebte perfiihe Gefandte in Enge 


* 


279 


land beſchließt das Kleeblatt. Died war ein ſehr 
hübſcher Mann, der ſich in die europäifchen Sitten 
ſo gut fand, daß er von den Engländern wie ein 
wahrer Lovelace geſchildert wird. Zu Hauſe ange— 
kommen, ſoll er ſich überdem keineswegs discret ge— 
zeigt, ſondern manche vornehme engliſche Dame von 
dort her ſehr boshaft compromittirt haben. 


Einige angezogene Puppen in demſelben Local gaben 
uns eine treue Idee des ſchönen Geſchlechts in Per— 
ſien, mit langen, roth oder blau gefärbfen Haaren, 
gewölbten und gemalfen Augenbraunen, fehmachtend 
feurigen, großen Augen, allertiebften Gaze-Pantalons 
und Goldringen um die Fußknöchel. 


Lady O. erzählte ung dazu viele intereſſante Harem: 
Details, die ich Dir mündlich mittheilen werde, denn 
ih muß doch Einiges auch dafür aufbewahren. 


Manches fcheint in Perfien ganz angenehm, man: 
ches nichts weniger, fo unter andern die Scorpione 
und Inſekten. Einmal froh Lady O., während fie 
auf dem Diwan lag, eine Schlange am Naden her: 
unfer in die Kleider, die fie nur durch ſchnelle Ent: 
fernung der ganzen Toilette loswerden konnte. 


So etwas gefhieht ung doch nicht leicht in unfrer 
slimatifhen Mitteltemperatur. Sie fey daher gepriefen, 
und ale Zufriedene darin, zu denen ich berziich 
wünfche uns Beide immer zählten zu dürfen. 


Ein und zwanzigfter rief. 


London, den 16. December 1827, 
Liebe Sulie ! 

Nachdem ich, ein Gedicht in das M...fhe Haus— 
ftammbuch gefchrieben , in welchem ed von arabifchen 
Roffen und Timurs Herrlichkeit, Cecil, Elifabetb, und 
Teherans weißen Schönen 2. wimmelte, verlich ich 
geftern meine freundlichen Wirfhe, um nach London _ 
zurüczufehren. Noch an demfelben Abend meiner 
Anfunfe führte mih 8. zu einem. fonderbaren 
Schaufpiel. 

In einer, eine gute deuffche Meile entlegenen Vor: 
ftadt, nabm ung eine Art Scheuer auf, ſchmutzig, 
ohne andere Dede ald dag rohe Dach, durch welches 
bie und da der Mondfeein blickte. Sn der Mitte 
befand ſich ein, obngefähr ı2 Fuß im Quadrat bale 
tender, mit dichten Holzbrüftungen eingefaßter und 
gedielter Platz, umgeben von einer Gallerie voll ger 












































—— — 
— nn nr nt = = 





# 281 
meinen Volks und gefährlih ausſebender Sefichter 
beiderlei Geſchlechts. Eine Hühnerfteige führte böber 
binauf zu einer zweiten Gallerie, für Honoratioren 
beftimmt, welche pro Sitz mit drei Schillingen bezablf 
wurde. Seltfam contraftirte mit diefem Aeußern ein 
an den Balken des Dachſtuhls bängender Eryftall: 
Luſtre mit 30 dien Wachsferzen beftect, und einige 
Kafbionableg über dem höchſt gemeinen Wolf, wels 
ches leßtere übrigens fortwährend Metten von 20—50 
2. St. ausbot und annahm. Der. Gegenftand ber: 
felben war ein fchöner Zerrier, der bochberübmte 
Billy, welcher hundert Tebendige Nagen in 10 Minu: 
fen todt zu beißen fich anbeifchig machte. Noch war 
die Arena leer — und es barrte mit bangem, mit 
ſchrecklichem Meilen — wäbrend auf der untern 
Gallerie große Bierfrüge als Erfrifhung von Mund 
zu Mund gingen, und dichter Cigarrenrauch empor: 
wirbelte. Jetzt ‚endlich! erfchien ein flarfer Mann, 
einen Sad tragend, der einem Kartoffelfade gli, 
in der Zbat aber die hundert lebendigen Naben ents 
bielt , denen er, dur Löfung des Knotens, auf eins 
‚mal die Freiheit gab, fie über den ganzen Platz bin: 
fäete, und während ihres Herumtummelng fchleunigft 
feinen Rüdzug in eine Ede nahm. Auf ein gege: 
beneg, Zeichen ftürzte nun Billy herein, und begann 
mit unglaublicher Wuth fein mörderifches Geſchaft. 
Sobald eine Nabe leblos dalag, nahm fie der ibm 
folgende Knecht Ruprecht wieder auf und ftecte fie 
in den Sad, wobei wohl manche blog obnmäcdhtige 
mit unterlaufen mochte, ja vielleicht gab es alte 


282 


Praftifer darunter, die fih von Haufe aus todt ſtell— 
ten: Kurz Billy gewann in 9%, Minuten, nad Auge 
weis aler gezogenen Uhren, in welcher Zeit ſämmt— 
liche 100 Leichname und Scheintodte fich ſchon wieder 
im Sade befanden. 


Dies war der erfte Akt. Im zweiten Fänpfte Billy 
von neuem, ſtets unter großem Beifalldgefchrei des 
Publikums, mit einem Dachs. Jeder der Kämpfer 
hatte einen Sefundanten, der ibn beim Schwanze 
bie. Es wurde nur ein Biß oder Paden erlaubt, 
dann beide auseinander geriffen, und gleich wieder 
zugelaffen, wobei Billy indeg immer den Voitheil 
batte, und des armen Dachſes Ohren von Blute 
frieften. Auch bier mußte Billy in’ einer gewiffen 
Anzahl Minuten, ich weiß nicht mehr wie vielmal, 
den Dachs feftgepact haben, was er ebenfalls gläns 
zend durchführte, zuletzt aber doch fehr erfchöpft abzog. 


Das Schaufpiel endigte mit Bearbiting, worin der 
Bär einige Hunde übel zurichtefe, und ſelbſt wenig 
zu leiden ſchien. Man ſah im Ganzen, daß den 
Entrepreneurs ihre Thiere zu koſtbar waren , um fie 
ganz ernftlich zu erponiren, daher ich auch fhon im 
Anfang, felbft die Naben, als eines verborgenen 
Künftlertalents verdächtig , angegeben habe. 


Sn demfelben Lofal werden einige Monate fpäter 
auch die Hahnenfämpfe gehalten, wovon ich fpäter 
eine Befchreibung liefern werde. 


383 


Den tıftlen 


E83 gibt ohne Zweifel drei Naturen im Menſchen; 
eine Pflanzennafur, die fich begnügt zu vegetiren, 
eine t£bierifche, die zerftört, und eine geiftige, die 
ſchafft. Diele begnügen fi) mit der erftern, die Meie . 
ften nehmen noch die zweite in Anſpruch, und nicht 
allzuviele die dritte. Ich muß leider gefteben, daß 
meine biefige Lebensart mich nur in der erftgenann: 
ten Claffe verweilen läßt, was mich oft fehr unbe: 
friedigt ftimmet, but 1 can’t help it. 

Du baft wohl ehemals von dem englifchen Noscius 
gehört? ein neues Wundermännchen diefer Art if 
aufgefrefen, und die Reife feines frübzeitigen Ta— 
lents ift in der That böchft auffallend. Mafter Burfe, 
fo wird der. zebnjährige Knabe genannt, fpielte im 
Surrey: Theater bei vollem Haufe 5 — 6 fehr ver— 
fchiedene Rollen mit einer Laune, fcheinbaren Büh— 
- nenerfahrung, Aplomb, Bolubitität der Sprache, 
treuem Gedächtniß, und gelenfigev Gewandtheit ſei— 
ner Fleinen. Perfon, die in Erftaunen feben. Was 
mic aber am. meiften frappirte, war, daß er in eis 
nem Vorſpiel feine natürliche Role, nämlich die ei— 
nes Jungens von 10 Fahren, ebenfalls mit fo un: 
gemeiner Wahrheit gab, daß diefe Achte Naivität dare 
‚geftellter Kindtichfeit, nur Snfpiration des Genies, 
ohnmöglich Nefultat der Neflection bei einem folchen 
Knaben feyn konnte. Er begann die nachfolgenden 
Charaktere mit der Rolle eines italienifhen Muſik— 


2384 

meiſters, in der er fich zugleich al8 wahrer Virtuoſe 
auf der Violine zeigte, und Dies nicht etwa blog in 
einigen eingelernten Sertigfeiten, fondern in dem gu: 
ten Geſchmack feines Spiel® und einer felten erreichs 
ten Fülle und Scönbeit des Tones. Man merkte 
es ſeinem ganzen Spiele an, daß er zum Muſiker 
geboren fey. Hierauf folgte die Darſtellung eines 
pedantifchen Gelehrten, dann eines roben Schiffsfapis 
täns u. f. w., alle Rollen vorzüglich gut ausgeführt, 
und befonderd ganz vortrefflih und unbefangen im 
ftummen Spiel, woran fo viele fcheitern. Napoleon 
war die legte Rolle, die einzige, die mißlang, und ich 
möchte fagen, daß gerade dies Mißligen meinem Beier 
fall die Krone auffeste. Es ift ein Kennzeichen des 
wahren Genius, daß er im Erbärmlichen, Unpaffens 
den, Albernen felbft mit albern erfcheint, und die 
Rolle war die Quinteflenz des Abgeſchmackten. Im 
Leben ift es nicht andere. Macht 3. B. einen Leſſing 
zur Hoffihranze, oder Napoleon zum r..... Lieufes 
nanf, und Ihr werdet feben, wie ſchlecht beide ihre, 
Rollen ausfüllen. 

Ueberbaupt kommt ed nur darauf an, daß Jeder 
an feinem Plabe ftebe, fo wird auch Jeder etwas 
Vorzügliches entwickeln. So beftebt mein Genie 
3 DB. in einer fo zu fagen praftifch angewandten 
Phantaſie, die ich ftellen Fann wie eine Ubr, mit der 
ich nicht nur mich in jede wirkliche Lage fogleich zu: 
-rechtfinden, fondern mie der ich mich auch, fie ale 
Reizmittel gebraucend, in alle mögliche Abgründe 
zu werfen vermag, und wenn ich daran erfranfe, fie 


285 
zugleich wieder al® Heilmittel, durch ein erfundes 
nes Glück benugen fann. 

Iſt das nun die Kolge einer zufälligen phyſiſchen 
Organifation, oder ein Gewinn aus eigener Kraft 
Durch vielleicht hundert vorbergegangene Generatioe 
nen? Lebte diefed mein geiftiges Individuum fohon 
vorher in mit einander zufammenbängenden Formen 
und dauert es felbftitändig fort, oder verliert es fich 
nach jeder Blaſe, die die ewige Gäbrung ded Welt 
als aufwirft, wieder im Allgemeinen? Iſt, wie 
viele wollen, die Weltgefchichte, oder das, was in 
der Zeit ſich begibt, eben fo wie die Natur, oder 
das, was. im Raume eriftirk, nach feften Gefegen und 
Regeln einer leitenden Hand fchon in feinem ganzen 
Berlauf im Voraus beftimme, und endigt wie ein 
Drama im fogenannfen Sieg des Guten über dag 
Böfe, oder bilder die freie geiftige Kraft ihre Zukunft 
ih, in Allem unvorherbewußt, nur unfer der nothe 
wendigen Bedingung ihrer eignen Eriftenzmöglichkeit 
felbt aus? that is the question! Goviel indeſſen 
fcheint mir Far, daß wir bei Annahme der. erften 
Hypotheſe, man drehe ed wie man wolle, doch nur 
mehr oder weniger alle mit einander Fünftliche Pups 
pen find — nur bei der zweiten Vorausſetzung wahrs 
baft freie Geifter bleiben. Sch will eg nicht leugnen, 
ed ift etwas in mir, ein unbezwingliched Urgefühl, 
gleich dem innerften Bewußtfeyn meiner felbit, dad 
mich zu dem letztern Glauben hinzieht. Es ift Dies 
vielleicht der Teufel! Doch verführt er mich nicht fo 
weit, daß ich nicht mis innigfter höchſter Liebe einem 


236 

ung unfaßbaren Gotte unfern geheimnißvollen Ur— 
ſprung in Demuth verdanken will, aber eben weil 
eine göttliche Befruchtung uns bervorrief, müſſen wir 
von nun an auch ſelbſtſtändig in Gott fortieben. 
Höre, was Angelus Sileſius, der fromme Catholif, 
darüber ſagt: 

Soll ich mein letztes End’, und erften Anfang finden, 

So muß id) mid) in Bott, und Eott in mir ergründen, 


Und werden das, was er, ich muß vin Schein im Schein, 
Ich muß ein Wort im Wort, ein Gott im Gotte feyn, 


Eben deshalb ift mir auch jener Lehrfag unerfräg: 
ich: daß früber der Menfch böber geftanten und 
beffer gewefen, fih aber nach und nach verfchlecdh: 
tert babe, und nun wieder eben fo nach und nad, 
durch Sünde und Noch fich zur eriten Bollfommen: 
beit wieder durcharbeiten müſſe. Wie viel mehr allen 
Sefegen der Natur und des Seyns angemeſſen, wie 
viel mehr einer ewigen, böchften, über Alles walten: 
den Liebe und Gerechtigfeit enrfprechend, ift es ans 
zunehmen, - daß die Menſchheit (die ich überbaupf ale 
ein wahres Individuum, einen Körper, anfehe),. 
aus dem nothwendig unvollkommenern Anfang fort 
und fort einer ſtets weiter fchreitenden Vervollkomm— 
nung, einer böbern geiftigen Ausbildung aus eigner 
Kraft entgegengebt, oFgleih der Keim dazu dur 
die Liebe des Höchiten erfchaffend hineingelegt wurde. 
Das goldne Zeitalter der Menfhen, fage der Graf 
&t. Simon fehr richtig, ift nicht hinter ung, fondern 
vor und. Das Imfrige Fünnte man (mehr des Wol— 
end als des Vermögens wegen) das myſtiſche nen: 


2837 

nen. Aechte Myſtik ift num freifich  felfen, aber man 
muß es doch auch eine fehr vortheithafte Erfindung 
der Weltfiugen nennen, daß biefe der Abſurdität 
felbit ebenfalls einen Mantel von Zitularmyftif ums 
zubängen verflanden haben. Hinter diefen Vorhang 
gehört Leider dag Meiſte, 3. B. eben auch diefe Erb: 
fünde, wie fie unfre modernen Myſtiker zu nennen 
belieben. 

Vor eingen Fahren befand ich mic einmal im ei: 
ner geiftreichen Gefelfchaft, die jedoch an Zahl ge: 
ring, nur aus einer Dame und zwei Herren beftand., 
Dean ftritt auch über die Erbfünde Die Dame und 
ich. erklärten ung dagegen, die zwei Herren dafür, 
wiewobl mehr vielleicht um eines geittigen Feuer: 
werfs ihrer Gedanfen willen , als aus Ueberzeugung. 
„Ja,“ fagten die Gegner endlich, „die Erbfiinde ift ger 
wiß eine Wahrheit, gleich der neuen. Charfe der 
Franzofen, ed war der Drang des Wiſſens, der fich 
Bahn machte. Diit feiner Befriedigung kam das Un: 
beit in die Welt, dag aber freilich auch nöthig war 
zu unferer Läuferung, zum eignen Berdienfte, 
dem einzig verdienftlichen.“ Auf diefe Weife, erwies 
dere ich, mich zu Meiner Mitftreiterin wendend, 
können wir es und gefallen laffen, denn eg. ift mit 
andern Worten unfre Meinung, ein Lernen, 
der nörhige Uebergang aus Unvollkommnem zu Beſſerem 
durd eigne- Erfahrung und Erfennmiß, Allerdings, 
fiel die Dame ein, nur follen Sie ed dann nicht 
Erbfünde nennen. „Gnädige Frau,“ erwiederte 
einer der Untagoniften, „über den Namen wollen 


288 


wir nicht ftreiten, wenn es Ihnen recht ift, nennen 
wir es fortan Erbadet.“. 


Nah allen diefen Grübeleien habe heute erfab: 
ren, daß die frivolſten Weltleute auch über ſich felbft 
nachdenfen. Ein Defterreicher von Stande, der fich 
feit einiger Zeit bier aufhält,  ertheilte mir folgenden 
Ratb praktifcher Phitofopbie, den ich ſeiner Driginae 
lität wegen wörtlich berfegen muß. 


„Nir id halt dümmer,“ fagfe er, „als fih um de 
Zufunft gräme! Schaun’d, als i hierher fam, war's 
grade Eommer, und die Seafon fchon vorbei. Nu 
bätt? en Andrer fich gegrämt, grad in fo fchledhter 
Zeit hberfommen zu feyn! aber i dacht, ’8 wird fich 
fihon binzieben, und richtig, 's bat fih big zum No: 
vember bingezugen! Unterdeffen bat mic der Eſter⸗ 
bazy uf8 Land genommen, wo i mich gar herrlich 
amiüfirt bab, und nu is noch a Monat fchlecht, dann 
wird’8 wieder full, die Bälle und die Routs gehn 
an, und i kann's nie mehr beffer wünfhen! Wär’ i 
nu nich a rechter Narr gewefen, mi zu gräme ohne 
Noth? hab i ni reht? Man muß in der Welt grad 
wie ne D.... leben und nimmer zuviel an die Zu: 
kunft denfen.“ 


Ich Fann annehmen, daß diefer praftifche Dann 
und ich ſehr verfchiedene Naturen find, fo wie mans 
cher Philoſoph vom Fache meine Grübeleien obnge— 
fahr eben fo wmitleidig, betrachten wird, als ich die 
des Defterreiherg; und doc kömmt dag Refultat 
am Ende, wie es fcheint, Teider bei Allen auf eins 


De. re 
| heraus! ungewiß bleibt blos, welcher der größte 


Thor unter ihnen iſt? Wahrfcheinlic der, welder 
fich für den Geſcheidteſten halt! 


— 
FASER 


Den 28ften. 


Sch habe die unangenebme Nachricht erhalten, daß 
nabe bei Helgoland das Schiff, mit dem ich Dir die 
gekauften Sämereien und Blumen fchickte, unferge: 
gangen ift, und nur wenige der Equipage gerettet 
wurden. Freund L. verliert auch einen großen Theil 
feiner Effekten dabei. Es ift das einzige Schiff, was 
diefes Jahr in jenen Gewäflern verloren ging, und 
bat ohnbezweifelt ſein Mißgeſchick dem Frevel zu 
verdanken, an einem Freitag abgefahren zu ſeyn. 
Du lachſt, aber mit dieſem Tage hat es eine beſondere 
Bewandtniß, und ich ſcheue ihn auch, da er in dem 
unerklärlichen verkörperten Bilde, das ſich meine 
Phantaſie von den Wochentagen unwillkührlich ge— 
ſchaffen hat, der einzige von rabenſchwarzer Farbe iſt. 
Vielleicht intereſſirt es Dich, bei dieſer Gelegenheit 
die Farbe der andern, als ein myſtiſches Räthſel zu 
erfahren. Der Sonntag iſt gelb, Montag blau, 
Dienftag braun, Mittwoch und Sonnabend ziegel: 
roth, Donnerftag afchgrau. Dabei haben alle diefe 
Zagindividuen einen felffamen und gewiffermaßen 
geiftigen Körper, d. 5. durchfichtig ohne beftimmte 
Form und Gränzen. 

Briefe eines DVerflorbenen, IV, ' 19 z 


290 


Doch um auf den Freitag zurückzufommen, fo er: 
zählte mir der. biefige amerifanifche Legationg : Se: 
erefair, neulich Folgendes davon. 

„Der Aberglaube, daß ‚Freitag ein übler Tag fey,“ 
fagte er, „bleibt bis zu diefer Stunde bei allen unfern 
Seeleuten mehr oder weniger eingewurzelf. Ein 
aufgeklärter Handelsmann in Connecticut bafte vor 
einigen Jahren den Wunfch, das Seinige beizufras 
gen, um einen Eindruck zu ſchwächen, der oft fehr 
unbequem wirft. Er veranlaßte daher, daß ein neues 
Schiff für ihn an einem Freitag zu bauen ange: 
fangen wurde. An einem Freitag ließ er es vom 
Stayel laufen, gab ibm den Namen Freitag, und 
auf feinen Befehl begann die erſte Neife gleichfalls an 
einem Freitag. Angrückticherweife für den Erfolg 
dieſes fo-wohlgemeinten Experiments, bat man von 
Schiff und Mannfihaft nie wieder das Mindefte 
gehört.“ — 

Seftern erhielt ich Deinen Brief. 

Daß Dein Evelftein, wie Du ibn liebreih nennſt, 
von Vielen in der Weit nicht nur überfehben, fonz 
dern oft fogar gern in die Erde getrefen werden 
möchte, kömmt febr natürlich daber, weil er im 
Grunde nur an wenig Stellen gefchliffen wurde, und 
ſtrahlt nicht durch Zufall grade eine folhe dem Vor—⸗ 
übergebenden entgegen, fo wird er comme de rai- 
son den gemeinen SKiefeln gleich geachtet, und wo 
eine hervorragende Spige verwundet, wo möglich 
eingetreten. Nur bie und da fchäst ihn jedoch ein 
Kenner, und der Befiser — der überfchägt ihn. 


291 


Die Schilderung der englifchen Familie M. in B. 
bat mich lachen gemacht, und die Originale zu diefen 
Portraits find in der großen Welt bier ſehr haufig, 
je die TZournüre der Damen im Allgemeinen, und 
mit feltnen Ausnabmen, ift eben fo fhlecht als die, 
welche Du in B. gefeben — aber lang befeßner und 
ungemefner Neichtbum, alte biftorifhe Namen und 
ftrenge Zurückhaltung geben doch Diefer ariftofratifchen 
Geſellſchaft etwas Impoſantes, namentlich für einen 
norddeuftfchen Edelmann, der fo wenig iſt! 


Die Heinen Unglücksfälle, welhe Du mir mefdeft, 
nimm nicht zu. Herzen. Was find ſie anders als 
unbedeutende Wölfchen, fo lange die Sonne 
des Geiftes Elar in unferm innern Dim: 
mel ſcheint! Uebrigens folteft Du’ mehr Zer: 
ftreuung auffuhen» Geb auch zu W, zu H., zu 8. 
Man muß die Leufe nicht blog ſehen, wenn man ib: 
rer bedarf, fte glauben fonjt nicht, daß man fie liebt 
und fchägt, fondern nar, daß man fte braucht ; und 
doch wäre e8 gut, wenn eben diefe drei ung ing 
Herz fehen Fünnten. Gie würden ung mebr lieben 
fernen als durch Worte und Piftten. Den Park be: 
treffend haft Du, fürchte ich, wie ein araufamer Ty— 
ann, erhabne Greife mis Faltem Bluͤte gemordet. 
Dreibundertjäbrige Linden fielen alfo, wie unwill: 
kührliche Märtyrer, einer hellern Ausſicht zum Opfer ? 
Das ift allerdings zeitgemäß — von nun an gebe 
ich Div jedoch die Inſtruktion, nur zu pflanzen, und 
zwar fo viel Du willſt, aber nichts, was da. ift, 


19:.* 


292 


wegzunehmen. Später werde ich ja felbft Fommen, 
und die Spreu vom Waitzen fondern. 


— — — 


Den 3ıften, 


Don Miguel von Portugal ift bier angefommen, 
und ich ward ibm beufe früh vorgeftelll. Nur das 
Corps diplematique und einige wenige Fremde wa: 
ren zugegen Der junge Prinz ift nicht übel, fiebt 
fogar Napoleon ähnlich, war aber etwas embarraf: 
firter in feinem Benehmen. Er trug fieben Sterne 
und gleichfalfg fieben große Drdensbänder über den 
Rod. Seine Gefihtäfarbe glich der Dlive feines Va— 
terfandes, und der Ausdrud feiner Phyſiognomie 
war mehr melancholiſch als heiter. 


— — — 


* 
s 


Den Iften Sänner 1828, 


Meinen beften Wunfh zum heutigen Tage, und 
den berzlichften Kuß zum Anfang defjelben. Viele 
leicht ift dies das gufe Jabr, welches wir, wie Die 
Juden den rechten Mefjtas, fehon fo lange vergebens 
erwarten. Die Eröffnung deffelben ward wenigfteng 
von wir ſehr heiter verlebf. Wir baten den geftri: 
gen Tag bei Sir & M., der- fünf bis ſechs fehr 
bübſche Weiber und Mädchen eingeladen baffe, zu: 
gebracht, und gegen Mitternacht dem neuen Jahr 


293 
einen Zoaft zugefrunfen. L. und ich führte dabei 
die deutſche Mode ein, die Damen zu Füllen, was fie _ 
fih auch, nach dem erforderlichen Sträuben, recht 
gern gefalfen Tiefen. 

Heute fpeiste ich dagegen ein J——— Reh 
(hier gibt es keine) beim Grafen Münſter auf dem 
Lande, dem man zum Weihnachtsgeſchenk einen Blun— 
derbuß (Cacafoco im Italieniſchen) in das große 
Fenſter der Wohnſtube abgeſchoſſen hat, gerade wäh— 
rend die Gräfin den Kindern den beiligen Chriſt 
beſcheerte. Das Schrot war durch die Spiegelfcheiben, 
wie durch Pappe, in hundert kleinen Löchern einge: 
drungen, ohne auch nur eine Scheibe zu zerfchmef: 
tern. Glücklicherweiſe war die Chriftbeicheerung fo 
entfernt vom Fenfter, daß die Schrofe nicht fo weit 
reichten. Man begreift nicht, wer der Urheber einer 
folchen Infamie ſeyn kann! 

Die Anweſenheit Don Miguels macht London leb— 
haft. Eine Soirée beim Herzog von Clarence fand 
diefen Abend ftatt, und morgen wird ein großer 
Bau bei Lady K. feyn. Der Prinz foheint allgemein 
zu gefallen, und zeigt jest, nachdem er mehr hier zu— 
Haufe ift, etwas recht Gemeffenes und Vornehmes 
in feiner Zournüre, wiewohl es fo audfiebt, als rube 
im Hintergrunde feiner großen Affabitität doch mehr 
als eine arriere-pensee. Die Etikette ift übrigeng 
für die Porfugiefen fo ftreng , daß unfer guter Mar: 
quis D.... jeden Morgen, wenn er den Prinzen 
zuerft anfichfig wird, auf feine Kniee niederfalfen muß. 


Den 3ten, 


I 


Daß geftrige Feſt bei'm Kürften ©. übergebe ich, 
um Dir von der beufigen Pantomime zu erzäblen, 
die Don Miiguel ebenfal8 mit feiner- Gegenwart 
beebrfe. Es ging ibm dabei noch fchlimmer, wie dem 
feligen Churfürſten von Heffen in Berlin, der bei 
dem Eröffnungs: Chor der Oper, welches die Ama: 
. zonen » Königin leben ließ, aufftand, um fich zu 
bedanfen. 


Das biefige Volk nämlih, dem Don, Miguel als 
ein fyrannifcher Ulfra gefchildert worden war, und 
dag nun in dem -gefürchfeten Ungebeuer einen ganz 
arfigen und hübfchen jungen Mann fiebt, ift vom 
Abfcheu zur Liebe übergegangen, und empfängt überalf 
den Prinzen mit Enthufiagsmud So auch beufe im 
Theater. Don Miguel ftand fogleich mit feiner por— 
fugielifchen und englifhen Euite auf, und dankte 
verbindfichft. Kurz darauf rollte der Vorhang empor, 
und ein neues unbändiges Klatſchen zolite der ſchö— 
nen Dekoration Beifall. Abermals erhob fih Don 
Miguel, und danfte verbindlihft. WVerwundert und 
überrafcht rief dennoch gufmürhig das Publikum, den 
Irrthum überfebend, von neuem Vivat. Nun aber 
erfchien der LXieblingspoffenreißer auf dem Theater, 
und zwar ald großer Drang: Dutang mit Mazurierg 
Gelenkigkeit. Etärfer als je’ ertünte der Enthufias: _ 
mus des DBeifalld, und abermals erhob fih Don Mies _ 
guel, und dankte verbindlichft: Diesmal aber wurde , 


295 


das Compliment nur durch lautes Lachen erwiedert, 
und einer feiner. englifchen Begleiter, Lord M. C., 
ergriff ohne Umftände den Snfanten bei'm Arme, um 
ihn wieder auf feinen Sitz zurück zu ziehen. Gewiß 
aber blieben Don Miguel und der Lieblinggafteur' 
lange im Geifte des Publikums wider Willen identi: 
ficirt. 


Den 6fen. 


Wir fhweben in fortwährenden Feften. Geftern 
gab die ſchöne Marquife das ihrige, heute die gefeierfe 
Fürftin L., welches bie nah 6 Uhr früh dauerte. 
Don Morgen bis Abend bemüht man fich unabläfiig, 
den Prinzen zu amüfiren, und eg ift wohl angenehm, 
eine fo bevorrechtefe Perſon zu fepn, die zu unter: 
balten und ihr zu gefallen die Höchften wie die Nie: 
drigften, die Klünften wie die Dümmften , ihr Mög: 

lichſtes thun. 

Mitten unter dieſem trouble erhielt ich wieder ei— 
nen Brief von Dir durch &.., und freute mich, die 
“Darin enthaltene bundertfaufendfte Verſicherung Dei⸗ 
ner Liebe, eine Verſicherung, die ich vor der erſten 
Million gewiß nicht zu hören müde werde, und nach 
dieſer Million ſogar noch ausrufen werde: L'appeitt 
vient en mangeant! So geht es auch mit den hieſi— 
gen Feſten, d. h. die Welt wird ihrer nicht müde. 
Wäahrend fie immer mehr ihren Horizont ſich mit Ge— 
wittern überziehen fieht, tanzen und diniren unfre 


⸗ 


ne 


2 


Diplomaten dem drohenden Sturm mit Lachen und. 
Scherzen entgegen, und Großes und Erhabnes miſcht 


ſich fortwährend mit, Gemeinem und Alltäglichem, 
wie in Shakespegres lebenswahren Tragödien. 
Meine Stimmung ift durch alles das günſtig ge: 
reizt, wohl und kräftig. Meine männliche Seele 
(denn ich habe, außer der Deinigen, die mir gehört, 
auch noch eine eigne weibliche) ift jetzt du jour, und 
dann fühle ich mich immer felbftftändiger, freier und 
weniger empfänglih für Aeußeres. Died ift ſehr 


paſſend für den biefigen Aufentbalt, denn die Eng: - - 


länder find wie ihre Stintfiefel, Falt, eig, und mit 
fehneidenden Kanten _verfeben, aber. dem Stahl ge: 
lingt e8 deshalb am Teichteften, befebende Funfen aus 
ibnen zu ſchlagen, die Helle geben durch wohlthätigen 
Antagonismus. 

In der Regel bin ich indeſſen zu träge, oder beſſer 
geſagt, zu wenig durch ſie erregt, um als Stahl auf 
die mich umgebenden Individuen agiren zu mögen 
und zu koönnen; ihrem Stolz aber babe ich wenig— 
ftens immer noch größeren entgegengefest, und Manche 
Dadurch erweichk, die andern entfernt. Eins und das 
Andere war mir recht, denn der Craniolog ſagt ganz 
wahr über mich, daß mir ein wefentlic fchaffenwolz 


_ Tender Geift zugetbeilt fey, und ſolche lieben allerz 


dings nur, was wahlverwandt mit ihnen wirfef, oder 
was unter ihnen flebend, ein brauchbares Inftrument 
für. fie wird, um ihre eignen Melodieen darauf zu 


fpielen. Den Uebrigen fteben fie entgegen oder fern. 


297 


Den Iiten. 


Die letzte Soire für Don Miguel fand beufe end 
fich beim boffändifchen Ambaffadeur ftatf, an welchen 
Umftand man allerband intereffante biftorifche Remi— 
nigcenzen knüpfen könnte, denn Portugal wie Hol: 
land, beides Feine Länder nur, waren doch einft 
Weltmächte. Eins ging den Weg der Freibeit, dag 
andere den der Sclaverei, und beide wurden dennoch 
gleich “unbedeutend, und ihr inneres Glück feheint 
auch nicht ſehr verfchieden zu feyn. Doch ich will diefe 
Befrachtung verlaffen, und dafür Kleber mit ein Paar 
Morten die Kiebenswürdigfeit der Ambaffadrice rüh— 
men, deren franzöftfcher leichter Sinn noch nichtd von 
den ſchwermüthigen Narrbeiten der englifchen Faſhion 
angenommen hat. Ihr Haus ift zugleich eins von 
den wenigen, das man uneingeladen Abendg der Con: 
 tinentalfitte gemäß befuchen, und eine Conperfa= 
£ton dafelbft finden Fann. Als Madame de 8... 
noch umverheiratbet in Zournay lebte, wohnte im 
Befreiungsfriege mein theurer Chef, der alte Groß: 
berzog von W.... in ihrer Eltern Haufe und pflegte 
die reizende Tochter fcherzend den liebſten feiner Ad— 
jutanten zu nennen. Sch babe alfo, da ich denfelben 
Poſten befleidete, eine Art Kameradfchaft geltend zu 
machen, eine Ehre, die ich mir um fo weniger neb: 
men laffen mag, da auch ihr Gemahl ein fehr ange: 
nebhmer Mann iſt, der ſich durch Geiſt und Sat 

gleich fehr ke 


298 

Mittags hatte ich beim Grafen M. ein deutfches 
Dine eingenommen, der ung immer von Beit zu Zeit 
wilde Hannopraner auftifcht. Heute war e8 ein berr: 
licher Eber mit jener Föniglichen Sauce, von der Er: 
findung Georg 1y., von der im Almanach des gour- 
mands ſteht: qu’avec une telle Sauce un mangerait 
son pere, Außer diefer Delifatefe wurde eine gute 


Anefdote von W. Scott zum Beten gegeben. Diefer 


begegnete auf der Straße einem irländifchen Bettler, 
der- ihn um einen Sixpence (balben Schilling) bar. 
Sir Walter Fonnte feinen finden, und gab ibm end: 
lich einen ganzen Schilling, indem er fcherzend fagte: 
aber merft Euh nun, daß Ihr mir einen GSiryence 
fchuldig feyd. „O gewiß!‘ rief der Bettler, „und 
möge Gott Euch fo Lange leben laſſen, bis ich ihn 
wieder bezabfe.“ f 
Ehe ich zu Bette ging, bielt ich noch eine Nachlefe 
Deiner letzten Briefe. Meine Anficht der Rolle des 
Macbeth baſt Du fehr wohl verftanden, und fprichft 
Dih in wenig Worten meifterhaft darüber aus, fo 
wie über die Leitung der dortigen Schaufpieler. Es 
ift wohl fonderbar, aber -wahr, daß beinahe überall 
die Bühne gegen fonft degenerirt. Gewiß liegt es 


auch in der überegoiftiichen, mehr mechanifchen als 


poetifchen Zeit. 

Eben fo wahr ift Deine Bemerfung über die B..;, 
böbere Sefeuifchaft, und dag der Wis, ja felbft das 
Wiſſen, welches dort fich brüftet, nichts von dem 
gutmüthig Anfchmiegenten habe, das beiden eigentlich 
den wahren gefellichaftlichen Reiz allein verleihen Fann. 





—* 299 


Der warme Pulsſchlag des Herzens fehlt jenem vers 
trockneten Boden, die Leute fünnen nicht davor, und 
wenn fie Phantaſie beimfucht, erfcheint fie ihnen wie 
dem feligen Hofmann, auch immer nur als fchauers 
liher Gliedermann und ale Gefpenft. Dein Freund, 
dem es oft nicht beffer gebt, wurde leider auch im 
Sande geboren, aber der Duft des Erzes, glaub’ 
ih, aus den Schadbten, der flammende Hauch der - 
Gnomen von da unten ber, die dunfle Waldesein— 
famkeit der Tannen oben, und das ©eflüfter der 
Dryaden aus ihren in dichten Feſtons berabbängens 
den Zweigen haben feine Wiege umgeben, und dem 
armen Kleinen einige fremdartige wohltbätige Elemente 
verlieben. 


Die Darforce: Theilnehmer der neuen Parforces 
Jagd haben mich berztich lachen gemacht. Sie find 
das befte Gegenftück zu den freiwilligen Landwehr: 
männern. Da ich indeß felbft ein aufrichtig Kreis, 
williger der Lesteren bin, weil ich unfern König von 
Herzen liebe, und ihm dienen zu Fünnen nicht: blog 
Pflicht, fondern ein Genuß für mich ift, fo werde 

ich mir, wieder zu Haus angefommen, auc, febr gern 
une douce violence zur Parforcejagd anthun laffen, da 
ich den eleganteften und Tiebenewürdigften Prinzen, 
welcher der Hauptunternebmer derfeiben ift, eben fo 
innig verebre und ibm zugerban bin. Die bei ung 
| faſt vergeſſene Feldreiterei wird dadurch gewiß wieder 
aufblühen,“ und England lehrt mich täglich, daß die 
Wirkung folder mit Gefahren und Etrapazen ver: 


300 


bundenen Sitten auf Die Zugend, und man fanır 
wirklich fagen Nationalbildung, ſehr vortheilbaft ein: 
wirft. | — 


Den laten 


Mit dem Grafen B. und einem Sohne der berühm— 
ten Madame Tallien, fuhr ich dieſen Morgen in die 
City, um das Indiahouſe zu beſehen, wo viele merk— 
würdige Gegenſtände aufbewahrt werden, Zippo 
Saybs Traumbuch unter andern, in dem er jeden 
Tag felbft feine Träume und ihre Auslegung auf: 
fchrieb, und dem er auch feinen Untergang, gleich 
Maltenftein, bauptfächlich danfte. Seine Rüftung, ein» 
Theil feines goldnen Thrones, und eine feltfame Dreb— 
orgel werden gleichfalls bier aufbewahrt. Die lebte 
befinder fich in dem Bauche eines ſehr gut dargeftell: 
ten, mefallenen Tigers, in nafürlihen Farben und 
Rebensgröße. Unter dem Tiger liegt ein Engländer 
in rotber Uniform, den er zerfleifche, und während 
man dreht, wird fäufchend das Gefchrei und Gewim: 
mer eines mit der Todes: Agonie Fämpfenden Men: 
fhen, ſchauerlich abwechſelnd mit dem Brüllen und 
Grunzen ded Tigers, nachgeahmt. Es ift die In— 
ſtrument vecht charafteriftifch zur Würdigung jenes 
furchtbaren Feinded der Engländer, der felbft die, 
Zigerftreifen zu feinem Wappen machte, und von fich 
zu fagen pfleate: daß er lieber einen Tag lang ein 
auf Raub_auggebender Tiger, als ein Sabrhundert 
lang ein ruhig weidentes Schaf feyn möge. 


—* 





301 

Das Prachtwerk über die berübmten, im barten 
Selfen ausgebauenen Tempel von Ellora von Daniele 
intereffivte mich ungemein. Das Alter diefer berrli: 
chen Denkmäler ift im Grunde gänzlich unbekannt. 
Höchft feltfam, und mit Merkels Hyportbefe, daß Die 
ältefte Kulfuryeriode der Erde von Negern augge: 
gangen fey, völlig übereinftimmend ift es, daß die 
Statue des Gvtted im Mlferbeiligften des älteſten 
- BuddasTempels ganz offenbar die ſehr marfirten Züge 
und das wollige Haar eines Megers darbiefer. 

Ein großer Stein von den Nuinen aus Perfepolig, 
ganz bedeckt mit der immer noch unentzifferten Pfeil: 
ſchrift, große chinefifche Gemälde, bausbohe chineft: 
{che Laternen, ein riefengroßer Plan der Stadt Cal: 
cutta, ſchöne perſiſche Miniakuren 20. find die vor: 
züglichften Merfwürdigkeiten diefer Sammlung. 

Wir befaben hierauf auch die Waarenlager, wo 
man alle indifchen Produfte, wenn man fie fogleich 
nach dem Gontinent verfchickt, Außerft wohlfeit kau— 
fen kann, da fie in diefem Fall Feine Abgabe an das 
Gouvernement zahlen. Shawls, die bei ung hundert 
Louisd'or wenigfteng Foften würden, find in größeren 
Duantitäten bier wohl für vierzig zu baben. Die 
ſchönſten, die ich je gefehen, und deren $einbeit und 
Pracht bei unfern Damen gewiß das größte Auffeben 
‚machen würden, ftanden nur im Preis von 150 Qui: 
neen — in England find indeſſen Shawls überbaupt 
‚wenig Mode, und werden nicht geachtet, fo daß man 
- auch fait alle in’s Ausland verkauft. R 


- 302 


Den 16ten. 


Der neue Dampfpoftwagen ift fo eben fertig ge: 
worden, - und legt probeweife im Regentspark fünf 
Meilen in einer halben Stunde zurüd. Doc ift im: 
mer noch jeden Augenblick etwas daran zu repariren. 
Ih war einer der eriten Neugierigen, die ihn ver— 
fuchten,, fand aber den fetfigen Eifengeruch,, der auch 
die Dampffchiffe fo unangenehm made, bier doppelt 
unerträglich. 


Seltſamer iſt noch ein anderes Fuhrwerk, dem ich 
mich ebenfalls anvertraute. Es beſteht in nichts Ge— 
ringerem als einem Wagen, der von einem Drachen 
gezogen wird, und zwar einem Papierdrachen, der 
nicht viel anders conſtruirt iſt, als diejenigen, welche 
die Kinder aufſteigen laſſen. Es iſt daher auch ein 
Schulmeiſter, der die Sache erfunden hat, und ſelbſt 
ſo geſchickt ſein Vehikel zu führen weiß, daß er, auch 
mit halbem Winde, gut fortkömmt, mit ganz günſti— 
gem aber auf gutem Terrain die engliſche Meile in 
5, Minuten zurücklegt. Die Empfindung iſt ſehr 
angenehm, da man über die kleinen Unebenheiten des 
Bodens, wie darüber gehoben, binweggleitet. Der 
Erfinder fchlägt vor, die afrifanifchen Wüſten damit 
zu bereifen, und bat zu dieſem Behuf einen Raum 
am Hintergeftell angebracht, wo ein-Pony, gleich eis 
nem Bedienten, bintenauf ftebt, und im Falk einer 
Windſtille vorgefpannt wird. Was freilich binfichts 
ih der Fourage anzufangen ſeyn möchte, ift nicht 


303 


wohl abzufehen, der Scufmeifter rechnet aber auf 
die in jenen Gegenden regelmäßig wehenden Paſſat— 
Winde. Als Amüfement auf dem Lande ift die Sache 
jedenfall8 fehr zu empfehlen, und ich fende Dir das 
ber beiliegend ‘eine ausführliche Brochüre mit erläus 
fernden Kupfern, wonah Du etwaigen Liebbabern. 
unfer Deinen eignen Schulmeiftern auftragen Fannft, 
ähnliche Verfuche zu machen. 

Den Abend widmere ich einer Pantomime, deren 
originelle Tollheit von fo vortrefflichen Dekorationen 
und Mafcıhinerieen unterftügt ward, dag man fich 
ohne viele Schwierigfeit in die Zeit der Feenmäbrcen 
verſetzen Fonnfe. Solcher Lieblicher Unfinn ift berrs 
ih. 3. B. im Reich der Fröfhe ein unabfehbarer 
Schilffumpf, deſſen Bewohner gefchickte -Schaufpieler 
aufs Zäufhbendfte agiren müſſen, und zufent ein 
Tempel der Fobanniswürmchen, den an auggelaffener 
Phantaſie und wunderbarem Glanz Fein chinefifches 
Feuerwerk erreicht. 


Brighton, den 23ften. 


Die Mode ift eine große Tyrannin, und fo febr 
ich das einfebe, laſſe ich mich doch auch, wie jeder 
andere, bon ihr regieren. Eeit einigen Tagen bat jie 
. mich wieder hierher geführt zu der liebengwürdigen 
Miſſes J...., der Fugen Lady ®...., der reizen: 
den. Er u, 0. 2% ’ 


30 2 


Schon bin’ ich wieder von Baͤllen und Dincs er: 
müdet, umd coqueffire wieder mit dem Meer, dem 
einzigen poetifchen Gegenftand in der biefigen pro: 
ſaiſchen Welt. Eben, ging ich, bei'm Scheiden der 
Nacht, von einem Rout am duferften Ende der Stadt 
Fommend, wohl eine halbe Stunde zu Fuß an ſeinen 
Ufern bin, unter dem Schäumen und Donnern der 
anfommenten Fluth. Die Sterne blinften noch Far 
funfeind herab, ewige Nube thronte oben, und wil: 
des Draufen und Wallen tobte - bier unten — Him: 
mel und Erde in ibrem wahrften Bilde! Wie berr: 
lich, wie wohltbuend, wie furchtbar, wie angfterregend 
ift Doch diefe Welt! die Melt — die nie anfing, bie 
nie endet — deren Raum nirgends begrenzt ift — 
in deren nach allen Seiten endlofer Verfolgung die 
Phantaſie felbit ſchaudernd fich verbülfend, zu Boden 
finfe Ach, meine tbeure Julie, Liebe nur findet 
den Ausweg aus diefem Labyrinth! Sagt nicht auch 
Göthe: Glücklich allein ift die Seele die liebt! 


Den 2Aften, 

Wir haben heute eine vor£refflihe Jagd gemacht. 
Das Metter war felten klar und fonnig, dabei wohl 
an hundert Rothröcke verfammelt. Ein folcheg Schau: 
fpiel ift gewiß voller Intereſſe, die vielen fchönen 
Pferde, die elegant gekleideten Jäger, fünfzig bie 
ſechzig Hunde, die über Stock und Stein Reinecke 
verfolgen, und dag wilde Neiterbeer binferdreim, Die 


305. 


fchneffe Abwechfelung von Wald und Berg und Thal, 
das Gefchrei und Gejauchze. Es ift beinahe wie ein 
Feiner Krieg. 

Die biefige Gegend ift febr hüglich, und —— 
ging die Jagd einen ſo langen und ſteilen Berg hin— 
an, daß die meiſten Pferde nicht mehr fortkonnten, 
und auch die beſten wie Blaſebaͤlge in der Schmiede 
ſtöhnten. Aber oben einmal angekommen, war der 
Coup d’oeil auch wahrhaft prachtvoll. Man überfah 
das Ganze, vom Fuchs bis zum letzten Traineur in 
voller Bewegung, mit einem Blick, und außerdem 
Links ein reiches Thal, fih bis gegen London aus— 
dehnend, rechtd das Meer im fchönften Sonnenglanz. 
“Den erften Fuchs befamen wir, der zweite aber er: 
reichte Malapartus vor ung, und enfging auf dieſe 
Art feinen DVerfolgern. Faſt alle diefe Jagden wer— 
den. auf Subferipfion gebalten. Die biefige Meute 
3. B., aus achtzig Hunden und drei Piqueurs mit 
neun Pferden beftehbend, Foftet jährlich 1050 L. ©., 
wozu fünf und zwanzig Theilnehbmer find, die be: 
zablen. Jeder der Luft hat, kann aber auch unent— 
geldlich mitreiten. Es kömmt alfo für die Entrepre: 
neurs auf den Mann nicht mehr ald 42 8. St. jähr: 
lich. Diefe find jedoch nichts weniger als gleich ver: 
tbeilt. Die Reichen geben viel, die Armen wenig. 
Mancher zweihundert jährlich, ein anderer nur zebn, 
und ich glaube, diefes Arrangement wäre auc, recht 
gut bei und nachzuahmen, befonders von Geiten der 
Armen. Am auffallendften find bei diefen Jagden für 
unfre verwöhnten Augen die in Schwarzen Röcken 

Briefe eines Verſtorbeuen. IV. 20 


306 


über Zaun und Gräben- fliegenden Vaftoren, welche 
oft, fchon geftiefelt und gefpornt, mit der Sagdpeitiche 
in der Hand, ſchnell vorher noch copuliren, taufen 
oder begraben, um fi von der Ceremonie weg fo: 
gleich aufs Roß zu fhwingen. Man erzählt von 
einem der berühmteften geiftlihen Fuchsjäger dieſer 
Art, daß er immer einen zahmen Fuchs in der Tafche 
mit fich führte, und fand man feinen andern, diefen 
zum Beiten gab. Das Thier war fo gut abgerichtet, 
Daß es cine Weile die Hunde amüfirte, und dann, wenn 
e8 der Jagd müde war, fih ſchnell in feinen unan— 
taſtbaren Schlupfwinfel rettete, denn diefer war fein 
anderer — als der Altar der Dorflicche, zu dem ein 
Roc in der Mauer führte, und unter deffen Stufen 
ihm ein bequemes Lager bereitet war. Dies ift recht 
englifch religiös. +. 


Den 6ten Februar, 


Sch babe mir dur Verfältung ein beftiges nervö— 
fes Fieber geholt, das mich ſchon vierzehn Tage an 
mein Bett feffelt, und außerordentlich abgemattet bat. 
Es iſt fogar nicht ganz ohne Gefahr gewefen, die 
jest jedoch, wie der Arzt verfichert, vorüber ift — 
alfv beforge nichtd. Sonderbar, daß man bei einer 
abmattenden Krankheit gegen den Gedanken des To: 
des fo gleichgültig wird. Er fommt ung nur wie 
Ruhe und Einfchlafen vor, und ich wünfche mir fehr 
zum Dereinftigen Ende ein ſolches langſames Her: 


0097 


annaben meiner Forperlicen Auflöfung. Als einer, 
der gern beobachtet, möchte ich auch mich ſelbſt, fo zu 
fagen, fterben fühlen und feben, fo weit dieg möglich 
it, d. d. bis zum Testen Augenbtick mit voller Be: 
finnung meine Emotionen und Gedanken betrachten, 
die Eriftenz ausfoften bis zum lebten Augenblick. 
Ein plötzlicher Tod kömmt mir wie etwad Ge— 
meines, Thierifchhes vor, nur ein langfamer, mit 
vollem Bewußtſeyn wie ein veredelter, menfchlicher. 
Sc hoffe übrigend fehr rubig zu fterben, denn obgleich 
ich eben richt ganz zum heiligen des Lebeng ge: 
fommen bin, fo babe ich mich doch an Liebe und 
Güte MWalten, und immer die Menſchheit, wenn auch 
nicht zuviel einzelne Menſchen geliebt. Alſo noch 
nicht reif für den Himmel, wünſche ich recht ſehr, nach 
meiner Theorie der Metempſychoſe, noch öfters auf 
Diefer lieben Erde einheimifch zu werden. Der Planet 
iſt ſchön und intereſſant genug, um fich einige fau: 
fend Jahre in immer erneuter Menfcengeftalt darauf 
umberzutummeln. Sft es aber anders, fo ift mir’g 
auch recht. Aus Gott und aus der Welt fällt man 
einmal gewiß nicht, und dDümmer und fchlechter wird 
man wahrfcheintich auch nicht, fondern eher gefcheidter 
und beifer. 

Das ſchlimmſte bei'm Tode für. mich wäre der Ge: 
danfe an Deinen Schmerz, und doch — würde ich 
vielleicht ohne das Bewußtſeyn Deiner Liebe - nicht 
ganz fo wohlthätig und refignirt fterben können. Es 
ift ein füßes. Gefühl beitm Tode, zu willen, daß 
man auc jest noc Jemand zurückläßt, der unfer 

20 * 


308 


Andenfen mit Kiebe pflegen wird, und auf diefe- Art, 
fv lange Jenes Augen fi) dem Lichte öffnen, nod 
gleichfam fortzuleben in und mit an Iſt dag nun 
auch Egoismus? - 


Da wir einmal vom Sterben reden, muß ich Dir. 
noch etwas erzählen. Erinnerft Du Dich, von meinem 
vorigen Aufenthalte in Brigbton ber, eines fchorti: 
fhen Cbieftaing, eines, etwas pbantaftifchen, aber 
fräffigen und originellen Schotten? Er bat eben in 
der Blütbe diefer männlichen Kraft zu leben aufge: 
bört. Mit feinen beiden Töchtern auf einem Dampf: - 
boot eingefchiffe, erbielt ev Furz vor dem Debarfiren 
von einer Segelftange einen fo heftigen Schlag an 
den Kopf, daß er davon auf der Stelle in einen Ans 
fall von Raſerei verfeßt wurde, in Folge deilen in’ 
Meer fprang und and Land ſchwamm, wo er nad 
wenigen Stunden verfcied. Dies Ende hatte einige 
tragifche Verwandtſchaft mit der ©efchichte feines 
Vorfahren, die er mir mit fo viel Stolz mittheilte, 
deifen nämlich, welcher feine Hand abbauend, fie ang 
Ufer warf und ihr nachſchwamm. 


Den 8ten. 


Der Doctor findet mich. febr geduldig — du lieber 
Soft, ich babe wohl Geduld gelernt — und um ges 
recht zu ſeyn, Widerwärtigfeit ift für den Geiſt eine 
Foftbare Schule. MWiderwärtigfeit entftebf aber im 
tiefften Grunde auch nur aus eignen Fehlern, die 


309 


* 


fich dadurch wieder-felbft beffern, und man kann un: 
bedingt annebmen, daß die Menfchen, wenn fie von 
Haufe aus ſtets vernünftig und guf hbandelten, Faum 
ein Leid mehr Fennen würden. Mber die Freuden 
müßten auch fo fubtil werden, daß man auf altes 
Srdifhe nur wenig Werth mehr fesen fünnte. . Keine 
Dinés mehr, bei denen man fo gerne eine Indigeſtion 
riskirt. Kein Rubm mehr, dem man mit fo dic 
befriedigter Eitelfeit nachjagt, Fein füßes und ver— 
botnes Liebeswagen, fein Glanz, der e8 andern zuvor— 
thut! — es wäre am Ende, Gott verzeib’ mir die 
Sünde, doch nur ein wahres Philiſterleben, ein’ 
Erilfftand, wenn gleich in fcheinbarer Vollkommen— 
beit. Wahres Leben aber ift Bewegung und Con: 
traf. Es wäre alfo am Ende das größte Ungemach, 
wenn wir einmal alle bier ganz vernünftig wurden. 
Sch glaube indeß, die Gefahr ift noch -nicht fo nahe. 
Du fiebft, meine Krankheit hat mich big jeßt nicht 
geändert, ich würde Dir aber. dennoch gar nichts 
davon gefchrieben haben, wenn dieler Brief eher ab: 
ginge, als bis ich ganz bergeftellt bin. So Fannft 
Du ihn aber mit völliger Seelenrube Iefen, und über: 
zeugt feyn, das ich bis zum letzten Hauch Alles 
genießen will, was ung der freundliche Soft befiheert 
‚bat, Heller oder Goldftüce, Kartenbäufer oder Pal: 
läfte, Seifenblafen oder Rang und Würden, wie es 
die Zeiten und Umftände mit fich bringen, und zu: 
legt auch noch den Tod, und was dann Neues darauf 
bier oder dort folgen wird. Schön find die ernften 
Tugenden aber dazwifhen als Würze! So 3. DB. 


Bu 


genieße ich fehon wahrfhaft meine jetzige Mäßigfeit, 
ich fühle mich dabei ganz ätberifch leicht, über das 
Animalifche erhabner als gewöhnlich. — Von andern 
Perirrungen ifi gar nicht mehr die Rede, und Died 
Alles gibt mir wirklich einen Vorgeſchmack der ein: 
fligen reineren Freuden — des Alters. Denn für 
gewiffe Dinge — gefteben wir es nur frank und frei, 
— bat der böfe Franzoſe wentgftens balb recht, wel: 
cher fagt: que c’est le vice qui nous quitte, et bien 
rarement nous, qui quittons le vice. Selbſt die 
ehriichiten der Schwäarmer fanden die ficherfte Zugend 
nur im Meſſer, wie der große Drigenes. 


Den 9ten, 


Nie habe ich einen Doftor gehabt, der es fo gut 


mit tem — Apothefer meint. Jeden Tag zwei Mes 


dicinen; ich ernähre mich mit nichts anderm, da ich 
aber leider ernſtlich krank bin, nehme ich gelaſſen, 
was verlangt wird. Eine Krankenwärterin, wie Du 
es biſt, vermiſſe ich aber ſehr, und meine dürre und 
trockne Wirthin, welche ſich doch öſters ſehr gut: 
willig dazu anbietet, wäre ein ſchlechter Erſatz. In— 
deſſen leſe ich viel, und bin ganz heiter. Wollte ich 
mich melancholiſchen Selbſtquaälereien überlaſen, fo 
könnte ich mich, außer den poſitiven Urſachen dazu, 


noch negativ Darüber ärgern, daß jetzt, wo ih zu 


Haus bleiben muß, fortwährend das fehönfte Werter 


“ 


I 


\x 


' * 


311 
iſt. Da ich aber die Weiſer meiner Geiſtesuhr auf 


eine ganz andere Direktion geſtellt habe, fo bin ich 


im’ Gegentbeil ſehr dankbar, die freundliche Sonne 
täglich zu feben, und daß fie, obngeachtet ihrer Größe 
und Herrlichkeit, nicht verſchmäht, meine Stube von 
Morgens an emfig zu wärmen, den Tag über freund: 
liche Lichtftrablen bineinzufenden, ‚die alles wie mit 
Gold überziehen, und Abends fogar fich die Mühe 
nicht verdrießen läßt, mir armen Kranken, der wohl 
eingehüllt an feinem großen Fenfter fist, am Mee— 
resfaum feltfame Wolfenbilder vorzumalen, die fie 
bald mit tiefem Blau, gelbem Feuer oder Purpur ° 
färbt, und endlich, Abfchied nehmend, ſich jeden Abend 
in.folcher HerrlichFeit zeigt, daß die- Erinnerung noch 
lange nachher den düftern Schatten der finfenden 
Nacht ihren trüben und unbeimlichen Eindruck be: 
nimmt, den fie fonft wohl der Seele des Einfamen 
und des Leidenden zu bereiten pflegen. Und fo bat 
denn Alles zwei Seiten. Der Thörichte kann über 
Alles in Verzweiflung geratben, der Weife aus Allem 
Befriedigung und Genuß ziehen. — 


% 


Den 10tem, 


. * Ein Brief von Dir erregt mir immer große Freude, 


wie Du weißf, aber ‘wie viel mehr nod in meiner 
jegigen Lage. Beurtheile daher, mit welchem Jubel 
Beutiges empfangen. wurde. - "ernennen. 


u [7 . ” e ® 1} . . ’ 2 4 K K} * 


- 


312 


F. bat fehr Unrecht, das auszufchlagen, was ibn - 
geboten wird. Es wäre Wahnfinn, als Schiffbrüci: 
ger im Meere ſchwimmend, und ſchon bedeutend er: 
ſchöpſt, ein Fiſcherboot zu verfhmähen, dag fich zur 
Rettung darböte, um auf einen Dreidedler zu war: 
ten. Möglich allerdings, daß ein folder bereits hin: 
ter. dem Felfen naher, und in dem Augenblid, wo 
das Boot den Hürfflofen für eine geringere Beftims 
mung entführt bat, mit voten Segeln ankömmt — 
aber allwiffend find wir nicht, wir müffen die Chan: 
cen, welche die Verbindung der Begebenheiten und 
darbiefet, nach der Probabilität, nicht nach der Mög: 
lichkeit behandeln. * 

Meine Geſchenke haben Dir alſo gefallen? Nun 
ſo ſegne ſie Gott! die kleinen Freuden ſind ſo gut 
als die großen, und man ſollte die Kunſt ordentlich 
ſtudieren, ſich dergleichen noch weit öfter zu machen. 
Es giebt viel ſehr wohlfeile Materialien dazu. Kein 
Aberglaube muß ſich aber darein miſchen, wie Du 
bei der überſandten Scheere äuſſerſt. Gute Julie, 
die Scheere fol noch erfunden werden, die unſre 
Treundfchaft entzweifchneiden kann, das Fünnte nur 
eine Kreböfcheere feyn, die rückwärts agirend die 
Vergangenheit wegfchnitte, Aber über etwas anderes 
muß ich ſchmälen. Wofür babe ih Dir fo viel ſchön— 
farbiges blotting paper gefchickt, wenn Du wieder in 
die abfcheuliche. Mode des Sandftreuend verfälft, 
welche die Engländer ſchon längft nicht mehr Fennen, 
eben fo wenig wie mit Sand beftreute Fußböden. 
Mehrere Loth dieſes Ingredienz flogen mir ing Ges 


313 


ſicht, als ih Deinen Brief öffnere Willſt Du mir 
denn auch Sand in die Augen ftreuen, liebe Gutie, 
und bat Dir Seremias vielleicht eine neufromme 
Streubühfe aus B. . . dazu mitgebracht ? 


Ich bin fehr "fleißig, und benuge meine Muße, 
mebrere Bände meines Lebensatlaffes in Ordnung 
zu bringen. -Den ganzen Tag über befte ich em, 
befchneide, fehreibe (denn Du weiße unter jedes Bild 
kömmt ein Commentar) was nur ein armer Kranfer 
thun kann, um fich Die Zeit zu vertreiben, und febe 
jest fchon im Geiſte 20 Folio: Bande des claffifchen 
Werks in unferer Bibliothek ftehen, und ung, felbft, 
alt und gebücdt geworden, davor fißen, ein. wenig 
-radofiren; aber doch triumpbirend uns der alten 
Zeiten freuen. Junges, neuaufgefchoffenes Volk lacht 
uns hinter unferm Rücken verftohlen aus, fliegt aus 
und ein, und wenn einer draußen fragt: „Was Na: 
chen» denn die Alten %° fo lautet die Antwort: Ich, 
die figen und fiudieren über ibrer Bilderbibel, und 
bören und feben nicht mehr.“ Das möchte ich nun 
gar zu gern erleben, und es ift mir immer, als wenn 
es auch fo noch -fommen müßte! % Mag 
noch dazwifchen liegen wird — das re Bi 
allein ! 







Sn den Zeitungen fpielen jetzt die Bıafebälge eine 
große Rolle. Einem mit Upaggift als Experiment ge: 
todteten Efel bat man nad) einer Stunde feines To: 
des durch fortwährendes Einblafen in die Lunge wie: 
der neues Leben gegeben, das Parlament foll eben: 


314 


falls durch einen großen Blaſebalg Fünftig fortwäbs 
rend mit reiner Luft während -der Sikungen verſe— 
ben werden, und ale probates Mittel wider den 
plötzlichen Stickfluß wird angegeben, Pas man nichts 
zu thun habe, als dem Patienten die Naſe zuzuhal— 
fen und mit dem am Kamine hängenden Blafebalge 
atmofpbärifche Luft in den Mund zu blafen. Es wird 
alfo- jet bald eine noch größere Menge aufgeblafener 
Leute in England geben als bisher”). 


Den ı12ten. 


Deine Kranfseit bat mich gebindert, nah Schott— 
fand zu aeben, wozu ich Alles bereitet, und viele 
Einladungen erbaften hatte; jest wird mich die er: 
wartete Ankunft W....8 und der Beginn der 
Seafon wohl in London zurücdhalten. Zum erften: 


*) Das Prinzip diefer Erfindung ift fehr einfah. Wenn man 

einen Blaſebalg mit einer großen Blafe von unten in Ver— 
bindung bringt, und am obern Ende berfelben ein Kleines 
Loch macht, und dann durch Agitirung des Blaſebalgs Luft, 
die auf eine gewiſſe Temperatur geſtellt iſt, hineinſtroͤmen 
laͤßt, ſo koͤnnte ein Parlament von Lilliputs in der Blaſe 
ſitzen und deliberiren, und alle ihre Ausduͤnſtungen würden 
fortwährend oben hinauögehen, und die frifche Luft von uns 
ten in eben dem Maße fich continuirlich erneuen. Diefe Art 
des Heizen: und Ventilirens zugleich ift das Prinzip des 
Herrn Ballance, welches dem englifcken Eenat applicirt 
werden fol. Vieleicht verbindet man auch noch eine Aeols⸗ 
harfe damit, um ſchlechten Organen zu Hülfe zu kommen. 


- 


315 R 


mal ließ mich endlich der Doctor beufe wieder aus: 
fahren, und ich richtefe meinen Meg nach dem nicht 
febr entfernten. Park von Stranmore, um die frifche 
Luft und das Vergnügen eines romantischen Spazier— 
gangs recht mit volfen Zügen zu genießen. In die 
Gärten wurde mir jedoch der Zutritt nicht verftaftet, 
obaleich ich meine Karte der Gebieterin zuſchickte. 
Wir find freilich Tiberaler, aber dieſes vornehme 


Rarmachen hat auch ſein Gutes. Es gibt den Din— 


gen ſelbſt, und der Vergünſtigung ebenfalls, wenn ſie 
eintritt, mehr Werth. 

Apropos, dabei fällt mir Dein neuer Direktor ein. 
Es iſt ein Gewinn für uns, ihn zu erhalten, dem— 
ohngeachtet bitte ich Dich, es ein wenig mit ihm, 


wie die Veltgerin von Stranmore zu machen. Eey 


nicht von Anfang an zu fehr zuvorkommend, damif 
Dir, wenn fie verdient wird, Steigerung übrig bleibt. 
Gey freundlich, aber mie Würde, immer die obere 
Etellung nüancirend, die Du gegen ihn notbwendig 
zu behaupten bait. Suche ibn nicht durch Echmeicher 


leyen und überartiged Behandeln zu gewinnen, Son: 


dern lieber durch ehrendes Vertrauen, und auch durch 
ſelide Vortheile, die am Ende auf alle Leute, fie 
mögen reden und felbft denfen wie jte wollen, ibren 
Eindruck Doch nicht verfeblen fünnen. ‚Dennoch mußt 
Du deßbalb feine Ambition nicht geringer in Anfchlag 
bringen, fie im Gegentheil ſtets wach erhalten, durd 
porfichtiges Hingeben und Dankbarkeit für gezeigten 
Eifer, aber auch durch fanften Verweis, wo. Du ibn 
für nöthig hälſt, damit er ſieht, Du babeft ein Ur: 


316 


theil. Als ein ebrenwertber Mann wird er dann ges 
wiß bald unſre Sachen mit demfelben Intereſſe wie 
die feinigen führen. Zuletzt endlich ermüde ibn bei 
feiner “obern Direktion nicht zu febr mit Details, 
wolle nicht zu viel Controfe in jeder Kleinigkeit über 
ibn augüben, und ware ftreng darauf, feine Auto— 
rität auf die ibn Untergebenen zu unterftügen, fo 
wie die Deinige gegen ibn zu behaupten, Nur da, 
wo Du befürchten könnteſt, daß etwas Wichtiges 
verfeblt werde, ſtehe keinen Yugenbli@ an, die ge: 
nauefte Augeinanderfeßung zu verlangen. In ſehr 
wichtigen Fällen, die Aufſchub vertragen, wirft Du 
nafürfich mic immer befragen. — Hiermit ſchließt 
Polonius ſeine Ermahnungen. 


Den 15ten. 


Die kurze Ausflucht war wohl noch zu früh, denn 
ſie iſt mir nicht gut bekommen. Dabei iſt das liebe 
Wetter furchtbar geworden. Ein Schneeſturm peitſcht 
das Meer unter meinen Fenſtern, daß es vor Wuth 
ſchäumt und brüllt, und feine Wellen über den bo: 
ben Damm der Straße bid an die Häufer anbäumen, 

Unter diefem Gedonner babe ich geftern meine Me: 
moiren zu fihreiben angefangen, und fhon 8 Bogen 
vollendet, die ich dieſem Brief beilegen werde, 

Aufferdem benußte ich die Zeit, um Lefage hiftori: 
fchen Atlas von neuem durchzülefen, und Fann über: 


— 317 


haupt nicht ſagen, daß ich während meiner ganzen 
Krankheit einen Augenblick Langeweile gefühlt hätte. 
Ja die große Rube und Leidenſchaftloſigkeit einer 
ſolchen Zeit thut ſogar meiner Seele wohl. — Uebri— 
gens wird der Körper nun auch bald gänzlich wieder 
bergeftelft feyn, und fobald der Himmel fich etwas 
aufffärt, denfe ich mich von neuem unter die Men: 
ſchen zu begeben. 

A., der ich Deinen Brief zugeſchickt, läßt Dich 
vielmals grüßen. Wenn der König ſtirbt, wird ſie 
als intime Freundin der neuen Monarchin vielleicht 
eine bedeutende Rolle hier ſpielen. Man behandelt 
fie im Publikum ohnedem ſchon ganz als eine Prin- 
‚cesse du sang, Sie fängt auch an ihre ‚Wichtigkeit 
ferbft zu fühlen, hat fih in ihrer frühern fehüchter: 
ven Zournure fehr zu ihrem Vortheil verändert, und 
weiß recht gut, ſich mit Affabitität ein Air zu geben. 
Die Sonne des Glücks und der Gunft verändert ei: 
nen Menfhen, wie die Himmelsfonne eine Pflanze, 
die im Dunfeln kümmerte, und nun im lichten Strable 
bald ihr gefenftes Haupt emporhebt, und von der 
wobithbuenden Wärme durchftrömf, duftende Blüthen 
dem Lichte öffnet. Wir, gufe Julie, liegen vor der 
Hand nod im Kerfer, wie Hyacinthenzwiebeln, aber 
der Gärtner kann uns zum Frübjabr auch noch in 
beffern Boden und an die © Sonne dringen‘, wenn 
er will. — 


318 


rl Den Wften. 


Ich bin auferftanden — und fiebe da, Alles war 
fremd geworden, wo ich binfam. Die Befannten wa: 
ren faft Alle fort, und auf den Promenaden wie in 
ten Häufern ſchauten mir überall neue Gefichter ent: 
gegen.  Yur die Fable Gegend fand ich, als ich aus— 
ritt, noc die alte geblieben, blos mit dem Unter: 
fchiede, daß die grünen Miefen ſämmtlich gedüngt 
waren mit — Aufterfchaalen. 

Eine Miß G...., eim nicht mehr ganz junges, 
aber artiged und reiches Mädchen, die fchon Tängft 
Srau wäre, wenn der Freier nicht mit ihr auch ein 
paar ungenießbare Eltern mit übernehmen müßte, 
erzäblfe mir, dab man mich in der biefigen Zeitung 
als auf dem Tode liegend aunoncirt hätte, während 
die Londner morning post mich auf jedem Almade: 
Ball ald tanzend aufgeführt habe, was in der That 
etwas gefpenitig erſcheint. Dieſe gute ME G..., 
iſt noch immer böchft erfennelich für ein ihr einft ver: 
fhafftes Billet zu beſagten Almacks, und fpielfe und 
fang mir zum Danfe dafür auch beufe mehr vor, 
als ich bei meinen noch ſchwachen Nerven vertragen 
fann. Sobald die dicke Mutter bhereintrat, empfahl 
ich mich, fiel aber bald darauf von neuem zwei andern 
Philomelen in die Hınde, die ſich ebenfalls noch hier 
verfpatet haben. 


Unter folchen Umſtänden werde ich, fobald meine 
Kräfte ganz zurücgefehre find, mich nach London 


* 319 
wenden, und kann nun wohl mit gutem Gewiſſen 
und ohne Furcht, Dir Beſorgniß —— dieſe 
lange Epiſtel abſenden. 


Der Vielen Worte kurzer Sinn iſt immer der name 
— herzliche Liebe Deines 


Zwei und zwanzigfter Brief: 


London der 28ften Februar 1828, 


Ich muß nafürfich noch einer in gewiffer Hin: 
ficht infereffanten Befanntichaft erwähnen, die ich 
in Brighton machte. Du haft gewiß einmal gehört, 
dag in der Familie Tellufon einer ihrer Vorfahren 
ein Zeftament gemacht bat, nach welchem fein Ver: 
mögen 150 Sabre ruben, Binfen zu Binfen gefchla: 
gen, und dann erft der in dem Augenblick des Er: 
löſchens jener Zeit eriftirende jüngfte Telluſon e8 er: 
balten fole. Sn 20 Jahren läuft nun diefer Termin 
ab, und ich ſah den Aojährigen Vater Telufon' bier, 
der ſebr wenig befist, und feinen Sohn, einen hüb: 
fhen Knaben von 8 Jahren, der angeblich beftimmt 
it, in feinem 28ften Jahr 12 Millionen L. St.’ zu 
erbalten, 94 Millionen Thaler unferes Geldes. Eine 
Parlaments:Afte hat für die Zukunft dergleichen Te: 
ftamente verboten, aber dies bat man nicht angrei: 
fen fünnen, obgleich man es wünſchte, da allerdings 


321 


. durch ein fo ungeheures Vermögen ein Privatmann 

eine unnafürliche Macht erhält. Dem Knaben ift in: 
def zu-feinen fhönen Hoffnungen doch herzlich Glück 
zu wünfchen. So. viel Geld zu baben, ift etwag 
Großes, da man doch einmal nicht Fäugnen Fann, 
daß Geld der Repräfentant der meiften Dinge auf 
der Welt ift. Welche wunderbare, die ganze Menfch: 
beit fördernde Dinge ließen fih mit einem folchen 
Privatvermögen, wohlangewandt, augrichfen! 

Neben diefem jungen Eröfus in spe intereffirte mic) 
ein berühmter Sonderling, Obriſt C., der bier einige 
Tage verweilte. Lady M. machte mich auf ibn aufs 
merffam, indem fie mir folgendes erzählte: „Der ele: 
gante, ältliche Mann, den Sie dort ſehen,“ fagte 
fie, „war ſchon in meiner Jugend einer der erfolg: 
reichften. Stuger der Hauptftadt. Nachdem er aber 
fein. Vermögen dabei bis, auf einige faufend L. St. 
vertban hatte, führte ihn eines Tages fein Gefchick 

vor eine Carte von Amerifa, und »lößlich ftieg der 
Gedanke in ihm auf, dort ein Anfiedler zu. werden. 
Er fucht ſich fogleih auf der Carte einen Flef am. 
See Erie aus, verfauft noch in der nämlichen Woche, 
feine ganze Habe, läßt feinen Bedienten ein hübfches 
junges Mädchen heirathen, ſchifft fich mit beiden ein, 
kömmt glücktih an dem ausgefuchten Fleck mitten im 
Urwalde an, lebt einige Tage von der Jagd, fchläft 
unter dem Laubdah, baut dann mit Hülfe einiger 
andern Anfiedler ein Blockhaus iu Zeif von menigen 
Tagen, das er noch jetzt bewohnt, erlangt bald einen 
bedeutenden Einfluß auf die umber zerftreufen Avan— 


© Briefe elucd Verſtorbenen. IV, 21 


322 


türierg, den er dazu benutzt, fie zu gemeinfchafttichen 
Arbeiten aufzumuntern, und denen er. fich befonderg 
dadurch, empfiehlt, daß er für fie Focht und brafef, 
ftatt der halb rohen Speifen , die ſie ſonſt genießen 
mußten, liebes und mehrt fich, ſieht endlich eine neue 
Generation dort entftehen, die ganz von ihm abhängt, 
befigt jest an Landausdehnung ein Feines Fürften: 
tbum , berechnet feine Revenüen auf 10,000 2. ©t. 
jährlich, und kömmt alle 10 Jahr regelmäßig zu ei: 
ner Seafon nach England, wo er, wie vorber, mit 
der Wifance eines Weltmanng als Faſhionable lebt, 
und dann wieder auf 10 Jahre in die Wälder zu: 
rücfehre, und den modernen Fraf von neuem mit 
dem Schafpelz vertauſcht.“ 


Mein eriter Befuh in der Haupkitadt war bei 
Gräfin M..., die obngeachtet ihrer 40 Jahre, 
wahrend meiner Abwefenbeit wieder ein neues Kind 
zu dem Dusend ihrer andern binzubefommen. bat. 
Sch aß dort und bewunderte ein ſchönes Geſchenk 
des Königs in Silber, welches man bier Funftvolfer 
als irgendwo zu arbeiten verfteht, fo daß der Preis 
der Facon oft zebnfah den Werth der Muffe über: 
fteigt. Ueber Tiſch gab der Graf einen auffallenden 
Beitrag zur Charafteriftii der biefigen OO 
keitspflege. 


„Einem Manne, den ich kenne,“ ſagte er, „ward 
auf der Straße fein Schnupftuh geftoblen. Er er: 
greift den Thäter, hält ihn, als der Gtärfere, ge: 
waltſam feit, ‚nicht ohne einige derbe Behandlung 


323 


die er. ihm anthut, und übergiebe ihn dann den her: 
zugefommenen Polizey: Beainten, Die Sade war 
Far vor vielen Zeugen, und der Delinquent würde, 
wenn bei den Affifen die Klage angebracht worden 
wäre, ohne Rettung entweder gebangen, oder auf 
lange Fahre nad) Botanybay transportirt worden feyns 
Seine Frau fuchte indeß den Gentleman auf, und 
fledre auf ibren Knieen um Önnde, der Dieb felbit, 
ein nicht ungebildeter Menſch, ſchrieb die bewegliche 
ften Briefe, und — wer wird ſich darüber wundern, 
daß er endlich Mitleid und Erhörung fand, an dem 
beitimmten Tag der Kläger ausblieb, und folglich der 
Schuldige nah engliſchen Öefegen frei gefprochen 
wurde. ö 

Dem Gentleman befam jedoch Died unzeitige Mit: - 
leid übel genug. Vierzehn Tage nad) dem Vorgefal: 
lenen ward er von demfelben Manne, der fein Schnupf— 
tuch geftoblen, für Inſult und gewaltiamen Angriff 
auf offener Straße verklagt, und Diefer durch Zeugen 
bewirfen. Allerdings eriwiederte Beklagter, daß dies 

nur ftatt gefunden, weil ihm der Kläger fen Schnupf— 
tuch geftohlen hade. Da Delinquent aber bierüber 
bereits freigefprohen war, und Niemand derfelben 
Sache wegen zweimal dor Gericht gezogen werden 
fann, fo ward auf feinen Einwand gar Feine Rück 
{che genommen. Kurz, mie Schmerzensgeld und 
Koften mußte der zu. großmüthige Beſtohlne dem 
Diebe und den Gerichten dafür noch gegen 100 8, St. 
bezahlen.“ 

Die ganze Gefellfchaft fand dieſe Gerichtgpflege ab: 


21* 


324 SR * 


ſcheulich, ein alter Engländer aber verfbeidiafe fie 
bebarrlich. „Ich glaube,“ fiel er eifrig ein, „daß die 
eben erzählte Anekdote gerade dazu dient, die Weis: 
beit unferer Geſetze recht auffallend zu iluftriren. 
Die Geſetze überhaupt, wie die richferlihen Behör— 
den find doch in ihrem.erften Grunde nur Dazu da, 
Verbrechen zu verhindern. Nur deßwegen auch be: 
ftraft man fie. Der Verhehler ift daber in den Au: 
gen des Geſetzgebers faft eben fo ftrafbar als der 
Stebler, und derjznige, welcher einen Verbrecher, der 
bereit dem Geſetz verfallen, wiffentlih von feiner 
Strafe zu befreien fucht, wirft für die Kommunität 
nicht weniger nachtbeilig als der Nerbrecher felbft. 
Jener Mann, welcher mit dem Schnupftuchftehlen- 
vielleicht feine Laufbahn nur erft anfing, und bier: 
nach der Sefeltfchaft zu Buße und Befferung entzo— 
gen werden follte, ‚begeht jest, immer Fühner ges 
macht, wahrfcheinlich bald darauf einen weif größes 
ren Diebſtahl, vielleicht einen Mord. - Wer bat fich 
dann die Schuld davon beizumeffen? Es ift daber 
der von Ihnen angeführte Gentleman mit Recht für 
fein geſetzwidriges Mitleid beftraft worden. Wer | 
in die Näder einer wohlthätigen Mafchine unbefonnen 
und unberufen eingreift, darf fih nicht wundern, 
wenn fie ibm die Finger zerbricht.‘ — 

Die Engländer find, man muß es geftehen, fehr 
gewandte Sopbiften, wenn ed darauf ankömmt, ihre 
Gebräuce berauszuftreichen. - Der größte von ihnen, 
Brougham bielt demobngeachtet neulich eine Rede von 
6 Stunden, die blos von den Mißbräuchen der 


engliſchen Juſtiz handelte. Am coloſſalſten erfchien 
darin der Umftand, daß in dem court of Chancery 
jeßt die ungebeure Summe von 50 Millionen 8. St. 
fiegf, die noch feinen Herın bat. Ein Prozeß in 
dieſem Gerichtshof ift fprüchmwörtlich geworden, um _ 
etwas Umendliches zu bezeichnen, und eg eriftirk eine 
Garrifatur darüber mit der Unterſchrift: a Chancery 
suit, die febr ergöglich if. Ein von Gefundbeit 
ftrogender reich geffeideter Jüngling füllt am Anfang . 
des Bildes den hingehaltenen Hut’ eines zum Ske— 
fett verbungerten Advofaten mit Goldftücen, um für 
ibn einen Prozeß zu führen. Eine lange, lange Pro: 
ceſſion verfchiedener Dinge und Menfchen folgt, und 
am Ende feben wir den jungen Wann ald zerlump: 
ten binfälligen Bettler wieder, wie er demütbig den 
nun-ıwie eine Tonne dick gewordenen Advofaten, um 
ein Fleined Almoſen anflebt, welched diefer jedoch, 
jich Stolz abivendend, verweigert. Helas c’est encore 
tout comme chez nous! nur hier allerdings in cor— 
pulenferen Berbältniffen. 
In manden Dingen, die dem Fremden empödrend 
fheinen, muß man fich indeß vor einem vworfchnelfen 
Urtheile hüten, da oft Mißbräuche, oder ferbft offen: 
bare Mängel an fih, doch nur der nothwendige 
Schatten eines weit größeren Lichtes find. 3. 2. die 
Beftebungen bei den Parlamentswahlen, felbft viel: 
feichf die rotten boroughs und die anerfannte Ab: 
bängigfeit eines Theils des Parlaments vom Gous 
vernement durch Parronage u. ſ. w. Es ift ſehr die 
Frage, ob ohne diefe fcheinbar fo verwerflichen Hülfs— 


‚326 


mittel ein Minifterium in allen Fällen wird befteben 
fünnen. Es ift fchon ein Vortheil, daß dem lebtern 
nicht in der Theorie dag wirklich eingeräumt ift, (wie 
in despotifch regierfen Staaten) was e8 indirekt in 
der Praris allerdings nicht ganz entbehren kann, ohn— 
gefäbr fo wie eines Vredigerd Leben auch nimmer 
feinen Kehren gleich Ffümme. Man muß nicht ver: 
geilen, daß menfchliche, Dinge fich böchfteng nur dem 
Bollfommnen nähern, ve8 aber nie erreichen Fünnen, 
daher man fich bei Reformen fehr in acht zu nebmen 
bat und nie ganz vergeffen darf, que le mieux est 
’ ennemi du bien. Demohngeachtet feheint nad 
vielen Anzeichen England einer Reform entgegen zu 
gehen, weil ed fie aus andern Gründen faft nicht 
mehr vermeiden Fann, ob aber zu feinem Vortheil, ift 
noch ſehr die Frage. Vielleicht ift die Notbiwendig: 
Feit derfelben eben nur der Beweis, daß feine Größe 
-fid überlebt hat und zu finfen anfängt. 


Den Abend befuchte ich, das Adelpbi: Theater, wo 
ein Tafchenfpieler auf eine ganz neue Ark feine Künfte 
unter dem Titel Converfazione erhibirte. Er ftand näm— 
lich unter vielen Zifchen und Mafchinen auf dem Thea: 
ter, erzäbfte zwerft feine Reife mit der Diligence, wo 
er verfchiedene Charaktere und Anekdoten vorführte, 
einige Chanſons fang, und dazwifchen feine Kunft: 
ſtücke, oder Geifterericheinungen und vptifhe Dar: 
ftellungen, in die Erzäbtung ald Begebenbeit ein: 
pallend, anbrachte — gewiß eine gute Idee, die dem 
gewöhnfichen Kunftftückenmachen ein größeres Sn: 


327 


tereſſe verleibt. Seine Sicherheit und Gewandtheit 
als Taſchenſpieler war überdieß eben ſo merkwürdig, 
wie ſein gutes theatraliſches Spiel und Gedächtniß. 
Zuletzt führte er auf Gläſern, die er vorber naf . 
machte, mehrere Muſikſtücke mit großer Fertigkeit 
aus, nicht nur im Harmonika: Styl, fondern auch 
Walzer und dergleichen, und felbft Tange Zrilfer, die 
vortrefflich gelangen. 


(4 


Den Iten März: 


Die Seafon übt fhon ihr Recht. Die Straßen 
wimmeln von eleganten Equipagen, die Buden efa: 
liren neue Schäge, alle Häufer find gefüllt, und alfe 
Preiſe zum Doppelten und Dreifachen geftiegen‘ Der 
Minifter Peel gab beute der _Herzogin von Cla— 
vence eine ſehr glänzende Spire. Sein Haus ift 
mit vielen fhönen Gemälden gefhmüdt, unter 
denen ſich auch der berübimte chapeau de paille von 
Rubens befindet. Herr Peel bat dies Fleine Bruft: 
bild nur mie 15,000 Rthlr. unſres Geldes bezahlt. Es 
ift unglaublich, welhe Schäge-in diefer Hinficht Eng 
land enthält: Sp fab ich geftern in Geſellſchaft der 
Fürftin E. die Heine Privarfammlung eines Geiſtlichen 
(Herr Carr), welche Faum 30 Gemälde enthält, und. 
die ihm dennoch niche nur 20,000 L. St. gefoftet bat, 
fondern fie auch  vollfommen wertb ift. Es find fo 
viel Meiſterſtücke als Bilder, die einzig richtige Art 
für einen Privatmann zu ſammeln, der ‚feine Ga: 


328 


lerie zum Unterricht, fondern nur zum Genuß bes 
zweckt. | 2 

Pran- finder hier einen Garoffolb von fo überirdi: - 
fher Berflärung, von ſo beilig tiefer Poeſie, daß 
man ein Bild aus Eden, nicht von diefer Welt zu 
erblicken glaubt, daneben einen großen, kaſt die bafbe 
Wand einnehmenden Claude, ebenfalld vonder höch— 
ften Schönheit, bei dem die geringen Mittel, die der 
Maler verwandte, eben ſo beivunderungswürdig 
find, al8 der aufferordentliche Effekt, den er damit zu 
erreichen wußte. Sim Mebenzimmer befanden fih noch 
einige andere ausgezeichnete Landſchaften von Dome: 
niquino und Annibal Carrace. Der Neichthum der 
Compofition, die Innigkeit und Naivität der Empfins 
dung waren bier mit einem fo pbantaftifchen Reiz 
und fo viel Mannigfaltigfeit der Details gefchmückt, 
daß ic) Tage lang mich - bäfte- in diefen feltfamen 
Gegenden ihren weiten Wafferfpiegeln, ihren Inſeln, 
Hainen und wohnlichen Hütten, ihren tief »blauen 
Gebirgen und gefpenftifhem Waldesdunkel verlieren 
mögen. . Im dritten Zimmer jedoch gelangt man erft - 
zu der Krone der ganzen Sammlung, einem Bilde 
Leonardo da Vinci's, auf welchem der Maler in den 
drei Perfonen ; des Erlöſers, Petrus und Johannes, 
die Ideale des Jünglings, Mannes und Greifes 
dargeftellt bat, alle von einer Anmuth, Wahrbeit 
- und Vollendung, die. nichts zu wünfchen übrig läßt. 
Es ift der einzige Chriſtuskopf von allen, die ich ges 
feben, der mir völlig genügt, ‚und eben fo überzeu= 
gend Größe und Kraft, als Heiligkeit und Milde 


- 


= 


329 


ausſpricht, zugleich aber diefen ſprechenden Ausdruck 
mit der’ idealften Schönbeit vereinigt. Dabei ift die 
Gruppirung des Sanzen dem Auge fo wobitbuend, 
das Colorit fo glanzvoll, jede Farbe fo frifch erhalten, 
die Ausführung, auch des Fleinften fo meifterbaft, daß 
man eine Befriedigung fühlt, wie felten ein Kunft: 
werf gewährt *). : 


Doc nichts bleibt hinter dem Anfchauen eines fol: 
chen Meifterwerfs fo weit zurück, alg eine falte Ber: 
aliederung mit Morten; ich will daber auch weder 
von diefen noch den übrigen etwas weiter fagen, doc) 
wünfcte ich, daß Kunftkenner auf Ddiefe vortreffliche 
Sammlung aufmerffamer gemacht würden. 


Genre: Gemälde Iaffen fich weit eber befchreiben. 
Dabin gehört die Ausftellung mehrerer Schlachten 
und Gefechte vom ©eneral Pejeune, die er erft mit: 
gefochten, dann gemalt hat. Sie find mit viel Talent 
und Geſchmack aufgefaßt. In der Schlacht von der 
Moskwa bildet der rbeafralifche Murat mit feiner 
- Suite die Hauptgruppe, wie er mit Federn, Locken und 
Stickereien behangen felbftzufrieden im Karfätfchen: 
Feuer baltend, eben den franzöfifhen und fächfifchen 


*) Ein gelehrter Untiguar fagte mir einmal, daß die alten 
Maler gewöhnlich auf Kreidegrund malten,, und Firniffe 
zur Bereitung ihrer Farben gebrauchten, weshalb fie fo 
dauerhaft, friſch und glanzvoll bleiben. Sonderbar, daß 
man fi nicht mehr bemüht, dieſes Verfahrens wieder 
Herr zu werden. 


330. 


Gürafjieren die Ordre zu jenem mörderifchen Angriffe 
und der Wegnabme einer Batterie von 40 Kanonen 
giebt, die fo Vielen, und auch meinem Bufenfreunde 
D.., das Leben koſtete; der König ift eben im Be 
ariff, fich felbft an ihre Spige zu ſtellen. Mer häfte 
ibm damals propbezeibt, daß er bald darauf vom Po: 
bei unwürdig zerfchlagen, und ald Miffethäter er: 
[hoffen werden würde! 


Tief erfhütternd, obgleich vielleicht ein zu grelfer 
Gegenftand für die Kunft, ift auf dem Bilde der 
Schlacht von Marengo ein -Öfterreichifeher Staabs— 
offizier, dem eine Kugel den Unterleib aufgerilfen, 
fo. daß die Gedärme an der Erde liegen. Der Un: 
gfücktiche, dem hölliſchen Schmerze zu entgeben, bat 
von einem franzöfifchen Gensd'arme eine Piſtole er: 
flebt, die er ſich mit verzweifelnder Geberde an den 
Mund’ ſetzt, während der Geder fih fchaudernd abe 
wende. | 


Huf seinem andern Gemälde ift der Ueberfall ei: 
nes franzöfiichen Detachementd durch fpanifche Gueril— 
las abgebildet. Man ſieht einen höchſt romantifchen 
Bergpaß in Gatalonien, merfwürdig durch die colofz 
falen Steinbitder von 6 Stieren, deren Errichfung 
man Hannibal zufchreibt. Zu ihren Füßen liegen 
zwei oder drei noch gebarnifchte Gerippe franzöfifcher 
Cürafiiere, die einen Monat früher bier ebenfalls 
ihren Tod fanden. Niemand von dem ganzen Des 
fachemenf entging diesmal der Ermordung, außer 
der General Rejeune felbft, und dies auch nur durch 


331 


ein balbes Munder, indem dreimal die auf ibn An: 
gelegten Gewehre verfagten, ſo daß Empecinado 
abergläubifch eine Beftimmung darin zu feben glaubte, 
und von ihm abzulaffen befabl. Dan ſieht auf dem 
Gemälde den General Lejeune, völlig nackt ausgezo— 
gen, von einem der Mörder bei Ten Haaren gefaßt, 
von einem andern auf den Leib getreten, und die 
Gewehre der andern auf ibn gerichtet, während uns 
ter Leichen und Trümmern. neben ihm feine Diener 
und ein Soldar, fhon von Viren und Schwerdtern 
vielfach durtbohrt, ihren Geift aushauchen. 


Die Edladt am Wil, wo die Mameluden in 
halbwahnfinniger Flucht, ibre berriihen arabifchen 
Roſſe von dem hoben Abbang herab in den Fluß 
fpornen,, und wenige nur dag jenfeitige Ufer erreis 
hen, macht gleichfalls einen fehr romantischen Effekt. 


Den 13ten. , 


Sch habe vergeſſen Dir zu fehreiben, daß vor ohn: 
gefäbr 14 Tagen dag kaum fertig gewordne elegante 
Braunfchweiger Theater, während der Probe eines 
neuen Stück eingefallen ift, und einer großen Menge 
Menfchen das Leben gefoftet bat. Sch befab geftern 
‘die Trümmer, wo noch die Leichen zweier Karren: 
Mferde, die in der Straße daneben erfchlagen wur: 
den, unter dem Echutte liegen. Es ift ein fürchters 


332 


licher Anblick. Nur eine einige Loge blieb ftehen, 
und in diefer rettete ſich, durch feine Kaltblütigkeit 
nicht von der Stelle zu weichen, der Schaufpieler 
Sarren, der unverfehrt die ganze entfegliche Cata— 
ftrophe mit anſah, eine nur zu ächte Tragödie, die 
fich feiner erwartet hatte. 

Jetzt ift im Getümmel der Seafon Alles ſchon wies 
der vergeffen. Bei allem dem gibt diefed- geräufch: 
volle Reben weit weniger Stoff, als man denken follte, 
und den eg gibt, vergißt man im ewigen Trouble. 

Ein Familiendiné bei dem großen R., den man mit 
dem Suftan verglichen bat, weil diefer der Herrfcher 
aller Gfäubigen und jener der Gläubiger aller Herr: 
fcher fey, Fam als Abwechslung dazwifchen. Diefer 
Dann bat wirklich etwas ganz Driginellee. Er war 
beute befonders Iuftig, und ließ feine neue Öfterreichiz 
fhe Eonfularuniform holen, die ihn, wie man fagfe, 
fein Freund DM... cd von Mien gefchickt babe, zeigte 
fie ung, und ließ fich nachher fogar bereden, fie vor 
dem Spiegel anzuprobiren und damif einber zu ftol: 
ziren, ja wie Virtuofen, wenn fie einmal ange: 
fangen haben, nicht wieder aufhören können, fo ließ 
er nun auch noch andere prächtige Hoffleider bringen, 
und wechfelte mebrmal die Toilette, wie auf dem 
Theater, eine Kindlichfeit bei ſolchem Geld-Heros, 
die ich faft mit Heinrich dem IV, vergleichen möchte, 
als diefer bei'm Eintritt des fremden Geſandten feiz 
nem Sohne eben ala Reitpferd diente. 

Es war Übrigend ziemlich Fomifch anzufeben, wie 
der fonft fo faufmännifch ernfte Mann, fih mit den 


333 


verſchiedenſten Wendungen und Reverenzen dag leichte 
und graͤzieuſe Air eines Höflings zu geben verfuchte, 
und durch unfer Lachen gar nicht irre gemacht, mit, 
eben fo vollfommner Heberzeugung als Zovialifät ver: 
fiherte, dag N. M. R., wenn er wolle, jede Rolle 
fpielen, und mit der Hülfe von 6 — 8 ertra Gläſern 
Mein, bei Hofe eine eben fo gufe Figur machen 
fünne als irgend einer. r u 

Von einem ganz verfchiedenartigen Intereſſe war 
mir eine Bekanntſchaft, die ich am- andern Tage 
machte, nämlich die des Generals Mina. Du haft ger 
wiß mehrere Portraits diffelben gefeben, die ihn alle - 
mit einem großen Schnurbart und wilden Zügen, 
gleich einem furchtbaren Räuberhauptmanne, darftels 
len. Denfe Dir alfo meine Berwunderung, als id 
in dem Helden Spaniens nur einen fanften, einfachen, 
im böchften Grade befcheidnen Mann fand, der fogar 
nicht das Geringfte von dem, was man eine mili: 
tairifche Tournure nennt, an fich batte, im Gegen: 
theil eher einem Landpächter oder Schulmanne glich, 
mit einem offnen freundlichen Geficht, und bei jeder 
Lobeserhebung, die man ibm machte, errötbend wie 
ein Mädchen; doch fand ich nachher, als er fich im 
Geſpräch animirfe, allerdings eine Veränderung der 
. Züge und ein dunfles Blitzen der Augen, dag wohl 
verrieth, welches Geiftes Kind er eigentlich fey. Er 
ſieht im Ganzen noch febr aut conferpirt und Faum 
wie ein Vierziger aus, -obaleich fein Furzes Haar ganz 
weiß tft, was ibn aber keineswegs alt macht, fon: 
dern nur das Unfehn gibt, als ſey er gepudert. 


* 


334 , 


Nie, äußerte er beitäufig, babe er fich jener lururieu: 
fen Haarzierden zu erfreuen gehabt, mit denen man 
ihn fo reichlich auszuftaften pflege, und daher oft 
ferbft über die Carrifaturen lachen müſſen, die er-in 
den Kaufläden von jich erblickt, 

Aufer ibm waren in der Geſellſchaft noch zwei 
andere merfwürdige Spanier gegenwärtig) Arqguel— 
les, Minifter unter dem conflitufionelen Regime 
und einer der erften DBolferedner in Spanien, ein 
Munn von gewinneudem Aeußern und feinen Ma: 
nieren, und der General Valdez, Commandant von 
Cadix während der letzten Belagerung. Er führte 
auf feinem Admiralſchiff (denn er war auch Admiral 
und zwar der Aelteſte in Der Marine) Ferdinand den 
Vielgeliebten in das franzöftfche Lager. Obgleich der 
König, wie er erzählte, ihn vorber und während der 
Ueberfabrt mit Liebfofungen überhäuft, vielfach ſei⸗ 
nen Dank für die ibm in LCadir wiederfahrne gute 
Behandlung ausgedrückt, und viel Berfprechungen 
für die Zufunft gemacht, fo wäre doch für den ar: 
men Valdez das fchlimmfte Loos beſtimmt gewefen. 
„Ev wie der König das Schiff verließ,“ fuhr Valdez 
fort, „änderte ſich fein Betragen pfößlich, und fich 
- endlich ficher wilfend, warf er zu früd einen durch— 
bohrenden Blick des Triumphs und einer lange zur. 
rückgehaltenen Wuth auf mich. Ich Fannte Diefen 
Blick und entichloß mich ſchnell. Ohne mic länger 
zu befinnen noch zu beurlauben, fprang ich augen: 
bricktich zuriick auf das Schiff, befahl es fchnell ume 
zuwenden, und eilte mit vollen Segeln Cadir wieder 


| EN, De | | 


zu. So enfging ich wahrfcheinlih dem Tode, aber 
mein biefiges Exil in Armuth und Noch, fern von 
- meinem unglüclihen Vaterlande, ift für einen ſech— 
zigjährigen Mann, der an Größe und Reichthum ger 
wöhnt war, vielleicht noch ſchlimmer!“ 


Sch führe Dich beute einmal wieder ing Theater | 
und zwar in Gefellfichaft des berühmten Lord. %...... 
eines alfen Bekannten von mir, der nach feiner viel: 
fach bewegten Laufbahn ſich jetzt mar noch durch täg— 
liches Wafchen mit Eſſig gleich einem Pickle conſer— 
pirf, während er fonft nur Andere, eben fo fauer 
und beiffend als weiland der Conftfeur der eleganten 
Zeitung ſchriftlich, mündlich einzumachen pflegte. 
Wir fpracheı von vergangenen Zeiten, und alö wir 
vor Druryfane ankamen, deflamirte er eben einige 
wilde, aber fchöne Verfe von Moore, die er wohl 
auf feine eigne Vergangenbeit bezieben und mit nicht 
zu firenger Gewiffenbaftigfeit tommentiren mochte, 
obgleich ſie der Dichter der Geliebten eines gefallenen 
Engels in den Mund gelegt hat. Sie lauten dem 
Sinne nad, in einer meiner gewöhnlichen Knittelvers— 
Ueberfegungen des Augenblicks, obngefähr fo: 


Was wäre Liebe! wenn immer nicht gleich 

Durch) Freude wie Qualen, durch arm wie durd) reich, 
Durch Ehre wie Scham, durch Alter wie Jugend, 

Was frag’ ich, Geliebter, nach) Zafter noch Tugend, 

Ich weiß nur: ich lieb’ Di, wär ſchwarz auch Dein Herz, 
Dein bin ich — und mein Deine Wonne und Scnierz. 


Kein übles Motto für Desdemona, die ung erwar: 


336 


tete, wenn gleich der Mobr folcher alles bingebenden - 
Liebe ſchrecklich lohnt. 


= 


Ehe ich zur Vorftellung fetbft übergebe, laß mich 
ein paar allgemeine Bemerkungen vorausfchicen. 


Dan ftreitet fortwährend bei ung, ob man 
Shafsyeare im wörtlicer, oder freier Ueberſetz— 
ung, oder zar freier Umarbeitung geben folle 
Sch würde mich für das zweite, nämlich die freie 
Ueberſetzung, entfcheiden, vorausgeſetzt, daß die Frei: 
beit diefer fih nur darauf befchranfte, im Geifte 
deuffeher Sprache mit völliger Ungezwungenheit fich 
zu bewegen, wenn auch dadurch bie und da ein 
Wort: und MWipfpiel auffallen müßte. Am ange 
des Stücks aber bedeutend zu ändern, Ecenen ganz 
wegzulaffen, Shakspeare ganz fremde Worte und 
Ideen zu feiben, kann ibn nur verftümmeln, felbft 
wenn der größte Dichter e8 unfernäbme. Man fagt, 
Shafepeare wäre beffer zu fefen als zu feben, und 
könne befonters in wörtlichen Weberfegungen nicht 
aufgeführt werden, ohne ung dadurch wieder in Die 
Kindheit der dramatifchen Kunft zu verfegen, wobei 
man zugleich bebaupfet, daß die fbeatralifchen Vor: 
ftelungen zu Shakspeare's Zeit nur dialogiſirten 
Mährchen im Eoftume gealichen bäffen. Sch will die 
Genauigkeit diefer Angabe dahin geftellt feyn laſſen, 
aber fo viel weiß ih, daß die Aufführung von Ro— 
meo und Julie, Macbeth, Hamlet, DOtbello, auf dem 
beufigen englifchen Theater, welche Stücke alfe doch 
nur mit geringen Auslafungen gegeben werden, und 


337 

bei welchen die meiften angeblich fchocdirenden Dinge, 
und felbft der obligafe Königstrompeter, nie fehlen, 
dennoch einen fo volftändig befriedigenden, durch. 
nichts geftörten Eindrucd auf mich gemacht haben, als 
Lefen und Vorleſenhören (felbft von Tief, dem beften 
Vorleſer, den ich fenne) nie, auch nur im entfernteften 
- Grade, bervorbringen Fonnten. Sa ich geftebe, daß 
ich erft feitdem die ganze gigantifhe Proportion 
Shakspeares in ihrem vollen Umfang empfunden 
babe. Sreilich gehört dazu ein folches Zuſammenſpiel, 
und fo große Schaufpieler für die Haupfroffen wie 
jie ung gänzlich abgeben, denn Macbeths in Berlin, 
— wie Glauren fagen würde — und diefeiven in 
England find eben fv- verfchiedne Leute als Shakspeare 
felbft und fein vortreffliher Commentator Franz 
“ Horn. Die erften biefigen Schaufpieler, wie Kean, 
Kemble, Doung u. f. w. find, wie ich fehon an an: 
dern Drfen erwähnt, Männer von großer Bildung, 
die zum Theil im der beften Geſellſchaft leben, und 
dem ernfteften Studium ihres Nationaldichters ihr 
Reben weihen. Selten nur freten fie in andern Rollen 
auf, und: brauchen nicht, wie unfre Kunftfaftthiere, 
jeden Augenblick einen fragifchen Helden mit einen 
- Sfflandifchen Gebeimenrath, oder den Zalbof mit 
Heren von Langſalm zu verfaufhen, nicht heute im 
Othello und morgen im Wollmarkt aufzutreten. 


Sehr ſonderbar fällt es auf, daß fcheinbar, und 

zum größten Theil auch wirftich, das Publifum, vor 

dem diefe Künſtler fich produciren, ein ſehr vohes und 
Briefe eines Verſtorbenen. IV, 22 


338 


unwiſſendes und ungezognes ift! Vielleicht aber mag 
dies grade eine gute Wirkung, auf die Darfteller ha— 
ben. Wie der wahre Zugendbafte die Tugend, müſ— 
fen auch die biefigen Schaufpieler die Kunft nur um 
ibrer felbft wilfen lieben, ziemlich: unbefümmert um 
die Aufnahme, und fie erreichen dann hierdurch eben 
am ficherften zulegt doch den allgemeinen Beifall. Sn: 
deffen muß man auch geftehen, daß, obngeachtet diefer 
Rohheit Vieler, doch in dem englifchen Theaterpub— 
likum eigentlich ein gefünderer Sinn als in dem las 
ren, hypergebildeten unferer deutfchen Hauptftädte 
verborgen ligk, ja mitten unter der Foule des Ges 
meinen: in ihm eine unfichtbare Kirchesder Einges 
weibten beftebf, deren Dafeyn nimmer dag göttliche 
Teuer in den Künftlern ganz verlöſchen läßt. Sn öf— 
fentliche Critik läßt ſie ſich weniger ein, aber fie wirft- 
mächtig im focialen Leben. 

Biele Deutfche hören es nicht gern, daß andere 
» Nationen uns in irgend Etwas übertreffen follen, 
auch ich empfinde folches immer mit Bedauern, aber 
meine Weberzeugung muß ich dennoch ausſprechen, 
daß, wie wir feinen dramatifchen Dichter von Cha: 
Fespeares Galiber haben, wir auch Feinen Schaufpies 
fer bejisen, der feine Charactere in ihrer ganzen Ber 
deutung wieder vor ung aufleben zu laffen fähig ift. 
Immer war ed nicht fo, wie man fagt, und ich -felbft 
babe in meiner frübeften Jugend noch Eindrüde von 
Fleck und der Unzelmann bewahrt, die mir feitdem 
auf unfrer Bühne nicht mehr zu Theil wurden. Noch 
böher mögen Schröder und Eckhof geftanden haben, 


339 


und mit vielem Vergnügen erinnere ich mich der 
entbufiaftifchen Schilderung, die mir von diefen Bei: 
den der alfe Archenbofz machte, welcher auch ©arric . 
noch gefeben batte, Schröter aber diefem wenig: 
ſtens gleich ftelfte, 


Daß man Übrigens bei fremden Schaufpiefern ich 
nothiwendig, um fie gerecht zu würdigen, erſt eini— 
germaßen in ihre Nationaliät hineindenken, fih an 
gewiffe uns - eben fo fremde Manieren, als mande 
Wendungen ihrer Sprache für ung bleiben, wenn 
wir fie auch noch fo gut verſtehen, gewöhnen muß, 
wird wohl jedem Derjtändigen einfeuchten.” Im Un: 
fang wirfen diefe Urfachen immer mehr oder weniger 
ftörend, und ich habe nur ein künſtleriſches Indivi— 
duum gefeben, das in diefer Hinſtcht, wenn ich mich 
fo ausdrücken darf, völlig cosmopolitiſch -organijirt 
war, die unnachahmliche, vielleichE nie erreichfe, gewiß 
nie übertroffene Miß Dneil. Hier ſprach nur Men: 
fhen:Geift und Seele zu dem unfrigen, Nationalität, 
Zeit und Weufferes verfhwanden dem Gemüth in 
einer alled mit fortreigenden Entzüdung. 


Doch zurück zur Gegenwart. Wir faben alſo 
den Othello, wo das Zufammenfpiel den drei eriten 
dramatifchen Künftler Englande mir einem der genuß— 
vollften Abende gewährte, und diefe etwag lange Er: 
peftoration veranlaßte, mic, aber auch höchſt ſchmerz— 
Eich die oben erwähnte Heroin vermiffen ließ. Mit 
ihr würde ich beute den Culminagtionspunkt aller 
theatraliſchen Darſtellung erreicht gefehen haben. 

2” 


340 


Kean, Doung und Kemble, ſagte ih, bilden dag 
berrfchende Triumvirat der englifefen Bühne. Der Erfte 
ift obne Zweifel der Genialfte, der Zweite glanzvoll 
und confequent in feinem Spiel, der Dritte, obgleich 
weniger ausgezeichnet im böchften Zragifchen, dennoch 
ftet8 würdig und verftändig. Nur in diefer Darftel: 
lung des Othello fpielten zum erftenmale alle drei 
zufanımen in derfelden Tragödie. Dies war aber auch 
ein feltner Genuß! Othello ift, nebſt Sbylock, Keang 
Haupfrolfe. Es ift bewunderungswürdig, mit welcher 
tiefen Menſchenkenntniß er nicht nur die erft ſchlum— 
mernde, allmählig erwacende und endlich in Naferei 
übergebende Eiferfucht malt, fondern wie er. dabei 
auch ftets die füdliche Natur des Mohren, die fo 
eigenthümliche Individualität dieſer Menſchenklaſſe, 
auf das täuſchendſte nachahmt. Es blickt bei allem 
edlen Weſen des Mohren etwas Thieriſches zuweilen 
daraus hervor, das ſchaudern macht, und auf der 
andern Seite auch feinen ungebeuren Schmerz noch 
gewaltfamer ung vor Augen ftelff, Die Einfachheit 
feines Spield im Anfang, die Abwefenheif aller 
Prablerei nach den vergangnen großen Thaten, und 
die innige Kiebe für das gewählte Weib gewinnen 
die Herzen der Zufchauer, wie fie das Deademana’s 
gewonnen haben — der häßliche Mohr ift über dem 
vollendeten, beldenmäßigen Mann vergeffen — big 
nun unfer den Qualen zerfleifhender Eiferfucht 
langfam vor unfern Augen jene verftecite graufe Na: 
tur auftaucht, und wir zuletzt Faum einen Menſchen 
mehr, fondern einen reigenden Tiger vor ung zu 


341 


Sehen ‚glauben. Ich beftärfte mich Bier von Neuem 
im meiner Ueberzeugung, daß der große Dichter, mebr 
noch ald der miftelmäßige, auch großer Schaufpieler 
bedarf, um volitändig verftanden und gewürdigk zu. 
werden. Sn Berlin 3. DB. erfhien die Erdrofelungs: 
Scene nicht nur lächerlich, fondern wahrhaft indecent. 
Hier wahrlich gefror das Blut zu Eis in den Adern, 
und felbft das rohe englifche Publifum war eine 
lange Zeit lautlos, und wie vom Blite gerührt. Ja 
ich, geftebe, daß einigemal während der Tragödie, 
Otbello's lange Marter, die ibm der fatanifche Jago 
fo tropfenweis mit teuflifher Nube zumißt — für 
mich fo peinlich wurde, und die Furcht vor dem was 
ich wußte, daß noch nachfolgen würde, fo in mir an: 
wuchs, daß ich unwillkührlich mein Geficht wie von 
einer zu erfchütfernden Scene abwenden mußte, 
Youngs Darftelung des Jago ift ein vollendetes 
Meifterwerf, und erft durch fein Spiel ift mir die: 
fer Charafter völlig Flar geworden. Es ift vielleicht, — 
und ih muß bier einer früber gemachten Aeuferung, 
wenigftens Ausnabmaweife wideriprechen, Jago, fage 
ich, ift vielleicht wider Shafspeare’8 fonftige Weife, 
fein ganz in der Natur begründeter Charafter, fondern 
mehr eine glänzende Phantafie des Dichters, aber mit 
welcher bewunderungswürdigen Confequenz durchge: 
führe! Es ift der verförperfe Teufel, ein Wefen von 
Galle und Bitterkeit genäbrt, das weder DBergnü: 
gens noch Freude fähig, das Böſe wie fein Efement 
anſieht, und das einzige Moblbebagen im Pbilofo: 
phiren über fih ſelbſt, dem Befhauen und der be: 


312 


‚ feuchtenden Erklärung feiner _eignen Schanttbaten 
findet. Nur ſchwach ift er noh an die Menſchlich— 
keit gefnüpft, durh das Gefühl der Race, die er 
an dem Mohren dafür nehmen will, daß Jener, wie 
er glaube „den eignen Dienft zwifchen feinen Bett— 
Tüchern verfeben.“ Demohngeachtet erfcheint Died 
faft nur wie ein Vorwand, den er fich felbft, mit 
dem lebten Hauch eined moralifhen Gefübls, zur 
Entfhuldigung aufftellt, und feine ächte Freude an 
Unglück und Sammer immer das Haupt: Motiv. 
Dennoc wird Diefes Ungeheuer nie ganz widrig. 
Seine geiftige Heberfegenbeit, fein Muth, feine Eon: 
fequenz, und zuletzt feine Standdaftigfeit-im Unglück, 
laffen den vollendetften Böſewicht doch nie m ganz 
gemeine Niedrigkeit verfinfen. Jago bleibe immer 
noch ein Held gegen einen Kotzebueſchen Tugendhafs 
fen. In diefem Sinne fpielt Young den Charakter 
durchaus, fein Anftand iſt finiter und mürrifch, aber 
edel; Fein Lächeln kommt Über feine Lippen, - und 
feine Scherze verlieren deshalb Doch nichts durch ihre. 
Zrocenbeit. Ale bebandelt er, feiner Macht gewiß 
mit Rube und Ueberfegendeit, jedoch mit wohl mar: 
kirter Nüance. Für feine Frau ift er roh und gebies 
ferifch, gegen Noderigo autoritativ und launig, mit 
Caſſio achrungevoll und freundfchaftlic, dem Mobren 
gegenüber ehrfurchtsvoll und freuberzig, jedoch überall 
ernft und würdevell. Kemble fpielt in feiner Art den 
Caſſio faft eben fo vortrefflih, und wie ihn Shaks— 
peare fohildert „ein Mann, gemacht den Weibern-das 
Herz zu ſtehlen.“ Jung, beiter, leichtſinnig, von 


343 

edlem Weſen, gufmütbigem Charakter und. feinen Sit: 
fen. Leider wurde Desdemona nur fehr- mittelmäßig 
gegeben. Doch ging der rührende Contraft ihrer 
fanften duldenden Weiblichfeit mit des Mohren glüz 
bender Peidenfchaft nicht ganz verloren. 

Kean,fvielt den Othello in der Tracht eines Mob: _ 
renkönigs aus der Bibel in Sandalen und einem 
fangen feidnen Zalar, welches allerdings abgeſchmackt 
ift. Man vergißt aber bald die Tracht über fein vor: 
frefflihes Spiel. — 


Dein freuer L. 


Drei und zwanzigfter Brief. 


London, den 24. März. 
Geliebte Freundin! 


Zu den ariftofratifcheften Abendgefellfihaften 
gebören die Concerts eines der liberalften Mit 
glieder der Oppofition, des Lord L.., eine Anomalie, 
die man bier oft findef, wo ein gewilfer allgemei: 
mer Kiberalismug mit dem einfeitigften Adelſtolz und 
Dünfel Hand in Hand gebt, und der ftofzefte Mann 
in feinem Haufe im öffenflichen Lebın den Ruf des 
populärften befisf. 

Recht amüfante Seite gibt auch eine Herzogin, wels 
che es feit fo Kurzem ift, daß fie von den Excluſivs 
noch zu den Plebejern gerechnet wird. in folches 
befuchte ich beute, wo zu gleicher Zeit im obern Stock 
ein portrefflihes Concert, im zweiten ein Ball flatt: 
fand, während im unfern fortwährend gefpeift wurde, 
Bei dem vorangehenden Dine fervirten, nad) dem 
Beifpiel eines andern fafbionablen Herzogs, die Be: 


345 


dienfen in weißen Ofacebandfehuben, was mir das 
Feſt verleidefe, da ich mich von dem Gedanken an 
Razaretb und Kr.... dabei nicht los machen Fonnte. . 
KReichbaltiger in geiftiger Hinficht war meine ge: 
ftrige Mittagsmahlzeit bei'm Herzog von Sommerfett: 
einem ſehr vielfeitig gebildeten Manne. Ueber Tiſch 
erzäblte der befannte Parlamentgredner 9... felt: 
fame Dinge. Unter- andern verficherfe er, kürzlich 
Mitglied einer Commiffion der Regierung gewefen 
zu feyn, um die Einverftändniffe der Polizei mit den 
Verbrechern, über die man fo viel geflagt, zu er» 
gründen. Dabei fey denn berausgefomnten, daß in 
London eine Gefellfhaft, völlig wie eine Behörde or: 
ganifirf, mif bureaux Clerks ꝛc. eriftire, welche Dieb: 
ſtähle und Kalfhmünzerei im Großen dirigire, die 
Ertappfen unterſtütze, fowohl zu Angriff ald Dertbeis 
digung mächtige Hülfe gewähre, dafür aber auch ihren 
beftimmeten Antheil erbielte. An der Spige ftünden 
nicht nur mehrere angefebene Leute und Parla: 
mentsglieder, fondern fogar ein wohlbefann: 
ter Lord und Pairim DOberhaufe! Die Be: 
weife wären der Ark, daß man durchaus nicht daran 
zweifeln fünne, das Minifterium fey aber big jept der 
Meinung, um den entfeglichen Sfandal zu vermeiden, 
die Eache lieber fallen zu laffen. Man fieht, daß in 
den freien Fändern doch auch Dinge vorgeben, von 
denen man fich bei ung nicht träumen läßt! 
Ein Naturforſcher theilte uns nachher eine Vorle— 
fung über die Kröten mit, welche mir, jedes in fei: 
ner Sphäre, eben fo feltfam als das vorbergehende 


346 


vorfam. - Bei einem wiffenfchafflihen Artikel, wie 
diefer, mußt Du einige freie Ausdrücke nicht zu ge: 
nau nehmen. Er fagte alfo, daß die Kröfen Die 
wolüftigften alfer Gefchöpfe feyen, wozu ihnen auch 
die Natur befonderen DBorfchub geleiftet, indem fie 
ihnen die Fakultät ertbeilt, fich) blog durch die Vor— 
derfüße forfzupflanzen. Fänden die männlichen Krös 
ten zufällig Feine weiblichen, fo festen fie fih in ven 
Teichen auf Karpfen, firirten ihre Hände auf die Au— 
gen derfelben, und blieben oft fo lange darauf hän— 
gen, daß die Fifche davon blind würden, ein Experi— 
ment, welches der Naturkundige felbft beobachtet ba: 
ben wollte, und es wibelnd „blinde Liebe“ nannte. 


Den ?iften, 


Sch Fomme eben vom Lever zurück, das Diegmal 
ſehr zablreich war. Der König mußte wegen ſeines 
Podagras ſitzen, ſah aber ſonſt ſehr wohl aus. Her— 
zog Wellington dankte für die Erhebung zur Stelle 
des Premierminiſters, indem er auf beide Kniee vor 
dem König niederfiel, ſtatt daß man ſonſt nur eins 
zur Erde zu bringen pflegt. Er verdoppelte wahr— 
fcheintich die Danfbarfeit wegen feiner doppelten Ei— 
genfchaft als erfter Minifter und früberer General 
en chef, wie ihn auch die Garrifaturen darftellen, nam: 
lich Die linke Hälfte feines Körpers als’ Hofmann ges 
fleidet, die rechte al8 Feldmarfchall, aber mit beiden 
Augen lachend. Da, auffer den großen Entreen, beiz 


317 


‚nahe Federmann zu den Levers zugelaffen wird, fowohl 
Herren-ald Damen, wenn fie nur im vorgefchriebenem 
Coftüme erfiheinen, fo gibt es für den Liebhaber von, 
Carrifoturen feine befiere Ausbeute in England, weil 
eben die ungewohnte Kleidung und der eben fo un: 
gewohnte Fönigliche Glanz die nationelle Verlegenheit 
und Unbebolfenheit auf das Burlesfefte fteigern. 
Unfre liebenswürdigen und roufinirfen Hofdamen 

würden off dabei ihren eigenen Augen zum erftenmal 
mißtrauen. 

Sobald ich mich umgeozgen, ritt ich im fchönften 
Früblingswetter im immer einfamen Regentspark ſpa— 
zieren, wo hundert Mandelbäume blühen, und beſah 
mir die dort angelegte neue Menagerie, welche ein 
ſehr nachahmungswerthes Mufter für dergleichen ab: 
gibt. Es ift nichts Leberladenes darin, und dabei 
“eine Reinlichfeit, die man gewiß nur in England fo 
zu realijiren im Stande ift. Sch fab bier ein feltez 
nes und zugleich eins der fehöniten Zbiere, die es 
gibt, die Zigerfage, ein wahres Prachteremplar von 
Eleganz unter den Duadrupeden. 

Bein Marquis Thomond, einem irländifchen Pair, 
erwartete mich darauf ein großes Dine, bei welchem 
ich die DBefanntfchaft des allerentfchiedenften Torys 
in England, des Herzogs von N. machte. Ich muß 
geftehen, er fab nicht wie ein Genie aus, und die 
ganze Geſellſchaft war fo fteif englifh, daß ich mich 
herzlich freute, neben der Prinzeſſin P.... zu ſitzen, 
deren gutmüthiges Ultra:Gerlauder mir heute fo ans 
genehm vorfam, als wäre es dag geiftreichfte gewefen. 


348 


Den Abend fhloß ich auf einem Ball’beiim War: 
fhalt Beredford, zu Ehren der Marquiſe von Luley, 
Schweſter Don Miguels, die fih aber nicht "wenig 
zu ennupyiren fihien, da fie nur portugiefifch fprict, 
und daher aufer dem Wirth nicht mit Vielen reden 
fonnte. 

Der Marfhalt ferbft ift ein intereffanter, lat 
ausfebender Krieger, gegen den der Partbeigeift fich 
ſehr ungerecht äußert. Er ift bei febr einnehmenden 
Manieren zugleih ein Mann von durdgreifendem 
Charafter, wie ihn manche Regierungen noch außer 
Portugal brauchen konnten, ftarf wie ein Löwe und 
klug wie die Schlangen. Er hält Don Migueld Nect 
auf die porfugiefifche Krone für befjer begründet als 
daB feines Bruders, und beweift in der That, daß 
man bei der Beurtheilung der Perfonen in jenem 
Lande einen ganz andern Mafitab als den unfrigen 
anlegen muß, wenn man billig feyn will, So Außerte 
er unter andern, die Erziebung Don Miguels fey 
abfichtlih fo vernachläfiige worden, daß er im drei 
und zwanzigften Jahre noch nicht babe fehreiten kön— 
nen, zu viel dürfe man alfo von einem ſolchen Prinz: 
zen nicht erwarfen, demungeachtet fen er durch viele 
glänzende perfönliche Eigenfchaffen aufgezeichnet, und 
den Zeitungen dürfe man nicht alles aufs Wort glau— 
ben. Dieſes Letztere ßen? darf Niemand be: 
zweifeln. 


349 


Den Tten April 


& erichien mir wie eine wahre Wohlthat, heute - 
einmal sans gene auf dem Lande zu eflen, in 9. 
Lodge, dem allerliebiten Lofal der Herzogin von St. 
U... Bor dem Haufe, dad am Abhange eines Ber: 
ges ſteht, blühte im hellgrünen Rafen ein prächkiger 
Stern von Crocus und frühen Tulpen, zierlich rund 
um eine Marmor: Fontaine gezogen, und über die 
Bäume im Thalgrunde hin dämmerfe die Riefenftadt 
wie eine fata morgana des neuen Serufalem im Ne— 
beiflov. Das Mabl war wie immer vorfrefflich, und 
nah Tiſch ergoͤtzte uns noch Geſang und Concert im 
reichſten Gewächshauſe voller Blumen und Früchte. 
Ich ſaß während dem Eſſen bei einer direkten Uren— 
kelin Karl IL, einer Verwandtin des Herzogs, denn 
das erite halbe Dutzend englifcher Herzöge. im Rang, 
ftammen größtentheil8 von den Maitreffen Carls U. 
ab, und führen deshalb das Fünigliche Wappen mit 
in-dem ibrigen, worauf fie fehr ftolz find. 

Es iſt noch recht Falt, aber Blätter und Blüthen 
deingen doch überall gewaltfam hervor, ein Anblick, 
der mich zu Haufe entzücken würde, bier aber. mir 
Herzweh verurfaht, das manchmal faum zu bezwins 
gen ift. Demungeachket mag ich mich nicht auf den 
alten, goldnen Dornenfis wieder niederlaffen, und 
will mir lieber einen glatten und bequemen Alltags: 
ſchemel irgendwo anders in der Freiheit ausfuchen. 


NR. Park, den Iten. 


Seit geftern bin ich bier mit großer Gefeltfchaft bei 
einer ſehr fafbionablen Dame, Dad Haus ift fo ges 
ſchmackvoll und reich als möglich, aber zu vornehm 
fhon, und zu präfentiös, um wahrhaft angenebn zu 
feyn, wenigfteng für mich. “Ueberdieß ift ein gewiffer 
8... da, ein Parentwigbold, von dem die fehr des 
bonnaire Gefelffchaft jedes Wort bewundern zu müffen 
glaubt, und nur aus Furcht vor feiner böfen Zunge 
ibm Anbänglichfeit heuchelt. Solche geiftige Bret— 
feurs find mir in den Tod zuwider, befonderd wenn 
fie, wie diefer, mit einem widrigen Aeußern nur 
Sale und Schärfe, ohne alfe Grazie, befigen. Sie 
erfiheinen in der menfchlichen Geſellſchaft gleich giftiz 
gen Inſekten, denen man aus erbärmlicher Echwäche 
bitfe, fich mit Andrer Blut zu nähren, nur damit fie 
einem das eigne nicht abzayfen. 

Lieblicher als die Menfchen fprachen mich bie todten 
Gegenſtände au, beſonders eine freundliche bier herr: 
ſchende Sitte, alle Sımmer mit einer Menge Vaſen 
und Behältern aller Ark voll frifcher Blumen zu par— 
fümiren. Unter den Gemätden bewunderte ich einen 
Morillo, Joſeph darftellend, welcher den Fleinen Je— 
fusfnaben führte. Sun dem ſchönen Kinde liegt die 
Fünftige Größe und die göftliche Natur des Erföfers 
noch fehlummernd halb verborgen, was fich befonderg 
in dem ahnend aufblickenden Auge wundervolf aus: 
ſpricht. Joſeph erfcheint als ein fchlihter Mann in 


351 

der vollen Kraft des mittlern Alters, mehr Würde 
des Charafterd als des Standes verratbend. Wild 
und originell ift die Landfchaft, oben aus dunfeln 
Wolken lauſchen liebreizende Engelsföpfe hervor. Dies 
Gemälde bat der Befiger,. wie er mir fagfe, mit 
2500 8. St. bezabif. 

Im arten gefiel mir ein Gewächshaus für Pal: 
men, fo leicht und durhfichtig, faft ganz aus Glas 
beftebend, daß es einem Eispalaſte glich. Häßlich 
finde ich dagegen eine ſehr überhand nehmende Lieb— 
haberei für alte verkrüppelte Baumſtämme, die man 
fo vielfach im geſchornen Raſen eingräbt, und theils 
mit Climatis beranken läßt, theils mit verborgnen 
Blumentöpfen beſtellt. Ganze Ruinen dieſer „Art 
werden gebildet, welches nebſt manchem Andern den 
ſinkenden guten Geſchmack für Gärten in England 
verräth. 

Für mich iſt das Leben auf dem Lande hier in ge— 
wiſſer Hinſicht zu geſellig. Wer z. B. leſen will, 
geht in die Bibliothek, wo er ſelten allein iſt, und 
wer Briefe zu beſorgen hat, ſchreibt ſie an einem 
allgemeinen großen Sekretair eben ſo öffentlich, wor— 
auf ſie in ein durchbrochenes Käſtchen geſteckt wer— 
den, das ein Bedienter jeden Morgen zur Poſt fragt. 
Daß man alles dies allein und auf feiner Stube thut, 
ift eben nicht üblich, befremdet daher, und wird nicht 
recht. gern geſehen. Sp frühſtückte auch mancher 
Sremde wohl Lieber auf feiner Stube, wozıraber nicht 
zu gelangen ift, wenn man fich nicht durch Krankheit 

entſchuldigen kann. 


h 352 


Bei aller Freiheit und Abwefenheit von unnügen- 
Gomplimenten, eriftirt daher doch für einen an un: 
ſere Sitten Gewöhnten bier auf die Länge ein bedeu: 
tender Zwang, den das fortwährende Sprechen in 
einer fremden Sprache noch mehr empfinden läßt. 


London, den 12ten, 


Mit einem aufziebenden Früblingsgewitfer verließ 
ich diefen Morgen R. Park, athmete unterwegs mit 
Wonne die duftige Frühlingsluft und fchaute mit 
Entzüfen auf das glänzende Grün und die fchwel: 
enden Knospen, ein Anblick, deſſen man nie über: 
drüſſig wird. Das Frühjahr entſchädigt die nördli— 
chen Gegenden für alle Unannehmlichkeiten ihrer Win— 
ter, denn dieſes Aufwachen der jungen Natur iſt im 
Süden doch mit weit geringerer Coquetterie von ihrer 
Seite begleitet. 

Sch war zum Mittag .wieder bei der Herzogin von 
©. A. auf ihrem Landhaufe verfagt, wo mich eine 
angenebme Weberrafhung erwartete. Man platirte 
mid, der zu ſpät fam, zwiſchen der Wirthin und eis 
nem langen, ſehr einfach aber liebevoll und freund: 
lich ausfehenden, fehon bejahrten Manne, der im 
breiten fchoftifhen, nichtd weniger als angenehmen 
Dialekte Sprach, und mir auferdem wahrfcheinlich gar 
nicht aufgefallen ware, wenn mir nicht nach einigen 
Minuten befannt geworden — daß ich neben dem be: 








BE EEE Rear OT 
2uD — une — — 


353 . 


rübmten — Unbefannten fäße. Es dauerte nicht 
lange, fo Fam mancher fcharfe, trockene Wit auß feis 
nem Munde, und mehrere böchft anſpruchslos er: 
zählte Anefdoten, die, obne eben brillant zu erfchei: 
nen, ‘doch immer frappirten. Seine Augen glänzfen 
dabei, fobald er fich, irgend animirke, fo licht und - 
freundlich, und e8 war fo viel freuberzige Güte und 
Natürlichkeit darin ausgedrückt, daß man ihn lieb 
gewinnen mußte. Gegen Ende der Tafel gab er und 
Sir Francis Burdett wechfelsweife eifterhiftorien 
zum Beften, halb fchauerlich halb launig, welches 
mich encouragirfe, auch Deine berühmfe Schlüffelge: 
fchichte zu erzählen, im Denouement noch ein wenig 
eımbellirt. Sie machte recht viel Glück, und es wäre 
fpaßbaft genug, wenn Du fie im nächſten Romane 
des fruchtbaren Schotten wieder fandeft. 


Er recitirte nachher noch eine originelle alte Sin: 
fchrift, die er vor Kurzem erft auf dem Kirchhofe von 
Melrofe Abbey aufgefunden batfe. Sie lautete fol: 
gendermaßen: 


The earth goes on the carth, glittering in gold, 
The earth goes to the earth sooner than it would, 
The earth builds on the eartlı eastles and towers, 
The eartlı says to the eartlı: All this is ours. 


In der Ueberſetzung ungefähr fo: 


Erd’ geht auf Erde glänzend in Gold, 
Erd’ geht zur Erde früher denn wollt, 
Erd’ baut auf Erde Schhlöffer von Stein, 
Erd’ fügt zur Erde: Alles ift mein! 


Briefe eines Verſtorbenen, 17, 23 


354 


Wohl wahr! denn Erde waren, find und werden 
wir, und der Erde allein gehören wir vielleicht an. 


Ein Feines Concert befchlog den Abend, an dem 
auch die recht hübſche Tochter des großen Barden, 
eine Fräftige, bochländifche Schönheit, Theil nahm 
und Miß Steevens nichts als ſchottiſche Balladen 
fang. Erſt tief in der Nacht erreichte ich London, 
mein Erinnerungsbuch mit einem Außerft ähnlichen. 
Eroquis von Sir W. Scott bereichert, welches ich 
der Güte meiner Wirtbin verdanfe. Da alle mir be: 
Fannten Kupferftiche deffeiben durchaus nicht ähnlich 


find, fo werde ich eine genaue Copie Dielen, Briefe 
beilegen. 





Den Irften, 

Der Trouble diefer Tage war fehr einförmig, nur 
ein Dine bei'm fpanifchen Sefandten bietet mir eine 
angenehme Erinnerung, wo eine feurige und ſchöne 
Spanierin nah Tiſch Bolero’d auf eine Art fang, die 
einen ganz neuen Muſikſinn im mir erwecte. Wenn 
ih darnach und einem Fandango urtbeife, den ich 
einmal tanzen ſah, muß die fpanifche Geſellſchaft etz 
was fehr verfchiedenes von der unfrigen, und bei 
weitem pifanter feyn. 


Geſtern war ich eingeladen to meet the Dukes of 
Clarence and Sussex, fchlug e8 aber aug, to meet 
Mademviselle H, bei unferm Sreunde B,.., die ich 


: 355 


noch nicht gefehen, und der Groß und Klein bier zu 
Füßen liegt. 

Sie ift in der That altertiebft,, ein‘ — Ge: 
fhöpf, und fehr verführerifch für Alle, Die entiweder 
noch neu der Welt find, oder an nichts als ihr Der: 
gnügen zu denken haben. E8 ift nicht möglich, eine 
- barmlofere, und doch ihr Ziel beffer treffende, fo zu 
fagen angebornere Eoquefterie zu fehen, fo Findlich, 
fo lieblich — et cependant le diable n’y perd_rien. 

Auch mir fchien fie bald die ſchwachen Seiten ab- 
zumerfen, und unterhielt mich obne die mindefte 
fcheinbare Abfichtlichfeit, doch nur von dem, was 
paſſend und angenehm zu hören für mich feyn Fonnte. 
Die vaterländifchen Töne fielen dazu aus fo hübfchen 
Munde wie Perlen und Diamanten in den Fluß der 
Rede hinein, und die alferfchönften blauen Augen 
befchienen fie, wie eine Srühlingsfonne binter Teichfen 
Wolkenſchleiern. 

Morgen ſpielt Kean Richard III., ſagte fie endlich, 
flüchtig, der Herzog p. D. bat mir feine Loge abge: 
‚trefen, wollen Sie mich vielleicht dahin begleiten 2 

Daß eine folhe Einladung jeder andern vorging, 
verſteht ſich von ſelbſt. 


Den 28flen. 


Nie habe ih noch weniger von einer Vorſtellung 
geſehen und gehört, als von der heutigen, und doch 
muß ich geftehen, hat mir Feine Fürzer gefchienen. Sa 


23° 


* 


356 


ungeachtet der Gegenwart einer Gouvernante und 
eines Beſuchs des H. Kemble im Zwiſchenakt, fand 
kaum eine Pauſe in unſerer Unterhaltung ſtatt, der 
ſo viele Reminiscenzen aus der Heimath immer 
neues Intereſſe gaben. 

Auch dauerte meinerſeits das angenehme Ertife: 
ment ohne Zweifel noch auf dem nachherigen Balle 
bei der fafhionabten Lady Tankarville fort, denn ich 


fühlte mich weit weniger von der hölzernen Fete en: 


nuyirt, ald gewöhnlich. Verzeih', wenn ich Dir heute 
nur dieſe wenigen Worte fchreibe, denn eben gebe 
Helios auf, und ich zu Bette. 


Den 3often. 

Altes ift bier in coloffalen Verhältniſſen, feldft mein 
Schneider, deffen Werfftatt einer Manufaktur gleicht. 
Man kömmt bin und fragt, umgeben von hundert 
Ballen Tuch und Zeug, und. eben fo viel Arbeitern, 


nach dem Scicfal eines beftelften Srads. Ein Ge: 
Erefär erfcheine mit großer Förmlichkeit, und, frage 


verbindtich nach dem Tage der Beſtellung. Sobald 
man ibn angegeben, werden auf einen Winf des Ge: 


fhäftsmannes zwei Folianten berbeigebracht, in der 


nen er eine Furze Zeit ftudiert. Mein Herr, ift end: 
lich die Antwort, morgen um 11 Uhr 20 Minufen 
wird Ihr Trac fo weit fertig feyn, um ibn im Anz: 


Ffeidezimmer anprobiren zu Fünnen. Diefer immer 


/ 


——— 
find mehrere, mit großen Wandſpiegeln und Piyches 
dekorirt, fortwährend mit Anprobirenden befegt, wo 
der Schneider Millionär felbft zehnmal ändert, ohne 
je Verdrießlichfeit darüber zu äußern. 

Nachdem dem Trace fein Recht angethan worden 
iſt, febe ich meine Promenade fort, und komme an 
einen Sleifcherladen, wo nicht nur das rohe Sleifch 
die ſchönſten Guirlanden, Pyramiden und andere 
phantaſiereiche Formen bilder, und zierliche Eisbehäl— 
ter überall liebliche Kühle verbreiten, fondern auch 
noch hinter jedem Scinfen ein Komödienzettel hängt, 
und auf den fpiegelglatten Tiſchen die beliebteften 
Zeifungen liegen. 

Mit ihm wetteifert einige-Häufer weiter der Hand: 
fer «mit Sceungebeuern, der, wie König Fifh im 
Mährchen, zwifhen Marmor und Springbrunnen 
fist, e8 aber doch fehwertich fo weit bringen wird ale 
fein berübmter College Erockford, der noch beffere ala 
gewöhnliche Fifche zu angeln verftanden bat. Es ift 
dies ein genialer Mann, der fih von einem armen 
Fifcher zur Geißel und zugleich zum Liebling der vor: 
nehmen und reihen Welt binaufgefhbwungen bat. Er 
ift ein Spieler, der Millionen gewonnen, und damit 
jet einen Spielpalaft in der Art des. Salons in Ya: 
vis, aber mit einer afiatifchen Pracht erbaut hat, die 
ſelbſt die Königliche faft hinter fich läßt. Altes ift in 
dem jetzt wieder herrſchenden Geſchmack der Zeit Lud: 
wig XIV., verziert mit jenen geſchmackloſen Schnör— 
keln, Uebermaß von Vergoldung, gebäufter Mifchung 
von Stuffatur und Malerei u. f. w. eine Wendung 


338 


der Mode, die fehrconfeguent ift, da der englifche 
Adel wirklich immer mehr jenem aus Ludwig XIV, 
Zeit zu gleichen anfängt. | 
Erodfords Koch ift der berühmte Ude, praftiih und 
tbeoretifch der-erfte in Europa, Bewirthung und Be⸗ 
dienung in höchſter Vollkommenbeit, dabei un jeu 
d’enfer, wo fhon oft 20,000 8. ©. und mehr in ei: 
nem Abend von diefem und jenem verfpielt wurden. 
Die Sefenfchaft formirt einen Club, der Eintritt ift 
fehr fehwer zu erlangen, und obgleich Hazardfpiel cri: 
minell in England ift, find dennoch die meiften der 
Minifter Mitglieder, und der Premier, Herzog-von 
Mellington, einer der Direktoren dieſes Spiel-Elubs! 


Den ten Mai. 


Geſtern wurde der erſte Tag des Wonnemonats 
von der Herzogin von A. durch eine ſehr angenehme 
ländliche Fete auf ihrer ſchönen Villa gefeiert. 

In der Mitte des bowling green war die Mai: 
ftange mit vielen Bändern und Blumen: Guirlanden 
aufgerichtet , und bunfgefehmückte Landleute im alt 
englifchen Eoftüme tanzten darum ber. Die Grfell: 
Schaft erging fih in Haus und Garten nach Belieben. 

danche fchogen mit Bogen und Pfeilen, andere fanz: 
ten unter Belfen, oder fpielten allerlei Spiele, ſchau— 
felten und drebten fich, oder munfelfen im Dunkeln 
in dichten Boskets, bie [einige Trompetenſtöße um 


359 
5 Ubr ein prachtvolles Frübſtück verfündefen, bei dem 
alte Delikateifen und Koftbarfeiten, die der Luxus 


aufbieten kann, im reichften Ueberfluß vorhanden 


Viele Diener hatte man als Gärtner in ein fancy 
costume gekleidet und an allen Büfchen frifche Blu: 
menguirfanden aufgebangen, die einen unbefchreiblich 
reichen Effeft machten. Dabei war es ein ſo wun— 
derbar fhöner Tag, daß ih zum Erftenmal in ber 
* gerne London ganz Far von Neben, und nur ein 
‚wenig durch Rauch verbüftere, gänzlich zu überfehen 
im Stande war. 


Mit einbrechender Dunkelheit wiederholte fich der 
Effekt der Blumenguirlanden, nun durch bunfe Lam: 
pen, zweckmäßig auf allen Bäumen vertheilt, oder im 
Dickigt der Büfhe halb verborgen. Es war ſchon 
Mitternacht vorbei, als das Frühſtück fich endete. 


Alles das war fehr reizend, aber doc find es nur 
todte Gegenftände, und ich geftebe, daß in meinen 
Augen eine Fleine Rofe am Bufen der. lieblihen 9..., 
die ich ihr heute früh gegeben, und im Concert in 
D....boufe als einzigen Schmuc auf ihrem ſchwar— 
zen Kleide erblickte, alle Guirlanden und Illumina— 
tionen des vorigen Tages weit überftrablfe. Das 
Concert endigte diesmal mit einem Ball, und aud 
bier glänzte Die deutſche Walzerin über alle ihre Ri— 
valinnen, immer fo anfpruchlog, als bemerfe fie Feine 
ihrer Eroberungen. Nie gab es noch einen Schalt, 
der fich Findficher anzuftellen verftand, und gewiß ift 


360 


eine fo liebliche Coquetterie der größte Reiz, wenn 
auch nicht das größte Verdienft der Frauen, 2 


F 


Den 3ten. m 

Es gebt mir wie den Bögeln, die im Mai immer 
am liebenſten geſtimmt find, und zu verdenfen ift 
ed mir ‘daher nicht, wenn ich im diefer Sapreszeit der 
flötenden Nachtigall nur mit Flopfendem Herzen. zu: 
hören. kann. 


„gun babe ih nur noch einen Tag,“ fagte fie 
geftern am Sonnabend, „nach welchem ich wohl lanz 
ger als einen Monat nicht mehr frei jeyn werde, und 
der ift morgen, in jeder Hinfihe mein Zag, wo ich 
noch einmal meinem Wunfche nach leben Fann, dann 
bleibe ich auf lange, lange Beit eine arme Gelavin !* 


Sch fchlug ihr fchüchtern vor, an diefem Tage auf 
dem Lande mit mir zu effen, früh dorthin zufammen 
zu reifen, wozu ich mein Pferd als einen Phönix 
von Sanftmuth refommandirte, Abends aber, um 
fie nicht zu fehr zu ermüden, zurüd zu fahren, was 
fie nach vielen Bitten endlich genehmigte, 

D Natur, ländliche Freuden*), wie fohön feyd 


*) Auf diefe paßte wahrfcheinlich nicht, was ich einen liebens— 
würdigen Prinzen, dem die Sronie nicht fremd ift einmal 
fo ergöglih zu feinen Hofleuten fagen hörte: Nur mit Eis 
nem verfehont mich, mit Euern ländlichen, [handlichen Ver⸗ 
gnuͤgungen und mit. Euern häuslichen, ſcheuslichen Freuden! 

%. d, H. 


J 361 


ihr, wie doppelt genießt man euch in ſolcher Geſell—⸗ 
ſchaft! Wir follten die Sternwarte in Greewnitfch 
befeben, es blieb aber bei den zwei blauen Sternen 
m der Nähe, die bunderttaufendmal magnetifcher fun: 
felten, al8 alle Welten der Milchſtraße, und ich dankte 
innerlich von. Herzen dem Hieben Gott, daß wir gar 
nicht nötbig baben, mit Doctor Nürnberger nach dem 
Sirius und Jupiter zu reifen, um in Extaſe zu ge: 
vatben, und gegen die Venus am Himmel fehr 
gleichgültig bleiben -fönnen, wenn wir viele Stunden 
lang uns in dem ungeftörten Anfchauen einer irdis 
ſchen verlieren dürfen. 

Wir mußten, der böſen Welt ımd einer-unbeque: 
men Ankunft wegen, die Sache etwas geheim befreis 
ben. Die Pferde waren vorausgeſchickt, ich ritt auf 
einem Klepper nach, und 9. fuhr mit der guten Gou: 
vernanfe in einem Miethwagen nach dem Orte des 
Nendez:voug. 

Der gelbe Magen ließ Tange auf fih warfen, und 
ich ängftete mich nicht wenig, daß etwas dazwifchen 
gefommen feyn möchte: E8 war auc, fo, aber ehr: 
lih hielt das liebe Mädchen ihr 'gegebenes Wort. 
Endlih ſah ich den alten Kaften langſam auf ung 
zukommen, fprengfe heran, bob die Liebliche auf ib: 
ren Zelter, und dahin flügen wir (denn fie reitet 
kühn wie ein Mann) in die duftende Mailuft binaug, 
wie ein -paar Iuftige Vöglein flatternd und Fofend. 
Bis es dunfel ward, wurde geritten, umbergewan: 
dert, und dies und jenes befehen. Beim Schein 
der Lichter und Sterne zugleich aßen wir bei offnen 


362 


Tenftern in dem Dir fehon bekannten heimlichen 
Stübchen über dem Fluß, und erft um 11 Uhr in 
der Nacht nahm uns der Wagen wieder auf zur 
Heimfahrt. To x 

Wabhr iſt es, der Himmel ſchuf dieſes Weſen aus 
ganz beſonderem Stoff! Welche Mannichfaltigkeit und 
welche Grazie in jeder wechſelnden Nüance! Scheu 
oder zutraulich, bös oder gut geſtimmt, boudirend, 
hingebend, gleichgültig, ſanft, ſpottend, gemeſſen oder 
wild — immer ergreift ſie, wie Schiller ſagt, die 
Seele mit Himmelsgewalt! Und welche Selbſtbeherr— 
(hung bei der höchſten Milde, welch feftes kleines 
Köpfchen, wenn fie will, wie viel Herzensgüte, und 
Dabei doch wie viel kecke Schlaubeit!- 

Sie ift gefchaffen, den Männern zu gefallen, und 
auch alle Weiber lieben ſie. Gewiß eine glückliche, 
eine eigenthümliche Natur. 

Aber, gute Julie, es iſt Zeit, daß ich ende, nicht 
wahr? Du möchteſt zuletzt gar denken, ich ſey när— 
riſch oder verliebt, oder beides zugleich. En verite, 
pour cette fois ci je n’en repondrai pas. 


Den Sten Mai. 
Seit einer Woche’ Elingen mir die Ohren von drei . 
bis vier Concerten jeden Abend, oder jede Nacht, 
wie man es bier richtiger nennt, die plöglih zur 
wabren Rage geworden find, von den Höcften und 
Erfefenften - bis zu allen Nobodys herab. Die Da: 


Ei 


363 


men Pafta, Earadori, Sontag, Brambilla, die Herren 
Zuchelli, Pellegrini und Curioni fingen ewig diefelben 
Arien und Duetts, welche die Leute dennoch nie müde 
zu bören werden. Oft fingen fie, obne Zweifel vom 
ewigen Einerlei felbft ermüdet, äußerſt nachläßig,. 
doch darauf kömmt es hier gar nicht an. Die Ohren, 
welche fte-bören, find felten mufifalifcher Natur, fon= 
dern nur von der Fafhion begetftert, und die, welche 
in der Foule den legten Platz inne baben, unferfcheis 
den gewiß oft Faum, ob ein Baſſiſt oder die Prima: 
donna eben an der Reihe iſt, gerathen aber nichts 
defto weniger in Entzücken. Für die Künſtler ift die 
Sache Sehr einfräglich- Die Sonfag 3. B. erbält in 
jeder ®efelfchaft, wo fie fich mit irgend etwas hören 
laßt, und oft geſchieht dies in drei bis vier verfchies 
denen an einem Abend, wenigfteng 40 8. St., zus 
weilen 100. Die Pafta, deren Gefang mir noch lieber, 
grandidfer, fragifcher ift, rivaliſirt mit ihr, die andern, 
obgleich auch verdienftlich, ftehen doch nur im zweiter 
Rinie. 
* Außerdem iſt Mocheles, Pirig, die Gebrüder Boh— 
rer r enfin eine Heerde von Virtuoſen bier, die, wie 
die Mücken dem Licht, ale dem englifhen Golde zu: 
fliegen, ohne fich daram zu verbrennen, fondern im 
Gegentheil, was die weiblichen wenigfteng betrifft, 
rechts und links oft neue Flammen erregen, die über: 
dies, zuweilen noch mehr ald das Künſtlertalent 
einbringen. 

Die Concerte beim Prinzen Leopold find in der 
Negel die angenebmften, wo auch das unerfrägliche 


. 364 


Gedrange in einem großen Local mehr vermieden 
wird. Diefer Prinz ift weniger populär ald er e8 
verdient, weil die Engländer ihm den Ausländer nicht 
ganz verzeihen Fünnen. 


Den ten. 


Auf einem Spagzierritt mit Di... Famen wir zufälz 
fig in einer reizenden Gegend nach Strawberrybill 
(Erdbeerhügel) einem von Horace Walpole gebauten 
Schloß, deffen er fo oft in feinen Briefen erwähnt, 
und das man ſeitdem in nichts geändert und wenig 
- bewohnt bat. Es ift der erfte Verſuch des Modern: 
gotbifhen in England, ganz im Clinquam: Geſchmack 
jener Zeit, das Steinwerk in Holz nachgeahmt, gar 
Vieles — was glänzt ohne Gold zu ſeyn. Doch 
ſieht man auch mehrere gediegnere Kunſtſchätze und 
manche Curioſitaͤten. Zu den erſteren gehört unter 
andern ein prächtiges mit Juwelen beſetztes Gebet— 
buch voll Zeichnungen Raphaels und ſeiner Schüler, 
zu den letzteren der Hut des Kardinals Wolſey, ein 
ſehr ausdrucksvolles Portrait der Madame du Deffant, 
der blinden und geiſtigen Geliebten Walpoles, und 
ein Bild der berühmten Lady Mentag in türkiſcher 
Kleidung. F 

Da es in England Altes gibt, fo fand ich — 
ſogar einen vornehmen Engländer, der in ſeinem 
Hauſe deutſche Sitten, deutſche Art der Bedienung, 


365 


und deuffchen Gefellfhaftston nachzuahmen fucht. Es 
ift der Graf &...., der lange unfer Vaterland in 
ziemlich bedrängten Umftänden bewohnte, und mit 
einemmal ein ungeheures Vermögen ererbt hat. Nur 
die cramoifinfarbene Livree feiner Leute mit cana⸗ 
- riengelben Snerprefiibles und Strümpfen von der: 
- felben Farbe war im englifchen Geſchmack, fonft Altes 
deutſch im Haufe, felbft die Efftunde naher gerüdt. 
‚Die lange Dauer des Dineg war mir im hohem Grade 
läftig, ich faß wie auf Nadeln, da man mich an einem 
Orte erwartete, welcher mir dermalen theurer als 
Alles ift. Obhngeachtet meiner üblen Laune gewann. 
mir doch wider Willen mein öfterreichifcher Nachbar 
ein Lächeln ab, der ungeheuer trank, und als ich ihm 
noch mehr anbof, erwiederte: Nein, jetzt Feinen Wein 
mehr, fonft werde ich exceffiv und fange an zu ftän: 
fern. Du verftehft beffer Wieneriſch als ich, ich 
brauche Dir daher. die Meinung der Phrafe nicht zu 
erflären. 


Den l6ten, 


Ich babe einige Tage auf dem Lande zugebracht 
und Epfom’s Wettrennen befucht. Die Scene war 
ſehr belebt, alle Straßen voller flüchtig dahinrollen: 
der Equipagen, und ein großer grüner Hügel miften 
in der Plaine, an deſſen Saum das Wertrennen ftaft 
finder, fo dicht mit kaufend ausgefpannten Wagen, 
und einem bunfen Gewühl von Reitern und Fuß: 


366 


gängern bedeckt; daß mir noch nirgends ein. Volfgfeft 
malerifcher erfchien. | 
Dies Bild faffe noch in den Rahmen einer recht 
lieblichen, wohl angebaufen Landfchaft, mit einem 
Himmel voll fchwarzer Wolfen, vielem Regen, und 
zwar fparfamen aber deſto heifferen Sonnenblicken. 


Seit geftern „bin ich zurück, um eine ©efellfchaft 
beim Könige nice zu verfäumen, die heute ſtatt fand, 
und zu der eine Cinladung als eine bonze fortune 
angefeben wird. Die Idee von Hof muß man gar 
nicht damit verbinden, aber gewiß ift ed, dag nir— 
gends das Ideal eines faſhionablen Hauſes je beſſer 
erreicht worden feyn mag. Jeder Comfort und jede 
Eleganz des Privarmannes iſt auf die gefchmads 
vollfte und gediegenfte Weife mit der Pracht Fönig: 
licher Mittel verbunden, und der Monard befannt: 
tich felbft .auf Feinen Titel ſtolzer als auf RR des 
erften Gentleman in feinem Reiche. 


Den 30ften, 


Obgleich der ewige Taumel nur wenig Zeit übrig 
läßt, und man, einmal bineingerathen, nicht füglich 
mehr berausfann, wenn man aucd Fein Vergnügen 
darin findet, fo gewinne ich doch von Beit zu Zeit 
freie Augenblicke zu einfamerem und bfeibenderem. 
Genuß. 


367 


So fab ich neulich eine. böchft infereffunfe Samm: 
lung vorzüglicher Gemälde, nur die Vortraits. merk: 
würdiger- Sndividuen aus der englifchen Geſchichte 
enthaltend. Es war auffallend, wie ſehr die meiften 
ihrem gefchichtlihen Bilde in Zügen und Haltung 
entſprachen. Der berühmte Lord Burgleigh batte 
überdem eine frappante Aehnlichkeit mit dem "großen 
Staatskanzler Preußens, obgleich ihn fein Kopfpus 
ſehr verftellte, der einer Altenweibermüge glich. Ja— 
fob der Erfte, ergößlich freu feinem Cbarafter, wie 
auch fein Sefandter, dert originelle Ritter, der in 
feinen Memoiren fo feltfam von; fich felbft faat, daß 
er überall Männer und Weibern gefallen, feine Wa: 
tur aber auch Feiner andern geglichen, indem ihn und 
alles ohne Ausnahme, wag von ihm gefommen, ftetg 
eine Atmoſphäre des angenehmften, natürlichen vau 
geruchs umduftet habe. 


Ein andres Cabinet enthielt moderne Gemälde im ” 
Waſſerfarben, in welcher Kunftgaftung die Englän: 
der eine befondere Fertigfeit erlangt haben Man 
erftauns über die Gluth urd Tiefe der Färbung, die 
fie damit bervorbringen, befonderd zeichneten jich ei: 
nige Landfchaften Schottlands aus, ald ein Sonnen: 
unfergang in den Highlands, der Glaude Lorrains 
MWahrbeit erreichte, und die einbrechende Nacht über 
den Loch Lomond, ein Gedicht voller Romantik. 


Noch blieb mir Zeit zu einem weiten Epazierritt, 
auf dem ich, wie immer, nur dem Zufall mich ver: 
trauend,. einen der reizendften Parks auffand, wie 


N 368 


fie nur Englands Clima realijiren läßt. Die Gärten 
mit unbefchreiblicher Blumenpracht lagen in einem 
engen‘, Außerft fruchtbaren Wieſenthale, voll bober 
Bäume, in welchen drei ſilberklare Duellen entfpringen, 
und in mäandrifch fich windenden Bäachen nad allen 
Richtungen zwifchen unabſehbaren Dickichten von bfü: 
benden Rhododendron und Azalien hinraufchten. 


„Meine Freude an dergleichen wird nur immer durch 
das Bedauern getrübt, daß Du fie nicht mit ‚mir 
tbeilen Fannft. Dein feiner Geſchmack würde taufend 
neue Ideen bier fchöpfen, um nachher noch Lieblichere 
Details bervorzubringen, ſoweit Localität und Mittel 
binreichen, theils durch geſchickte Anwendung der Blu: _ 
menfarben, theils durch graziöfe Formen, oder durch 
erhöhte Beleuchtung, welche finniges Deffnen und 
Verdecken fo fehr zu fteigern im Stande ift. 

Die angenehmen Erinnerungen dieſes Morgens 
mußten den Reſt des Tages übertragen, nämlich ein 
Dine bei Lady P..., dem größten weiblichen Gour: 
mand in London, zwei Bälle bei einheimifcher und 
auständifcher Diplomatie, und ein Concert bei Lord 
Grosvenor, welches zwar in einer Gallerie vortrefi: 
liher Gemälde ftatt fand, die man aber bei folcher 
Gelegenheit nicht mehr als jede andere Tapete ge: 
nießen fann. 


369 


Den 6ten uni, 

Eines der gebaltreichiten Haufer für mich iſt dag 
eines vornehmen Schotten, Grafen von W..;, dem’ 
Abkömmling in direkter Linie von Macduff. In feis 
mer Rüſtkammer wird noch ein Aſt, ang eblich aus 
Birnams Wald, gezeigt, wabrſcheinlich eine Re— 
liquie von der Qualität aller andern. Wer daran 
glaubt, wird felig! 


Die Familie ift höchſt gebitder, und der fchottifche 
Sinn überhaupt dem deuffchen näber verwandt ala 
der engliiche. Bon den liebenswürdigen Töchtern 
lernte ich eine neue Manier, Lieblinge aus dem Mo: 
gelgefchleche in freuerer und dauerbafterer Copie auf: 
zubewahren als durch Wusftopfung Die Federn 
werden ausgerupfe, und nebſt Schnabel und Klauen 
in der nafürlichen Form auf ſtarkes Belinpapier vder 
lafirtes Holz aufgeflebt, welches ein höchſt ähnliches 
und feinem Verderben ausgeſetztes Basrelief des 
Thieres abgibt. 


Carl X. brachte eine Zeit lang bei Lord W.... in 
Schoftland zu, und hat ibm einen alten Haushof— 
meifter zurückgelaſſen, der drollig genug gleich dem in 
der Pucelle: Bonneau beißt, und auch noch von je: 
ner faft ausgeſtorbenen Diener: Mare der hommes 
de confiance ift, die man jetzt böchftend nur auf der 
Bühne anfriffe. Als folher, der im Haufe nun fhon 
35 Sabre fungirk, darf er, gegen bie englifche Sitte, 
welche Dienern nie die geringfte Annäherung anders 


— ind Verſtorbeuen. IV. 24 


370 


als eben durch ibren Dienft erlaubt, zuweilen ein 
Wort mitiprechen, und ich fand wirklich nichts unter— 
baltender , als die Hof: und Geſellſchaftserzaͤhlungen 
Diefeg alten Franzoſen, deffen Welt eigentlich mit je: 
ner Zeit abgefhloffen wurde, fo wie wir fie und 
beufzurage kaum mebr denken können, Daß ber ei: 
genthümliche Alte nur ein Haushofmeifter ift, macht 
feinen Unterfihied, denn er bat in feinem Leben beffer 
beobachtet, und vieleicht mehr von der großen Welt - 
gefeben, als gar viele Vornehme. 


Als ich diefen Vlorgen Laty W. befuchte, hatte eiz- 
ner ihrer Söhne, der in Südamerika reift, eben einen 
großen Zransport merfwürdiger Sachen gefickt, 
worunter fich ein lebendes Löwenafſchen befand, mit 
Kopf und Maͤhne des Königs der Thiere bei einer 
Zailte, die kaum die Größe einer Matte erreicht. 
Statt des üblen Geruchs der Affen duftet diefer im 
Gegentheil nach Zimmt und Mofchug, und parfumirt 
das ganze Zimmer wie ein Räucherkerzchen, gleich 
dem neulich erwähnten Ritter. 


Eine der vollſtändigſten Sammlungen Colibris 
boten Farben dar, wie fie nur die Sonne bei Auf: 
und Untergang am Himmel malt, eben fo wie bie 
‚reihe Echmetterlings: Sammlung mit mebrern ganz 
‚neuen Eremplaren. Unter andern Inſekten fab ich 
‚bier zum erftenmal den fogenannten Stockkäfer, der 
den Urbergang zwifchen dem Pflanzen: und Thier— 
reihe zu machen fiheint. Er ift an ſechs Zoll Tang 
‚und von einem blätteriofen Ulmenzweig mit Fleinen 


—*8 
BEN 
— 
Av 4 


; 371 | 
Nebenäſten, welche durch die Füße gebilbet werden, 
faum zu unterſcheiden. Nur der an der Spitze ver: 
borgne Kopf mit Kühlhörnern verrätb ihn als ein 
organifches Werfen. 

Sch aß bei Lady F... zu Mittag, wo fich ein eig: 
ner Fall zufrug. Ihr Mann war früher Gouverneur 
auf Isle de France, und fie hatte dort von einer 
Negerin das angebliche Wahrſagebuch der Kaiferin 
Joſephine gefauft, welches diefe vor ihrer Einfchif: 
fung nach Franfreich befeffen, und daraus ihre Fünf: 
tige Größe und ihren Fall gefefen haben foll. Lady $... 
produeirte e8 beim Thee, und fud die Gefellfchaft ein, 
nach dem vorgefchriebnen Modus Fragen an das 
Schickſal zu frellen. Nun höre die Antworten, welche 
es gab, und die in der That merfwürdig find. Frau 
von Rothſchild war die erfte, welche frug, ob ibre 
Wünfce erfüllt werden ‘würden? Gie erhielt die 
Antwort: Ermüde das Schiefat nicht mit Wün— 
fchen, wer fd viel verlangt bat, muß zufrieden feyn. — 
‚Hierauf frug Herr Spring Rice, ein berühmter Par: 
famenfsredner und einer der eifrigften Verfechter der 
Emancipation der Gatbolifen (eine Sache, die bier 
für alle Welt jest vom größten Intereſſe, für oder 
wider, it), ob morgen, wo die Frage im DOberbaug 
für diesmal entfohieden wird, fie durchgehen würde ? 
‚Nun muß ich bier einfchatten, daß es ſchon befannt 
ift, daß fie nicht durchgehen wird, man aber zu: 
gleich allgemein glaubt, daß fie beim nächſten Par: 
kament den gewünschten Erfolg haben müffe. Grade 
ſo num lautete die lafonifhe Antwort des Buchs, 


24 u 


372 


nämlich: Ihr werdet Feinen Succeß haben, dies: 
mal. — Nun zwang man eine junge Amerifanerin 
zu fragen, ob fie fich bald verbeirafhen würde, wor: 
auf die Antwort war: Nicht in diefem Welttheil. — 
Sept Fam die Reihe an mich und ich frug: ob, was 
nrein Gerz grade jebt fo Tebhaft berühre, zu meinem 
Gluͤcke fen? Laß diefe Neigung fallen, erwiederte 
das Zauberbuch, denn Du wirft fehen, fie ift weder 
wahr noch beftändig. 

Ob hierbei aber meine eigne oder Pie zu mir ges 
meinf fey, bleibt, wie alle Orakel, dunkel, 

Die Geſellſchaft, welche natürlich Feine Ahnung 
von meiner eigentlihen Meinung bei der Frage hatte, 
machte fich ſehr Iuftig über die erhaltene Abfertigung, 
und verlangte, ich follfe noch eine thun. Sch frug 
alfo: Wird das Schickſal mir in ernfleren Plänen 
günftig feyn ? Suche, war die Antwort, und Du 
wirft finden, beharre und Du wirft erreichen. 

Ohne zu ſuchen fand ich an demfelben Abend noch 
eine fehr angenehme Bekanntſchaft, indem ich der 
Herzogin von Meiningen, Mutter der Herzogin von 
Gtarence, bei diefer vorgefteflt ward, eine höchſt fie: * 
benswürdige Dame von Act deutſchem Charakter, 
der weder ihr Alter noch ihr Rang die naive Natür— 
fichkeit bat nebmen können, welcde vielleicht dag 
fiherfte Zeichen einer reinen und fihönen Seele -ift. 
Die würdige Mutter einer fo hoch verehrten Tochter, 
muß den Engländern, Die ihrer Fünftigen Königin 
febr anbangen, eine angenehme Erfcheinung ſeyn, 
auch. zeigte fih von alten Seiten das größte Em: 


373 


preffement. Schade nur, daß es bei ſolchen Gelegen— 
heiten den englifchen Damen, Vornehmen wie Gerin: 
gen in der Negel fo ſehr an graziöfer Tournüre und 
geſchickten Worten feblt, um ein bübfches Zotal: 
fhaufpiel zu geben. Ein Drawingrvom. und eine’ 
Hofpräfenfation find bier immer fo fächerlih, wie 
das Lever eined Bürgermeifterg der weiland freien 
Neichsftädte unſers DBaterlandes, und aller Stolz 
und Reichthum der Ariftofratie -verfchwindet in dem 
linfifhen Embarras diefer mit Diamanten.und Pub 
nicht geſchmückten, fondern nur beladenen Lady. 
Im Neglige, und wenn fie ungenirt in ihrem Haufe 
Sich ‚in gewohnter Umgebung bewegen, erfcheinen 
- junge Engländerinnen oft fehr vortheilhaft, in Pa: 
rüre und großer Gefellfchaft aber faft.nie, weil eine 
unbezwingliche und aller Grazie entbehrende Tumi— 
dität felbft ihre intelfectuellen Eigenfchaften fo vol: 
ftändig paralyiire, daß eine geiflreiche Unterhaltung 
mit ihnen gewiß eine fehwere Aufgabe wird. 

Sch Halte fie daber auch unter allen Europäerinnen 
für die angenehmften und comforfableften Ehefrauen, 
fo wie für die unfähigften zu Repräſentation und’ 
Geſellſchaft. Offenbar überfteige bei dieſem Urtheil 
das Lob den Tadel weit. 


Den I6ten. 


Heute wohnte ich eirem infereffanten Frühſtück 
bei, welches der Tauben: Elub.aab. Diefe Benen: 


374 


nung bedeufet keineswegs, daß die Mitglieder fanft 
und obne Falſch, wie die Tauben, fih Zu feyn be: 
fleißigen, fondern er befteht im &egentbeil aus der 
wildeften Jugend Englands, und die Tauben ba: 
ben nur im fo fern etwas damit zu fhaffen, als Die 
Aermſten — fodtgefchoffen werden. Der Scauplaß 
war ein großer mit einer Mauer umfchloßner Gras— 
garten. An der einen Seife befindet ficy eine Reihe 
Zelte, in deren größtem eine gedeckte Tafel von 1—6 Uhr 
fortwährend friſch mit Speifen befest, und mit Cham: 
pagner und Mofelwein in Eis raftlos garnirt ward. 
Ohngefähr 100 Schützen nebft einigen Gäſten waren 
gegenwärtig, und die ganze Beit über fhoß, aß und 
trank man abiderhfelnd. Die Tauben werden, immer 
acht an der Zahl, in einer Reihe aufgeftellt. An den 
Käftcben, die fie beherbergen, find Stricke befeftigt, 
welche alle abet am Schießſtand zufammenlaufen, 
und fo eingerichtet find, daß, wenn man an einem 
derfelben zieht, das betreffende Käſtchen aufklappt und 
die Taube beraugfliegt. Der, welcher zulest gefchof: 
fen hat, zieht für den nächſten Schüsen, aber hinter 
ibm ftebend, fo daß jener nicht jeben kann, welchen 
Strick er zieht, daber auch ganz unvorbereitet und 
ungewiß iſt, welche der acht Tauben auffliegen werde. 
Fällt die Taube noch innerhalb der Einzäunung nach 
ſeinem Schuß, ſo wird ſie ihm angerechnet. Kömmt 
ſie hinaus, ſo wird es als gefehlt angeſehen. Jeder 
Schütze bat eine Doppelflinte, und darf beide NE: x 
gebrauchen. 


375 


Die beiden berühmteſten Schützen in England jind 
Capitän Nogs und Mr. Dsbaldiftone, Beide fchoffen 
eine Wette um 1000 8. St., die aber heute noch nicht 
entſchieden wurde. Beide fehlten Fein einziges Mar, 
und Gay, Ross Taube kam nie 412 Schritte weit, 
flatterte auch kaum, fondern fiel faft immer mit dem. 
Schuß fogleidy wie ein Stein zur Erde. Wie babe 
ich fo unbegreiftich gut fchießen fehen. Ein hübſcher 
Heiner Hühnerhund des Clubs apporfirte jede Taube, 
wie eine Mafchine feinen Dienft ftetd obne Fehl und 
ohne Uebereilung verrichtend. Zuletzt ſchoß die ganze 
Geſellſchaft noch um einen goldenen Becher, 200 L. 
Ef. an Werth, den jährlichen Preis, den Capitän 
Ross gewann. Um 7 Ubr Fam ich erft von Diefem 
Iuftigen „Frübftück fort, und begab mich in ein mir 
noch unbefanntes Theater, Sadlerd Wells genannr, 
welches gufe drei Viertel deutfche Meilen. von mer: 
ner Mobnung entfernt ift. Sch war in einem Fiacre 
bingefabren, und als ich gegen 1 Uhr wieder zu 
Haug wollte, fand fih in dieſem entlegenen Winkel 
Fein Miethwagen mehr, und auch alle Häufer waren 
gefchloffen. Dies war um fo unangenebmer, da ich 
wirftich. feine Sdee davon hatte, in welchem Theile 
ter Stadt ich mic) befand. 

Nachdem ich eine halbe Stunde vergeblich in deu 
Straßen umbergeirrt war, um einen Wagen aufju: 
treiben, und ſchon mich rejignirfe, mit Hilfe eines 
Watchman (Nachtwächter) zu Fuß nach Haufe zu wan— 
dern, Fam noch eine Diligence gefahren, die glückli— 
cherweife grade meinen Weg einfchlug, und mit der 


376 


ich daber gegen 2 Uhr wieder bei den Hausgöttern 
anlangfe. — Dieſes Theater hat dag Eigenthümliche, 
daß e8 — wirkliches Waſſer geſetzt werden kann— 
in welchem Elemenf die Echaufpiefer oft Stunden 
kung gleich Waſſerthieren umberpläffchern. - Lebrigeng 
geht nichts über den Unfinn der bier aufgeführten 
Melodrame, und über den horribfen Gefang, von 
dem ſie bealeifet werden. | — 


— 


Den L2bſten. 


Man hat noch einen Fancyball arrangirt, der mir 
aber nur einen traurigen Eindruck zurückließ. Ich 
bemerkte einen blaſſen, in einen einfachen ſchwarzen 
Domino gehüllten Mann, in deſſen Geſicht ein un— 
nennbarer Bug des bitterſten Seelenleidens ſchmerz— 
lich anzog. Er blieb nicht lange, und als ich mich 
bei L. nach ibm erkundigte, gab dieſer mir folgende 
Auskunft: Diefer beklagenswerthe Ekerbliche, DObrift 
&...; fagte er, würde den Helden zu einem fihauerz: 
lichen Roman abgeben Fünnen. Wenn man von Ses 
mand fagen fann, er fey unglücklich geboren, ſo ift 
er es. Sein großed Vermögen verfor er früb durch 
den frauduleufen Banqueroft eines Freundes. Hun— 
dertmal kam ibm ſeitdem Das Glück enfgegen, aber 
immer nur, um ibn im enffcheidenden Augenblick mit 
dem Verfchwinden aller Hoffnung au äffen, und faft 
jedesmal waren es nur die unbedeutendften Kleinig: 
feifen, ein verſracc Brief, eine leicht mögliche Ver— 


377 

wechfelung, ein unbeilbringendes Unwohlfeyn, an 
denen alles fcheiterte, ſcheinbar fogar immer feine 
eigne Echuld, und Doch nur das Gewebe hohnlachen— 
der, tückiſcher Geifter. 

So beginnt er fchon fange nichts mehr, um feine 
. Lage zu ändern, fuhr 8. fort, verfucht' Feine Beffe: 
rung feines Schickſals, im Voraus durch lange, 
graufame Erfahrung überzeugt, dag ihm nichts ge— 
fingen könne. Ich Fenne ihn von Jugend auf. 
Dbpleich harmlos wie ein Kind, hält ibn doch ein 
großer Theil der Welt für böfe; obgleich einer der 
aufrichtigften Menfchen, für falfh und intriguant ; 
ja man vermeidet und fiheut ihn, obgleich nie ein 
Herz wärmer für das Wohl Anderer flug. Das 
Mädchen, das er anbetete, ward durch feine vermeinte 
Untreue zur Selbſtmörderin, er felbit befand ſich in 
Folge unerbörter Umftände lange in Unterfuchung 
wegen des Mordes feines Bruders, neben dem er, fein 
eignes Leben für jenes Vertheidigung opfernd, blu: 
tend gefunden ward. Schon zum Strange verur: 
theilt, rettete ibn vom fchimpflichen Tode allein des 
Königs Beanadigung, der erſt fpäter die Beweiſe 
ſeiner Unſchuld ſolgten. Eine Frau endlich, die er in 
Folge eines ſchändlichen, lange vorbereiteten Betruges 
heirathete, lief mit einem andern davon, und wußte 
es dennoch dahin zu bringen, daß in der Welt nur 
ihm der größte Theil der Schuld beigemeſſen ward. 
Vor der Zeit ſo in jedem Selbſtvertrauen geknickt, 
jeder Hoffnung auf das Schickſal wie auf die Men: 
fchen abaeftorben, lebt er unter ihnen nur noch vote 


378 


ein theilnahmloſer abgeichiedner Geiſt, ein berzzer: 
reiſſendes DBeifpiel, daß es Weſen gibt, die, für dieſes 
Leben wenigfteng, dein Teufel ſchon vor der Geburt 
verfauft gewefen zu feyn fcheinen. Denn wen der 
Fluch des Unglücks einmal gefroffen, dem ſchafft er 
nicht nur Feinde auf jedem Schritt, fondern raubt 
ibm auch das Zufrauen und zulcht das Herz der 
Freunde, bis endlich der Arme, überall. Getretne, Ge— 
ftoßne und Gemißhandelte darniederjinfend, fein wun— 
des müdes Haupt binfegt und ftirbt, während fein 
letzter Seufzer noch der mitleidslofen Menge, als eine 
Anmaſſung und ein unerfräglicher Mißton erfcheinf. 
Mehe den Unglücklichen! Dreimal webe ihnen! 
denn für fie gibt es weder Tugenden, noch Klugbeit, 
noch Befchiek, noch Freude. — Es gibt nur ein Gu— 
tes für ſie, und das iſt der Tod! 


Den 2ten. 


Sm Ganzen bat es doc etwas Angenehmes, jeden 
Zag über fo viele Einladungen difponiren, und wo 
es einem nicht gefällt, fogleich eine beffer conveni— 
rende Gefellfchaft auffuchen zu Fünnen. Hie und da 
findet fich dann Doch immer etwas Neues, Pikantes 
oder Intereſſantes. So machte ich geftern beim Prins 
zent... die Befanntfchaft einer zweiten Ninon de 
l'Enclos. Lay U... . hält gewiß Niemand für 
mebr als 40, dennoch ift fie nabe an 80. Nichts an 
ihr erfcheine gezwungen noch unnatürlich, dennoch 


> 


379 x 


altes jugendlich, Taille, Anzug, Lebbaftigkeit des 
Benebmens, Grazie und Schnellfraft der Glieder, 
foweit dies auf einem DBalle zu bemerfen ift, Alles 
iſt vollfommen jung an ihr, und im Geficht kaum— 
eine Runzel. Sorgen bat fie fich nie gemacht, und 
von Sugend auf fehr Iuftig gelebt,‘ ift auch zweimal 
ibren Männern davon gelaufen, weßbalb fie lange 
England mied, und ihr großes Vermögen in Parig 
verzebrfe. Alles zufammengenommen, eitre allerliebfte 
Fran, M ihrem Benehmen mehr Tranzöfin als Eng: 
länderin und ganz du grand monde, Sn der Toi— 
fetfenfunft bat fie große Studien und fcharffinnige 
Erfindungen gemacht. So viel ich davon erfaufchen 
Fonnfte, werde ich gerne Dir und allen meinen fchö: 
nen Freundinnen mittbeiten. 

Am nächften Tage gab der Herzog von ©. auf 
feiner Villa ein dejeune champötre, bei dem er es 
doch möglich gemacht hatte, noch etwas Neues für 
dergleichen Feten zu erfinden. Sein ganzes Haus 
war mit ſchönen Hauteliffes und bunfen chinefifchen 
Tapeten bebangen,, eine Menge Meubles, Sophas, 
Fauteuils, Chaises longues, Gpiegel x. im Garfen 
überall, wie in mehreren Salons und Cabinets ver: 
theilt, und außerdem Feine Lager von Zelten, aus 
weiß und Rofa = Mouffelin angebracht, die fich- in dem 
Smaragdgrün des pleasure grounds berrlich aus: 
nahmen. 

Abends folgte, wie gewöhnlich, eine Illumination, 
größtentbeils nur mit einzelnen Lampen kunſtreich 
in den Bäumen und Büſchen verborgen, gleich ſo 


380 


viel glühenden Früchten und Johanniswürmchen, die 
Liebenden und die Einfamen anzulocken. Aber auch 
Diejenigen, welche Geräuſch den ftiffen Freuden vor: 
sieben, fanden Befriedigung. Hier tanzte in einem 


weiten Zelte, zu dem ein Weg von glänzend erhell: _ 


ten Bögen aus NRofenguirlanden führte, ein großer 
Theil der Geſellſchaft, dort erfchaltte ein vorfreffliches 
Concert, ausgeführt von den beften Virtuoſen und 
Sängern der italienifchen Oper. Auch italiänifches 
Wetter begünftigte glüclicherweife vom Anfang bis 
zum Ende diefes Feſt, welches der kleinſte neckende 
Geift der Atmofphäre hätte vernichten Fünnen. In 
England war das ganze Unternehmen daher wohl ein 
Wagſtück zu nennen, und doch findet man gerade diefe 


Art Feten hier häufiger und fehöner als irgendwo, - 


wie der unfruchtbarfte Boden off der cultivirtefte ift. 

Ich babe mich nun. fo eingerichtet, daß ich in ſpä— 
fefteng 4 Wochen England verlaffen kann, um eine 
Neife von etwas längerer Dauer nad Wales, und 
befonders nach Srland zu machen, welches letztere nad) 


ſo Vielem, was ich davon höre, weit mehr Sntereffe 


wie Schottland bei mir erregt. Doch thut e8 mir 
leid, daß Krankheit zuerft, und die Serftreuungen der 


Hauptftadf nachher, mich um den Anblic jenes Lanz 


des gebracht haben. Es ift eine Bernacdhläffigung, 
die ich, in mein Sündenbuch mit aufnebmen muß, 
das Leider fo viele dergleichen enthält, unter dem Ar: 
tifet: Indolenz — ein abfcheulicher Feind der Men: 
ſchen! Gewiß hatte jener franzöfifhe Marfchalt recht, 
der zu Ludwig XIV, für Parvenüs fo ungünftigen 


% 


1 


38i 


Zeit, ſich dennoch vom gemeinen Soldaten bis zu der 
böchften Würde feines Standes emporfchwang, als er 
einigen Freunden, die ihn fragfen, wie ihm dies mög: 
lich geworden, anfwortefen „Nur dadurch, daß ih 
nie bis morgen auffhob, was ich heute 
thun fonnte“ Faſt in daffelbe Kapitel gebört die 
Unentfchloffenbeit, auch ein Erbfeind fo vieler Men: 
fhen, die ein noch berühmterer Marſchall, Suwaroff, 
fo ſehr haßte, daß er, in der Uebertreibung ſeines 
Charakters, denen ſogleich ſeine Gunſt entzog, die ihm 
je auf eine Frage erwiderten: „Ich weiß nicht.“ 

Non mi ricordo, gebt ſchon eber an, und meinen 
Grundſätzen gemäß wende ich dies befunderg auf alle 
befagten Sünden an, wenit fie einmal gefcheben fino. 
Man muß es fich täglich wiederholen: die Vergan— 
genbeit ift todt, nur die Zukunft lebt, 

Möge fie ung, meine geliebte Julie, immer günftig 
erſcheinen. 


Dein treuer L. 


Bier und zwanzigfter Brief. 


Cobhamhall, den 30ſten Suni, 
Geliebte Freundin! 

Nachdem ich meinen Brief an Dich abgeſchickt batte, 
und dann mit einigen Damen eine Landparthie ge: 
macht, fuhr ich auf eine Affembtee beim Herzog von 
Glarence, wo diesmal ein folches ächt englifches Ge: 
dränge war, daß es mir, wie vielen Andern, durch— 
auß nicht gelang, bereinzuflommen, und wir nad 
einer halben Stunde unverrichteter Sache wieder ab: 
ziehen mußfen, um uns auf einem andern‘, Balle zu 
entfchädigen. Die Mafe im erften Zimmer wurde fo 
zufammengepreßt, daß mehrere Herren ihre Hüte. 
auffesten, um nur beffer mit den Armen arbeiten zu 
können, Die Juwelen bedeckte Damen wurden fürme 
lich niedergebort, und fielen oder ftanden vielmehr in 
Ohnmacht. Schreien, Stöhnen, Fluchen und Seufzen 
waren die einzigen Zöne, die man vernahm. Ginige 


383 


nur fachten, und fo unmenfhlih ed war, muß ih 


mich Doch, anflagen, felöft unter diefen letztern gewe— 


fen zu feyn, denn es war doch gar zu ſpaßhaft, fo 
etwas Gefeltfhaft nennen -zu hören. Su der That 


baffe ich e8 aber auch fo arg bisher noch nicht erlebt. 

Früh am andern Morgen ritt ich nach C . balt, 
um einige Tage dorf zuzubringen, auf eine "Einfar 
tung zu Lord D. Geburtetag, der beute landlich 
und anſpruchslos gefeiert wurde. Die Familie befand 
fih, außer mir, ganz allein noch durch den Alteften 


Sohn mit feiner ſchönen und Tieblihen Frau ver: 


mehrt, welche gewöhnlich in Irland refidiren. Häus— 
lichkeit war überall an der Tagesordnung. Man aß 
früb, um gegen Abend dem Soupé im Freien bei— 
wohnen zu können, welches Lord D.... allen fe: 
nen Zobnarbeitern gab, obngefähr 100 an der Zabl. 
Es ging dabei. böhft anständig zu. Wir faßen im 
pleasure ground am eifernen Zaun, und auf der ge: 


mähten Wiefe waren die Tifche für die Leute gedeckt. 
Erſt befamen obngefäbr 50 Junge Mädchen auß der 


Ranfafter’fhen Schule, die Lady D.... im Park 
geftifter, Thee und Kuchen. Alle waren egal ange: 


zogen, und mitunter recht bübfch, Kinder von 6 — 14 


Sabren. Nach diefen erſchienen die Arbeiter und fep: 
ten fich) an eine lange Tafel, die reichlich mit unge: 


-beuern Schäffeln voll Braten, Gemüſe und Pudding 


befebe war. Jeder brachte fein Beſteck und feinen 


-irdenen Becher felbit mit. Die Diener des Haufes 


legten vor, machten überhaupt die Honneurs umd 
ſchenkten das Bier aus großen Sartengießfannen en, 


384 


Die Mutikanten ded Dorfes mufichhten dazu, und 
zwar weit beſſer als die unfrigen, waren auch weit 
beffer angezogen, dagegen die Arbeiter nicht fo auf 


und reintich augfaben, als unfre Wenden in ihrer 


Sonntagstracht. Es waren durchaus nur diejenigen 
Bewohner des Dorfs und der Umgegend eingeladen, 
die fortwährend für Lord D.... arbeiten, fonft 
Tiemand. Die Gefundheiten aller Mitglieder ver 
Kamilie des Lords wurden mif neunmallgem Hurrab: 
gefchrei febr fürmlich getrunken, worauf unfer after 
Kutſcher Child Gebt in Lord D.... 8 Dienft) der 
eine Art englifiher Improvisatore ift, miffen auf den 


Tiſch flieg, und eine Höchft pofirtiche Nede in Verfen - 


ah die Gefellfchaft hielt, in der auch ich vorfam, und 
zwar indem er mir wänfchte 


to have -allways pleniy of gulü and never to 
‚ become old, 


(immer genug Geld zu haben und nie alt zu 
werden) 


wa 


* 


was der doppelten Unmöglichkeit wegen faſt ſathriſch 
Hang. 


Während dDiefer ganzen Zeit, und bis es dunfel 
ward, tanzten und hüpften die Fleinen Mädchen un: 
ter. fich mit großer Gravität auf dem Raſen, vhne 
irgend einen Zuſammenhang, wie Marionetten, raſt⸗ 
los umber, die Muſik mochte ſchweigen oder ſpielen. 
Unſere Geſellſchaft im pleasure ground ward endlich 
auch von diefer Zanzluft angeftedt, und ich ſelbſt 


385 


gezwungen, mein beshalbiged Gelübde zu brechen, 
was ich meiner Tänzerin, der bojährigen Lady Du... 
- ohnmöglich abfchlagen Fonnte. 


Den aten Suli, 


Lange babe ich mich nicht fo gut amüfirk als bier. 
Um Tage mache ich in der fchönen Gegend Ercurfios 
nen, oder fahre in Lady DD... 8 Phaeton und Ein: 
-fpänner ohne Weg und Steg in den Wiefen und 
dem Hochwalde des Parks umber, und auch Abends 
nebme ich, wie Seder, nicht mehr Theil an der Ge: 
ſellſchaft als mir gefällt. Geftern faßen wir fo Alle 
(9 Perfonen) wohl ein paar Stunden lang nach dem 
Eſſen in der Biblivthef gemeinfchaftlich‘ zuſammen, 
und lafen, jeder aber, verftebt fich, fein eignes Bud, 
ohne daß ein einziges Wort die Lectüre unterbrochen 
hätte, über welches peripathetifche Stinfchweigen wir 
doch zuletzt felbft lachen mußten, eingedenf deg Eng. 
pänderg, welcher in Paris behauptete, que parler 
e’etait gäter la conversation, 

Nahdem ich am erften Tage die erwähnte Lanfas 
ſter'ſche Schule befichtigt hatte, wo eine einzige Ver: 
fon 60 Mädchen unterrichtet, die aus der Umgegend, 
ſo weit fie dem Lord gebürf, täglich auf 4 Stunden 
hierberkommen, ritt ich nach Orcheſter, um die Rui— 
nen des dortigen alten Schloffes zu befehen, ein fchös 
ner Ueberreſt des Alterthums. Was nicht mit Ge: 

Bricfe eimeh Derflorbenen. IV, 25 


’ 


386 


walt zerftört wurde, ſteht noch felfenfeft feit Wilhelm 
des Eroberers Zeiten, alfo mehr als 800 Jahre. Be 
fonders ſchön find tie Ueberreſte des Eßfaals mit 
coloffalen Saulen, verbunden durch reich verzierte 
fächfifche Bogen. Die Stein: Ornamente wurden alle 
in der Normandie gearbeitet und zu Waller berge: 
ſandt. Sch erftieg die höchſte Epise der Ruine, wo 
ich eine herrliche Augficht fand, auf die Vereinigung 
der beiden Flüſſe Medway und Themfe, die Städte 
Rocherter und Ehatbam nebft den Dock-MYards in der 
tepten, und einer veich bebauten Umgegend. 


— Diné bekam unſere Geſillſchaft einen Zuwachs 
durch Mr. und Mſts. P Dr. MM... und 
einen Neffen Lord Di. ..8; Mid. DPD... 0: 
zählte eine gufe Anekdote vom Schauſpieler Kemble. 
Auf einer feiner Kunftreifen in der Provinz fpielte: 
diefer in einem Stück, worin ein Kameel vorfömmt. 
Er fprach deßhalb mit dem Decorateur und äufferte: 
daß gerade, wie.er heute gefehen, ein Kameel in der 
Stadt ſey — der Decorateur möge ſich es daher an— 
ſehen, um fein artificielles Thier demſelben fo aähn— 
lich als möglich zu machen. Der Mann ſchien hier— 
über ſehr verdrüßlich und erwiederte: es thäte ihm 
leid, daß die Herren von London glaubten, in der 
Provinz ſey man ſo gar unwiſſend; was ihn beträfe, 
jo fchmeichte er fih, ohne weitere Inſpektion, heut 
Abend ein natürlicheres Kameel herzuſtellen, als 
irgendwo eins in der Stadt umhergehen könne. 


387 

Am folgenden Tage wurde abermald, und zwar 
diesmal in Gefellfchaft der Damen, ausgeritten, und 
fyäter, nach dem Luncheon, eine Waſſerfahrt auf Lord 
D . . s eleganter Jacht gemacht. "Bis zur Themfe 
fubr ich die Geſellſchaft four in haud, was ich in der 
festen Zeit fo wenig geübt babe, daß an einem Kreuz: 
wege meine leaders (Worderpferde) mit ihren Köpfen 
wider meinen Willen in das Innere einer quer vor— 
beieifenden Diligence gerietben, und dadurch in beiden 
Magen, ſowohl vor als hinter mir, einige Schreie des 
Schreckens bervorriefen, was den alten Child, der 
mich als feinen Schüfer anſieht, fehr entrüſtete. 


An einem Tage verlor ich fo, wie der große Corſe, 
alt meinen Ruhm in der großen Kunft, die Zügel zu 
führen, die man vom Throne regieren, vom Bode 
fapren nennt, Ich mußte daher auch den Iehteren 
abdieiven, weil die Damen behaupteten, daß ihr Leben, 
während ich diefen Platz einnähme, in zu —— Öes: 
fahr ſchwebte. 


Dieß verdroß mich fo febr, daß ich, auf der Jacht 
angekommen, ſogleich die Strickleitern hinaufkletterte, 
und im Maſtkorbe blieb, wo ich, von einem lauen 
Zephyr gefücheft, gemächlich die ſtets ſich ändernde 
Ausſicht bewundern, und über meinen tiefen Sturz 
philoſophiren konnte. 


385 - 
Den 5ten. 


Nachdem ich heute noch fleißig gebolfen, einige Neue 
Drofpekte im Sebüfch auszubauen, woran wir Alle 
Hand Iegten, und einen Weg im Park angegeben 
batte, dem man die Ehre anthun will, ihn nach mir 
zu benennen, nahm ich herzlichen Abfchied von dieſer 
vortrefflihen Samilie, die den Vornehmen jedes Lan: 
des zum Mufter dienen Fünnfe, und kehrte, verfehen 
mit mehreren Empfebhlungsbriefen für Srland, nad 
London zurüd. 


. — — 


Den Sten. 


Da ich vor meiner Abreife Dir noch vielerlei mit 
meinen Pferden, Wagen und Vögeln (von den letz— 
tern erhältft Du einen ganzen Transport der felten: 
ften) zufenden will, fo habe ich diefer Tage mit aller: 
lei Einfäufen viel zu thun gehabt. Während dem 
‚gerietb ich auf. die Ausftellung des Gewerbfleißes, 
wo man gar manches Intereſſantes fiebt, ald 3.3, 
eine -Mafchine, die alle im Gefichtäfreis befindlichen 
Dinge perfpektivifch, fo zu fagen‘, von felbft zeichnet; 
ein Kortepiano, dag, aufer zu dem gewöhnlichen Ge: 
brauche zu dienen, auch noch hundert Stüde extra 
altein fvielt, fo daß man diefe mit eignen Phantas 
jieen auf den Zaften begleiten Fann; ein ſehr com: 
pendieufer Haustelegrapb, der die Bedienten mehr 
als zur Hälfte, und ihre Läftige Unwefenheit faft ganz 


339 y 


erſpart; eine Wafıhmafchine, Die für die größfe Menge 
Wälche doh nur eine Gehülfin braucht; eine höchit 
elegante Buttermafchine, um fih in Zeit von zwei 
- Minuten die Butter felbft beim Frühſtück zu verferti: 
gen, und mehr andere Neuigkeiten diefer Art. 


Bon bier fuhr ich nach der größten Nurfery (Han: 
delsgarten) in der Umgegend Londong, welche ich ſchon 
lange zu feben gewuͤnſcht. Die mannichfachen Bedürf: 
niffe fo vieler reicher Leufe bringen bier Privatunter- 
nehmungen von einem Umfang hervor, wie man fie 
fonft nirgends antrifft. So fand ich in diefem Garten 
eine Sammlung Gewächshäuſer von jeder Größe. 
‚ Bei vielen waren fcehmale bleierne Röhren, längs dem 
Rahmen des Glasdaches hin angebracht, obngefähr 
drei an jeder Eeite des Daches. In diefe Röhren 
find ganz ſchmale Löcher gebohrt, nach Verhältniß 
ibrer Höhe vom Boden. Das bloße Drehen eines 
Habnes füllt die Röhren mit Flußwaſſer, und in 
demfelben Augenblick entjtehbt im ganzen Haufe ein 
dichter Regen, gleich dem natürlichen, den man an: 
balten läßt, fo lange man will. Dies macht das 
befchwerliche Begießen faft ganz unnöthig, wirft viel 
Fraffiger und gleichfürmiger ein, und nur, wo zu 
dichte Blätter vielleicht dem Regen undurchdringlic 
“ find, wird nachgeholfen. 


Segen Schloßen fand ich folgende einfache Bor: 
richtung. Auf dem Forft des Glasdaches, wie auf 
den beiden Seitenmauern find eiferne Episen befe— 
ftigt, und zwei Fuß über dem Glaſe zuſammenge— 


a 390 


rolltes Segeltuch an fie befeftigt. Kommen Schloßen, 
fo wird Durch eine leichte und fihnelfe Vorrichtung 
dieſes Segeltuh, vermittelft angezogener Schnüre, 
ftramm aufgefpannt, fo daß es gleichfam ein doppeltes 
Dach bildet, und alle Schloßen davon abprallen müffen, 
ohne das Glas berühren zu Fünnen. 


Dhne mich in das Detail der unzähligen Ananas: 
forten, Roſen 2c. einzulaffen, bemerfe ich nur, daß im 
Departement der Gemüfe 455 Arten Salat, 261 Erbfen 
und 240 Kartoffeln zu haben waren, und fo forf im 
gleichen Verhältniß faft mit allen Gegenftänden des 
Gartenhandels. 


Auf dem Rückwege begegnete ich den Tyrolern, die 
ſich einen freien Tag gemacht hatten, und frug das 
Mädchen, meine alte Bekannte, wie ſie denn alle mit 
ihrem hieſigen Aufenthalt zufrieden wären? Sie ver— 
ſicherten enthuſiaſtiſch, „daß ihr Heiliger ſie hierher 
geführt haben müſſe, denn wenige Monate hätten 
ihnen nun ſchon 7000 L. St. eingebracht, die ſie ſich 
baar mit ihren zwölf Liedern erſuüngen.“ 


Der Fürſt Efterbazy bat dies Gejodle bier Mode 
gemacht, und Mode ift bier Alles. Die Sontag und 
Pafta, obdngeachtet ihres herrlichen Talents, baben 
doch eigentlih auch nur dieſem Umſtande: Daß fie 
Mode wurden, ibr Glück in London zu verdanfen; 
denn Weber, der fich zu diefem Ende nicht zu beneh—⸗ 
men wußte, erhielt befanntlich faft nichtg, die beiden 


391 


Bohrer, Kieſewetter, degleichen, und mehrere An: 
dere bon großem Verdienſte waren nicht glücklicher. 


ww 


Indem ich von der Mode rede, wäre e8 wohl ge: » 


rade bier yafiend, mich vor meinem Abgange aus 


England noch einmal etwas weitläuftiger über das. 


Weſen der dortigen Geſellſchaft auszulaſſen, das al- 
lerdings einen Fremden noch mehr als Nebel, Dampf— 
maſchinen und Poſtkutſchen in dieſem gelobten Lande 
auffallen muß. Es iſt wohl nicht nöthig, hier erſt 
zu bemerken, daß bei ſolchen allgemeinen Schilderun— 
gen nur das Vorbherrſchende ind Auge. gefaßt wird, 
und bei dem Tadel, den das Ganze krifft, der hun— 
dert ehrenvoflen Ausnahmen, die fo vollfommen dag 
lobenswertheſte Gegentheil aufftelen , nicht gedacht 
werden kann. 


England befindet Ih, allerdings mit Berückſichti— 
gung eines ganz verfchiedenen allgemeinen Zeifgeifteg, 
dennoch in einer ähnlichen Periode wie Frankreich 
30 Sabre vor der Nevolution. Es wird ibr aud) 
wie jenes verfallen, wenn es ihr nicht durch radi— 
kale, aber fuccefiive Reform entgeht. Nah verwandte 
Grundübel find bier vorbanden, wie dorf, Auf der 
einen Seite: Uebermacht, Mißbrauch der Gewalt, 
verfteinerfer Dünfel und Trivolität der Großen; auf 
der andern "zum allgemeinen Nationalcharakter ge: 
wordner Egoismus und Habfuchk-beim ganzer Volke. 
Die Religion ruht nicht mehr im Herzen und. Ge: 
müth, ſondern iſt eine todte Form geworden, trotz 
dem ungebildetſten Katholiciemug, mit weniger Ce 


332 


remonien, aber mit gleicher Intoleranz und einer 
gleichen Priefterbierarchie verbunden, die jedoch, aufs: 
fer ihrer Bigotterie und ihrem Stolz, noch dad vor» 
aus hat, daß fie das halbe Vermögen ded Landes 
beſitzt * 

Dieſe Urſachen haben auch dem, was man vor— 
zugsweiſe Geſellſchaft nennt, eine analoge Richtung 
geben müſſen. Jie Erfahrung wird dies Jedem be— 
ſtätigen, der Gelegenheit zur nähern Beleuchtung 
des high life in England findet, und höchſt inferef: 
ſant wird es ihm ſeyn, zu beobachten, wie verſchie— 
den dieſe Pflanze ſich in Frankreich und bei John 
Bull durch die Verſchiedenheit des Urgrundes ausge— 
bildet hat; denn in Frankreich entwickelte ſie ſich mehr 
aus dem Ritterthume und ſeiner Poeſie, nebſt einer 
allerdings in der Nation dominirenden Eitelkeit, vers 


Es iſt hoͤchſt auffallend , daß englifche Schriftſteller ſich auf 
alle Weiſe abmartern, um auszumitteln, worin der Grund 
der unermeßlichen Armentaxen, und des immer kuͤnſtlicher 
und drohender werdenden Zuſtandes der arbeitenden Klaffen 
in Großbritannien beftehe, und wie ihm abzubelfen fey, zu >» 
welchem letzteren Ende Einige fogar fyftematifche Menſchen— 
ausfuhr, wie die von baummollenen Zeugen und Stahl: 
waaren, nebft Gouvernementö-Prämien dafür empfehlen — 
da doch das wahre augenblidliche Heilmittel fo nahe liegt, 
— es bedürfte weiter nichts als Aufhebung des Zehnten, 
der überdieß, weil er mit der vermehrten Gultur fleigt. die 
alleinige Urfache iſt, daß in England felbft noch ungeheure 
Streden eines Bodens, den man bei und gut nennen wurde, 
wiüfte liegen bleiber, indem Niemand fein Capital und 

feinen Schweiß blos für die Pfaffen hergeben will, 
A 


393 er 

bunden mit leichtem Sinn und einer wahren Freude 
an der Socialität; in England dagegen aus einer 
brufalen Vaſallenberrſchaſt, dem -Tpätern Handels: 
plüc, angeborner übler Laune dee Volkes und einer 
von jeber ziemlich verfteinerten Selbftliebe. 


Man bildee fich gewöhnlich im Auslande eine mebr 
oder weniger republifanifche Anſicht von der englis 
(hen Sefelifchaft. Sn dem öffentlichen Leben der 
Nation ift diefes Prinzip allerdings ſehr beimerfbar, 
und wird es immer mehr; eben fo in der Ark ihrer 
Häuslichkeit, wo zugleich auch der Egoismus feltfam 
vorberrfcht. Erwachfene Kinder und Elfern werden 
fih fchnell fremd, und was wir Häusfichkeit nens 
nen, ift daher bier bloß auf Dann und Frau und 
Heine Kinder anwendbar, fo lange diefe in der un: 
mittelbaren Abhängigkeit vom Vater eben. Sobald 
fie größer werden, tritt ſogleich republifanifche Kälte 
und Trennung zwifchen ihnen und den Eltern ein. 
Ein englifcher Dichter behauptet fogar: die Liebe der 
Großväter zu ihren Enfeln entftebe blos daher, weil 
fie in ihren erwachfenen Söhnen nichts anders ald 
begierige und feindliche Erben fühen, in ihren En: 
Fein aber wiederum die Fünftigen Feinde ibrer Feinde 
liebten. Gin folher Gedanke felbft Fonnte nur in 
einem englifhen Gehirne entitehen ! 


In den gefelfihartlichen Verhältniſſen dagegen ift 
von oben bis auf die unterften Stufen berab aud 
nicht eine Epur republifanifcher Elemente anzutreffen. 
Hier ift Alles im höchften rate mehr ale ariftofre: 


x 


394 


tifh, es ift caftenartig indifh. Ein: andere Ausbil— 
dung der beutigen fogenannten großen Welt 
würde vielleicht noch ſtatt gefunden baben, wenn in 
England ein Hof, im Eontinentalfinne, Ton und Rich: 
tung in böchfter Snftanz angegeben bäfte, 
Ein folcher ift aber hier nicht vorbanden. Die engs 

tifhen Könige leben als Privatleute, die meiften Hofe 
chargen find faft nur nominelf, vereinigen ſich höchſt 
felten, nur zu großen Gelegenheiten, und da fich doch 
irgendwo in der Gefellfchaft ein Focus organifiren 
muß, von dem das böchfte Ficht und die höchſte Au— 
toritäf fortwährend ausſtrahlt, fo fehlen die reiche 
Ariftofratie berufen, diefe Stelfe einzunehmen. Sie 
war aber, bei aller ihrer Macht und Reichthum, den» 
noch nicht allein im Etande, diefen W ab volftändig 
zu bebaupten. Der englifhe Adel, fo ftolz er ift, 
kann fich doch an Alter und Reinheit, wenn folchen 
Dingen einmal Werth beigelegt werden fol, nicht 
erclufiv nennen, kaum mit dem franzöfifchen, durchs 
aus aber nicht mit dem höheren, großentheilg in: 
taft gebliebenen Deutfchen meſſen. Er bfendet nur 
durch die weislich immer beibebaltenen alten hiſtori— 
fhen Namen, die wie ftchbende Masken durch Die 
ganze Gefchichte Englands durchgeben, obgleich im: 
mer neue Familien und off folde, die von ganz ge: 
ringen Leuten, oder Maitreffen ꝛc. abftammen, da: 
binter ſtecken. Englands Adel bat freilich die folis 
deften Vorzüge vor dem anderer Länder, durch feinen 
reellen Reichtbum, und noch mehr durch den Antbeil 
an der Gefeßgebung, den ihm die Verfaffung ein: 


395 


räumt; da er aber im gefeftfchaftlichen Leben nicht 
dBefhbalb, fondern gerade nur vom affi: 
chirten edleren Blute und böberer Er: 
traction feinen Hochmuth bernebmen ‘und beur: 
Funden will, fo ift allerdings die Prätenfion doppelt | 
lächerlich. 


Man fühlte dies vielleicht. inftinftmäßig, und fo 
wurde durch ftillfehweigende Webereinfunft ald unum: 
ſchränkte Herrfcherin nicht die Ariftofratie, nicht dag 
Geld (denn da die Ariftofratie eben fo reich alg die 
Induſtrie ift, fo Fonnte die höchfte Gewalt unmöglich 
auf dieſe übergeben) fondern eine ganz neue Macht: 
die Mode — auf den Thron geftelit, eine Göttin, die 
nur in England wahrhaft perfonell, wenn ich mich fo 
ausdrücen darf, defpotifh und unerbittlich berrfit, 
immer aber durch einige gefchickte Ufurpatoren beider 
Geſchlechter finnlich repräfentirt wird. 


Der Caftengeift, der fih von ihr herab jetzt durch 
alle Etufen der Gefellfchaft mehr oder weniger er: 
ftreeft, bat bier eine beifpiellofe Ausbildung erbalten. 
Es iſt binlängfich, einen niedereren Kreis vertraut 
befucht zu baben, um in dem auf der Leiter immediat 
folgenden gar nicht mebr, oder Doch mit großer Kälte 
aufgenommen zu werden, und fein Bramine Fann 
fich vor einem Paria mebr feheuen, ald ein anerfann: 
fer Erelufiv ver einem Nobody. Jede Geſellſchafts— 
art ift von der andern getrennt, wie ein englifches 
Feld vom andern durch Dornhecken. Jede bat ihre 
eignen Manieren und Augtrüce, ihren caut, wie 


396 


man es nennt, und vor allem eine vollkommne Der 
achkung für alfe unter ihr ftehenden. Man fiebt auf 
den erften Blick hieraus, daß die Natur einer folcen 
Geſellſchaft höchſt kleinſtädtiſch in ibren einzelnen Cot— 
terien werden muß, was ſie gar ſehr von der —— 
unterſcheidet. 


Obgleich nun die Ariſtokratie, wie ich bemerkte, 
als ſolche nicht an der Spitze dieſes ſeltſamen Gan— 
zen ſteht, ſo übt ſie doch den größten Einfluß darin 
aus. Es iſt ſogar ſchwer, faſhionable zu werden ohne 
vornehmer Abkunft zu ſeyn, aber man iſt es auch 
noch lange nicht, wenn man vornehm, noch weniger, 
weil man reich iſt. So iſt es beinahe lächerlich, zu 
ſagen, aber doch wahr, daß z. B. der jetzige König, 
Georg IV., höchſt faſhionable iſt, der vorige es nicht 
im Geringften war, und feiner der Brüder des jetzi— 
gen ed ift, was übrigens zu ihrem größten Lobe 
dient, da ein wahrhaft auggezeichneter Mann nie frie 
bol genug feyn wird, um in diefer Categorie fich 
auf die Länge bebaupfen zu fünnen, noch zu ‚mögen. 
Dennoch würde e8 auch mißlich ſeyn, beftimme anzu: 
geben, wag auf der andern Geite eigentlich die höch— 
ften Stellen in jener Sphäre verbürge. Man fieht - 
abwechfeind die beterogenften Eigenfchaften darauf 
Pofto faffen, und auch potlitifche Motive können in 
einem Lande wie diefes nicht immer obne Einfluß 
darauf bleiben, doch glaube ich, daß Gaprice und 
Glück, und vor Allem die Weiber, auch hierin, wie 
in der übrigen Welt, das meifte thin. 


397 

Im Ganzen aber zeigen allerdings die modiſchen 
Engländer, ohne deßhalb ihre angeborne Schwerfäl: 
ligfeit und Pedanterie fehr ablegen zu fünnen, als 
den Hauptzug ibres Strebens, das lebhafte Verlan— 
gen: die ebemalige franzdfifche ſittenloſe Frivolität 
und Jactance in ihrem vollen Umfang zu erreichen, 
während gerade im umgefehrten Verbältniß die Franz 
zofen jebt dieſe Difpofition mif altenglifchem Ernfte 
vertaufcht haben, und täglich mehr einem würbige: 
ren Lebenszweck entgegen geben. 

Ein heutiger Londner Excluſiv ift bier in Wahr: 
beit nichte andere, als ein fchlechter Nachdruck, fo: 
wohl der ehemaligen Rouéèés der Negentfchaft, ale 
der Höflinge Ludwig XV. Beide haben miteinander 
gemein: Selbſtſucht, Leichtfinn, unbegränzte Eitel: 
feit und einen gänzlihen Mangel an Herz — beide 
glauben ſich mit Hohn und Uebermuth über Alles 
binwegfesen zu Fünnen, und friehen nur vor einem 
Idol im Staube, jene Franzofen ehemals vor ihrem 
König, diefe Engländer vor dem von ihnen eben an: 
erkannten Herrfcher im Neiche der Faſhion. Aber 
welh eim Contraft in dem ferneren Refultat! Su 
Rranfreih wurde die Abwefenheit der Moralität und 
Ehrlichkeit wenigftend durch ausgeſuchte Höflichkeit 
erfegt, für den Mangel an Gemüth durch Geift und 


> Amabilität entfchädigt, die Impertinenz, fich für etwas 


Befferes ald Andere zu. halten, durch hohe Eleganz 
und ©efälligfeit der Formen erfräglih gemacht, und 

die felbftfüchtige Eitelfeit wenigftens durch den Glanz 
Reines imponirenden Hofes, ein vornehm reprafenti: 


398 
rendes Wefen, die vollendete Kunft des feinen Um: 


gangs, gewinnende Aiſance, und eine durh Wit 


% 


und Leichtigkeit feifelnde Unterhaltung gewilfermaßen 
gerechtfertigt, oder wenigstens entſchuldigt. Was bie: 
fet uns dagegen ein englifher Dandy dar! 


Sein ‚böhfler Triumph ift, mit den böfzernften 
Manieren, unzeftraft ſo ungefchliffen als möglich 
aufzutrefen, ja ſelbſt feine Höflichkeiten fo einzuriche 
fen, daß fie der Beleidigung nahe find, in welchem 
letztern Benehmen er befonderg feine Gelebrität fuche. 
Statt nobler Aiſance, fih jeder Gene der Schicklich- 
Feit entledigen zu dürfen, das Verhältniß mit den 
Frauen dahin umzufebren, Daß diefe ald der angrei- 
fende und er nur ale der duldende Theil erfiheint, 
feine beften Befannten, fobald fie ihm nicht durch. die 
Fafdion imponiren, gelegentlich aus Laune fo zu be: 


handeln, als kenne er fte nicht mebr „to cut them“ 


wie der Kunſtausdruck beißt, den unfäglich faden 
Jargon und die Affekfation feines „set“ guf inne zu 
baben, und ftefd zu wiſſen, was „the thing‘ ift — 
das ohngefähr macht den jungen „Lion“ in der Mor 
dewelt. Hat er noch dazu eine beſonders hübſche 
Maitreffe, und ift es ihm nebenbei gelungen, irgend 
eine Thörin zu verführen, die albern genug war, fich 
der Mode zu. opfern, und Wann und Siinder feinetz 


wegen zu verlaſſen, fo erhält feine Reputation eis 


nen noch böhern Nimbus. Werfchwendet er daher 
auch noch viel Geld, ift er jung und bat einen Nas 
men im Peerage:Buch, fo Fann es ihm Faum-mehr 


399- 


febfen, wenigfteng eine vorübergehende Rolle zu ſpie— 
fen, und er beige jedenfalld in vollen Maße alle 
Ingredienzien für einen Richelieu unferer Zeit. Daß 
feine Converſation nur in frivialen Lokalſpäſſen und 
PMedifance beftebt, die er einer Frau in großer Ge: 
felifchaft in’8 Ohr raunt, ohne darauf zu achten, daß 
"nöd Jemand anders außer ihr und ibn im Zimmer 
ift, daß er mit Männern nur vom Spiel und Sport 
fprehen fann,. daß er außer der Routine einiger 
Modepbhrafen, die der feichtefte Kopf gewöhnlich am 
beften fich merkt, höchſt unwiffend ift, daß feine 
linkiſche Tournüre nur die nonchalance des Bauer: 
burfchen erreicht, der fich auf die Dfenbanf hinſtreckt, 
und feine Grazie viel Uebnlichfeit mit der eines Bä— 
ren hat, der im Auslande tanzen gelernt — alles 
das raubt ihm Feinen Stein aus feiner Krone, 


— 


Schlimmer noch iſt es, daß trotz der vornehmen 
Rohheit ſeines äußern Betragens, der moraliſche Zu— 
ſtand ſeines Innern, um modiſch zu ſeyn auf einer 
noch weit niedrigern Stufe ſtehen muß. Wie ſehr 
der Betrug in den vielen Arten von Spiel, die hier 
an der Tagesordnung ſind, in der großen Welt vor— 
herrſcht, und lange mit Erfolg ausgeübt, eine Art 
von Relief giebt, iſt notoriſch, aber auffallender iſt 
es noch, daß man den craffeften Egoismus, der doch 
auch folhen Hondlungen nur zum Grunde liegt, 
gar nicht zu verbergen fucht, fondern ganz vffen ale 
das einzige vernünfftge Prinzip aufftell, und „good 
nature,“ oder Gemüth ald comble der Gemeinpeit 


400 
belacht und verachtet, wie ed in feinem andern Lande - 
der Fall mehr ift, wo man fi folder Gefinnungen 
wenigiteng fhämf, wenn man fie bat. „We are a 
selfish people, fagf ein betiebter Modefchriftfteller, 
I confess, and I do believe that what in other coun- 
tries is called „amor-patriae‘ is amongst us, nothing 
but, a huge conglomeration of love of ourselves; 
but am glad of it; I like selfishness; 
there’s good sense in it“ und ferner, nicht etwa ſaty— 
rifch, fondern ganz ernfthaft eifrig gemeint: 


„Good nature ıs quite mauvais ton in London, 
and really it is a bad style to take up, and will 
never do,“ 


Freilich, wenn man jedes Gefühl auf das ſpitz— 
_findigfte-analyiiren und verfolgen will, fo wird man 
vielleicht immer eine Art von Egoismus im tiefften 
Grunde entdecken, aber eine edle Scham wirft eben 
defbalb bei allen andern Nationen einen Schleier dar: 
über, wie auch. der Gefchlechtötrieb etwas fehr Na: 
türlihes und Wahres ift, und dennoch, auch vom 
Rohſten, verborgen wird. 


Hier ſchämt man fih aber der craffeften Eigen: 
liebe fo wenig, daß mich ein vornehmer Engländer 
einmal befebrte, ein auter foxhunter müffe fich durch 
nicht8 in der Berfolgung des Fuchfes irre machen 
Laffen, und wenn fein Vater vor ihm, über eine Bar: 
riere geftürzt, da läge, fo würde er „if he could’nt 
- help it“ mit feinem Pferde unbedenklich über oder 


401 
auf ihn fpringen, obne fich vor beendigfer Jagd wei: 
‚ter um fein Schickſal zu befümmern.”*) 

Bei alle dem hat unfer pattern eines Dandy and 
in feinen böfen Eigenfchaften nicht die geringſte 
Serbfiftändigfeit, fondern erfcheint nur als der ängfi: 
lichſte Eclave der Mode bis in die größfen Kleinig: 
feiten, fo wie der demüthigfte Trabant des Glückli— 
chen, der noch höber ſteht, als er. Würde plößlich 
Tugend und Befcheidenheit Mode, fo würde Nie: 
mand erempflarifcher darin feyn, fo fihwer es ihm 
anfommen möchte, 

Dhne alle Originalität und ohne eigne Gedan: 
fen ift,er eigentlich jener Tonfigur im Galgenmänns 
chen zu vergleichen, die eine Weile mit allen menfd;: 
lichen Eigenfchaften täufcht, aber ylöslih in Koth 
zufammenfälft, fobald man entdeckt — daß fie Feine 
Seele bat. 

Wer die beften der neueren englifchen Romane 
liest, namentlich" vom Verfaſſer des Pelham, wird 
aus ihnen eine, ziemlich richtige dee der englifchen 
fafbionabten Geſellſchaft fih abftrahiren Ffönnen, wenn 
er Notabene nicht vergißt, dag abzurechnen, wag die 
nationelle Eigentiebe fich zufchreibt, ohne es zu be: 
figen, nämlicd, Grazie für ihre Roueg, verführerifche 
Formen und gewinnende Unterbaltungsgabe für ihre 
Dandies Ich babe eine Zeit lang ſowohl die Zirkel 

e) Sewiß if die neue Parifer Geſellſchaft hilf Dir ſelbſt, 


ſo wird Dir Gott helfen, in praxi noch nicht fo weit ge— 
kommen. A. dv. He 


Briefe eines Verſtorbenen IV. 26 


402 


derjenigen befucht, die den Gipfel bewohnen, als 
der, welche fich in der Mitte des modifchen Narren: 
berged, und auch derjenigen, Die an feinem Fuße 
fih angefiedelt haben, und ſehnſüchtig nad jenem 
für fie unerreihbaren Gipfel blicken — felten aber 
fand ich eine Epur jener anziebenden Geſellſchafts— 
kunſt, jenes vollfommen und wohlthuend befriedigen: 
den Gleichgewichts aller focialer Talente, eben fo 
weit entferne von Zwang als Licenz, welches er: 
fland und Gefühl gleih angenebm anſpricht, und 
fortwährend erreat, obne je zu ermüden, eine Kunft, 
in der die Kranzofen fo lange faft dad einzige euro: 
päifche Vorbild wären: 

Statt deffen ſah ich in der Modewelt, mit went: 
gen Aufnahmen, nur zu oft eine wahre Gemein— 
beit. der Gefinnung, ein wenig gazirte Immora— 
lität, und den offenſten Dünfel, in grober Xer: 
nadläffigung aller Gutherzigkeit, fih breit machen, 
um in einem falſchen und nichtigen „Refinement“ zu 
glänzen, welches dem gefunden Einn noch ungenieß: 
barer wird, als die Finfifche und poffirfiche Precioſi— 
tät der erklärteſten Nobodys. Man bat gefagt:-La: 
fter und Armuth fey die widerlichfte Zuſammenſtel— 
Jung — feit ih in England war, fcheinf mir Lafter 
und Plumpheit noch ecfelerregender. Ei; 

Doch laß mich, vom Allgemeinen aufs Einzelne 
übergebend,, einige Herven diefer Negion felbft flüch— 
fig ffizziren. 

Zuerft begegnet ung ein ſchwer börender und 
fihwer fprechender Edelmann, eine lange, blonde 


403 


Bigur, was die Soldaten Napoleons im gemeinen, 
aber paſſenden Ausdruck un grand flandrin nannten, 
init einem Geſicht von der coupe der ächt fpanifchen 
Merinos und nur infofern „good looking,“ als dies. 
obne alle Feinbeit der Züge und geiftvßllen Ausdruck 
derfelben möglich ift. Das unbedeutende Auge ſpie— 
gelt nur eine große Idee ab, nämlich die, welche das 
Individuum von fich ſelbſt hegt. 

—Sehen Sie ſich dieſen Mann an, ſagte ich zu 
meinem kürzlich debarkirten Freunde, er iſt kein Dandy, 
dazu auch nicht mehr jung genug; demohngeachtet 
aber und in noch höherer Potenz dermalen der Sul— 
tan der Mode in England. „Unmöglich,“ rief mein 
Freund, „Sie ſcherzen.“ Nicht im Oeringften, erwies 
derte ich, und obngeachtet deffen, waß fie feben, und 
was fie nicht zu beftechen fcheint, beſitzt dieſer glück— 
liche Sterbliche doch einige Eigenfchaften für die Noffe, 
welche er fpielt, die nicht zu verachten feyn möchten. 
Und die find? unterbrah mih 9...:. Für's erfte, 
belehrte ich ibn, ift er einer der vornehmften und 
reichften Edelleute des Landes, für den wenigfteng 
50,000 Irländer, die er nicht leicht mit feiner Gegen: 
wart beglückt, Hunger leiden müffen; ferner ift er 
noch unverbeirathet, und an Perfon wie Geift von: 
der wünſchens- und empfeblenswertheften Mittel— 
mäßigfeit, die weder Neid erregt noch Anftoß giebt. 
Dabei ift er genereus für feine Umgebung, gibt gerne 
Sefte, fiebt gerne Leute, läßt fi) von den Damen ges 
duldig und mit folhem Vergnügen beherrfchen, daß 
er ihnen Leib und Seele à Discretion bingeben würde, 


26 * 


404 
bat ferner das befte Palais in London und das 


ſchönſte Schloß auf dem Lande, und ift endlih, um 


gerecht zu feyn, in Meublen, Equipagen und Feften 
gefchmacvoller und erfindunggreicher, als viele Andere, 
was ibm aber unter folhen Umſtänden am meiften 
zur Ehre gereicht, ein fehr rechtlicher Mann. RR 

Dies Letztere könnte gewiffermaßen im Widerfpruch 
mit dem erfcheinen, was ich früher über die Haupt: 
eigenfchaften der. Modifchen gefagt, aber abgerechnek, 
daß die Ausnahme Feine Regel bildet, fo muß man 
auch bedenken, daß die Bewunderer eines glänzenden 
„Fripon“ auch eine „dupe“ unter fich zu fehäßen 
willen, 


. Schwerlih wäre er auch. mit allen genannten 


Vorzügen fo boch geftiegen, wenn nicht ein großes 
fremdes Talent fich ihn auserfehen gehabt bäfte, um 
durd und mit ihm, fich felbft eben fo hoch auf den 
Thron zu ftelfen. 


Dem ftolzen. und männlichen Geifte diefer Dame, 


den fie, wo fie will, unter der gewinnendften Af— 
fabilität zu verbergen weiß, verbunden mit aller Di: 
plomatifchen Schlauheit ihres Standes, ift e8 gelun— 
gen, der englifhen Suprematie den Fuß auf den 
Nacken zu fegen, Doch Fonnte fie dem Hofe, der fie 


feitdem umgab, und fih biindfings von ihr beherr⸗ 


fchen ließ, weder ihren Witz und Takt, noch ihre vor: 
nehme Haltung, noch jene zurücichrediende Artigkeit 
‚gegen Aue, die nicht zu den Ausderwählfen gehören, 
mittbeilen, die daß nec plus ultra deffen ift, nach 


— 


dem die Excluſives zu ſtreben haben. Saft burlesk 


S 


405 


ft an der Abſtand, der zwifchen ihr und dem Mit: 
regenten in jeder dieſer Hinſichten ſtatt finder. Den: 
noch herrſchen beide jetzt im Olymp neben einander. 

Aber auch die unſterblichen Götter müſſen Oppoſi— 
tion erleiden, und als ſolche ſehen wir einen Gigan— 

ten in dem Marquis dv. ..... auftreten, der, fo zu 
fagen, dem Reich der Unterwelt gebieter, Bei glei: 
chem Reichtbume, mehr Verftand und Geſchmack, vor: 
nehmern Manieren, ald der Herzog, und geiftvolfern, 
obgleich häßlichen Zügen, ift auch feine Reputation 
pofitiver. Seines Charafferd wegen wird er zwar 
vielleicht von Manchen gemieden, von Andern aber 
deſto eifriger aufgefucht, und obgleich auch er den 
weifen Grundfa der fih wichtig und gefucht machen 
wollenden englifchen Modewelt: nur fehr ſchwer Je— 


-manden zu feiner Intimität zuzulaſſen, ftreng beob: 


achtet, fo bält er fi) doch im Allgemeinen populärer, 
als die don mir zuerſt genannten Korypbäen. Auf 
feinen großen Affembteen darf 3. B. der König der 
Juden erfcheinen, der des 9..... Thüren ftets ver: 
fehloffen, und die der $.... böchfteng diplomatiſch 
im Gebeim geöffnet fieht, und noch manche andere 
Dii minorum gentium findet man dort, ald zu Dut: 
cheſſes und Ladies gewordene Schaufpielerinnen u. f.w., 
die man in jenen Eirfeln par excellence nicht leicht 
zu fehen bekömmt. 

Der junge Erbe eines berühmten Namens und 
eines großen Befizes ſchien auch Anſprüche auf eine 
dominirende Stellung machen zu wollen; da aber bei 
ibn die vortrefflihen Lebenglehren, welche die Briefe 


406 


feines Ahnberrn enthalten, auf ein febr dürres Feld 
gefallen find, und andere Umſtände ibn noch nicht 
hinlänglich begünftigt haben, fo mußte er ſich bis, 
ber mit fehr untergeordneten Hoheitsrechten und der 
bloßen Anerfennung feiner fhönen Wagen und 
Pferde, wie den Reizen feiner gefeierten Maitreſſe 
begnügen. ‘ 

Eine bobe Stufe des Einfluffes nimmt ferner ein 
fremder Ambafadeur ein, der ohne allen Zweifel die 
erfte verdiente, wenn der befte Ton, gemüthliche Lies. 
benswürdigfeit, hoher Rang, der feinfte Geſchmack, 
und ohngeachtet einer angenommenen englifchen Tour: 
nure, doch eine völlige Abwefenbeit jener ſchwerfälli— 
ligfeit und Pedanterie, die englifche Faſhionables nie 
108 werden fünnen — die einzigen Anfprüche dazu 
gäben. Uber eben, weil er fowohl durd feine aus— 
‚Iändifche, immer über die Anglomanie den Sieg da: 
von fragende Liebengwürdigfeit, wie durch feine deut: 
fhe Gemüthlichfeit den Engländern zu fern fteht, er: 
regt er zum Theil mehr noch ihren Neid, als ihre 
Bewunderung, und obgleich ihn die Meiften recher: 
chiren, fhon weil er Mode ift, fo bleibt er ihnen 
doch immer ein mehr fremdes Meteor, das fie bie und 
da fogar anfeinden, und zu dem fie jedenfalls folches 
Herz nicht faſſen können, wie zu ihrem eignen Jupi— 
ter Ammon, noch dem fie fich fo blindlings unters 
werfen wollen, ‚wie der autorite sans replique ihrer 
Autofratin. Leicht würde -vielleicht_ auch. die ſchöne 
Gemahlin des Ambafjadeurs die Rolle jener Dame 
gefpielt haben, die fie an Reizen, wie an Jugend 


407 

übertrifft, und eine Zeit lang mochten die Chancen 
zwifchen beiden gleich ftehen; aber ſie war zu harm⸗ 
Iofer Gemüthsart, zu nafürlich und zu gufmütbig, 
um definitiv obzufiegen. So hoch fie daher auch ihren 
ab im Reiche der Mode einnimmt, bat ihr jene 
doch, vor der Hand wenigfteng, den höchſten abgelau: 
fen. Niemand wird fie aber der genannten Urfachen 
wegen weniger liebenswerth finden. 

Unter den weiblichen Mitberrfcherinnen erfter Ca— 
tegorie muß ich noch einiger andern erwähnen, die 
Niemand übergeben darf, der den Eintrift in dag 
Heiligthum wünſcht. - Oben an ſteht zuerſt eine nicht 
mehr ganz junge, aber immer noch ſchöne Gräfin, 
eine der wenigen Engländerinnen, von der man fagen 
kann, daß fie eine vollkommen gute und wahrhaft 
diltinguirfe Tournure babe. Sie würde mif ihren 
Makurgaben in jedem andern Lande gewig durchaus 
liebenswürdig geworden feyn, bier bat fie dem Ger 
präge des lieblofen und alles menfhlih Echöne und 
Liebenswerthe fo vernichfenden Gaftengeiftes der bie: 
figen Gefellfhart nicht. ganz enfgeben Fünnen. Man 
bat fie oft und auf häßliche Weife in der boshaften 
age angegriffen, ohne ihr jedoch fchaden zu können. 
ie ſteht zu hoch und zu Tieblich dazu da. 

Eine fchottifhe Viscounteß, die ganz fpeciell im 
Schatten der fremden Herrfcherin fich entfaltet bat, 
unter deren Fittigen ich fie vor 12 Jahren noch ziem— 
lich demütbig emporktimmen ſah, bat ſeitdem allen 
Hochmuth, um nicht zu fagen, coarseness ihrer Berg: 
compatrioten angenommen. Von der erwähnten im: 


408 


= 


pertinenten Artigfeit hat fie nur die erſte Eigenfchaft 
zu erlangen verftanden, und würde, wenn fie nur 
ihren Mann und nicht aud auierdem ein großes 
unabhängiges Vermögen und dadurch politifchen Ein: 
flüß beberrfchte, wohl fohwertlich von ihrer hoben Gön: 
nerin auf den jetzt inne habenden Plab geftellt wor: 
den feyn, obgleich man in eineni, fo -verfchiedene Zwe— 
cke beabfichtigenden, weiblichen Nlinifterium auch zu: 
‚ weilen odd characters gebrauchen mag. Bor 12 Gab: 
ren, als ich England zum erftenmal befuchte, war 
diefe- Dame recht hübſch, und damals fehon in Diplo: 
matifchen Feſſeln, aber anderer Art. Jetzt lebe fie 
blog der Modeberifchaft und der Politik, 

Wie die nachfichtige Gouvernante der übrigen er: 
fcheint eine dritte Zady, welche, glaube ih, auch auf. 
den Titel einer deuffchen Reichsgräfin Anſpruch macht, 
der zwar in England ſehr gering geachtet wird, 
aber, von einer Engländerin befeffen, durch fie na: - 
türlich einen ganz andern Glanz erbalten muß. Die: 
fer Titel in der Kamilie- wurde auf diefelbe ehrenvolle 
Art erlangk, welcher die erften Herzöge Englands 
den ihrigen verdanfen. Eine Ahnfrau der Familie 
gefiel einem deuffchen Kaifer, u, f. w. Ihre Enkelin 
würde jedoch fehwerlich ein gleiches  Gfück gemacht 
baben, obgleich fie in der That noch einige Epuren 
der öfterreichifchen Unterlippe in ihrem etwas in die | 
Länge gezogenen Gefichte aufweifen kann. Sie ift 
bei gebildetem Geift wohl die gutmüthigſte der Lady 
Patroneſſes, fehr imoffenfive, und ſiebt oft fo aug, 
als wenn fie die haustiche Firefide weit mehr lieben ah 


Y 





409 


und zieren würde, als ihren hohen Bolten für Al— 
macks. 
Als ihr Gegenſatz kann eine andere Gräfin be: 


erachtet werden, eine Franzöſin von Geburt, die aber, 


von Kindheit an nach England emigrirt, Tängft voll- 
ſtändig nationalifirt wurde, und gewiß nicht zu ihrem 
Vortheil. Dennoch ift fie mehr für die Geſellſchaft 
gemacht geblieben, als die bisher gefchilderten. Sie 
ift durchaus eine Frau von Welt, nicht mebr jung, 
aber ebenfalls noch gut confervirt, mit vielfagenden, 
feurigen Augen und ſchönen dichten Augenbraunen dar: 
über, denen aud) Diele Gerechtigfeit wiederfabren laffen. 
Die Chronique scandaleuse hat von ihr bebauptet, fie 
babe es im Eonfeil der dirigirenden Modedamen vor: 
züglich übernommen, wie bei den alten franzöfifchen Res 
gimentern immer einer unter den Offizieren dazu ge: 
wäblt wurde, die Baleur der Neuangefommenen auf die 
Probe zu flellen, und der Tateur genannt wurde, 
dieſelbe Rolle gegen alle Neulinge binfichtlich ihrer 
Fäbigfert Mode zu werden, in der großen Welt zu 
fpielen. | % 
Es bleiben nun noch awei Frauen übrig, mit de 
nen die Zahl der Auserwählten ziemlich gefchloffen 
iſt, ja Die letzte davon gehört fehon eigentlich nicht 
mebr dazu, und fihwebt mehr vereinzelt in der Wr: 
mofphäre, wie ein Comet im Planetenfyftem. Beide 
find Marquifinnen, beide paffiren für bübfch, beide 
find reich, die eine bat auch DVerftand, welcher der 
andern abgebt, und eg ift daher wohl möglich, daß 
* die erſte ſich durch die Zuſammenſtellung mit der an: 


410 


dern ziemlich befeidigt fühlen würde, wenn dieſer be: 
fiheidue Verſuch einer flüchtigen — ihr je 
unter die Augen käme. 

Es iſt überhaupt Schade, daß dieſe Frau eine ſo 
große Meinung von ſich ſelbſt hat, und als eine der 
beftigften Ultras ganz in Politik vergraben iſt. Wenn 
fie in ihrem alten Echloffe, dag einit der. Königin - 
Eliſabeth zugebörte, Hof hält, ſcheint ſie fich wirklich 
in der douce illusion zu befinden, fie felbft fey Sli— 
fabetb. Die Potitif hatte fie - damals mit der Allein: 
herrſcherin etwas gefpannt, folglich auch mit ihrem 
Satelliten, dem großen und langen 9. .... . Dage 
gen fab man zwei andere wichtige Perfonen im Reiche 
der Diode fehr hauftz in ihrem Haufe, das fih übri: 
gend in der Politik blindlings dem Helden von Wa— 
terloo unterworfen batfe. Da die, eine dieſer Perſo— 
nen ein Danty der böcften Art, die andere aber der _ 
erfte bel esprit der hohen Geſellſchaft ift, fo muß ich, 
ibnen wohl auch eine kurze Aufmerkſamkeit ſchenken. 

Nur in der Unfhutdsepoche der englifchen Mode— 
herrſchaft, wo man nocd das Ausland für feine Sit: 
ten copirfe, und nicht Die jehige Selbſtſtändigkeit, 
die nun ſogar als Muſter für andere Länder aufzu— 
treten anfängt, erlangt batfe, regierte ein Dandy 
bauptfächlich durch feine Kleidung, und der berühmte 
Brummel tyrannifirte mit diefem einzigen Mittel bes 
Fanntli Sabre lang town and country. Sebt ift 
dies nicht mehr der Fall; der höhere Erclufiv affek— 
tive im Gegentbeil eine gewiffe Unaufmerffamkeit auf 
feine Kleidung, die fih fait immer gleich iſt, und, 


N 4il 


weit entfernt jeder Mode zu folgen oder folche zu er: 
finden, bleibt fein Anzug höchſtens nur durch ein? 
beit und Sauberkeit ausgezeichnet. Es gehört jest 
allerdings fchon mehr dazu, der Mann nach der Mode 
zu feyn. Man muß unter andern, wie einft in $ranf: 
reich, den Ruf eines herzloſen Weiberverführerg ba: 
ben, und ein gefährlicher Menfc feyn. Da man 
e8 aber den ebematigen Franzoſen an glänzender Lie— 
benswürdigfeit und einnebmender Gewandtbeit, mit 
einem undiftinguirten Aeußern und unbezwinglic 
bolprigen Manieren, auch bei dem beften Willen nicht 
gleich zu thun im Etande ift, fo muß man fich das 
für, wie Zartuffe, als ein gleich füßer und giftiger 
Heuchler geltend zu machen wiffen, mit leifem Ge: 
-fpräch, welches jetzt Diode ift, und falfchen Worten 
fi) die Bahn zu jeder gewiffenlofen Handlung im 
Dunkeln breden, als da find falfches Epiel und 
Betrug des Neulinge in jeder Art von Eyort, bei 
- dem fo mancher junge Engländer, ftatt geboffter Be: 
luftigung, Selbftmord und Verzweiflung einerndtet, 
oder, wo diefe Künſte nicht anwendbar find, durch 
Sntriguen aller Art die im Wege Stehenden um Ehre 
oder Vermögen zu bringen fuchen, im geringften Fall 
aber fie wenigftens ihres Einfluffes in der ausge— 
wablten Geſellſchaft zu berauben willen. 
Mer Englands Echattenfeite genauer kennt, wird 
mich bier nicht der Webertreibung zeiben, und es nicht 
auffallend finden, daß der von mir erwähnte Mode: 
beid, ein junger Mann von guter AbEunft, aber ohne 
Bermögen und im Grunde nicts als ein gefchickter 


= 


412 


Chevalier d’indastrie, fi) durd den Namen sweet 
mischief (ſanftes Verderben) eben fo gut charakteri⸗ 
ſtirt als geſchmeichelt fühlt. Die Marquiſe ſcheint bis 
jetzt nur von dem sweet angezogen worden zu ſeyn, 
es beſteht größtentheils in, wie man ſagt, unterhal: 
tender, ſüß zugeflüſterter Verläumdung, vielleicht 
lernt ſie ſpäter auch noch das mischief kennen. 

Der bel esprit, deſſen cauftifche Kraft man fo un: 
gebeuer fürchtet, daß man ihm wörtlich, wie die Wil: 
den dem Teufel, bofirt, damit er nicht beiße, bat eine 
der widerlichften Außenfeiten, die mir noch vorgefom: 
men find. Er ift wohl über fünfzig Jahre alt, und 
ſieht volfommen aus wie eine in alle eingemachte 
bittere Pomerange, ein grau und grünlicher alter 
Eünder, der bei Tifch nicht effen kann, bis er zwei 
oder drei Menfchen ihred guten Namens beraubt, 
und eben fo viel andere, oft nichts weniger als geiſt— 
reiche, Bosheiten gefagt baf, die aber dennoch von 
alten fich in feinem Bereich Befindenden , ftets mit 
lautem Beifall und conpulfivifchem Lachen aufgenom: 
men werden, obgleich Mancem dabei die Gänſebaut 
überriefein mag, daß, fobald er den Rücken gefehrt, 
ibm Gleiches wiederfahren werde. ber der Mann 
it einmal Mode. eine Audfprühe find Orakel, 
fein Wis muß erquifit ſeyn, feirdem er dag Privi— 
legium dazu von der fafbivnabien Gefelfchaft erhal: 
ten bat, und wo die Mode fpricht, da tft, wie ges 
fagt, der freie Engländer ein Eclave. Ueberdem füblt 
der Vulgaire wobl, daß er in Künften und geiftreis 

chen Dingen im Allgemeinen fein recht competentes 


413 


eigenes Urtheil bat, und appfaudirt daher am lieb: 
- ften blindlings ein bon mot, wenn er andere laden : 
fiebt,, fo wie jedes Urtheil, wenn es aug patenfirtem 
Munde kömmt, eben fo wie das biefige Pubtikum 
einen ganzen Minter lang fich durch die Tyroler 
Gaſſendudler, für ſchweres Geld, welces die grüne 
Fleifcherfamilie lachend einftrich, bis in den dritten 
Himmel entzücen lieh. 

Bald bitte ich aber vergeffen, dag mir noch eine 
fehte Dame mit wenigen Worten zu fchildern übrig 
bleibt. Es ift dieß eine recht artige petite maitresse, 
der zugleich ihr großer Reichthum erlaubt, das ein 
wenig leere, aber Doch ganz hübſche Köpfchen mit den 
fhönften Eteinen aller Karben zu ſchmücken, die Eng: 
fand aufweifen fann. Wenn man fie früb, ‚Tanguif: 
fant auf ihrer chaise longue hingeworfen ſiebt, er⸗ 
blickt man in hundert eleganten Behaͤltern um ſie 
ber unzäblige Colifichets, niedlich ausgelegt, deren 
Vorweiſen aber dennoch Faum binreichend iſt, eine 
ſtets ftockende Unterhaltung im Gang zu erhalten. 
Eim meifteng gegenwärtiger Haugfreund, auf deffen 
Lippen ein fortwährend nichts fagendes Lächeln fchwebt, 
bringt ebenfalls nicht viel Veränderung in's Geſpräch, 
‚und die Bufenfreundin, eine Art beweglicher Zwerg, 
mit einem pied de nez ift noch aimabler, wenn fie 
ſchweigt, als wenn ſie ſpricht. Zwei allerliebſte Kin— 
derpuppen in den niedlichſten Phantaſiekleidungen, 
welche häufig mit den Colifichets zuſammen ausge— 
ſtellt werden, und recht artig plappern, vollenden 
Das Gemälde, Die arme Marquiſe, welche bei alfem 


| 414 | 

\ - > 2 
Schmahten und blaffem durchfichtigen Teint, doch, 
wie alle etwas befchränften Geifter, auch zuweilen 
recht boshaft werden Fann, zumal wo ihre Eitelkeit 
mit in's Spiel kömmt, ärgert fich fortwährend, daß 
fie nicht ganz mode und recht fafhionable, weder Fifch 
noch Steifh, wie man ſagt, werden kann. Diefer 
fortwährende Ampbibienzuftand ift auch fehr unans 
genehm, und fcheinf sans remede, denn fie mag nun 
einmal die Gurli fpielen, ein andermal die Tugend: 
beldin affihiren, oder durch einen frifchen Aufenthalt 
in Paris fich ein neues Luftre zu geben verfuhen — 
it wıll never do, 


Ueber die berühmten Almacks und die unrivalifirte 
Macht der Lady Patroneffes babe ich Dir fhon ger 
Schrieben. Zwei große Akte ihrer Serrfchaft muß ich 
aber noch hinzufügen, 


Einmal geboten diefe Danten in ibrer liebenswür— 
digen Laune, daß Jeder, der nah Mitternacht auf 
den Ball käme, nicht mehr eingelaffen werden folte. 
Der Herzog von Wellington fam einige Minuten ſpä— 
ter aus der Parlamentefisung und glaubte, für ihn 
werde die Ausnahme nicht fehlen. Point du tout, 
der Held von Waterloo Fonnte dieſe Feftung nicht 
erobern, und mußte unverrichteter Sache wieder ab: 
ziehen. 


Ein anderesmal erliefen die Lady Parroneffes den 
Befehl, dag nur folhe Herren, welche krumme Beine 
hätten, in weiten Pantalons auf Almacks erfiheinen 


415 


dürften, alten andern wurden Furze Hofen borgefchrie: 
ben, in England, wo felbft der Name diefes Klei: 
dungsſtückes fonft verpönt ift, ein Fühner Befehl. 


Die Furcht vor dem neuen Inquiſitionstribunal 
war fo groß, daß man auch bier im Anfang-geborchte, 
fpäter erfolgte indeß eine Reaction. Cine große An: 
zahl Herren erfhienen an den Thoren in den probi: 
birten Pantalong, und verlangten Einlaß, indem fie 
fih der Frummen Beine fehuldig erklärten, und im 
Fall man ihnen nicht glauben wolle, die Lady Pas 
tronefjeg einluden, fih felbft durch genauere Unter: 
fuhbung davon zu überzeugen. Seit diefer Zeit drück: 
ten die Damen über diefen Theil der männlichen Klei: 
dung ein Auge zu. 


— Es moͤchte zwedmäßig ſeyn, hier zu bemerken, daß, frite 
dem Obiges gefchrieben wurde, bie Natur der höhern eng= 
lichen Sefellfhaft wefentlih monificirt worden iſt. Deö 
jegigen Königs edle und praktiſche Gefinnung und die ein— 
fach liebenswärdige und vortrefflihe Königin haben den 
Narrenfcepter der Mode iener Zeit gebrodhen, und man 
fängt an, einen würdigen Maßſtab für Verdienft und 
Srazie anzulegen, als man biöher gewohnt war; die 
Goriphäen der Vergangenheit aber müffen fich diefen fügen, 
oder ſich fonften nur mit der eigenen Bewunderung begnüs 
gen, und flatt Ausfcpließliche (Exclusives) Auögefchloffene 


werden. 


416 


* oten. " 
68 ift mir um fo lieber, daß ich auf meiner Ab: 


reife von ber begriffen bin, da mir eben noch etwas . 
eben fo Unangenebmed ale Unerwartetes begegnet A 


was mich in dem Augenblick mehr en vüe ſetzt, als 
mir lieb iſt. 


Schon einmal, glaube ich, ſchrieb ich Dir von ei⸗ 
ner Nichte Napoleons, die ich zum erſtenmal beim 
Herzog von Devonshire ſab, wo ſie ſich eben ſehr 
eifrig mit H. Brougham unterhielt, als ich ihr be— 
kannt gemacht wurde. Sie iſt ſchön gewachſen, hat 
auſſerordentlich brillante Farben, Napoleons antike 
Naſe, große ausdrucksvolle Augen, und alle franzd: 
ſiſche Lebbaftigfeit, ald Zugabe noch mit ifalienifchen 


Teuer gemiſcht. Dabei etwas Ercentrifches in ihrem 


ganzen Wefen, wag ich wohl liebe, wenn e8 Nafur 
ift, obgleich ich offen -befennen muß, daß ed mir bier 
nicht ganz frei von Abjicht und Angewöhnung fehlen. 
Indeſſen ihr Name imponirte mir. Du Eennft meine 
Ehrfurcht vor dem erhabnen Kaifer, jenem zweiten 
Prometheus, den Europa an einen Selfen jenfeits 
der Linie fchmiedefe, jenem Rieſen, welchen eine Mile 
lion Pigmäen endlich zu ibrem Nachtbeil erfchlugen, 
weilfienibt Kraft genug batten, diefen 
mäctigen Geiſt zu zgäabmen, daß er ie 
Dienft geleiſtet bätte. 


Hauptſächlich um von ihm zu —— ging ich 
alſo fleißig zu ihr, und cultivirte die Bekanntſchaft 





Si 
A 


— 
— 


>, 


Der PATE: mannlich ſchönen Frau mehr als ich ſonſt 
gethan hätte, nicht weil ſie wenig Mode war, ſon— 
dern weil dieſe Art weiblicher Charaktere und Reize 
überhaupt keineswegs diejenigen ſind, welche ich 
vorziehe. 


Unterdeß waren wir ziemlich bekannt mit einander 


„geworden, als ſie nach Irland abreiste, und ich ihrer 


nicht weiter gedachte. 

Vor einigen Wochen fam fie wieder hier an, von 
ihrem Manne, einem Engländer, gefchieden, den fie 
ercenfrifch genug, nur deshalb gebeiratbet hatte, um 


> mit ibm nad Helena geben zu fünnen, was fpäter 


dennoch vereitelt ward. 


Ihr franzöfifches Wefen und ihre Tebhafte Unter: 
baltung, nebft allen diefen Details, zogen mic von 
neuem an, und ich fab ſie noch öfter als früher. 
Vorige Woche trug fie mir auf, ihr ein Billet zu ei— 
nem dejeune champetre im Garten der horticultural 
society zu verfchaffen, über welches Feſt aud Lady 
Patroneſſes gefest worden find. Als ich das Billet 
brachte, verlangte fie, ich fole fie begleiten. Ganz 
gutmüthig erwiederte ich, daß bier, wo die Gefelt: 
fchaft fo Eleinftädtifch fey, Leicht ein Gerede darüber 
entfteben Fünne, und wir morgen vor einem Zeitungs-— 


Artikel nicht ficher wären, wenn wir diefen Ort als 


lein mit einander befuchten. Statt der Antwort 
brach fie in Thränen aus, und fagte: es the nichts, 
denn ihre wäre Alles ohnehin jetzt einerlei, da jie 


“morgen nicht mehr auf diefer Welt feyn würde, — 


U) 
Briefe eines Verſtorbenen. IV, 27 


418 


Dabei zog fie ein Fläfhchen Opium oder Blaufäure 
aus ihrem Bufen, und verficherte, daß fie diefe noch 
vor Nacht audzuleeren entfchloffen fey, bis dahin 
aber fich betäuben wolle fo gut c8 gehe 

Sch war nicht wenig erftaunt über ein fo uner: 
wartefeg propos, fuchte indeß die fchluchzende Schöne 
fo gut ich Fonnte zu beruhigen, warf das Giftfläfch- 
chen zum Fenfter hinaus, und äußerte die Hoffnung, 
daß die beitre Fete, die Geſellſchaft, die freie Luft, der 
Beifall, den ihre hübſche Toilette einerndten müffe, 
gewiß diefer thörichten, aufgeregten Stimmung fehnell 
Herr werden würden. 

Dbgleich ich ihre näheren Verhältniffe nicht Fannte, 
fo war doc nicht fehwer zu erratben, daß eine un 
glückliche Liebe im Spiel feyn mußte, der einzige 
Grund, aus welhem Weiber fich das Leben zu neh: 
men pflegen, und da ich ähnlichen Schmerz auch in 
meinem Leben empfunden babe, fo geftehe ich, daß 
fie mir febr leid that, und ich ihre Yeußerungen, wenn 
auch übertrieben, doch nicht ganz für leere Affektas 
tion bielt. 

Unterdeffen war mein Wagen gefommen, und wir. 
ftiegen ein, indem fie nochmals wiederholte, fie draͤnge 
ſich blos zu Ddiefer Zerftreuung, weil fie die Marter 
der Einfamfeit nicht länger zu ertragen vermöge, 

Während der Fabıt Fam es denn zu einer voll: 
ftändigen Confidence, die ich übergehe, denn eg war dag 
alte Lied von Liebesteiden und Freuden, was der 

tenfch eben fo ficher im jeder Generation wieder: 
fingt, als Nachtigall und Zeilig die ihrigen. 


419 


Wahrend ich meiner fchönen Freundin möglichit 
Zroft einſprach, Eonnte ich mich nicht enthalten, in: 
nerlich Betrachtungen anzuftellen, wie fonderbar das 
Schickſal fpiele, und wie noch viel fonderbarer e8 von 
ung felbft gehandhabt und beurtheilt werde, Neben 
mir faß die Nichte Napoleon’s! des einftigen Herrn 

faſt der ganzen eivilifirten Welt, eine Frau, deren On— 
fel und Tanten Alle noch vor Faum vergangener Zeit 
auf den älteften Thronen Europa's faßen, während 
fie jebt durch die ungeheuerften Ereigniffe in die 
Elaffe der gewöhnlichen Gefeltfchaft berabgeworfen 
worden find — und das Alles bat dennoch nicht den 
geringften Eindruck mehr auf das neben mir fißende 
Individuum gemacht, feinen Schmerz bei ihr zurück— 

‚ gelafien, aber die Untreue eines albernen englifchen 
Dandy’8 erregt ihre Werzweiflung, und bringe fie 
zu dem Entfchluß, feinetwillen ihr Leben zu enden!!! 
Mit einer wahren Sndignation rief ich ihr zu, daran 
zu denken, wem fie angehöre, und an das erhabne 
Beifpiel von Ertragen des Lebens in wabrem Uns 
glück, das ihr großer Oheim ihr und der Welt geges 
ben. Aecht weiblich aber gab fie gar nichts auf diefe 
Tirade und erwiederte: Ach wenn ic) jetzt die Wahl hätte, 
j’ aimerai cent fois mieux éêtre Ja maitresse heu- 
reuse de mon amant que Reine d’Angleterre et 
des Indes. 

Dei alle dem fchien die Fete und die Gefellfchaft 
fo wie einige Gläfer Champagner beim Frühſtück, die 
ich ihre einnöthigte, ihre Verzweiflung bedeutend zu 
mildern, und ich brachte fie um 6 Uhr zurück, (ziem— 


420 


lich ficher, daß Feine zweite Opiumflaſche gebolt wer: 
den würde) um meine Toilette zu einem großen Dine 
bei unſerm Sefandten zu machen, das ich nicht vers 
faumen wollte, 


Denfe Dir nun meinen wirklich nicht geringen 
Schreck, als mir einige Tage darauf R. mit feinem 
gut angenommenen englifchen Phlegma erzählt: Heute 
früh bat fih die W.... im Serpentineriver erfäuft, 
it nachber von einem vorbeigebenden Bedienten 
berauggefifcheE und ſchon mehrere Stunden ebe unfer: 
eins aufftebt, unter großem Volkszulauf nad ihrer 
Mohnung zurücdgebraht worden. „Mein Soft, ift 
fie todt?“ rief ich. „Ich glaube nicht,“ erwiederte 
Re... „ſie fol, wenn ich recht hörte, wieder zu ſich 
gefommen feyn.“ 


Sch eilte fogleich nach ihrer Wohnung, fand aber 
alle Läden verfchloffen, und der Diener äußerfe, daß 
Tiemand außer dem Arzte vorgeluffen würde, Die 
Herrfchaft fen tödtlich Frank. 


Das heißt doch die Narrheit ein wenig zu weit 
treiben, Dachte ich bei mir felbft, und diefe, ihrem 
unfterblihen Verwandten fo fchleht nachahmende 
Nichte, iltuftrirt vecht die Wahrheit: wie viel leichter 
und fchwächer ed fey, ein umerträgliches Leid durch) 
Selbftmord abzuwerfen, als es Fühn bis zum letten 
Athemzug zu fragen! 

Doch fühlte ich Tebhaftes Bedauern mit der armen 
Frau, und freute mich fait, daß meine nahe: Abreife 
mie das Wiederfehen derfelben, nach einer folchen 


421 


Gataftrophbe erfyare, da ich ihr weder belfen noch 
ihr Benehmen biltigen Fonnte, Wie fie geftern die 
Hortifultural : Gardens, befuchte auch ich heute, 
nämlich blos um mic von diefen unangenehmen Ein: 
drüden zu zerftreuen, eine große Gefelffchaft bei 
der Marquife H.. Kaum war ich durch einige Zims 
mer gegangen, als ich dem Herzog von E. in den 
Wurf Fam, einem Prinzen, der, vbgleich er fich nicht 
pifirt, ein Liberaler zu feyn, doch die Deffentlichkeit 
febr liebt. 

Kaum wurde er mich anfichtig, als er mir fhon 
von weitem zurief: „D Per... was zum®.... haben 
Gie für Streihe gemaht? Es ſteht ſchon in den 
Zeitungen, daß fih die W.... Ihretwegen erjäuft 
bat.“ cc... „Meinetwegen, E. 8. 9.2 was für ein 
Mährhen!“ „Läugnen Sie es nur nicht, ich ſah Sie 
ja felbft solus cum sola mit ihr im Wagen — alle 
Welt ift davon unterrichtet, und ich babe es auch 
ſchon nach B. an den Ki gefchrieben.“ „Nun diefe fremde 
Sünde auf mein Conto fehlte mir noch, „erwiederte 
ich verdrießlich. Webrigens wiffen Sie, daß dem Na— 
poleonifchen Gefchlechte nur die Engländer ver: 
hängnißvoll find. Der Höchfte deffelben bat der ganz 
zen Nation die Schmach feined Todes zum ewigen 
Vermächtniß binterlaffen, feine arme Nichte wird 
wohl nur einen einzigen englifchen Dandy den un: 
terirdifhen Mächten weihen; aber da die Nemefig, 
in der Weltgefchichte wie in den Fleinen Lebensver- 
baltniffen, nie ausbleibe, fo ift eg wohl möglich, daß 
einft noch ein Buonaparte des Faiferlichen Ahnherrn 


422 


ſchmähliches Ende an der Nation rächt, und fid) auch 
vielleicht einmal ein englifher Dandy in Paris der 
fhönen Augen einer Nachkommin Napoleons wegen 
erfchießt. Wir Deutfche begnügen ung, jenen Helden 
und fein Gefchlecht in jeder Hinficht nur von weiten 
zu bewundern, denn gleich der Sonne, that es einft 
in.der Mittagsbige nicht gut, zu nahe feinem Glanz 
gu wohnen, und heut ift das Geftirn untergegan: 
gen.‘“*) 

Damit empfahl ich mich, und gab, zu Haufe ange: 
kommen, fogleich Befehl zur Befchleunigung meiner 
Abreiſe. Hoffentlich werde ich im Stande feyn, mor— 
gen ſchon meinen Zug in enfferntere, freiere Ge: 
genden zu beginnen, und fobald foll Fein ftädtifcheg, 
eingepferchte8 Leben mir wieder nahen ! | | 

Irgendwo ſagt Lord Byron von fih: feine Geele 
babe nur in ber Einfamfeit ihren vollen freien Wir: 
Eungsfreid gehabt. Diefe Wahrheit paßt auch, febe 
ich, auf geringere Leufe, denn mir geht es nicht an: 
ders. In der läftigen Gefeltfchaft fühle ich die Seele 
ſtets nur halb, und ſchrecklich ift mir fchon der Ges 
danke: jest fouft du, wo möglich, aimable feyn! Da: 
gegen bin ich, wie Du weißt, eben in der Einfam: 


*) Wir Hätten Bedenken tragen koͤnnen, das Vorhergehende 
im Terte ftehen zu laffen, wenn das Wefentliche der Bes 
gebenheit nicht ſchon, mit noch viel näheren, wenn gleich 
zum Theil unrichtigen Detaild, aus mehreren öffentlichen 

Blättern dem Publikum bekannt geworden wäre, 


Up 2 


423 


feit am wenigften allein, und am feltenften entbehre 
ic dort, meine theure Freundin, Deiner Geſell— 


Biſt Du auh noch fo fern, fo umfchwebt doch 
mein Geift Dein Wachen wie Deine Träume, und 
über Meer und Berge hin empfinder mein Herz den 
liebenden Pulsſchlag des Deinen. 


| 


(Ende des vierten und legten Zheils.) 


——— 


za dp 





Neminiscenzen 


für 
Semilasso 
von 
Homogalakto. 


12. br. 21 gr. oder 1 fl. 30 fr. 


„Dein „„vorletzter Weltgang,““ theurer Semilaffo! 
s dat mein gemüthliches Stillleben geweckt, Dir ein ſkizzir⸗ 
tes Gemälde erlebter und beobachteter Momente aus 
meinem und anderer Daſeyn mit treuem Pinſel zu ent— 
werfen, welches Deine Erwartung, inſofern mehrere 
erhabene Charaktere die Farben dazu liefern, in mancher 
beimathlichen Erinnerung belohnen wird. Einige andere 
Entwürfe philoſophiſchen und maureriſchen Inhalte, gleich: 
ſam die Attribute der dargeſtellten Charaktergemälde bit: 
dend, werden Dir vielleicht ein willfommenes Sefchenf 
ſeyn.“ (Homogalakto in der Vorrede.) 


. Stuttgart 


Hallberger’iche Verlagshandlung. 


* 


= Dr: ET = 
7 : ER 798 N Ä 
3 





Stuttgart.— 


. 


Hallberger'ſche Verlagshandlungug - = 














UNIVERSITY OF ILLINOIS-UR 


III —10 


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